Blind & Hässlich

Vergesst Godard! Tom Lass erzählt eine bittersüße Liebesgeschichte mit dem nicht allzu hübschen Ferdi und der nicht allzu blinden Jona – und erweist sich dabei geradezu als Meister des Jump Cuts.

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Ohrfeige. Umarmung. Schweigendes gemeinsames Rauchen. Arm der Tochter um die Mutter geschlungen. Die Versöhnung der von zu Hause abgehauenen Jona (Naomi Achternbusch) mit ihrer Mutter – also known as „Blöde Fotze“ – erzählt Tom Lass ohne Worte mit ein paar ruckligen Jump Cuts in etwa 30 Sekunden. Und diese 30 Sekunden fühlen sich „echt“ an, viel näher am Leben als ein tränenreiches Wiedersehen, aufgeregtes Geschrei oder dramatisches Davonrennen.

Flüssiges Stakkato

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Eigentlich müsste im Abspann von Blind & Hässlich zuallererst das Schnitt-Team (Tom Lass, Daniel Hacker, Maja Tennstedt) auftauchen, denn diesem Trio gelingt es, nahezu pausenlos abrupte Jump Cuts aneinander zu reihen, ohne dabei die Stimmung der Szenen zu brechen. Manchmal zeigen sie nur Folgen statt Auslöser, Reaktionen anstelle von Aktionen – doch die Bilder sind so suggestiv, dass der Zuschauer die Auslassungen des Schnitts mental selbst füllt. Mit dieser zerstückelten und doch nie elliptischen Erzählökonomie skizziert der Film in wenigen Minuten und doch glaubhaft die Vorgeschichten der zwei Protagonisten, erneut fast ohne Worte: Grübeln, Sachen packen, Autoschlüssel klauen, aus dem Haus rennen, nächtliche Autofahrt, weg von Elternhaus und Abi, rein in die Freiheit nach Berlin. Jona! Kartoffeln klauen, erwischt werden, Schläge abkriegen, Polizei kommt, rein ins Auto, abwesender Blick aus dem Fenster, Flashback zu Junkie-Zeiten. Ferdi!

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In diesem erstaunlich flüssigen Stakkato geht es gut 20 Minuten lang weiter: eine vor Magie rot glühende Berliner Clubnacht, eine aberwitzige Höllenfahrt durch’s WG-Casting („Mir ist echt wichtig, dass das keine Zweck-WG wird“), ein Ende der Wohnungssuche dank der vielleicht jugendfreiesten, skurrilsten Blowjob-Szene der jüngeren Filmgeschichte. Tom Lass rafft so gekonnt, dass man die harten Schnitte irgendwann kaum noch bewusst wahrnimmt. Gemeinsam mit der dynamischen Handkamera, den improvisierten Dialogen und ein paar nicht weggeschminkten Pickeln erzeugt diese Dauerfeuer-Montage eine solche Direktheit, dass selbst diverse Verfremdungseffekte die Immersion nicht so recht zu stören vermögen.

Traurige Erkältung

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Es dauert fast eine (sehr kurzweilige) halbe Stunde, bis die Montage keine Verbindung mehr zwischen den zwei Protagonisten herstellen muss, sondern sich beide am selben Ort, im selben Bildkader befinden. Sie begegnen sich, als Ferdi (Regisseur Tom Lass) gerade einen Suizidversuch unternimmt. Der nicht allzu hübsche Ferdi lebt im betreuten Wohnen und verzweifelt gerade an seiner x-ten Therapie, die seine diversen soziopathischen Störungen bekämpfen soll. Die nicht allzu blinde Jona tut derweil so, als könne sie nicht sehen, um nach der Flucht vor der Mutter im selben Blindenwohnheim unterzukommen wie ihre Freundin Cécile (Clara Schramm). In dieser Rolle lässt sie Ferdi glauben, dass sie seinen gescheiterten Sprung in den Tod nicht beobachtet hat, da sie ihn nur hören kann. „Bist du erkältet?“, fragt sie den vor Trübsal schniefenden Ferdi. „Ja“, lügt er. „Traurige Erkältung?“ „Ja.“

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Behutsam kommen sich diese beiden Halt suchenden Seelen näher. Statt von der Brücke zu springen, tanzt Ferdi bald endorphingesteuert über sie hinweg – da bewegt er sich einmal ganz natürlich. Ansonsten spielt Tom Lass ihn mit einer Kombination von Körperhaltung und Mimik, die einer präzisen Beschreibung des nicht restlos übersetzbaren Begriffs „awkward“ sehr nahe kommt: Kontakt mit Menschen auszuhalten, fällt Ferdi allgemein schwer, als Jona ihn dann aber zu allem Übel auch noch küssen will, rennt er ungelenk weg. In Jonas Gesicht kämpfen ein liebevoll amüsiertes Lächeln und ein verzweifeltes Entgleiten der Züge um die Vorherrschaft – großartig, wie Naomi Achternbusch diese Ambivalenz hält.

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Je enger die Beziehung der beiden wird, desto dringlicher stellt sich die Frage, wie Jona aus der Nummer mit dem Blindsein wieder rauskommen soll ohne Ferdis Vertrauen zu zerstören. Die Suche nach einer Lösung führt sie zwischen Minute 73 und 77 erst zu einem Augenarzt und dann zu zwei Streifenpolizisten. Diese vier Minuten sind so sensationell lustig, dass man dabei mit Rücksicht auf Kinosessel und in der Nähe befindliche Zuschauer auf keinen Fall etwas trinken sollte.

Im Schatten des großen Bruders

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Das Erstaunliche ist, dass Tom Lass beide Ebenen des Films gleichwertig gelingen: einerseits die verdammt lustige Komödie, die sich mal in spielerisch übertriebene Szenen hineinsteigert und dann wieder subtiler wird, bis hin zum selbstreflexiven Augenzwinkern – andererseits das berührende, aufrichtige zwischenmenschliche Drama. Diese tragische Komponente wohnt zwar vielen Komödien inne, doch häufig droht sie unterzugehen, wenn sich ein Publikum durch mehrfaches, frühes Kollektivlachen einmal entschieden hat, allein der Komik zu folgen und das Ernste nicht ernst zu nehmen (oder als Ironie fehlzudeuten). Lass aber schafft es, diese komplexe Symbiose konsequent bis zur letzten Einstellung durchzuziehen, in der er den Blick der Kamera abschweifen lässt und à la Tucholsky das Happy End bricht. 

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Zu Unrecht also konzentriert sich die cineastische Aufmerksamkeit bislang auf Jakob Lass, den attraktiveren, hipperen, neuköllnischeren der beiden Brüder, der mit dem starken Love Steaks seinen Durchbruch feierte, um dann mit dem arg auf Schauwerte fokussierten Tiger Girl zu regredieren. Tom Lass’ großartige Studie des Mingle-Daseins der Generation Y, Kaptn Oskar, fand hingegen wenig Anerkennung. Mit Blind & Hässlich beweist er nun, dass er nicht nur Tragik und Komik erzählerisch und emotional vereinen kann, sondern mit dem Schnitt auch das vielleicht filmspezifischste Stilmittel meisterhaft beherrscht.

Trailer zu „Blind & Hässlich“


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