Black Swan

Erst die nüchtern beobachteten Neurosen eines Wrestlers, jetzt die Psychose einer Ballerina: Darren Aronofsky liefert mit Black Swan ein aufregendes Gegenstück zu seinem letzten Film.

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Die Anfangsszene gibt den Rhythmus vor: Eine Ballerina, ganz in Weiß gekleidet, tanzt durch einen dunklen Raum, kontrolliert ihre geschmeidigen Bewegungen, verliert diese Sicherheit aber wieder, als der in schwarz gekleidete Zauberer auftaucht. Dieser Traum der Protagonistin ist zugleich eine Vorahnung: In der Realität soll Nina (Natalie Portman in der „besten Performance des Jahres 1955“, wie das US-Portal Movieline es treffend beschrieb) in einer Neuinszenierung des Schwanensees die berühmte Doppelrolle tanzen. Während sie für den Part des weißen Schwans tatsächlich als perfekte Besetzung erscheint – mit unschuldiger Anmut und perfekter Technik ausgestattet –, macht Choreograf Thomas Leroy (Vincent Cassel) ihr deutlich, dass es bei der Rolle des schwarzen Schwans nicht um Perfektion geht, sondern um Leidenschaft, Begehren und Verführung, also um etwas, das durch keine Technik der Welt zu erlernen ist. Nina ist also vorerst die Primaballerina, aber jederzeit austauschbar, wenn es ihr nicht gelingt, ihre dunkle Seite zu entdecken und sich in einen schwarzen Schwan zu verwandeln.

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Ein Schwarzweiß-Film also, ästhetisch wie inhaltlich. Für die zarte wie labile Tänzerin ist der Übergang von weißer Unschuld zu schwarzer Leidenschaft jedoch nicht ohne Opfer zu haben. Vor allem Ninas Verhältnis zu ihrer kontrollwütigen Mutter (Barbara Hershey) sowie die blutigen Kratzer am Rücken, die sie sich selbst zufügt, deuten darauf hin, dass sich hinter dem unschuldigen Rosa der Kinderzimmer-Tapete eine dunkle Realität verbirgt. Wenn sich Nina ruckartig einen Hautfetzen vom Finger reißt, dann ist das kein Ausbruch aus ihrem zarten Wesen, sondern bringt nur zum Vorschein, was in diesem Wesen schon angelegt ist. Ohne diese Verwandlung von Hautrosa in Blutrot ist die Entwicklung vom weißen zum schwarzen Schwan nicht möglich: Der Wahnsinn ist nicht die dunkle Seite des Genies, sondern seine Voraussetzung.

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Es verwundert nicht, dass Aronofsky seine letzten beiden Filme ursprünglich als ein Werk geplant hatte, als Liebesgeschichte zwischen einer Ballerina und einem Showkämpfer, denn Black Swan entpuppt sich in vielerlei Hinsicht als Zwillingsfilm zu The Wrestler (2008). Der intuitiv empfundene Gegensatz zwischen beiden Arten der Performance – Brutalität der Wrestlingkämpfe, Anmut des Balletts – ist schnell aufgehoben: Matthew Libatiques Detailaufnahmen der geschundenen Ballerina-Füße enthüllen den Tanz als nicht minder körperlich und schmerzhaft. Für Aronofsky ist das Ballett sogar noch härter: Denn während die Wrestler im Ring zusammenarbeiten müssen, um den perfekten Kampf darstellen zu können, ist das Ballett zwar auf der Bühne ein kollektives Gelingen, dahinter tobt jedoch ein brutaler Konkurrenzkampf. Für Nina erscheint vor allem eine Gasttänzerin von der Westküste bedrohlich: Lily (Mila Kunis) besitzt genau jenen verführerischen Charme, mit dem Leroy die Rolle des Schwarzen Schwans gern ausgestattet sehen würde. Auch wenn Nina es zuerst nicht wahrhaben will: Ihr Weg zur perfekten Darstellung führt über Lily – selbst auf die Gefahr hin, die ersehnte Rolle an sie zu verlieren.

Neben den Parallelen zum Vorgänger beschwört Aronofskys Film auch andere Werke. Die mithilfe einer Farbsemantik visualisierte Entwicklung einer hoffnungsvollen Künstlerin zu einem psychischen Wrack erinnert an Lynchs Mulholland Drive (2001), Ninas zunehmend dramatische Wahnvorstellungen an Polanskis Ekel (1965). Doch anders als diese Beispiele will Black Swan keine komplexe Charakterstudie sein, sondern in erster Linie ein wuchtiger Unterhaltungsfilm. Wie Leroy mit seiner Schwanensee-Inszenierung strebt Aronofsky nicht die handwerkliche Perfektion an, sondern vor allem die wagemutige Leidenschaft. Während der Plot das sprichwörtliche Aus-sich-Herausgehen thematisiert, lässt auch Aronofsky  den bedrückenden Realismus von The Wrestler hinter sich und wagt sich in die Abgründe von Trash und Camp.

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Die Aufforderung, sich auf einen Film einzulassen, ist in diesem Fall mehr als nur eine Phrase, und deshalb verwundert es nicht, dass die ersten Reaktionen auf Black Swan nach der Premiere in Venedig ebenso schwarzweiß ausgefallen sind wie seine Ästhetik. Ninas Halluzinationen sind zum Teil überdeutlich visualisiert, die Schockmomente zwar effektiv, aber relativ platt, und das angedeutete Porträt einer weiblichen Psyche kommt nicht über ein Klischee hinaus. Und doch muss man den Film gegen Vorwürfe dieser Art verteidigen, weil seine „Schwächen“ das Kino-Erlebnis nicht beeinträchtigen, sondern zur Kompromisslosigkeit gehören, mit der Aronofsky sich an die Melodramatik und den Inhalt des Schwanensees anpasst – und nicht zuletzt auch an dessen Form, ist der Film doch fast durchgängig mit der von Clint Mansell neu arrangierten Tschaikowsky-Musik untermalt.

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Black Swan zu einem Meisterwerk hoher Filmkunst zu verklären wird ihm ebensowenig gerecht wie das auftrumpfende Insistieren auf seinen unstrittigen Schwächen. War Aronofskys mehr als gesundes Selbstbewusstsein in The Fountain (2006) noch zur Selbstüberschätzung eskaliert, ist es mit Black Swan in die richtige Bahn gelenkt worden. Hat der Regisseur damals noch vergeblich die Perfektion gesucht, ist ihm jetzt ein zwar überambitionierter, aber leidenschaftlicher Film gelungen, der zum Hin- und Wegschauen verleiten, für abschätziges Stöhnen wie für offene Münder sorgen wird. Für einen Platz in der Filmgeschichte ist das vielleicht zu wenig, eine Würdigung als ein so absurdes wie aufregendes Stück Kino hat Black Swan aber allemal verdient. Ein wunderbar altmodischer, zugleich erfrischend kompromissloser Film, der mitten in die Eingeweide trifft.

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Kommentare


Dominic

Der Film fängt an, wie man es erwarten sollte - ein Zuckerpüppchen, nach Perfektion strebend und von ihrer Mutter, die es selber nicht geschafft hatte, eine Primaballerina zu werden, gefördert, daß zwischendrin ein DrillSergeant seine helle Freude gehabt hätte, müht sich tapfer ab, aufzusteigen.
Dann verlässt der Film die eingefahrene und hinlänglich bekannte Schiene...

Aufmerksam auf optische Feinheiten und auch schön und wirksam dosierte Effekte bedacht, entwickelt sich aus dieser Grundsituation ein raffinierter Film, vielmehr ein psychedelisch-sexuelles Drama über die persönliche Entwicklung eines Balletstars, das in seiner unterschwelligen Mehrschichtigkeit zwar vom Zuschauer zu durchdringen ist, jedoch stets gewisse Restzweifel lässt, weil Antworten auch Fragen aufwerfen.

Das Ende ist in seiner Art konsequent herbeigeführt - und lässt eine gekonnt inszenierte Konzeptionierung Revue passieren.


Nussknacker

Natalie Portman in der „besten Performance des Jahres 1955“. Verstehe den Verweis nicht. Bitte erklären oder verlinken. Danke


Dr. Andreas Jacke

"Black Swan" - erinnert mich sehr an "Carrie" (1976) von Brian De Palma. Leider sieht es auch so aus, als habe das Kino seitdem nicht viel dazu gelernt. Wurde die zärtliche Mutterbindung, die das Ausleben der Sexualiät verhindert - damals noch mit den christlichen Ethos der Jungfrau verwoben, so ist diesem Kontext "Black Swan" nur scheinbar entflohen. Das bizzarre Spiel psychotischer Effekte - wird so aber wie schon damals eher verdeckt als aufgeklärt. Erneut wird die Männerphantasie, die in der Spaltung zwischen Jungfrau und Prostituierter besteht als Paradigma zur Erklärung schizoider Effekte hergenommen. Freud selbst hat diese Spaltung aber nie im Zusammenhang mit der Psychose verwendet. So ist sie als dem Genre der billigen Horrorfilme entwachsen und wurde hier mit klarer Berechnung einfach ins Ballett implementiert. Bezeichned ist das der Film sich wie der Ballettregisseur für den weissen Schwan gar nicht interessiert, sondern nur für die dunkle Seite - die ganz im viktorianischen Stil des 19.Jahrhunderts auch mit dem (verbotenen) erotischen Feuer in eins gesetzt wird. David Lynch hätte an sicherlich seine Freude an diesem Film, setzt er doch seine eigenes Werk fort. "Black Swan" - zeigt den Stand den das Gegenwartskino erreicht hat. Er liegt nun nach der Oscarverleihung auch ganz offiziell in einem sehr pubertären Bereich. Demgegenüber konstruieren viele Filme heutzutage die psychotische Ebene entschiedene intelligenter. "Black Swan" verweigert sich aber jeder interen Reflektion darüber ein Film zu sein - er will abbilden. Das ist vielleicht der Grund weshalb er die psychotische Struktur - auf die neurotische Thematik verdrängter Sexualität herunterbricht. Mein Fazit: Unwichtig.


S.

@ Dr. Andreas Jacke
Nur mal zur Info, die unterdrücken Triebe müssen in diesen Film nicht für das psychotische Erleben der Hauptfigur eine Rolle spielen, sondern können durch den Druck, den die Ballerina deutlich ausgesetzt ist, hervorgerufen worden sein. Dies wäre auch aus medizinischer Sicht denkbar.


Julia Solinski

Eine ausgesprochen gute Kritik. Bitte mehr von dieser Sorte.






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