Before We Vanish

Nach Arrival treibt auch Kiyoshi Kurosawas neuer Film dem Alien-Invasionskino die Hysterie aus – und rückt damit ein beliebtes Sujet politisch reaktionärer Allegorien ins Reich der Kommunikation.  

Before We Vanish  1

Etwas ist plötzlich anders an Narumis (Masami Nagasawa) Ehemann. Shinji (Ryuhei Matsuda) scheint nicht nur unter Amnesie zu leiden, sondern befolgt auch die grundlegenden Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders nicht mehr. Nachdem seine Emotionslosigkeit ihr die Tränen in die Augen treibt, fragt er nur verdutzt: „Soll ich mich entschuldigen?“ Was Narumi zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Sie hat es gar nicht mit ihrem Gatten zu tun, sondern mit einem Alien von unbekannter Form und Herkunft, das seinen Körper besetzt hat, um gemeinsam mit zwei Artgenossen eine Invasion vorzubereiten.

Ähnlich wie in Don Siegels Die Dämonischen (Invasion of the Body Snatchers, 1956) haben es sich die feindlich gesinnten Außerirdischen in Before We Vanish (Sanpo suru shinryakusha) zur Aufgabe gemacht, die Erdbevölkerung auszutauschen. Doch Regisseur Kiyoshi Kurosawa geht es dabei weniger um Paranoia und drohende Überfremdung als um die Schwierigkeiten der Invasoren, das genuin Menschliche zu begreifen. Der Film fühlt sich dadurch wie eine Variation auf Arrival an. Allerdings sind es hier nicht Menschen, sondern die Aliens, die bei ihren Versuchen scheitern, die Sprache des anderen zu entziffern; eine Sprache, die nach unterschiedlichen Gesetzen funktioniert. Bei ihren Kontaktversuchen wirken die Invasoren dann auch eher tollpatschig als furchteinflößend.

Den Menschen die Grundwerte aussaugen

Before We Vanish  2

Tatsächlich ist die Aufgabe der vermeintlich höher entwickelten Wesen schwerer als gedacht: Wissen und Erinnerungen haben sie zwar überwiegend von ihren menschlichen Wirten bekommen, allerdings mangelt es ihnen an Verständnis für Begriffe wie Familie, Selbst oder Besitz. Wenn es einer Person gelingt, ihnen eine Vorstellung von diesen Konzepten zu vermitteln, wird diese „übernommen“. Die Aliens gehen in Before We Vanish wie Vampire vor, die ihren Opfern nicht das Leben aussaugen, sondern ihre Grundwerte.

Kurosawa hat auch diesmal wieder einen Film gedreht, der ein Genre zum Anlass nimmt, um über Einsamkeit und gesellschaftliche Entfremdung zu reflektieren. Zwar geht es bei der drohenden Besetzung gleich um die gesamte Menschheit, aber Before We Vanish widmet sich nur am Rande der gesellschaftlichen Verunsicherung. Seine Aufmerksamkeit gilt vielmehr seinen wenigen Figuren, die wie abgeschnitten von der restlichen Welt wirken: Narumi und ihrem Mann, aber auch dem abgehalfterten Reporter Sakurai (Hiroki Hasegawa), der an zwei rabiate Kollegen Shinjis geraten ist. Angesichts seines Sujets hat Kurosawa einen völlig unhysterischen Film gedreht, der die Neugier der Angst vorzieht und vom Übernatürlichen erzählt, wo er die kommunikativen Störungen der Moderne meint. Wenn familiäre und amouröse Beziehungen Abhängigkeitsverhältnisse sind, die unsere Sehnsucht nach Sicherheit und Beständigkeit befriedigen, dann gibt es wohl kaum etwas Beängstigenderes als die Einsamkeit. Besonders groß ist diese Furcht bei Narumi. Als sie erfährt, dass ihr Mann aus einer anderen Dimension kommt (die Aliens gehen sehr unbekümmert mit dieser Information um), hält sie das nicht davon ab, ihre Beziehung weiterhin mit allen Mitteln zu verteidigen.

Ein hoffnungsloser Romantiker

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Der vermutlich größte Unterschied zwischen den Klassikern des Invasionskinos und Before We Vanish ist die Bewertung der Aliens. So unheilvoll ihre Absichten auch sind, hat ihre Anwesenheit doch auch etwas Gutes. Wenn ein Stubenhocker zum engagierten Kriegsgegner wird oder ein autoritärer Firmenchef plötzlich Pirouetten durchs Büro dreht, weil er das Prinzip der Arbeit nicht mehr versteht, wird die Frage aufgeworfen, ob in der „Übernahme“ vielleicht auch die Möglichkeit besteht, sich von aufgezwungenen Werten zu befreien. Dass Kurosawa aber zugleich ein überzeugter Romantiker ist, der das intuitive menschliche Gefühl verteidigt, wird offensichtlich, wenn sich die zwischenmenschliche Zuneigung als letzter Rettungsanker im Untergangsszenario erweist. Ausgerechnet beim Verständnis des Wortes Liebe stößt Shinji an seine Grenzen. Als eine Gruppe von Schulkindern versucht, ihm die Bedeutung zu erklären, hat jeder eine andere Definition parat. Das Alien kratzt sich darauf am Kopf und braucht noch eine Weile bis es versteht, dass man die Liebe eben nicht erklären, sondern nur selbst fühlen kann.

Trailer zu „Before We Vanish“


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