A Simple Event – Kritik

Die Last der Welt auf den schmalen Schultern eines Jungen: Schon in seinem Langfilmdebüt staunte Sohrab Shahid Saless über das alltägliche Ringen um die eigene Würde.

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Selten hat man als Zuschauer ein Kind so viel rennen gesehen wie in Sohrab Shahid Saless’ Langfilmdebüt A Simple Event: Unablässig hetzt der namenlose Junge durch die Straßen der iranischen Kleinstadt am Kaspischen Meer. Dennoch kommt er fast immer zu spät in die Schule – in der Überforderung des Jungen durch die Armut der wohl am wenigsten dringliche Teil.

Er genügt der Formalität des Schulbesuchs, entgeht dem Schulverweis, mehr aber auch nicht. Wie auch? Nach der Schule eilt der Junge an die Küste, um auf seinen Vater zu warten, der auf dem Meer fischen war. Wortlos wirft der Vater die Fische an Land, die der Sohn in einen Sack stopft. Während der Junge die Fische im Laden zu Geld macht, geht der Vater nach der Arbeit in die Kneipe (man fragt sich als Zuschauer, wie dieses Elend nach der sogenannten Islamischen Revolution ohne Alkohol zu ertragen war).

Nur Blicke aus dem Fenster

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Nach Beendigung der Transaktion rennt der Junge mit dem Geld in die Kneipe und dann nach Hause. Zu Hause ist der Junge in einer Behausung, mehr Hütte als Haus. Ein Bett, ein Tisch mit Blechgeschirr darauf (und, wenn es gut läuft, ein wenig zu essen), ein Wassertank und ein Haufen aus Matten und Decken ist alles, was es im Haus gibt. Wenn der Vater auf dem Meer ist, liegt die dauerhaft kranke Mutter im Bett. Ist der Vater daheim, arrangieren sich Mutter und Sohn, so gut es geht, mit den Matten. Zum Essen setzt sich der Junge auf den Mauerabsatz am Fenster und blättert bisweilen einmal kurz durch das Schulbuch, bevor ihm die Augen zufallen.

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Die Schule, die Hilfsarbeit für den Vater, das elende Zuhause: Mit ausdruckslosem Gesicht lässt der Junge all das über sich ergehen. Die größte Freiheit, die er sich im Alltag gestattet, sind die Blicke aus dem Fenster in der Schule. Einmal zu einer Gruppe von Jungen, die auf der Straße gegenüber stehen, während sich der Unterricht abrollt, einmal, als seine Mutter nach einem Gespräch mit dem Schuldirektor nach Hause geht. Dann stirbt die Mutter, Vater und Sohn stehen allein am Grab. Wortlos wendet sich der Vater um. Der Sohn folgt ihm. Als der Vater den Weg in die Kneipe einschlägt, drückt er dem Sohn einen Geldschein in die Hand. Auf der Schulbank wandert der Blick des Jungen fast verträumt nach unten auf diesen Geldschein, als gehörte ihm nun die Welt. Nach der Schule kauft der Junge von dem Geld neben dem Brot zum ersten Mal ein Getränk in einer Flasche und trinkt etwas anderes als Wasser.

Das Elend in filmischer Schönheit

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A Simple Event entstand, indem Saless das Budget für einen von einer Regierungsstelle in Auftrag gegebenen Kurzfilm kreativ umwidmete. Ohne Drehgenehmigung inszenierte er ein zeitlos wirkendes Abarbeiten der Protagonisten – ohne noch tiefer im Morast des Elends zu versinken, aber auch ohne jede Aussicht auf Besserung. Die erdige Farbigkeit des Films scheint das Vor-sich-hin-Knapsen noch zu unterstreichen.

Nahezu wortlos leben die Figuren nebeneinander her und vermeiden jede Interaktion. Der emotionale Höhepunkt des Films ist ein nichtssagendes Gespräch des Lehrers mit dem Jungen auf dem Schulhof, kurz nach dem Tod der Mutter. Als gäbe es viel zu viel zu sagen, das aber zugleich die Mühe nicht lohnt. Hier eröffnen sich sich Parallelen zu Saless’ Tschechow-Adaption Ein Weidenbaum, die Mitte der 1980er Jahre in Deutschland und der CSSR entstand. Beide Filme zeigen ein Leben am äußersten Rand der Gesellschaft, beide finden Bilder nicht nur für die materiellen Nöte, sondern auch für die emotionalen Verheerungen, die mit dem Elend einhergehen.

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Während Ein Weidenbaum jedoch durch die Literaturadaption und die Historisierung entschärft ist, schlägt einem in A Simple Event die Last der Welt auf den schmalen Schultern des Jungen entgegen. Schon in seinem ersten Langfilm vollbringt Saless das kleine Wunder, dieses Elend in filmischer Schönheit zu porträtieren; einer Schönheit, die nichts romantisiert oder verdeckt, sondern voller Staunen steht vor dem alltäglichen Ringen um die eigene Würde. Zu Beginn des Films geht der Junge an einer Bahnstrecke entlang ins Bild hinein. Am Ende laufen Vater und Sohn aus dem Bild hinaus. Dazwischen: Ereignislosigkeit und ein einzelnes, einfaches Ereignis.

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