3 Zimmer/Küche/Bad

Dietrich Brüggemann auf der Spur eines Zeitphänomens: Mit leichter Hand und Nabelschau inszeniert er den bis dato treffendsten Film zur Generation „Berliner Normalo-Hipster“.

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Was 3 Zimmer/Küche/Bad am meisten auszeichnet, ist zugleich das, was ihm zum Stolperstein wird: Regisseur Dietrich Brüggemann fängt hier nämlich tatsächlich ein höchst akkurates Bild einer Generation junger Berliner ein, die die Verbindung von Coolness und Spießigkeit zur Kunstform erheben. Achtung Berlin, die Schwaben sind da! Nicht ganz, denn die Protagonisten bei Brüggemann, soweit sie zugeordnet werden, sind zwar alle mehr oder minder Wohlstandskinder, aber kommen aus Hannover, München und Freiburg, nicht aus dem zur Karikatur reichenden Schwabenland. Um den zum Teil in Berlin grassierenden Fremdenhass geht es allerdings sowieso nicht, denn Politik spielt hier keine Rolle. Nicht Haltung, sondern Austauschbarkeit ist der Angelpunkt.

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Das unübersichtliche Ensemble von acht Hauptdarstellern verkörpert zwar unterschiedliche Facetten des ganz normalen Lebens in der Hauptstadt, aber keiner hat eine dezidierte Position, keiner hebt sich vom anderen sonderlich ab. Ist die eine etwas mehr bitchy, der andere etwas krasserer Egozentriker, der dritte hilfsbereit, so ist aber doch keiner eine eigenständige Figur. Einen markanten Charakter sucht man vergeblich. Eigenschaften, Projektionen, Menschen auf Selbstsuche irgendwo zwischen gerade mal erwachsen und immer noch Student. Alle wähnen sich Individualisten, alle sind gleich. Aber war nicht Berlin die Stadt der Einwanderer und Euro-Flaneure? Von wegen. Weiß auf weiß, nix mit Multi-Kulti. Stattdessen hat Brüggemann den Wechsel des Immergleichen sogar zum konzeptionellen Prinzip des Films erhoben: Was das Leben der Freunde strukturiert, das sind ihre Umzüge. Zwischendrin tauschen sie Beziehungen, mal untereinander, mal nicht. Verlieben sich, entlieben sich, starten Projekte, sind ein wenig kreativ, aber nicht zu sehr. Telefonieren miteinander, helfen sich gegenseitig und genießen das unbeschwerte Leben. Ökonomische Probleme gibt es keine und um Jobs sorgt sich niemand.

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Brüggemann ist zweifellos einer der talentiertesten jungen deutschen Regisseure. Vielleicht nur nicht der beste Drehbuchautor für die eigenen Filme. Immerhin die ein oder andere Pointe sitzt, seine Schwester Anna und er finden durchaus prägnante Szenen für die absurde, aber geschmeidige Biederkeit ihrer Generation. Nachdem sie bei Renn, wenn du kannst (2010) einen konzentrierteren, stärker plotgetriebenen Stoff verfasst hatten, dominiert bei 3 Zimmer/Küche/Bad das Prinzip Chaos. Weniger Drive, dafür dennoch eine Menge Dynamiken. Das heißt vor allem, dass sie ihre Geschichten so konstruiert und zusammengesetzt haben, dass sie den Eindruck von Zufall und Spontaneität erwecken und es ihnen dabei gelingt, durch Schnitt und Soundtrack einen gewissen Sog zu entwickeln. Dazu passt auch die visuelle Ebene, die sich unscheinbar in den Hintergrund drängt, schöne Kompositionen geradezu vermeidend, um nie von den Storys abzulenken. Das ist zwar schade, weil es wahlweise willkürlich oder uninspiriert in einem ansonsten durchkomponierten Film wirkt, aber es versinnbildlicht dieses Lebensgefühl, das der Regisseur transportieren möchte. Das In-der-Schwebe-Sein, irgendwo dazwischen und doch schon festgelegt.

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Im Geiste treten die Protagonisten nicht die Nachfolge der Generation X an, denn mit der Gegenwart (auch dank des leichten Lebens in Berlin) sind sie bereits versöhnt, aber Digital Natives und deren politisches Engagement sind ihnen mindestens ebenso fern. Am ehesten noch lassen sie sich mit dem Modebegriff der Hipster einordnen – mit der Einschränkung eben, dass sie eher zu den „Normalos“ gehören, die die extravaganteren Eigenschaften wie offensive Hornbrillen und Holzfällerhemden vermeiden. Ironie ist jedenfalls das Mittel der Wahl, um so ziemlich allem im Alltag zu begegnen. Dass man sich da schnell in Widersprüchen verheddert und Gefahr läuft, lächerlich zu wirken, hält hier niemanden davon ab, ein T-Shirt mit dem ironischen Schriftzug „Total kluger Spruch“ zu tragen. Obwohl: Da sind wir schon mehr beim Regisseur als bei den Figuren. Dessen Blick ist einer des ununterbrochenen Augenzwinkerns.

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Ständig steigt der Film aus sich selbst heraus, verlässt die Story-Ebene, um die Figuren ein klein wenig dem Zuschauer vorzuführen. Doch dann kommt auch schon wieder emphatische Rockmusik und Gitarren-Geschrammel: Es ist alles halb so schlimm. Die 90er hallen nach. Brüggemann vermag es, über weite Strecken diese Ambivalenz aufrechtzuhalten: Draufschauen und preisgeben einerseits, mit den Protagonisten verbrüdern andererseits. Nicht zuletzt lässt er vieles aus seinem eigenen Umfeld einfließen, ganz physisch: durch Berlinale-Taschen, Freunde und Kollegen in kleinen Cameo-Auftritten (vom ehemaligen Schnitt-Team über Regisseure aus dem HFF-Potsdam-Kosmos). Und selbst gibt er die Karikatur eines Fotografen. Um der Menge an Material und Wendungen Herr zu werden, zeigt er vieles nur ganz kurz oder gleich in beschwingten Montagesequenzen.

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Ausgebremst und genährt wird der Film aber auch durch die zweite Seite der Generation, das Spießig-Affirmative klassischer bürgerlich-weiß-heteronormer Konstellationen. Will heißen: Wenn’s um Liebe, Familie und enge Freunde geht, dann kennen sie keinen Spaß. Das liefert bei Bedarf etwas Dramatik, die nicht fehlen darf bei einem Film, der über vier Jahreszeiten sich erstreckt. Einiges davon scheitert allerdings an den blass bleibenden Figuren – gerade Anna Brüggemann alias Dina und Jacob Matschenz alias Philipp haben undankbare Rollen. Ihre fehlende Präsenz passt umso besser zur Leblosigkeit des längst besiegelten Schicksals, das hier durch ihre Sozialisierung vorgegeben scheint. So dass alles letztlich damit steht und fällt, wie gut man diese Normalo-Hipster erträgt. 3 Zimmer/Küche/Bad ist ein Zwitter aus inbrünstigem Feel-Bad-Feel-Good und Generationenporträt, irgendwie unentschieden, mal eitel, mal ironisch narzisstisch, aber das gehört sich so.

Trailer zu „3 Zimmer/Küche/Bad“


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