21 Jump Street

Hipster, Männerliebe und die Sexyness von Kriminellen: 21 Jump Street gibt sich zeitgenössisch. Nur wer spielt Johnny Depp?

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Wer erinnert sich noch? Seine erste Hauptrolle spielte Johnny Depp in 21 Jump Street (1987–1991). Schwer zu sagen, ob er darin Starqualitäten offenbarte: Jedenfalls aber, das war und ist in dem konkreten Fernsehkontext sicherlich wichtiger, funktionierte er darin perfekt als Projektionsfläche für Teenager-Sehnsüchte, fast ohne Charakterzüge, immer mit weit geöffnetem Gesicht, halb-fragend, halb-liebevoll, halb-selbstsicher. Die 80er-Jahre-Serie bleibt gerade im Rückblick eng mit seinem Namen verknüpft. Die Frage danach, wer 2012 nun seine Rolle von damals übernommen hat, erübrigt sich allerdings schnell. Der Kinofilm 21 Jump Street ist keine 1:1-Adaption, das zeigt schon der überdrehte Trailer, und erst recht keine melodramatische Rückbesinnung auf die „wonder years“ der Jugend. Die Kino-Auskopplung will eine schmissige, sexuell stark aufgeladene Actionkomödie sein.

Vom Original übernommen ist nur der grundlegende Plot: Junge, unerfahrene Cops werden undercover in die Highschool geschickt, um eine kriminelle Schülerbande zu infiltrieren. Von wegen Retro. Die erste Überraschung: Das Sagen an der Schule haben Hipster. Für Schmidt (Jonah Hill) und Jenko (Channing Tatum) ein Schock. Was ihnen und uns Hollywood jahrzehntelang eingebläut hat, gilt nicht mehr. Die Coolen sind nicht mehr lässig, die Streber nicht mehr Outcasts. Wer da vor gefühlten zehn Minuten (am Filmanfang) noch schüchtern das It-Girl um ein Prom-Date gebeten hat, trotz Zahnspange, Übergewicht und blondierten Haaren, kann plötzlich mächtig angesagt sein. Einst wurde Schmidt ausgelacht und gegen den Spind gedrückt, jetzt akzeptiert ihn Drogendealer und Überhipster Eric (Dave Franco).

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James Francos kleiner Bruder Dave spielt hier die Rolle, die in einer klassischen melodramatischen Konstellation das Romantic Interest wäre. Dass Schmidt ein Cop ist – und nebenbei auch noch Erics Freundin gefällt –, erlaubt es seiner Rolle, eine regelrechte Leidenschaft für Eric zu entwickeln. Was Eric so denkt, ob er ihn zum Freund nimmt (und zum Drogendealer adelt), das ist Schmidts Hauptsorge. Begegnet er der süßen Molly (Brie Larson), fragt er sie nach ihm. Selbst mit seinem Kollegen Jenko will er den neuen Kumpel – Aug in Aug – nicht teilen. 21 Jump Street ist Mainstream in der Ära nach Freaks and Geeks (1999–2000). Und homoerotische Fixierungen im Mittelpunkt von Jugendfilmen sind eh ein alter Hut, klar, gerade Teenager lechzen nach der Anerkennung ihrer Geschlechtsgenossen. Am Schluss stehen dann Werte wie Loyalität, die im Bromance-Strang (Brother-Romance) zu einer überkandidelten Liebeserklärung führen, nachdem Johnny Depp im Cameo-Auftritt die beiden jugendlichen Polizisten zu Nieten erklärt hat.

Es allen beweisen, vor allem sich selbst. „Was wäre wenn“ oder auch „wie soll ich leben“. Die großen Themen sind im schnellen Handlungsfilm immer schon enthalten. Nochmal die Schulbank drücken, mit etwas Altersweisheit alles anders machen, das Remake kostet die Fantasien aus. Und läuft dann aus dem Ruder. 21 Jump Street adressiert die Gegenwart, unsere Weltsorgen und intimen Belange, Ökologie, Identität, Sexualität. Eine alte Trias, neu belebt. Gleichzeitig stellt der Film – durchironisiert – klar, er lässt sich auf nichts festnageln. Konzentriert ist er selten, er wabert, postmodern funky, referenziell und immer einen Tick klüger, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. Den Lässigen gehört die Vergangenheit.

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Nach Mark Wahlberg könnte Jonah Hill der nächste Schauspieler-Produzent werden, der den Markt gleichzeitig bedient und herausfordert. Dafür gibt es hier nur Indizien, Beweise könnten folgen. Als Schauspieler gewinnt Hill schon jetzt immer mehr an Sicherheit. Nach seinem oscarnominierten Ausflug ins ernste Fach neben Brad Pitt in Moneyball (2011) kann er hier als Leading Man sogar Channing Tatum in produktive Spieldynamiken verwickeln. Spannend anzusehen, wie Hill sein Rollenrepertoire erweitert. In der zeitgenössischen Hüpfstraße springt Hill von einer Rolle in die nächste, vom Loser zum Polizisten zum Undercovercop mit widerstrebenden Interessen zur Bromance-Hälfte. Im Abspann der Serie wurde in einem Highschool-Jahrbuch geblättert, dramatische Synthesizer taten den Rest: Das waren noch Zeiten. Der Kinofilm braucht keinen melodramatischen Fluchtpunkt, die Geschichte ist passé. Johnny Depp gilt heute schließlich auch als Charakterdarsteller.

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