Zu Besuch in Brüssel – Der LUX-Filmpreis
Der Publikumspreis des Europäischen Parlaments feiert das Filmschaffen des Kontinents und versteht sich als Beitrag zur internationalen Verständigung. Schade nur, dass damit vor allem der konventionelle Arthouse-Film gemeint ist. Ein Bericht von der Preisverleihung.

Am 14. April ist der kleine silberne Turm im Europäischen Parlament in Brüssel allgegenwärtig: Auf Plakaten, die überall im modernistischen, von diversen Tunneln und Brücken durchteilten Gebäudekomplex aufgestellt sind, in Trailern, die auf großen Bildschirmen zwischen Vortrags- und Workshopankündigungen, Wasserspendern und Besprechungsräumen zu sehen sind. Die Trophäe des LUX-Publikumspreises stellt eine Filmrolle dar, die sich kühn nach oben windet. Sie verweist auf den Turmbau zu Babel, biblisches Sinnbild für den Hochmut und die folgende sprachliche Verwirrung unter den Menschen. Wobei das im labyrinthischen Parlament nicht negativ gewertet wird – im Gegenteil: die babylonische Sprachvielfalt mache die EU aus, so hört man am Abend der Preisverleihung, und diese Vielfalt sei ihre Stärke. Und um Vielfalt, Stärke und Inklusion geht es beim LUX-Publikumspreis, der seit 2007 verliehen wird.
Der überdimensionale Büro- und Eventkomplex des Europäischen Parlaments ist natürlich kein klassischer Festivalort. Und so eilen immer wieder Leute im Businessoutfit mit starrem Blick, Mappe und Handy in der Hand am Hemicycle, dem großen Plenarsaal des Parlaments, vorbei. Sie scheinen nicht zu wissen, dass heute Preisverleihung ist. Und dass sie selbst für ihren Lieblingsfilm stimmen konnten. Denn auch wenn der LUX-Publikumspreis eigentlich an das EU-Kinopublikum appelliert, ist die Stimmgewichtung 50:50 zwischen Bürger*innen und EU-Parlamentarier*innen aufgeteilt. Wer einmal hier war, weiß: Das mehrsprachige Brüsseler Parlament ist ein eigener Kosmos, quasi ein Mikro-Europa und fordert entsprechend eigene Rechte ein.

Ansonsten ist der Publikumspreis schnell erklärt: Aus über 40 eingereichten Filmen wählte die LUX-Jury fünf Favoriten aus, die im Vorfeld der Verleihung in Kinos in allen europäischen Mitgliedsstaaten gezeigt wurden – kostenlos und im Original mit landessprachlicher Untertitelung. Bürger*innen und Parlamentarier*innen konnten dann über ihren Favoriten abstimmen, sei es nun das irische Coming-of-Age-Drama Christy (Brendan Canty), das französische Elternschaftsdrama Love Me Tender (Anna Cazenave Cambet), das spanische Gehörlosendrama Sorda - Der Klang der Welt (Eva Libertad) oder die längst in Cannes und/oder den Oscars abgefeierten Dramen Sentimental Value (Joachim Trier) und Ein einfacher Unfall (Jafar Panahi).
Drama mit süßem Extra
Es ist kein Zufall, dass der inhaltslose Begriff „Drama“ hier so oft auftaucht. In der Auswahl wagt lediglich Ein einfacher Unfall, Jafar Panahis eindrückliches Porträt eines iranischen Mannes, der seinen ehemaligen Folterer verschleppt, einige Sprünge durch die Genrekonventionen. Der Rest wartet mit erwartbaren Dramen zwischen erwartbaren Figuren auf: der wütende und doch verletzliche junge Mann im Konflikt mit der Gesellschaft (Christy), die sorgende Mutter im Konflikt mit einer überforderten bis rücksichtslosen Gesellschaft (Love Me Tender, Sorda) und die eigensinnige Tochter im Konflikt mit ihrem sturen Vater (Sentimental Value).

Verfilmt wurden die Skripte meist in etablierter Arthouse-Manier: Sorgfältig ausgeleuchtete Bilder, der brave Wechsel von Schuss-Gegenschuss, eine bisweilen dramatisch wackelnde Kamera, dazwischen beliebig anmutende Shots von Himmeln, Feldern und Häuserblöcken, mit Streicherteppichen oder warmen synthetischen Klangflächen unterlegt. Love Me Tender mit der routiniert aufspielenden Vicky Krieps wirft noch atmosphärisch beleuchtete Sex- und Partyszenen in den Mix, die das erotische Interesse der Protagonistin an Frauen hervorheben sollen, aber nur auf die langweiligste Weise exploitativ wirken. Dem zentralen Konflikt des Films fügen sie nichts hinzu. Ästhetik als süßes Extra. Ob damit den „gesellschaftlichen Themen mit klarem Bezug zu den Werten der EU“ – so die Vorstellung des LUX-Preises auf der Website – geholfen ist?
Verzweiflung und Experiment
Immerhin verstehen sich das europäische Publikum und die Mitglieder des Parlaments auf Fairplay: Gewonnen haben nicht die bereits vielfach ausgezeichneten Filme Sentimental Value oder Ein einfacher Unfall, sondern der eher unbekannte Sorda der spanischen Regisseurin Eva Libertad. Sie besetzte die Hauptrolle mit ihrer eigenen gehörlosen Schwester Miriam Garlo. Garlo spielt Ángela, die mit ihrem Partner Héctor (Álvaro Cervantes) ein Kind erwartet. Weil Ángela gehörlos ist, steht die Frage im Raum, ob auch das Kind gehörlos sein wird. Und ob es für Ángela wirklich eine Erleichterung sein wird, wenn das Kind – wie auch der Vater – hören kann und sie die Einzige ist, die in der Familie gehörlos bleibt.

Unter den klassischen Dramen in der Auswahl ist Sorda sicherlich dasjenige mit dem spannendsten Konflikt, außerdem wartet der Film mit einigen Überraschungen und Ambivalenzen auf. Sicherlich war das gefeierte US-Gehörlosendrama Sound of Metal von 2019 ein wichtiger Einfluss, auch auf die experimentellen Versuche, die Wahrnehmung Ángelas zu simulieren. Die Geburtsszene, in der Ángela verzweifelt presst, nach Zeichensprache verlangt, die ihr aber niemand im chaotischen Wirrwarr der Hände geben kann, ist in ihrer Intensität wortwörtlich atemberaubend. Immer wieder bricht Sorda in solchen Momenten aus der erwartbaren Dramaturgie aus und zeigt, dass Film nicht nur die Bebilderung von Thesen ist, sondern über das Bild auch eigene Wirklichkeiten schafft, die in etablierte Sprachen unübersetzbar bleiben.
Hauptsache authentisch
Vorherige Gewinner des LUX-Publikumspreises waren klassische Thesen- und Problemfilme wie Das Lehrerzimmer (2024), Close (2023) oder Quo Vadis, Aida? (2022) über den Völkermord von Srebrenica. Eine Ausnahme war nur der spielerische Animationsfilm Flow (2025). Insofern wundert nicht, dass auch der filmisch interessante Sorda an diesem Abend voller flammender wie phrasenhafter Reden über Zusammenhalt und Mitbestimmung – eingebettet in den Sound einer munteren Jazzkappelle – vor allem als Beitrag zu einem inklusiveren Europa gefeiert wurde, einem Europa „where no one is left unheard“, wie EU-Vizepräsidentin Sabine Verheyen in ihrer Laudatio verlautbaren ließ. Auch Regisseurin Eva Libertad bekräftigte im Anschluss daran noch einmal, mit dem Film mehr inklusive Politik in Europa anstoßen zu wollen. Überhaupt lief die Preisverleihung innerhalb des oft von politischen Grabenkämpfen gezeichneten Parlaments betont harmonisch ab. Christy-Schauspieler Diarmuid Noyes hängte in höflichem Ton ein „Free Palestine“ an seine Rede und wurde freundlich und ohne weiteren Kommentar dafür beklatscht. Eine zweite Berlinale wurde der Abend nicht.

Natürlich: Gegen all die Hymnen auf Demokratie und Inklusion ist auf politisch-gesellschaftlicher Ebene nichts einzuwenden. Trotzdem bleibt es schade, dass gerade die Filmkunst selbst, also die Arbeit mit Bild, Ton, Schnitt, dem filmischen Material, auf das die Trophäe des Filmpreises ja unmittelbar verweist, bei der Auszeichnung keine Rolle zu spielen scheint. Am Ende geht es – wie die Pressemitteilung zur Preisverleihung verkündet – um „courage, warmth, and rare authenticity“. Und vielleicht auch um die Passgenauigkeit zwischen der Trophäe, dem Europäischen Babelturm, und dem Thema des Siegerfilms, nämlich die Sprache. Insofern ist Sorda der absolute LUX-Film.











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