Wofür Festivals gut sind – Sehtagebuch Torino (II)

Ben Wheatley hat eine völlig entkernte Gangsterkomödie gedreht, die fast nur aus einer Szene besteht. Frédéric Jaeger hat den Abschlussfilm des Festivals in Turin gesehen – und eine Überraschung, die aus dem Nichts zu kommen schien.

Wenn Festivals für eins gut sind, dann dafür, dass da Filme scheinbar aus dem Nirgendwo auftauchen. Scheinbar, denn natürlich ist in einer vernetzten Welt alles mehr oder minder schon entdeckt, wurde unter Beteiligung vieler finanziert, produziert und dann auch in die Öffentlichkeit gebracht. Das macht es umso verwunderlicher, wenn etwas richtig Gutes nicht zu einem vordringt. Heute spricht man dann von Filterblasen. Ich für meinen Teil freue mich über Unwissenheit, gerade wenn ich wie in Turin als Jurymitglied Pflichtfilme habe. Dann setze ich mich ins Kino und weiß nichts über sie außer Titel, Regie, Land und Laufzeit – und selbst das habe ich oft schon wieder vergessen, wenn das Licht ausgeht.

Zwei Rapper im Kinobetrieb

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Paris Prestige (Les derniers Parisiens) ist eine solche Überraschung für mich: Ich freue mich, als Reda Kateb auftaucht und seine Figur sich bald schon im Gewusel von Pigalle als Protagonist herausschält. Lange war Kateb auf Nebenrollen abonniert, gerade international (etwa in Ryan Goslings Regiedebüt Lost River von 2014, oder in Zero Dark Thirty), inzwischen gibt er immer öfter den leading man. Kateb spielt auch hier wieder mit dem Widerspruch zwischen souverän-dominantem Auftreten und der Zerbrechlichkeit, die er ausstrahlt. Les derniers Parisiens ist so etwas wie eine Milieustudie, explizit und sehr bewusst fiktional, aber mit einem Interesse für das Spontane und den Fluss der Bewegungen. Mit einer dokumentarisch angehauchten, sehr mobilen Kamera, die die Schauspieler und Situationen improvisierend zu erkunden scheint, wird die Geschichte zweier Brüder erzählt, denen gemeinsam eine Bar im migrantisch geprägten, halb-touristischen und halb-rotlichtigen Viertel Pigalle in Paris gehört. Das Bemerkenswerte an der Darstellung des klassischen Konflikts zwischen einem tendenziell Rechtschaffenen und einem tendenziell Kriminellen ist die Leichtigkeit, mit der hier ein bekanntes Programm aus einer Binnenperspektive aufgerollt wird. Verantwortlich zeichnen zwei ziemliche Außenseiter des Kinobetriebs: Die Regisseure Hamé Bourokba und Ekoué Labitey sind vor allem bekannt als Rapper und treten gemeinsam in der Gruppe „La Rumeur“ auf, Les derniers Parisiens ist ihr Spielfilmdebüt.

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In fast jeder Hinsicht gegensätzlich dazu verhält sich Ben Wheatleys Free Fire, der beim Torino Film Festival als Abschlussfilm läuft. Zum einen von den Erwartungen her: Wheatley, dessen High Rise zuletzt im Kino war, ist inzwischen ein etablierter Regisseur, mit einer zwar wechselnden, aber doch distinkten Handschrift. Auf schwarzen Humor, Absurditäten und Grenzerkundung kann man sich einstellen. Nach dem Exzess in der Narration von High Rise gibt es nun einen formalen Exzess zu bestaunen: Free Fire besteht nämlich aus einem auf 90 Minuten gestreckten Waffenverkauf gone bad. Dem ohnehin schwierigen Genre der Gangsterkomödie nimmt sich Wheatley einigermaßen smart an, jedenfalls in der Draufsicht. Denn innen drin ist der Film hohl wie nur wenige andere: Weder interessieren ihn die (vielen) Figuren, noch ihre Rollen, noch ihr Verhältnis zueinander. Eigentlich sind alle Mechaniken des Films Effekte: humoristische, spannungsgeladene, actionreiche. Das Genre findet sich damit so entkernt wieder, dass es eigentlich unweigerlich Spaß machen müsste, weil es so sehr auf den Spaß ankommt. Wäre es nicht so egal. Wäre auch nur ein Aspekt, und sei es die formale Könnerschaft, so ausgeprägt, dass sich ein (Meta-)Vergnügen einstellte.

Nudisten an der Gated Community

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Im Festival-Mittelbau der Filme, die nicht sofort durchstechen, sich weder gleich ins Hirn und Herz brennen noch sofort vergessen sind, sondern deren Flamme stattdessen langsam lodert, finden sich einige, über die es länger nachzudenken lohnte. Zum Beispiel A Decent Woman (Los decentes) des österreichisch-argentinischen Regisseurs Lukas Valenta Rinner (Parabellum). Los decentes webt skurrile Elemente in eine Geschichte vom Aufeinandertreffen der Arbeiterklasse mit reichen Besitzhaltern. Im Zentrum steht die Hausbedienstete Belen, gespielt von Iride Mockert, mit einer Präsenz, die gleich ins Auge sticht. Nun könnte die Konfrontation ihres einigermaßen routinierten und tristen Lebens mit dem der im Luxus badenden Chefin und ihres gerade erwachsenen Sohns für ebenso routiniertes und tristes Abarbeiten von Klassenkampf-Ideen herhalten. Doch das Drehbuch von Rinner, Ana Godoy, Ariel Gurevich und Martín Shanly wartet mit einem Subplot auf, der das Erwartbare ins Wanken bringt: Belen entdeckt, angrenzend an die gated community, in der sie arbeitet, eine Nudistenkolonie. Und so treffen letztlich weniger Klassen aufeinander als Lebenskonzepte – deren Differenz nicht minder politisch ist. Rinner perfektioniert dabei einen Stil der fröhlichen Entfremdung, der die Settings stimmungs- und spannungsvoll für die Story in Szene setzt. Es ist kein Wunder, dass die nebeneinander entwickelten Welten irgendwann füreinander konkret zur Gefahr werden, doch wenn es erstmal soweit ist, haben beide Mikrokosmen eine derartige Virulenz entwickelt, dass man sich wünscht, sie könnten noch ein bisschen länger bestehen – und sei es nur im Film.

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