Viennale 2013: Sehtagebuch (3)

Ein paar Tage und Filme von Louis Feuillade, John Torres und Gonzalo García Pelayo.

Mouton (Regie: Gilles Deroo, Marianne Pistone; Frankreich 2012)

Mouton

Ein komischer Film, und das nicht nur im guten Sinn. Das französische Regie-Duo Gilles Deroo und Marianne Pistone hat eine fragmentarische Milieustudie in der Normandie gedreht, die sich vor allem über ihre Verweigerungshaltung definiert. Ein 17-Jähriger löst sich darin von seiner verantwortungslosen Mutter, fängt als Küchengehilfe an, nistet sich in einer neuen Familienkonstellation ein und erlebt die erste Liebe. Alles, was die Handlung jedoch an Ansätzen für eine formelhafte Erweckungsgeschichte bereithält, versucht der Film entschieden zu vermeiden. In grobkörnigem 16mm-Material gedreht, mit schwebenden Kamerafahrten und einem besonderen Blick für die zwar im Leben normalen, im Kino aber immer noch selten zu sehenden schiefen Zähne und zerfurchten Gesichter seiner Laiendarsteller, gelingt es Mouton zweifellos, einen eigenen Weg zu gehen. Wenn sich nach der Hälfte des Films plötzlich eine Tragödie ereignet, nehmen das die Regisseure zum Anlass, sich auch noch von den letzten Fesseln einer Geschichte zu lösen. Das führt sie zu Plattitüden wie auch zu faszinierend unkategorisierbaren Momenten und steht stets im Zeichen einer manchmal etwas penetrant zur Schau getragenen Skepsis gegenüber herkömmlichen Narrationen.

 

Tih Minh (Regie: Louis Feuillade; Frankreich 1918)

Ti Minh

Über die Frage, wie man einen Stummfilm in der heutigen Zeit aufführen sollte, gehen die Meinungen auseinander. Die einen verweisen darauf, dass das frühe Kino nie stumm, sondern immer musikalisch untermalt war, die anderen auf die Kraft der Bilder und darauf, dass jede Musik den Charakter eines Films verändert. Bei Louis Feuillades Serie Tih Minh hat man sich für eine ausgesprochen trockene Präsentation entschieden. Doch was soll man auch machen, wenn man eine erstklassige Kopie hat, auf der nur französische und holländische Zwischentitel enthalten sind? Man hätte zum Beispiel digital untertiteln können. Doch im Wiener Metro-Kino gibt es stattdessen keine Musik und dafür englisch eingesprochene Zwischentitel. Nicht nur daran muss man sich erst mal gewöhnen, auch an den für heutige Verhältnisse zeitlupenartigen Erzählrhythmus. Hat man die Langsamkeit erst einmal umarmt, offenbart sich, wie Feuillade nach Die Vampire (1916) und Judex (1917) ein weiteres Mal mit handwerklicher Souveränität die Fundamente für den Kriminalfilm legt. Zwischen Einbrüchen und Entführungen finden sich dabei wunderbar surreale Augenblicke. Als Cliffhanger der zweiten Folge ist etwa eine Gruppe entführter Damen zu sehen, die vom Trank des Vergessens gekostet hat und orientierungslos durch eine herrschaftliche Villa geistert.

 

Lukas nino (Regie: John Torres; Philippinen 2013)

Lukas Nino

Der philippinische Regisseur John Torres, dem die Viennale in diesem Jahr eine kleine Werkschau widmet, macht experimentelles Kino im wahrsten Sinne des Wortes. Der Filmdreh ist bei ihm weniger die Ausführung eines zuvor festgelegten Konzepts als ein ständiges Ausprobieren. Geschichten werden nicht erzählt, sondern durch übereinandergelegte Schichten aus Voice-over, Zwischentiteln und farblich verfremdeten Videobildern nur angedeutet. Mir persönlich fehlt es in diesem Kino an Ordnung und Struktur. Am ehesten konnte ich noch Lukas nino, seiner neuesten Regiearbeit, etwas abgewinnen. Inspiriert von einem verschollenen Film des legendären philippinischen Regisseurs Ishmael Bernal (Manila), will Torres in einem Dorf die Geschichte eines Jungen verfilmen, dessen Vater ein „tikbalang“ – halb Mensch, halb Pferd – ist. Dabei sind es weniger Spielszenen, die in Lukas nino Einzug gefunden haben, als Castingsituationen und dokumentarische Beobachtungen, die durch das 35mm-Material monumentalisiert werden. Aufgepeitscht von einem melodramatischem Synthie-Soundtrack entwickelt sich ein Bewusstseinsstrom, der zwar keine genaue Richtung kennt, dabei aber doch immer wieder zu betörenden Momenten findet.

 

Manuela (Regie: Gonzalo García Pelayo; Spanien 1976)

Manuela

Die historischen Entdeckungen sind meist die schönsten. Mit dem Spanier Gonzalo García Pelayo zollt die Viennale in diesem Jahren einem Regisseur ihren Tribut, der außerhalb seiner Heimat kaum bekannt ist. Zwischen 1976 und 1983 drehte er eine Handvoll Filme, wendete sich anschließend mit großem Erfolg dem Glücksspiel zu und kehrt mit Alegrías de Cádiz nun wieder ins Kino zurück. Eröffnet wurde die Reihe von Manuela, einem ungeschliffenen Diamanten des spanischen Kinos, der mit der lustfeindlichen Kirche abrechnet und mit Pauken und Trompeten die Sinnlichkeit feiert. Bereits in den ersten Minuten, wenn die Titelheldin zu einem kreischenden Gitarrensolo auf dem Grab ihres Vaters einen Flamenco hinlegt, als gäbe es kein Morgen, steigt die Gewissheit, dass man hier etwas Besonderes sehen wird. Und tatsächlich, die Erzählung ist fahrig und unkonzentriert, dafür aber umso leidenschaftlicher und exzessiver. Die Männer sind schwach und von Krankheit gezeichnet, die Protagonistin dagegen eine sexualisierte Göttin. In einer Szene wird Manuelas Stiefsohn gefragt, warum er keine Freundin habe, worauf er antwortet, dass ihm die Frauen auf der Leinwand immer noch am besten gefallen. Wenig später wird er von Manuela in einem Akt mütterlicher Fürsorge entjungfert.

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