Überall Muskeln, die sich anspannen – Locarno 2017 (I)

Die Objektivierung der Männer schreitet voran. Kurzkritiken aus der Schweiz zu Eliza Hittmans Beach Rats, Ta Peau si lisse von Denis Côté und Dominik Lochers Goliath.


Beach Rats

Beach Rats

Was Regisseurin Eliza Hittman und Kamerafrau Hélène Louvart hier an Kräften bündeln, ist oft mitreißend, auf eine sanfte, neugierige Art. Sie begreifen ihr Sujet vom Körperlichen her, von den sich anspannenden Muskeln, den im Schatten der Kappe verlegen schauenden Augen, sie blicken auf die Unsicherheit der jungen Männer in Brooklyn (und weniger der jungen Frauen) und die verwunderliche Art, wie Unsicherheit sich mit Stolz, Witz und Selbstbewusstsein mischt. Das Driften gerade Erwachsener, ihr Austesten der eigenen Grenzen und der eigenen Wirkung, vor allem ihr leidenschaftliches Abhängen sind berückende Motive.

Beach Rats hat allerdings auch ein Außen, etwas, das in diese Beobachtungen hineindrängt, das sie bedroht, und das ist mit dem Wort Sundance im Abspann sicherlich nur ungenügend umrissen (das Sundance Institute hat die Entstehung des Films unterstützt). Das Außen ist ein Plot, der ziemlich dick aufgetragen und bisweilen merkwürdig old fashioned daherkommt, um ein sich anbahnendes Coming-out und die Versuche, es aufzuschieben. Je mehr sich diese explizit konfliktorientierten Momente in den Vordergrund drängen, desto mehr fällt auf, dass die Darsteller keine Figuren darbieten, sondern es deren Umrisse sind, die sich in den analogen Filmaufnahmen abzeichnen. Umrisse, die an und für sich dem Bewegtbild etwas geben, wenn es dieses Geschenk nur immer anzunehmen wüsste.

Ta Peau si lisse

A Skin So Soft

Die Faszination für muskelbepackte Männer hat in den letzten Jahren zu einer Welle an Hollywoodfilmen geführt, die ganz offensiv eine Objektivierung von Männern kultivieren – von Magic Mike bis jüngst Baywatch. Ganz davon abgesehen, dass es in den USA nur noch wenige Schauspielstars ohne Sixpack gibt. Denis Côté dokumentiert den Muskelfetisch in Québec. Sein Interesse gilt den Mustern, Riten und Gewohnheiten, die Männer verbindet, wenn sie ihre Körper stählen. Soziologische Aspekte, vor allem die Frage nach Arbeit und Einbindung in andere Kontexte, klammert er zwar überwiegend aus, lässt aber persönlichen und familiären Momenten einigen Raum.

Ta Peau si lisse (A Skin So Soft) folgt sechs sehr unterschiedlichen Bodybuildern und changiert ständig zwischen analysierenden Bestandsaufnahmen und Annäherungsversuchen. So richtig will der Funke nicht überspringen, und das, obwohl sichtbar wird, welche Mühe der Film darauf verwendet, seine Protagonisten ernst zu nehmen. Vielleicht weil sich Côté zwar physisch ganz nah herantraut, dasselbe aber psychologisch nie geschieht. (Drogen spielen übrigens keine Rolle.) Oder aber weil der ausgestellte Narzissmus der ständig posierenden Männer nur schwer zu überbrücken ist und der Film dabei zu dokumentarisch bleibt – das Essayistische, das etwa Bestiaire ausgezeichnet hatte, bei dem Formen und Flächen als Faszination für sich stehen durften, weicht hier immer wieder der ordentlichen, aber vagen Kontextualisierung. Für Côté sind Bodybuilder anscheinend weder ganz Subjekt noch Objekt.

Goliath

Goliath

Abwärts, immer abwärts geht es in Dominik Lochers Wettbewerbsbeitrag. Er ist ein Bilderbuchexempel für ein Genre, das mit dem schillernden Begriff Sozialdrama für einen Strang in der Filmgeschichte steht, der zuletzt in den späten 1990ern und frühen 2000ern seinen westeuropäischen (Sichtbarkeits-)Höhepunkt hatte, vor allem mit Filmen von Ken Loach und den Dardennes-Brüdern. Das klingt so, als sei Lochers Film ein Nachzügler, aber grundsätzlich gibt es keinen Anlass, die Beschäftigung mit (zum Teil nun mal bitteren) zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Strukturen Filmemachern zum Beispiel aus Rumänien zu überlassen, nur weil sie es ästhetisch besonders erfolgreich vermögen, stringente Erzählformen für diese bekannten Narrative zu finden.

Goliath setzt einen jungen werdenden Vater ins Bild, der mit völlig eindeutigen Motiven – storytechnisch konsequent durch mehrere Demütigungen hergeleitet – beginnt, seinen Körper mithilfe von exzessivem Training und jeder Menge Anabolika zu verwandeln. Die Beobachtungen sind dezidiert nicht dokumentarisch, ein Schnitt tritt an die Stelle der größten körperlichen Veränderung. Stattdessen baut Locher Situationen, die das um sich greifende Elend illustrieren: Während David (Sven Schelker) zu Beginn noch sein Gesicht zwischen den Schenkeln seiner Freundin hält und offen für Ratschläge bei der oralen Befriedigung zu seiner Freundin aufschaut, verdüstert sich sein Blick zunehmend – und er kriegt keinen mehr hoch. Die Spirale dreht sich immer schneller, und David scheint immer weniger Subjekt in seinem eigenen Körper zu sein. Während anfangs recht plump mit Männlichkeitsbildern von physischer Kraft und trainierten Muskeln hantiert wird, dreht der Film das nicht nur nach und nach, sondern ruft auch noch ein latent homophobes Bild davon auf, dass sich Bodybuilder gerne penetrieren lassen. Es ist eine Randnotiz in einem Film, der alle Antworten auf seine Fragen in penetranten psychologischen Entwicklungen sieht und das Soziologische, das mit einem übertriebenen Wohnungskauf auf Pump sein größtes sichtbares Zeichen setzt, herunterbricht auf das Verhältnis vom Individuum zum Konsum.

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