Sehnsucht nach dem Staunen: Eindrücke von den Hofer Filmtagen (1)

Das oberfränkische Festival feiert 50. Jubiläum und trauert um Gründer Heinz Badewitz. Zur Eröffnung fliegt ein Mops aus dem Auto. Werner Herzog träumt wieder von der Wüste.

Etwas Pathos darf sein: Hof ist ein Festival, das alle umarmt. Es ist ein Glücksfall, hier stimmt die Chemie. Das macht die Mischung aus oberfränkischer Provinz und Weltoffenheit. Da können Jim Jarmusch oder Mike Leigh bei der Wurstsemmelbude auftauchen. Das ist die Freude am Familiären, wenn Filmemacher wie Sönke Wortmann oder Christian Petzold beim traditionellen Fußballspiel über den Platz hechten, wenn sich Regisseurinnen wie Doris Dörrie oder Caroline Link Hof zeitlebens verbunden fühlen, weil ihre Karrieren hier begannen. Das ist die Unaufgeregtheit der Filmtage, die nicht auf VIP-Zonen, sondern auf Publikumsnähe setzen. Hof macht Lust auf Filme und aufs Über-Filme-Reden, weil nicht Business und Branchenhype die Sicht nehmen. Erschöpfungszustände und Beliebigkeitsrausch wie bei der Berlinale bleiben aus, wo zumindest ich selbst oft an mir zweifle, ob ich Kino überhaupt noch mag. In Hof bin ich plötzlich wieder verliebt.

Pilzfrisur und Neugier auf alles

Badewitz1

Hof ist auch ein umarmendes Festival, weil es mit dem Mann verknüpft ist, der alle umarmte: Heinz Badewitz. Wie er zu seinem späteren Lebenswerk kam, hat er oft erzählt, so auch hier. „Wie viel verdankt dir der verdammte deutsche Film!“ Das schrieb Chris Kraus in einem Brief an Badewitz, verfasst nach dessen plötzlichem Tod im März. Den Brief verlas Kraus am Eröffnungsabend der 50. Hofer Filmtage – eine der vielen schönen, traurigen Gesten bei diesem Festival. Dass es mit Hof, auch „im Sinne von Heinz“, weitergehen soll, darin sind sich alle einig. Was das heißt? Die Entdeckerfreude und die Herzlichkeit sollen bleiben.

Gefangen in Nazivergangenheitsbearbeitung

Chris Kraus war schon vor zehn Jahren in Hof, mit Vier Minuten (2006). Jetzt konnte er als Eröffnungsfilm Die Blumen von gestern zeigen. Und Überraschung: Es ist eine deutsche Holocaustforscher-Komödie. Lars Eidinger spielt den Historiker Totila Blumen, dessen Berufswahl eine einzige Sühnearbeit ist. Seine Eltern waren Nazitäter, er selbst hat sich der Erforschung der Judenvernichtung verschrieben, ist darüber depressiv, daueraggressiv und impotent geworden. Der Auschwitz-Kongress, dessen Organisation ihm entzogen wird, soll unter der Sponsorenschaft von Mercedes-Benz zum Event werden, die mit der Veranstaltung verbundenen Holocaust-Überlebenden sterben an spontanen Herzschlägen oder erweisen sich als zickig – und dann wird ihm eine französische Praktikantin zur Seite gestellt. Zazie (Adèle Haenel) ist noch unberechenbarer als Totila. Ihre jüdische Großmutter wurde vergast. Täterenkel trifft Opferenkelin, eine ergiebige Konstellation für explodierende Traumata und einen rückwirkenden Schuldabbau – durch was wohl?

Besessen vom Bösen

Die Blumen von gestern

Die Figuren stehen unter Dauerstrom, werden verdroschen und dreschen selbst, bis sie Zähne spucken, selbst der Mops trägt irgendwann Kopfverband; die Abgründe sind zum Greifen nah, der Sex auch, und immer schleppt Totila einen Stapel Massenmord-Literatur mit sich herum. Die Blumen von gestern ist auf Slapstick und Pointen geschrieben, gleichzeitig soll der Film, sagt zumindest Chris Kraus, psychologisch glaubwürdig seinen schwer gestörten Charakteren folgen. Die psychologische Glaubwürdigkeit (und ihr mögliches Scheitern) haben mich gerade nicht interessiert. Das Überdrehte und Zugespitzte steht diesem Post-Holocaust-Film doch gut mit seinem Konstrukt einer möglichen oder unmöglichen Liebe der dritten Generation nach der Shoah. Der Film ist seinem Thema gegenüber nicht befangen. Das ist nach Hunderten exploitativen Holocaustschnulzen, die aus der NS-Vergangenheit Bedeutungsschwere als Produktionswert generieren wollen, viel wert. Wenn in Die Blumen von gestern ein Schindlers-Liste-Moment naht, als Zazie am Mahnmal für die Getöteten steht, im knallroten Mantel wie der des Mädchens in der Schlüsselszene bei Spielberg, dann schickt Chris Kraus eine nervende Cola-Verkäuferin durchs Bild, die das Absurde in die Tragik bringt.

Besessen vom großen Kino

In Die Blumen von gestern fällt ein schöner Satz, als die Hierarchiekämpfe an der Zentralstelle für die Aufklärung von NS-Verbrechen eskalieren: „Ich bin der Pimmel, du bist die Vorhaut!“ Daran musste ich beim neuen Werk von Werner Herzog denken. Nach der Premiere von Salt and Fire steht Herzog auf der Bühne und sagt: „Einen solchen Film sehen Sie nicht alle Tage.“ Das stimmt. Salt and Fire beginnt wie eine Persiflage auf Homeland, in der die Rolle der taffen CIA-Agentin durch die Geowissenschaftlerin Prof. Laura Sommerfeld ersetzt ist, gespielt von Veronica Ferres. Bei einer dienstlichen Reise nach Bolivien wird sie mit ihren Begleitern (Gael García Bernal, Volker Michalowski), die nach einer Busengrabscheinlage (Bernal) und einem Kopfstoß à la Zidane (Michalowski) komplett aus dem Film verschwinden (egal), von maskierten Paramilitärs und einem Bösewicht im Rollstuhl entführt. Sodann verbringt Professor Sommerfeld viel Zeit damit, die philosophischen und kunsthistorischen Betrachtungen eines anderen Entführers namens Matt Riley (Michael Shannon) über sich ergehen zu lassen. Der ist ein echter Schwerenöter und will nicht recht auf den Punkt kommen. Einen sprechenden Papagei gibt es auch.

Potente Kamera sucht willige Darsteller

Salt and Fire 001

Entschuldigung, aber Salt and Fire hat einen kompletten Spoiler verdient: Die Heldin wird irgendwann mit zwei blinden Kindern in der Salzwüste ausgesetzt. Diese Zwangsmaßnahme soll ihr helfen, sich in die ökologische Katastrophe einzufühlen, die hier stattfindet. Das Salz breitet sich immer weiter aus. Und auch der dem Planeten Erde todbringende Supervulkan grummelt schon. Das Ende naht. Dass Laura Sommerfeld von Beginn an auf der Seite derer steht, die vor der Ökokatastrophe warnen wollen – wie ihr Entführer –, wen kümmert’s? In einer qualvoll langen Szene spielt sie mit den Jungs ein Brettspiel. Es sind die Söhne Matt Rileys, erblindet durch Umweltzerstörung. Nach all der Salzwüsten-Didaktik will sich Riley der Polizei stellen, doch dann verabredet sich Sommerfeld mit ihm zu einem Tête-à-Tête in Rom. Der Kuss bleibt leider aus. Dafür düst eine überdimensionierte Champagnerflasche auf dem elektrischen Rollstuhl in die Unendlichkeit der weißen Wüste, und der Kamerakran gleitet hoch für die Schlusseinstellung.

Schau, die Salzwüste!

Herzog will immer noch wie in Fitzcarraldo (1982) den Flussdampfer über den Berg ziehen, will unbedingt beeindruckende Bilder einfangen. Soll er doch, er hat ein Auge dafür. Nur warum verzichtet er nicht auf den Alibi-Plot? Wie kommt diese beliebige Mischung aus erzählerischer Wurschtigkeit, halbherzigen Anleihen bei konventionellen Erzählformaten, purem Trash, mäandernden philosophischen Gedanken und Naturfaszination zustande, in der Veronica Ferres überfordert ausgesetzt wird und auch noch Englisch sprechen muss? Herzog macht diese Filme (Queen of the Desert, 2015), weil er es kann. Er hat den „Altmeister“-Status erreicht, in dem ihm vermutlich, wie Wim Wenders, alles finanziert wird. „Ich bin der Pimmel.“ Habe ich schäbige Gedanken?

Wenn der Film wenigstens anarchisch wäre, pfeif auf den Plot und die Seriendialoge, pfeif auf die ganze Schminke, wenn es eine dieser spannenden Herzog’schen Dokus wäre, wo man ihm beim Nachdenken zuhören kann, bei seiner Lust am Entdecken der Welt zuschauen. Wenn die Bilder dieser hanebüchenen Story nicht so selbstgewiss daherkämen: Schau, der Sternenhimmel! Schau, die Salzwüste! Und der Kran fährt hoch und höher. Schau, wie er steht. Ich mag doch lieber die Vorhautfilme.

Hier geht es zum zweiten Teil unserer Berichterstattung aus Hof: www.critic.de/special/wer-ist-hier-radikal-eindruecke-von-den-hofer-filmtagen-2-4068/

Kommentare zu „Sehnsucht nach dem Staunen: Eindrücke von den Hofer Filmtagen (1)“

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