„Mach das, mach das, mach das!“

Heinz Badewitz über den Ursprung der Hofer Filmtage

Hof – dieses deutsche Festival erhält jedes Jahr neue Liebeserklärungen von Filmemachern – zu Recht. „Home of Films“ nannte Wim Wenders das Filmfest, das sich mit keinem Roten Teppich und angestrengtem Glamour schmückt, dafür mit Bratwürsten, Weißbier, Fussballspiel und einem erstaunlich guten Programm. Die Hofer Filmtage, die in diesem Jahr zum 40. Mal stattfanden, sind von einem Mann nicht zu trennen: Heinz Badewitz. Ein Bericht von einem, der auszog, Filme zu machen – und Festivalleiter wurde.

Die Vorgeschichte

Ich bin 1963 nach München gegangen und wollte Kameramann werden. Ich war über zwei Jahre im Kopierwerk der Bavaria Atelier, wie damals die Bavaria in Geiselgasteig hieß, weil ich gelesen hatte, man muss, wenn man Kameramann werden will, die Techniken in Kopierwerken beherrschen: Lichtbestimmung, Entwicklung, Trickfilm – damit man weiß, was mit dem eigenen Film passiert. Dann wurde ich Kameraassistent, Kameramann, ich habe angefangen, meine eigenen Filme zu drehen, habe sieben Kurzfilme gemacht, war zweimal in Oberhausen im Wettbewerb und war auf dem Weg, ein Filmemacher zu werden – wie viele. Damals wurde ja, wie man auch in Die zweite Heimat von Edgar Reitz sieht, an jeder Ecke in München gedreht. Das war die Filmhauptstadt Nummer Eins in Deutschland. Und so lernte man sich kennen. Plötzlich hatten wir dann jede Menge Kurzfilme gemacht – mit Taschengeld vom Vater, vom Onkel oder wo das herkam –, und da wollten wir die Filme in München zeigen. Wir fanden aber kein Kino, denn die Besitzer wollten mit diesen sogenannten „Schweinereien“ und mit „langhaarigen Affen“ nichts zu tun haben. Wir hatten lange Haare, schwarze Mäntel und so – wie halt damals die Zeit war. Man ging in die 68er Generation hinein, und davon bin ich ja ein Vertreter. Als wir kein Kino fanden, habe ich gesagt: Ich kenne einen Kinobesitzer in Hof. Darauf haben die anderen gemeint: Na prima, da fahren wir hin!

Auf nach Hof!

Das war ein lustiges Maiwochenende mit Biertrinken, Biergartendiskussionen, Schwimmbaddiskussionen, das Kino war rappelvoll. Die Zuschauer kamen in Sonntagsanzügen und die Damen mit Sonntagskleid in die Vorstellungen mit diesen sogenannten „wilden“ Kurzfilmen. Es war ein wunderbarer Erfolg. Dann fuhren wir wieder nach München, ich wollte ja weiterhin meine eigenen Filme drehen. Doch dann kam eben 1968 der Skandal von Oberhausen mit Besonders wertvoll von Hellmuth Costard. Mein zweiter Kurzfilm war dort im Wettbewerb, also bin ich hingefahren, freudetrunken, denn Oberhausen war ja früher das Kurzfilmfestival Nummer Eins in der Welt. Aber als ich ankam, hieß es: Wir müssen alle Filme zurückziehen, wegen Besonders wertvoll, denn der Film durfte aus politischen Gründen nicht gezeigt werden. Da haben die anderen gesagt: Du hast doch letztes Jahr schon mal was gemacht, lass uns da doch wieder hinfahren! Also haben wir Flugblätter verteilt mit der Überschrift „Auf nach Hof!“ Und dann sind sie alle gekommen. Das war ein absoluter Wahnsinn, was da passiert ist. Es kamen zwei Filmemacher mit ihren 16mm-Kopien nach 24 Stunden Zugfahrt aus Cannes. Und aus Prag kam Professor Navratil mit seinen Studenten von der FAMU, der Prager Filmakademie. Damals war ja der Prager Frühling, Dubcek war an der Regierung, und Ende Mai sind die einfach über die Grenze gefahren, mit den Kopien unten im Kofferraum. Das alles war ein wunderbarer Erfolg.

Kein Zurück mehr

Ich habe dann gedacht: Ja gut, das war jetzt die Alternative zu Oberhausen, aber es reicht jetzt. Wir wollten ja weiter Filme machen. Bloss dann, irgendwie, so von Dezember 68 bis April 69, kamen immer wieder Regisseure, die sagten: Mensch, ich mache gerade einen Film, den können wir doch wieder zeigen! Da habe ich geantwortet: Wieso soll ich jetzt wieder das Festival machen? Schließlich rief mich nachts – der erste Jahrgang der HFF München fing ja 68 an, da war Wim Wenders dabei – da rief er mich nachts um drei an: Hallo, hier ist Wim, du, mein Film wird auch fertig. – Ja, und dann gab es kein Zurück mehr, dann mussten wir das dritte Hofer Festival machen. Das war nur von den Filmemachern initiiert, das kam alles von der Basis selbst.

1969 saßen dann viele Zuschauer mit wehenden roten Fahnen im Kino, das war der Höhepunkt der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, es gab ja auch Demonstrationen, und es war alles unglaublich irre. Eine eigentlich wunderbare Zeit war das, es war alles frei, plötzlich offen, und dieser Geist wehte auch durch die Filme. Und so kam es, dass es 1970 wurde, 71, 72 ... 74 war Jeder für sich und Gott gegen alle von Werner Herzog hier. Und erst 76 habe ich gemerkt, dass man das Festival weitermachen muss. Ich hatte mich immer dagegen gewehrt. Aber die anderen Filmemacher sagten: Du bist der einzige, der organisieren kann. Mach das, mach das, mach das!

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