Schreiben über Film (1): Aus einem Jahr der Nichtereignisse & The Wound

Kurzkritiken zu den Filmen Aus einem Jahr der Nichtereignisse (2017, Regie: René Frölke, Ann Carolin Renniger) und The Wound (2016, Regie: John Trengove), verfasst von Studierenden des Seminars „Schreiben über Film – Berlinale 2017“ (Stiftung Universität Hildesheim).


Die Lücken zwischen den Bildern

„Es kann sein, dass ich gar nicht mehr existiere. Aber du weißt Bescheid“, sagt ein Freund nach einem gemeinsamen Nachmittag zu Willi Detert. Der 90-Jährige weiß Bescheid und hebt zum Abschied die Hand.

Im Wechsel der Jahreszeiten haben Ann Carolin Renninger und René Frölke Willi Deterts Leben auf einem Bauernhof in Norddeutschland begleitet. Insgesamt haben sie viereinhalb Stunden aus einem Jahr auf 8mm- und 16 mm-Filmmaterial festgehalten. 83 dieser Minuten sind in diesen Tagen im Forum der Berlinale in dem Porträt Aus einem Jahr der Nichtereignisse zu sehen.

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Entstanden ist ein Film über eine freie menschliche Existenz, über die Geschichtlichkeit von Gegenständen und die poetische Kraft, die im Leben liegen kann, wenn man über die eigene Zeit verfügt. „Der Film ist zu Ende“, hört man Renninger an einer Stelle sagen. „Es gab so viele Filme, und was hast du wirklich aufgezeichnet? Gar nichts“, stellt Detert nüchtern fest. Aus einem Jahr der Nichtereignisse porträtiert nur einen Bruchteil seines Lebens. Das meiste liegt verborgen in den Lücken zwischen den Bildern. Die Schwarzbilder füllen sich in unserer Imagination, während die Tonspur weiterläuft: mit Bildern eines jungen Soldaten, eines Sommers in Italien, einer Frau und vieler Katzen.

Die Kamera ruht auf Spinnweben in Fensterrahmen, auf einem umgekippten Gartenstuhl, Obst und Blüten. Sie begleitet Detert, wie er, Schritt für Schritt auf seinen quietschenden Rollator gestützt, in seinem eigenen Rhythmus Alltägliches erledigt. Jede kleine Unebenheit im Boden stellt ein Hindernis dar, das zu überwinden Zeit und Kraft kostet. Dennoch erscheinen Deterts Bewegungen niemals mühevoll. In diesen letzten Jahren richtet sich die Zeit nur noch nach ihm.

Ursprünglich sollte der Film innerhalb von drei Tagen gedreht werden. Doch nach den ersten zwei Tagen entschieden sich Renninger und Frölke zu bleiben. Aus einem Kurzfilmprojekt wurde ein Langfilm. Entstanden ist dieses Porträt aus einer persönlichen Faszination für den selbstsicheren Mann, den Renniger noch aus Kindertagen kennt. Für sie ist es ihr Filmdebüt, während Frölke bereits 2010 seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm realisierte. Nach diesem Werk hofft man auf weitere Arbeiten.

(Nola Anwar)

Verlassene Räume, übervolle Apfelbäume

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„Muuuuschi. Musch, Musch...“, ruft der 90-jährige Willi Detert seine Katze, mit der er gemeinsam auf einem großen, alten Bauernhof irgendwo in Norddeutschland lebt. Muschi und er verstehen sich gut. So wird er nicht aufhören zu rufen, bis sie ins Haus kommt. Sie schnurrt, wenn er ihr die Ohren krault, und hört sich seine Geschichten an. Muschi heißen übrigens alle Katzen, die zu Willi kommen. Es ist egal, ob es immer die gleiche ist, mit der er redet. Es geht darum, dass er mit jemandem reden kann.

Aus einem Jahr der Nichtereignisse von René Frölke und Ann Carolin Renninger begleitet ein Jahr lang den eigenwilligen Mann durch seinen Alltag. Jeden Tag fährt Willi Detert mit seiner Gehhilfe durch das Gestrüpp des verwilderten Grundstücks und schaut nach, ob noch alles in Ordnung ist. Er bewegt sich dabei sehr langsam, aber der Film nimmt sich die Zeit. Naturaufnahmen aus dem Garten, von sich wiegenden Blättern und übervollen Apfelbäumen wechseln sich ab mit Bildern von verlassenen Räumen in Willis Haus. Die Aufnahmen erzählen Geschichten. In dem Raum muss einmal jemand geschlafen haben. Vielleicht wurden Feste gefeiert, bei denen es selbstgemachten Apfelsaft gab. Vieles, was war, lässt sich nur erahnen. Aber die Neugierde ist geweckt. So schaut man sich gerne diese langen Einstellungen an, und je länger man schaut, desto mehr sieht man.

In diesem Film wird keine Biografie eines Mannes gezeigt, sondern die Bestandsaufnahme eines Lebens im hohen Alter, das sehr schön zu sein scheint. Es lassen sich ein paar Informationen zusammentragen, wenn alte Fotos abgefilmt oder die immer gleichen Anekdoten wiedererzählt werden. Aber viel mehr macht der Film deutlich, dass letztlich alles eine Geschichte hat und vergänglich ist. Dem entspricht der Eindruck, das Filmmaterial selbst könnte nicht mehr lange existieren und beim Schauen einfach verschwinden, da alles auf Super-16mm oder 8mm gedreht wurde und viele Bilder sehr körnig und dunkel sind.

(Antje Renhak)

Wird die Wunde heilen?

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Sie sitzen dicht beieinander, die Flammen erleuchten ihre Gesichter und ihre Augen. Die Männer der Xhosa haben sich ums Lagerfeuer geschart. Mit viel Alkohol und Zigaretten erzählen die Alten in der Nacht Geschichten von früher, es wird gesungen und getanzt. Aus den umliegenden Dörfern sind sie zusammengekommen, um mit den Jungen in die Berge zu ziehen. Nach altem Brauch wird dort die Beschneidungszeremonie Ukwaluka durchgeführt, die den Übergang von der Kindheit zum Mannsein symbolisch markiert.

Bereits am ersten Tag wurden die Jungen von den Ältesten beschnitten. Mit weißer Farbe bemalt verbringen sie die nächsten acht Tage in kleinen Strohhütten. Ohne Schlaf und Wasser werden sie die Schmerzen überwinden und ihre Kraft wiedererlangen. Die Wunde wird heilen. Sie sind dann bereit, ihren Platz als Familienoberhaupt einzunehmen. Xolani (Nakhane Touré), ein junger Arbeiter aus der Stadt, kommt jedes Jahr, um einen Initianten zu betreuen. Sein diesjähriger Schützling Kwanda (Niza Jay Ncoyini) sitzt abseits vom Feuer. Kwandas bunte Adidas-Schuhe heben sich von der erdfarbenen Umgebung ab, auch sonst hat der Städter nichts mit den Dorfjungen gemein und wirkt beinahe feindselig. Gerüchte gehen um, er würde sich mit Männern einlassen. Die Dorfgemeinschaft ist dafür nicht bereit, Homosexualität hat inmitten der Männlichkeitsrituale keinen Platz. Als Kwanda schließlich herausfindet, dass sein Betreuer Xolani einen anderen Mann aus der Gruppe liebt, droht die Situation im Lager zu eskalieren.

The Wound eröffnet die Sektion Panorama der 67. Berlinale, in deren Fokus die „Ermächtigung der schwarzen Geschichte“ steht. Die Auseinandersetzung mit dem uralten Beschneidungsritual ist hochaktuell; jährlich sterben junge Xhosa an dessen Folgen. Regisseur John Trengoves Film allerdings ist keine Anklage, sondern eine Beobachtung. Was passiert, wenn verschiedene Männlichkeitsbilder aufeinanderprallen? Das Ausleben der eigenen Sexualität scheint unvereinbar mit der traditionellen Lebenswelt. So geschieht vieles in der Dämmerung, bleibt ungesagt, während sich die Körper als Silhouetten im Gegenlicht abzeichnen.

(Lisa Cathérine Fuderer)

Drei Schnitte bis zum Mannsein

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Es sind drei rasante Schnitte, die die Jungen ertragen müssen. Drei Schnitte bis zum Mannsein. Umringt von einer Gruppe Männer, sitzen sie im Kreis und lassen die Beschneidungszeremonie über sich ergehen. Damit ist der körperliche Teil dieses Initiationsritus der Xhosa beendet. In traditionellen Gewändern und mit geweißter Haut ziehen sie in kleine Hütten ein, wo in den nächsten Tagen ihre Wunden heilen sollen.

Unter den Initiierten ist auch der junge Städter Kwanda (Niza Jay Ncoyini), dem der Mentor Xolani (Nakhane Touré) zugeteilt wird. In den Tagen, die folgen, bemerkt Kwanda, dass zwischen Xolani und einem anderen Mentor namens Vija (Bongile Mantsai) mehr als freundschaftliche Nähe herrscht. Vija inszeniert sich als selbstbewusster, tatkräftiger Anführer, jedoch verbirgt er ein zweites Leben vor der Gruppe und seiner Familie. Xolani sucht seine Berührungen, selbst wenn Vija ihn manchmal mit aller Brutalität abschmettern lässt.

Regisseur John Trengove und seine Schauspieler begehen mit diesem Film einen Tabubruch im ursprünglichen Sinne. Über das Beschneidungsritual der Xhosa, genannt Ukwaluka, darf nicht gesprochen werden. Persönlichkeiten wie Nelson Mandela oder Trengoves Co-Autor Thando Mgqolozona haben es gewagt, doch die gesellschaftliche Sprengkraft des Themas ist bis heute groß. Fast alle Rollen sind mit Männern besetzt, die das Zeremoniell im echten Leben selbst durchlaufen haben: der Versuch, ein Stück Realität auf die Leinwand zu bringen.

Das Ritual in The Wound wird zum Schauplatz, auf dem sich Konfliktlinien der Moderne abzeichnen. Spannungen zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt, zwischen Homosexualität und repressiver Männlichkeit. Über das beste Smartphone debattieren und doch der Ordnung der Ahnen folgen wollen.

(Magnus Rust)

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