Retrospektive Marlen Chuzijew

Marlen Chuzijew erweist sich in seinen Filmen als unermüdlicher Flaneur und genauer Beobachter der sowjetischen Jugend. Vom 1. bis zum 7. Mai widmet sich das Berliner Arsenal seinem im Westen noch kaum bekannten Werk. 

Ich bin 20 Jahre  4

Es gibt einen kurzen, aber bezeichnenden Moment in Ich bin zwanzig Jahre alt (Mnje Dwadzat Ljet, 1965), in dem Marlen Chuzijew die Erwartungen seiner Zuschauer untergräbt. Sergej, der gerade vom Wehrdienst nach Moskau zurückgekehrt ist, streift durch die Straßen, überwältigt von den vielen Sinneseindrücken, die auf ihn einprasseln; den gigantischen Häusern, dem hektischen Treiben und den schönen Frauen. Dann plötzlich Gegenschuss: Ein lächelndes Mädchen kommt auf ihn zugelaufen, rennt aber dann doch in die Arme eines anderen. Dabei ist dieser filmische Trick keine Demonstration der eigenen Cleverness, sondern Ausdruck einer Neugier an der Stadt und ihren Bewohnern. Sergej ist für Chuzijew letztlich nur unwesentlich interessanter als das, was sich um ihn herum ereignet – und das ist eine Menge. Wie ein staunendes Kind flaniert der Film durch Moskau, findet immer wieder neue Attraktionen, stürzt sich in eine lärmende Mai-Parade oder verschwindet in einem Hinterhof, in dem Jugendliche zu amerikanischer Musik tanzen. Der Film lebt von seinen dokumentarischen Beobachtungen. Und doch rücken ihn seine Soundcollagen aus Gesprächsfetzen und gemurmelten Monologen oder auch das Spiel mit der tief stehenden Sonne, die lange Schatten wirft und Pfützen zum Funkeln bringt, näher an das impressionistische Kino eines Terrence Malick als an die vermeintliche Objektivität des Cinéma vérité.

Spring on Zarechnaya Street 3

Am 1. Mai eröffnet Ich bin zwanzig Jahre alt eine Reihe im Berliner Kino Arsenal, bei der sieben von Chuzijews im Westen nur selten gezeigten Filmen zu sehen sind. Meist wird der Regisseur mit dem Tauwetter-Kino in Verbindung gebracht – einer kurzen Phase nach dem Tod Stalins, in der sowjetische Filmemacher ungeahnte Freiheiten genossen. Sein erster Langfilm, Frühling in der Saretschnaja-Straße (Wesna Na Saretschnoi Ulize, 1956), ist noch deutlich vom Sozialistischen Realismus geprägt. Die idealistische Lehrerin Tanja unterrichtet darin an einer Abendschule Fabrikarbeiter, die sich lieber auf feuchtfröhlichen Partys herumtreiben als Bücher zu lesen. Der freche Sascha macht ihr Avancen, ist ihr aber viel zu vulgär. Erst als sein bester Freund ein unbeholfenes Gedicht vorliest, das Saschas menschliche Stärken in Worte zu fassen versucht, erwidert Tanja seine Zuneigung. Chuzijew inszeniert diese komplizierte Liebesgeschichte mit dem Handwerk eines großen Melodramatikers und einem Hang zur poetischen Stilisierung. Als Tanja Sascha zum ersten Mal in der Fabrik besucht, fährt sie staunend an monumentalen Baukränen, flackernden Hochöfen und rauchenden Schornsteinen vorbei. Chuzijew inszeniert das als triumphalen Einzug in eine neue Welt. Obwohl noch Spuren der politischen Vergangenheit an dem Film haften, ist sein Blick entschieden nach vorne gewandt. Und auch hier spielt das Wetter wieder eine bedeutende Rolle: Im Winter muss das Paar eine Krise erleiden. Im Frühling nähern sich die beiden wieder langsam einander an. Und im Sommerregen wird ihnen bewusst, dass sich diese Liebe nicht unterdrücken lässt.

Rain in July

Zwischen Frühling in der Saretschnaja-Straße und Ich bin zwanzig Jahre alt oder auch Juliregen (Ijulski doshd, 1966) – einem weiteren zerstreuten Moskau-Film, der mehr als einmal an Antonionis Liebe 1962 (L’eclisse, 1962) erinnert – liegt ein breiter Graben. Die Filme aus den 1960er Jahren sprechen die Sprache des internationalen Aufbruchskinos, erzählen von ziellos vor sich hin lebenden Jugendlichen und von Frauen, die sich von tradierten Rollenmustern befreien. Chuzijew scheint hier auf nichts Konkretes hinauszuwollen und reiht stattdessen alltägliche Beobachtungen und ziellose Gespräche aneinander. Und doch formt sich gerade aus dem scheinbar Unwichtigen das Profil junger Menschen, die mit ihren Erwartungen an sich selbst ringen, den Blick nach vorne richten und dabei doch immer wieder von den Kriegstraumata ihrer Eltern eingeholt werden. Die neugewonnene Freiheit ist nicht nur auf der Leinwand trügerisch. Selbst in den Tauwetter-Jahren stieß Chuzijew mit seinen Porträts desillusionierter junger Menschen auf wenig Gegenliebe. Ich bin zwanzig Jahre alt wurde für seine Veröffentlichung sogar massiv gekürzt. Dass die Filme nicht nur außergewöhnlich sind, sondern auch subversives Potenzial besitzen, zeigt auch der Epilog von Juliregen sehr eindrücklich. Chuzijew verdichtet die Realität darin zu breiten Tableaux Vivants, in denen herumlungernde Jugendliche mal schüchtern und in sich gekehrt, mal resigniert und ängstlich und mal mit einem Lächeln in die ungewisse Zukunft Russlands blicken.

Hier gibt es das gesamte Programm

Am 1. und 2. Mai wird Marlen Chuzijew zu Gast im Arsenal sein und über seine Arbeit sprechen.

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