Perspektive Deutsches Kino 2014

Nicht hier, woanders. Das deutsche Nachwuchskino zieht es ins Ausland – um zurückzukommen, um Fragen zu stellen nach so etwas wie Heimat und Identität, nach Sitte und Wildheit.

Anderswo 02

Kirgisistan, Indien, Israel, Schweden, Kuba – das Fernweh scheint groß beim bundesrepublikanischen Filmnachwuchs. Gut die Hälfte der Produktionen, die unter der Leitung von Linda Söffker in der diesjährigen Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino programmiert sind, finden nicht nur ihre Geschichte, sondern vor allem auch ihre Sprache in fernen Ländern. Es ist dabei nicht vordergründig die Grenze, die diese Filme erfahrbar machen wollen – bezeichnenderweise handelt es sich bei den genannten Drehorten ja nicht um Nachbarstaaten, sondern um fernere Länder. Vielmehr geht es um ein Ausloten von Identität, die Suche nach deren Basis und gleichzeitiger Modulierbarkeit. Exemplarisch steht dafür sicherlich Ester Amramis Film Anderswo: Er erzählt die gewissermaßen verspätete Coming-of-Age-Geschichte der Wahlberlinerin Noa, die aus Verbitterung über ihre momentane deutsche Gegenwart für einige Tage zurück zu ihrer Familie in ihre Heimat Israel reist. Als sie dort ankommt und mit den Herausforderungen eines verrückten Familienalltags konfrontiert wird, entpuppt sich der Urlaub zu Hause mehr und mehr als Suche nach einer inneren Heimat, nach persönlichen Wünschen und Perspektiven. Wenngleich sicher nicht der stärkste Vertreter des Jahrgangs, lebt der Film vor allem von der komödiantischen Präsenz der Mutter der Hauptfigur (Hana Laszlo war unter anderem auch 2008 in Paul Schraders irrem Holocaust-Film Adam Resurrected zu bewundern) und dem Einfall, sein sprachliches Spiel der Unübersetzbarkeit in einem metaphorischen Seitenstrang noch einmal selbst filmisch zu verarbeiten. Wie viel Autobiografisches die Filmemacherin, die wie ihre Hauptfigur israelischer Herkunft ist und ebenfalls seit vielen Jahren in Berlin lebt (Anderswo ist ihr Abschlussfilm an der HFF Konrad Wolf), hier in ihre Fiktion fließen lässt, kann nur gemutmaßt werden.

Amma und Appa  01

Franziska Schönenberger verarbeitet die Turbulenzen des eigenen Lebens direkt in dokumentarischer Form. Ihr indischer Verlobter Jayakrishnan Subramanian ist dabei sowohl Anlass als auch partner in crime. Als Jays streng traditionell geprägte Eltern die Freundin ihres in Deutschland lebenden Sohnes auch nach einem Jahr noch ignorieren und stattdessen Bilder potenzieller Ehefrauen aus der Heimat schicken, fährt das junge Liebespaar kurzerhand mit der Kamera im Gepäck nach Indien. Das Ergebnis, der Dokumentarfilm Amma & Appa, gibt sich leicht und witzig, findet aber gerade darin einen Weg, seine Zuschauer empfindsam zu machen für tief sitzende kulturelle Eigenheiten und Konflikte, die zuweilen rigide und harsch verteidigt werden.

Verlusterfahrungen in der Familie

Amma und Appa  02

Gründet die Selbstbefragung in Amma & Appa noch auf einer problematischen Familienerweiterung, nehmen (neben Anderswo, in dem die sterbende Großmutter als metaphorisches Zentrum installiert wird) gleich drei weitere (fiktionale) Filme die Erfahrung des Verlustes eines nahestehenden Verwandten in den Blick. Sehr nah und in weichen, ruhigen Bildern begleitet Jöns Jönssons (HFF Konrad Wolf) Lamento seine Protagonistin. Magdalena hat ihre Tochter durch Suizid verloren und versucht ihre Trauer und Schuldgefühle in Handlungen täglicher Routine zu ersticken. Die Fassade ihres Lebens in einem kleinen schwedischen Dorf gerät nur ganz langsam aus den Fugen, immer wieder scheint die Zeit geradezu gedehnt. Jönsson verfährt zurückhaltend und rätselhaft, ist mit seiner Kamera immer sehr nah dran, überlässt dann aber vieles dem schüchtern-nuancierten Schauspiel Gunilla Röörs, die sich damit einreiht in die Riege starker weiblicher Darstellerinnen (und Regisseurinnen!) der diesjährigen Perspektive, wenn auch in einem gänzlich anderen Modus als etwa Hana Laszlo.

Hueter meines Bruders 01

Der Grund für das Verschwinden eines Familienmitglieds bleibt in Maximilian Leos Hüter meines Bruders unbestimmter: Auf einmal ist er weg, der kleine, unstet verträumte Bruder von Gregor, dem straighten Arzt und Ehemann. Der dann folgende Transformationsprozess wird erneut in einer sehr figurenorientierten Kamerasprache erzählt, dann ist es aber nicht so sehr das Schauspiel wie die Bilder selbst, die kommunizieren und die inneren Zustände des Protagonisten begleiten. Und anders als die verstorbene Tochter in Lamento, die nicht einmal als Erinnerungsbild der mütterlichen Verdrängung standhält, ist Pietschi, der Bruder, über eine private Bilderwelt von Fotografien und Digitalkamera-Clips dauernd präsent – und kann so erst der Aneignung durch den eigenen Bruder ausgesetzt werden.

El carro azul 02

In traurig-schöner Kulisse müssen sich in El carro azul zwei ebenfalls sehr gegensätzliche Brüder wiederfinden. Nach dem Tod seiner Großmutter kehrt der schwule Schönling Hansel aus San Francisco in seine Heimat, ein kleines Kaff an der kubanischen Küste, zurück, um sich um seinen am Down-Syndrom leidenden Bruder zu kümmern. Im toll ausgestatteten Kurzfilm, der im Rahmen eines Austauschprogramms der Kölner Kunsthochschule für Medien mit der kubanischen Filmschule EICTV entstanden ist, lässt sich Valerie Heine mit viel Zurückhaltung auf ihr märchenhaft ungleiches Figurenpaar ein. Der zweite fiktionale Kurzfilm im Perspektive-Programm ist Oskar Sulowskis (Filmakademie BW) Die Unschuldigen, der mit einer erneut hyperinvolvierten Kamera einem Drogendealer-Pärchen an der deutsch-polnischen Grenze folgt. Das vornehmlich aus der Sicht des Kindes der Frau erzählte Sozialdrama schwelgt leider etwas zu sehr in Gesten der Betroffenheit.

Kirgisische Ausbeutungen

Flowers of Freedom 02

Gleich zwei Filme nehmen uns mit in die karge Gebirgslandschaft Kirgisistans. Bosteri unterm Rad und Flowers of Freedom finden ihre filmischen Welten dann auch noch an den gegenüberliegenden Ufern des nach Perus Titicacasee zweitgrößten Gebirgssees (mit dem gleichzeitig zweitschönsten Namen) der Welt, des Yssykköl. In ganz unterschiedlichen Modi des dokumentarischen Films leuchten die beiden Werke Prozesse der Ausbeutung in dem zentralasiatischen Binnenstaat aus. Bosteri unterm Rad (Levin Hübner, Ifs Köln) begleitet Einheimische eines Dorfes, die mit den Auswirkungen eines äußerst saisonal verlaufenden Tourismus zurechtkommen müssen: Jeden Sommer wird die Gegend für zwei Monaten von Urlaubern regelrecht heimgesucht, den Rest des Jahres herrscht beinahe absolute Einsamkeit. Der Kontrast eines vormodernen bäuerlichen Lebens inmitten einer skurril künstlich gewordenen Landschaft – die Pferde grasen unterm Riesenrad – und die in ihrem Pragmatismus äußerst amüsanten Protagonisten faszinieren. Deutlich kämpferischer wird dagegen im Langfilm Flowers of Freedom agiert. Mirjam Leuze begleitete über mehrere Jahre die Aktivitäten einer Umweltorganisation, die sieben Jahre nach einem folgenschweren Zyanid-Unfall von einigen mutigen Frauen des Dorfes Barskoon gegründet wurde. Im Kampf gegen den scheinbar übermächtigen Gegner, einen kanadischen Konzern, der in der nahegelegenen Kumtor-Mine Gold abbaut, ist Leuze, mit ihrer Kamera immer mittendrin und der kirgisischen Sprache mächtig, Teil des Protests. Sie porträtiert die Aktivistinnen um ihre Anführerin Erkingül sowohl in ihrem teils mit harten Bandagen geführten sozialpolitischen Engagement – vor allem geht es um Entschädigungen schwer erkrankter Opfer des Giftunfalls – als auch in deren (anscheinend fast männerfreien) Alltag. Im Zuge der Unruhen und des Regierungssturzes im Jahr 2010 ergreift Erkingül die Chance auf einen Sitz im neu zu wählenden Parlament. Sie erreicht dieses Ziel – und die große Stärke von Leuzes Film ist, dass er auch diese Neuperspektivierung ehrlich mitgeht. An die Stelle des Protestierens tritt das politische Gestalten, Erkingül sieht sich nicht mehr simplen Fronten, sondern Prozessen demokratischer Entscheidungsfindung gegenüber. Flowers of Freedom dringt gegen Ende auch in die Räume dieser Vorgänge ein (Wahllokal, Sitzungsraum, sogar in die Mine) und löst so selbst die im Film immer wieder geforderte Transparenz ein.

In Deutschland

nebel 01

Das Perspektive-Programm kehrt dann doch noch nach Deutschland zurück und überzeugt auch hier vor allem im Dokumentarfilm-Bereich. Szenario und der mittellange nebel kreisen beim Erforschen bundesrepublikanischer Befindlichkeiten auf ganz unterschiedlichen Wegen um Fragen der (Nicht-)Transparenz. Während letzterer Film seine Reise durch Deutschland unter einem äußerst lyrischen Mantel versteckt hält, verortet sich Szenario deutlicher, auch historisch. Im Jahr 1970 in Köln haben Firmenchef Hans und seine Sekretärin Monika eine etwa halbjährige intensive Affäre – und Hans führt gnadenlos Protokoll. In bisweilen äußerst intimen, tagebuchartigen Aufzeichnungen notiert er pedantisch die Entwicklungen des ständigen Versteckspiels und vor allem das im Zentrum stehende Sexualleben. Wann und wo, wie oft und wie lange und in welcher Stellung, alles wird genau festgehalten. Dazu kommen zahlreiche Fotografien von Monika und weitere aufbewahrte Dinge wie etwa die leeren Tablettenstreifen von Monikas Antibabypille. Philip Widmann und Karsten Krause gehen in ihrem Film von dieser Materialsammlung aus, die als zufälliges Fundstück einer Wohnungsauflösung bereits 2012 in einer Ausstellung („Monika-Secret Diary“) in den Kunst-Werken Berlin und im Kunstraum Innsbruck aufbereitet wurde. In einem archivartigen Setting lassen sie auf Tonebene mit einer männlichen und einer weiblichen Off-Stimme die Aufzeichnungen mit allerlei statistischen Erhebungen und Schätzungen zum westdeutschen Leben (einer Sekretärin) in den 1970er Jahren kommunizieren. Zusätzlich wird dieser vielschichtig erzeugte filmische Rechercheraum Bildern des heutigen städtischen Lebens in Köln gegenübergestellt. Beeindruckend, wie so die individuelle, in den detaillierten Beschreibungen sehr konkret werdende Biografie im Spiegel eines historischen Gesellschaftsbildes noch einmal neu zu flimmern beginnt.

Raumfahrer 02

Der mittellange Dokumentarfilm Raumfahrer gerät visuell zu einer Kontemplation über Breitbildformate. Georg Nonnenmacher begleitet den Gefangenen Rene im polizeilichen Transportbus, der seinen Passagieren die Welt durch längliche Sichtfenster in maximalen Cinemascope-Verhältnissen präsentiert. Die Tonspur lässt weitere Insassen zu Wort kommen, die die wenigen Momente des Unterwegsseins in ihrem Leben ganz gegensätzlich wahrnehmen. Immer wieder beziehen sie sich auf das (nur) zu sehende Außen, auf in ihrem Ausmaß eigentlich beeindruckend aufbereitete Bilder der Welt, die in ihrer übertriebenen Panoramahaftigkeit allerdings gar nicht so richtig zu erfassen sind. Die Absurdität der raumzeitlichen Situation in der Bus-Zelle („Transport ist wie ein tiefer Schnitt in der Zeit, in der ich sitze“) und der zwischen der beständigen Bewegung und einer mitschwingenden Ungewissheit wabernde Gefühlszustand– aus Sicherheitsgründen bekommen die Gefangenen keine näheren Infos zu ihren Transporten – spiegeln sich in engen Sehschlitzen. In einer dem Fiktionalen angenäherten Welt des Gefangenseins muss Kino zur Qual werden.

Zeit der Kannibalen 01

Ihr eigenes Gefängnis schaffen sich die Protagonisten in Zeit der Kannibalen – und sie wollen es so. Egal ob Nigeria, Indien oder Afghanistan, eine Außenwelt (das Fremde) existiert in Johannes Nabers zynischer Parodie für die Unternehmensberater Öllers (Devid Striesow) und Niederländer (Sebastian Blomberg) nur noch als abstrakte, graue Quaderformen und Bombengetöse. Man möchte ohnehin nicht raus, alles Wichtige, sprich Karriereleiter und Sex, spielt sich in (ebenso künstlich-gleichgeschalteten) Sitzungsräumen und Hotelzimmern ab. Als der Kollege Hellinger die nächste Berufsstufe erreicht und zum anteilhabenden Partner der „Company“ aufsteigt, beginnt es in den Köpfen der beiden ganz unterschiedlichen Alphatiere zu rattern. Mit der neuen Kollegin Bianca (Katharina Schüttler) gerät die auf ihr ekliges Skelett sezierte Consulting-Existenz dann endgültig aus dem Rhythmus. Und mit ihr Nabers kammerspielartiger Film, der seine saubere Taktung in aller Ruhe nach und nach selbst dekonstruiert.

Der Samurai 02

Mit Der Samurai und Tape 13 präsentiert die Perspektive Deutsches Kino dieses Jahr außerdem zwei genuine Genre-Filme, die auch in der Tradition sogenannter Midnight Movies spätabends programmiert werden. Während Axel Stein mit seiner (grauenhaften) englischsprachigen Produktion auf den (längst abgefahrenen) Zug der Blair-Witch-Ästhetik aufspringen möchte und fast schon phänomenal peinlich scheitert, legt Till Kleinert mit Der Samurai ein psychologisches Horrorstück um einen identitätsgestörten Dorfpolizisten hin, der an den richtigen Stellen augenzwinkernd glitzert. Wild ist hier nicht mehr nur ein Wort oder eine Tat, sondern konsequent reflektierter Exzess der Bildsprache und des Schauspiels.

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