Kinofragen - Sehtagebuch Crossing Europe 2017 (2)

Die Local-Artist-Sektion des Crossing-Europe-Festivals zeigt Werke oberösterreichischer Künstler. Mit diesen Filmen steht viel auf dem Spiel – eigentlich sogar alles.

Der traumhafte Weg 2

Fragt man Fragen über das Kino, fragt man am Besten es selbst. Erst gestern hatte sich in einem Publikumsgespräch mit Angela Schanelec gezeigt, wie schnell man aneinander vorbeiredet, wenn man über das Kino redet. Eine Frau wollte wissen, weshalb die Kinder in Der traumhafte Weg so künstlich inszeniert wurden und weshalb die Darsteller derart emotionslos spielen sollten. Schanelec antwortete darauf, dass es nicht der Film sei, der Emotionslosigkeit hervorbrächte, sondern die durch konventionellere Filmformate gefestigte Erwartungshaltung der Zuschauer. Das Gespräch über Der traumhafte Weg wurde so schnell zu einem Gespräch über Filme, Formate und Poetiken, die diesen Film nicht betreffen, wurde zu einer Diskussion, die maximal weit weg von dem stattfand, was dieser Film ist oder sein könnte.

Niemandem ist hier die Schuld in die Schuhe zu schieben. Jeder darf die Erwartungen haben, die er hat – an einen Film und an seine Zuschauer. Der traumhafte Weg – so viel dürfte aber sicher sein – erschließt sich gewiss nicht darüber, dass man ihn als eine Art Gegenkino begreift, als ein Umverteilungsmanöver der Affekte, als lagerten diese irgendwo mit natürlichem Ursprung. Dieser Film ist nicht Umverteilung, sondern Verteilung an sich — wie jeder andere Film auch. Das ist ein Unterschied, ein wesentlicher. Fragt man also Fragen über das Kino, dann macht es Sinn, sich auf es selbst zurückwerfen zu lassen, also auf Filme, die diese Frage selbst stellen und ihre eigenen Antworten explizieren. Im diesjährigen Programm der Local-Artist-Sektion auf dem Crossing-Europe-Festival in Linz nimmt dieser Zurückwurf Gestalt an. Gezeigt werden unterschiedliche Filme oberösterreichischer Künstler: Kurz- und Langfilme, fiktionale, experimentelle und dokumentarische Formate – geeint durch eine Frage, die sich immer wieder ins Zentrum schiebt: Was kann das Kino sein?

Filmische Filmgeschichtsschreibungen

Cinema Futures

Michael Palms Cinema Future etwa befragt das Kino als ein Medium im Umbruch vom Analogen zum Digitalen. Sein im Wesentlichen aus Talking Heads gebauter Dokumentarfilm wird so zur Bestandsaufnahme über das Wesen der Kinematografie in Zeiten, in denen eben dieses nun über Jahrzehnte hinweg als stabil geglaubte Wesen wieder von Neuem aufs Spiel gesetzt zu sein scheint. Jeder kennt Yoda aus Star Wars, aber wer kennt eigentlich noch Edward Muybridge, der mit der Serienfotografie eine der wichtigsten Vorstufen des Kinematografischen erklomm? – das ist die einleitende Frage von Cinema Future.. Seinem etwas onkelig-trauerndem Erzählerduktus setzt die Filmemacherin Nadine Taschler mit ihrer sehr schönen, halbstündigen Recherchedokumentation Les Fables de Monsieur Gaudart einen gänzlichen anderen gegenüber. In ihrem Film sucht sie nach den Spuren ihres Großvaters Marcel Gaudart, der seinerzeit Filmemacher war und 1959 unter ziemlich ungeklärten Umständen in Mexico City verschwand, vielleicht Selbstmord begangen hatte, vielleicht auch getötet wurde, ganz vielleicht sogar noch irgendwo lebt. Über Jahre hinweg reiste sie nach Toronto, Mexiko und Paris, um Menschen zu treffen, die ihren Großvater gekannt haben könnten, sichtete seine Filme, betrieb Ahnenforschung und Filmgeschichtsschreibung zugleich. Aus dem Off – das ist das spannendste Moment dieses Films – kommentiert sie ihr Projekt, ihre Erfolge und Misserfolge, Höhenflüge und Frustrationen bei der Recherche. Ihr Sprachduktus ist naiv-prosaisch, findet, sobald sie Details über das Leben ihres Großvaters, der im Krieg als Fallschirmjäger diente und später Jesuitenpriester wurde, erfährt, immer wieder in rhetorische Muster wie: "Kann es tatsächlich so gewesen sein?," oder: "Ist das die Wahrheit oder nur ein Traum? So verschränken sich in Taschlers Film auf großartige Weise die Genres und Erkenntnisinteressen: Die als Ahnenforschung gekleidete Filmgeschichtsschreibung bekommt eine weitere Drehung, erzählt sich durch die prosaische Form der Kriminalerzählung.

Formentransfers

Beyond the Broken Hoop

Ganz anderes rückt das Wesen des Films in Elias Buttingers Beyond the Broken Hoops in den Mittelpunkt; bei ihm nimmt es mindestens teilweise einen pragmatischen Charakter an. Sein Film zeigt junge Tänzer im unwegsamen Alpengelände. Zwischen, oberhalb und unterhalb von Ästen, Felsen und Bäumen tanzen die Artisten den sogenannten urbanen Tanz. Ein modernes städtisches Ausdrucksgeschehen wird in die Natur ausgelagert, nimmt – quasi umweltbedingt – neue choreografische Formen an und wird durch den Film als Aufzeichnungsmedium wieder in die Stadt zurücktransportiert. Film ist bei Buttinger Medium eines Formentransfers, eine Strategie von Auslagerung und Wiederverfügbarmachung ästhetisch und logistisch gebundener Ausdruckskonfigurationen. Zwei andere Filme, Paul Porentas Bollybruck und Lukas Leitners Mike's, experimentieren mit einer anderen Weise des Formentransfern: 9mit Formendekonstruktion und -parodierung.

Bollybruck ist eine Art Anti-Rassismus-Sketch, der die Genrepoetik des Bollywood-Kinos (etwa Lichtsetzung oder markante Schnittverfahren) in eine in Vöcklabruck angesiedelte Liebesgeschichte zwischen einer inländischen Schülerin und einem ausländischen Handwerker einträgt. Das Kino ist hier eine Art globalisierter Formenfundus, der letztendlich freilich nichts anderes ausspuckt als eine ironische Umkostümierung des Heimatfilms; eine, die jedenfalls Spaß macht, weil sie auf grotesk ausgestellte Amateurverfahren zurückgreift und so auch das eigene Handtieren mit einer bestimmten Filmgeschichte problematisiert. Bollybruck hat in diesem Sinne etwas von der Einsicht, die beispielsweise einem so grässlichen Film wie La La Land vollends abgeht. Mike's operiert ähnlich, transportiert tradierte Western-Ikonografien in ein Tankstellenwirtshaus vor massiver Alpenkulisse, wirkt aber letztlich doch eher wie eine Stilübung, die sich durch die Formen nicht verrenken lassen möchte und sich an ihrem Gewicht auch nicht zu verheben traut.

Bollybruck

Das Kino als Medium auf dem Sterbebett, als hybride Geschichtsschreibungsmaschine, als pragmatische Aufzeichnungsapparatur, als ästhetischer Formenfundus – das sind nur wenige Aspekte, die die Auswahl der diesjährigen Local-Artist-Sektion thematisiert und problematisiert. Fragt man also Fragen an das Kino, kann man mit diesen Filmen zu vielen möglichen, manchen vielleicht ernüchternden, dafür anderen äußerst optimistischen, nicht immer originellen, aber einigen auch sehr klugen Antworten kommen.

Und hier geht es zum ersten Teil unserer Berichterstattung übers Crossing Europe.

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Kommentare zu „Kinofragen - Sehtagebuch Crossing Europe 2017 (2)“


Karl L.

Man kann wirklich sagen, das Crossing Europe Festival in Linz zählt zu den Highlights an Filmfestivals für mich, es ist sehr weit gespannt, auch international, aber gerade was die heimischen Filmemacher zu bieten haben versetzt immer wieder in Erstaunen, es ist sehr breit gefächert und es sind tolle Augenblicke dabei, mir hat es rundum gefallen! Ich finde einfach, dass die Stadt damit mehr einen kulturellen Höhepunkt zu bieten hat.






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