Kino der Exzesse

Alles so schön bunt hier. Das Forum präsentierte Filme aus dem Goldenen Zeitalter des kambodschanischen Kinos.

Le Someil d  Or

In der Dokumentation Golden Slumbers (Le sommeil d’or, 2011) macht sich Davy Chou auf Spurensuche nach einer verloren gegangenen Filmkultur. Es handelt sich um das Goldene Zeitalter des kambodschanischen Kinos, das von 1960 bis 1975 währte und über 400 Filme hervorbrachte. Als schließlich die Roten Khmer die Macht ergriffen, folternd und mordend die Bevölkerung dezimierten, wurden nicht nur zahlreiche Regisseure und Schauspieler getötet, sondern auch beinah das gesamte filmische Erbe zerstört.

Heute sind nur noch um die 30 Filme erhalten, die teilweise als Raubkopien auf dem Schwarzmarkt kursieren. Chou lässt sich vom mangelnden Filmmaterial aber nicht abschrecken und versucht einfach mit anderen Quellen das Kino seiner Heimat wiederzubeleben. Das geschieht beispielsweise durch Erinnerungen von Zuschauern und Filmschaffenden, populären Filmsongs, Plakaten und ehemaligen Schauplätzen der Kinokultur. Kombiniert mit langen Kamerafahrten durch Billardhallen und Karaokebars sowie einigem dokumentarischen Archivmaterial rekonstruiert Chou mit Sinn für Ästhetik ein weitgehend unsichtbares Kino.

Le sommeil d  or 1

Das Forum, in dem Golden Slumbers zu sehen ist, hat sich an die ehrenwerte Aufgabe gemacht, dem westlichen Publikum einen Eindruck von kambodschanischer Filmkultur zu vermitteln, und drei Beispiele ins Programm genommen. Dass es von hohem historischem Wert ist, solche Filme überhaupt zu Gesicht zu bekommen, lässt dann auch darüber hinwegsehen, dass die Präsentationsform nicht immer ideal war. Der Höhepunkt war eine 16mm-Kopie in einwandfreiem Zustand, der Tiefpunkt eine digitalisierte Fassung, die der Qualität eines auf Leinwand projizierten YouTube-Clips nahekommt.

Puos Keng Kang

Obwohl drei Beispiele natürlich keine ganze Ära repräsentieren können, hat man doch einen guten Eindruck bekommen, was die Eigenheit dieses Kinos ausmacht. Es sind zweifellos Filme für die Massen, kein sperriges Autorenkino. Im Zentrum stehen meist herzergreifende Liebesgeschichten, die mit nationalen Legenden und märchenhaften Elementen angereichert sind. Die Figuren sind stark typisiert. Entweder ist jemand wirklich gut oder wirklich böse, extrem arm oder extrem reich. Dabei lässt sich nicht nur bei den immer wiederkehrenden Darstellern Kontinuität erkennen, sondern auch bei dem mehr oder weniger festen Figurenstab. So gibt es die idealisierten jungen Liebenden, die gegen Angriffe von außen kämpfen müssen, die missgünstige Ehefrau, den alten geilen Bock und das reichlich vertrottelte Dienstpersonal, das für die komödiantischen Einlagen verantwortlich ist.

Von Tea Lim Koun waren gleich zwei Filme zu sehen. Einer davon, The Snake Man (Puos Keng Kang, 1970) gilt als Klassiker des kambodschanischen Kinos. Sein Genre lässt sich, wie auch bei den anderen Filmen, nur schwer beschreiben, gehen hier doch Melodram, Komödie, Musical und Fantasyfilm nahtlos ineinander über. Es ist überraschend, mit welcher Selbstverständlichkeit hier kindlich Naives und brutaler Splatter nebeneinanderstehen. Der Prolog, in dem eine gepeinigte Ehefrau von einer Schlange geschwängert wird, erweist sich als düsteres Horrormelodram. Umso erstaunlicher ist es, wie mit einem Sprung in die Zukunft auch der Erzählton radikal gebrochen wird.

Puos Keng Kang 2

Was eben noch Drama einer unglücklichen Liebe war, gerät plötzlich zur volkstümlichen Slapstick-Parade, wie man sie im Westen wohl kaum zu sehen bekommt. Die Intensität, mit der Koun einzelne Genres auf die Spitze und noch deutlich darüber hinaustreibt, tut manchmal regelrecht weh. Die Schauspieler verwandeln sich durch eine stark verzerrte Mimik und Gestik zu grotesken Karikaturen. So wie sie sich mit vollem Körpereinsatz durch eine Nummer nach der anderen blödeln, ist das eigentlich schon Slapstick als Extremsport. Erst als man denkt, The Snake Man werde auf diesem Gebiet bleiben, kehrt er wieder zur Liebesgeschichte zwischen Frau und Schlange zurück, diesmal eine Generation weiter.

Peov Chouk Sor

Wie Koun hier die Komödie in ihrer extremsten Form zelebriert, tut er es in seinem anderen Film, Peov Chouk Sor (1967), mit dem Melodram. Die Handlung dreht sich um vier Schwestern aus dem Paradies, die zum Spaß die Erde besuchen und sich über weltliche Eigenheiten wie die Liebe amüsieren. Sie dürfen bloß keine Pflanze beschädigen, sonst sind sie dazu verdammt, für sieben Jahre auf der Erde zu bleiben. Der jüngsten Schwester Peov Chouk Sor geschieht allerdings ein Missgeschick, worauf sie als Sterbliche, nur mit einem roten kleinen Zauberball bewaffnet, bei den Menschen bleiben muss. Dort verliebt sie sich in einen armen Gurkenbauern und versucht mit ihm glücklich zu werden, sich gegen die Avancen eines schmierigen Schuldeneintreibers und die Handgreiflichkeiten seiner bissigen Frauen zu wehren.

Von den drei Filmen ist Peov Chouk Sor als vergleichsweise geradliniges Melodram mit fantastischen Elementen noch am konventionellsten. Was allerdings in der letzten halben Stunde passiert, ist durchaus verstörend. Es wäre interessant zu wissen, ob es noch in einem anderen Werk der Filmgeschichte eine ähnlich ausgedehnte und tränenselige Abschiedsszene gibt. Da werden Schmerz und Leid in ihrer ganzen Tragik voll ausgekostet, minutiös und mit ganz großen Gesten. Wenn die Lieben schließlich sterben und als Blume und Schmetterling wiedergeboren werden, fühlt man sich als Zuschauer wirklich erleichtert.

Peov Chouk Sor  2

Jetzt soll man sich von solcher Maßlosigkeit aber nicht abschrecken lassen, denn gerade darin besteht die Besonderheit dieser Filme. Ein Musterbeispiel dafür ist die letzte halbe Stunde von The Snake Man. Hier werden wirklich sämtliche Grenzen überschritten. Da gibt es atemberaubende Vintage-Special-Effects, eine kleine Medusa mit Schlangen als Haaren, eine Heldin, die dem Wahnsinn verfällt, und sprechende Wellensittiche, die alles wieder gerade rücken.

Der vielleicht interessanteste Film der Reihe, auch weil er von unseren Sehgewohnheiten am weitesten entfernt zu sein scheint, ist aber 12 Sisters (Puthisen Neang Kongrey, 1968) von Ly Bun Yim. Eine unbeschreibliche Vielfalt an Einfällen prasselt da auf den vergleichsweise puristisch sozialisierten westlichen Zuschauer nieder. Dass der Film im positiven Sinne durchgeknallt ist, wird schon im Vorspann deutlich. Immer wieder zoomt die Kamera hektisch auf die bunten Titel. Was darauf folgt, ist eine wahnwitzige Erzählung von epischem Ausmaß.

Puthisen Neang Kongrey

Zwölf Schwestern fliehen vor einer Menschenfresserin, die eigentlich ihre Stiefmutter ist, und werden alle von einem Prinzen geheiratet. Als die Kannibalin in neuer Hülle zur 13. Frau des Prinzen wird, hetzt sie ihren Gatten so lange auf die mittlerweile schwangeren Konkurrentinnen, bis er ihnen die Augen aussticht und sie in eine Grube wirft. Um nicht zu verhungern, verspeisen die Verstoßenen ihre Neugeborenen und lassen lediglich ein Kind am Leben, damit es ihnen Essen bringt. Nach einem Zeitsprung geht es dann um den erwachsenen Sohn, der zum Diener des Prinzen wird, die Tochter der Menschenfresserin heiratet und schließlich Mutter und Tanten erlöst.

Wer an klassische Dramaturgie gewohnt ist, für den sind diese Filme durchaus eine Herausforderung. Als Zuschauer muss man sich ganz den verschiedenen, wild miteinander verschränkten Erzählsträngen hingeben und weiß nie genau, was jetzt ausführlich zu Ende erzählt und was in zwei Minuten abgehandelt wird. Obwohl man den Kulissen ansieht, dass sie aus Pappe sind, strahlt diese Welt aus bunten Kostümen und Lametta, mit fliegenden Pferden und sprechenden Totenköpfen, eine ungeheure Faszination aus. Maßlos ist der Film auch, weil er sich gierig auf alles stürzt, was sich irgendwie verwerten lässt. Das macht sich nicht zuletzt auf dem Soundtrack bemerkbar, wo neben italienischen Opernmelodien auch das Psycho-Thema von Bernhard Herrmann zum Einsatz kommt.

Ein bisschen ähneln die kambodschanischen Filme mit ihrer Durchlässigkeit verschiedener Genres den Produktionen aus Bollywood. Dabei sind sie aber doch noch bei weitem wilder, fantastischer und exzessiver. Es bleibt nur zu hoffen, dass nicht zum letzten Mal Einblick in diese reiche und singuläre Filmkultur gewährt wurde. Jetzt, wo es im Berliner Arsenal den Beweis gab, dass dieses Kino auch noch in der Gegenwart und über nationale Grenzen hinweg funktioniert, ist zumindest schon einmal die Grundlage für weitere Entdeckungen geschaffen. 

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