Inspiration zum Widerstand: 60. Kurzfilmtage Oberhausen

Wieso es das Kino braucht und welches überhaupt. Die Kurzfilmtage zeigen unmögliche Filme und laden dazu ein, sich ihnen zu widersetzen. Bericht von einem Festival und einem Manifest.

zzz Film without Film

Jetzt war ich also auch an einem Manifest beteiligt, noch dazu in Oberhausen. Wir haben es Flugblatt genannt. Vielleicht ist es der schlechte Handy-Empfang oder die triste Fußgängerzone mit den leerstehenden Läden. Hier passiert etwas mit mir, mit uns. Wir laufen durch die Straßen und fragen uns, wo eigentlich die Stadt beginnt und wo sie endet. Über die Filme wissen wir es weniger denn je. Film ohne Film, das war das Thema der Kurzfilmtage 2014. Eine existenzielle Frage ist damit verbunden, aber nur nebenbei eine nach dem Material der bewegten Bilder, denn ob Zelluloid oder nicht stiftet hier kaum noch eine Diskussion. Immerhin die zwei in der Reihe vor mir regen sich auf, weil der Lichtstrahl aus einem digitalen statt aus einem analogen Projektor zu kommen scheint. Und das bei einem Film, der nur aus diesem Lichtstrahl besteht – und aus den Schatten, die die Zuschauer zwischen ihm und der Leinwand mit Papierfliegern entstehen lassen. Ich habe auch Blätter gefaltet und sie emporsteigen lassen und mir nachher vom didaktischen Kollegen R. erklären lassen, wie infantil das Publikum doch war. Ich habe mich nicht geschämt. Später aber dann doch gewundert, als ich erfuhr, dass die Lizenzen teuer waren für die Idee der Papierflieger vor dem Lichtstrahl und auch für den Film, den ich verpasst habe, weil er aus nichts bestand als aus Leere, also nicht mal ein Licht anging. Der Name des Künstlers und des Werks im Programmheft, dafür wird die Lizenz gezahlt. Das leuchtet mir ein. Mein Name ist nicht so teuer. Auf die Idee, nichts zu zeigen, bin ich aber auch noch nicht gekommen. Wobei, eigentlich mache ich das andauernd, nur ohne ausreichende künstlerische Geste.

Und nach Oberhausen eingeladen wurde ich, um diesen Text zu schreiben. Vermutlich einen anderen. Aber Instruktionen habe ich keine erhalten. Außer im Kino, da gab es ein Programm, das hieß Final Inspection. Bei dem habe ich dann, glaube ich, auch erst wirklich verstanden, worum es ging beim „Film ohne Film“, der thematischen Reihe 2014. Nämlich darum zu erfahren, was das Kino noch kann als Kulturinstitution. Das ist so etwas wie die Programmatik von Lars Henrik Gass, dem Festivalleiter, der am liebsten auch in die Vorführungen des Sonderprogramms gehen würde, sich aber zurückhält, weil sie fast alle voll sind und er keinem den Platz wegnehmen will. Die Frage nach dem Kino ist hier umso klüger gestellt, weil sie nicht explizit aufscheint, sondern sich hinter der vordergründigen Lust versteckt, die Grenzen auszutesten, dem Kino den Film wegzunehmen, um zu sehen, was dann noch bleibt. Mit einer eklektischen Mischung aus Performances, Vorträgen, Experimenten mit der Vorführapparatur – und schließlich doch: Filmen.

Dringlich fehlende Filme

Projection-Instructions

In Final Inspection gibt es einen Film von 1976, Projection Instructions, der nur funktioniert, wenn jemand am Projektor den Anweisungen folgt und im richtigen Moment das Bild unscharf stellt und wieder scharf und ... Das sei ein Klassiker, lasse ich mir danach sagen. Ich hatte ihn noch nicht gesehen und ärgere mich, dass der Vorführer sich an die Anweisungen gehalten hat. Ich hätte lieber jemand eigensinniges in der Kabine. Ein anderer Film, End Credits, besteht nur aus einem Abspann, der dann aber doch nach und nach in den Klammern hinter den Namen der Figuren eine Geschichte entspinnt, ausschließlich mit Schrift. Über unmögliche Filme nachzudenken und solche, die fehlen, genau darum geht es in Oberhausen.

Two Impossible Films heißt ein knapp 30-minütiger Film über die gescheiterte Adaption von Freuds Gesamtwerk durch Sam Goldwyn und Sergei Eisensteins Vorhaben, Das Kapital von Marx für das Kino zu adaptieren. Die Vorspanne sind zu sehen und versprechen etwas, sie lassen träumen. Sie machen sichtbar, was nicht war, was nicht ist. Mit einer gewissen Freude und Hoffnung auf das, was noch kommt. Der Titel des Sonderprogramms, das der finnische Künstler Mika Taanila zusammengestellt hat, verheißt darüber hinaus auch Dringlichkeit: Memories Can't Wait: Film Without Film. Wer im Kino auf Film verzichtet, der muss ein besonders wichtiges Anliegen haben. Oder bin ich es, sind wir es, die keine Zeit mehr haben, auf einen Film zu warten, um Erinnerungen zu formen?

Gefeiert wird der Dissens

Dass in Oberhausen etwas in der Luft liegt, das hatte ich sofort gemerkt. Ich war zum ersten Mal bei der Eröffnung, und es war ein gutes Jahr dafür. Wer schon einmal auf einer Filmpremiere oder einer Festivaleröffnung war, weiß, wie dröge das fast immer ist, weil die dort präsentierte unbändige Freude nichts zu tun hat mit Kino, aber alles mit Erfolg. In Oberhausen ist das anders. Die gesamte Dramaturgie der Veranstaltung orientiert sich am Dissens – nicht aber im Modus des Feierns einer überwundenen Opposition, die es gegenüber dem Festival im politischen Establishment jahrzehntelang gab, sondern aus der Haltung eines unaufhörlich nötigen Kampfes heraus, dessen Gegenstand es ist, nicht ankommen zu können. Es gibt kein siegreiches Oberhausen.

Kurzfilmtage 2014 01

Alle Redner zitieren zur Vergewisserung große Namen. Wenn Gass sie nennt, dann um klarzustellen, dass ihre damaligen Werke auch heute kein Mainstream wären. Herbert Fritsch liest mit wütender Stimme Briefe aus der Geschichte des Festivals. Kulturstaatsministerin Monika Grütters spricht vom kulturellen Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs. Das klingt gut, weil es die sonst gebräuchliche Formel von der nötigen wirtschaftlichen Basis im Kino umdreht, allerdings lässt sich das auch umgekehrt lesen, als eine Verengung der Kultur auf einen wirtschaftlichen Zweck. Mir ist unklar, wie was gemeint ist. Vielleicht ja auch gar nicht. 100 Tage ist Grütters bereits im Amt, erinnert mich gerade der Film-Dienst. Der druckt ein Interview ab, das sich wie eine Pressemitteilung liest. Grütters Oberhausener Rede ist bislang nicht online nachzulesen. Aus der Rede von Gass will ich am liebsten alles zitieren. Er widerspricht Grütters recht eindeutig: „Filmwirtschaft ist eine Illusion, insbesondere in Deutschland.“ Und weiter:

„Gut gemacht zu sein, war in Oberhausen jedenfalls nie gut genug. Die Filme durften etwas riskieren, ebenso das Festival, das sie auswählte. Wenn es dieses Festival noch gibt, so liegt dies auch daran, dass man sich über die Jahrzehnte hinweg nicht hat beirren lassen und geduldig in Kauf nahm, dass Filmemacher hier bekannt wurden und das Festival dann vergaßen. Wenn dieses Festival nicht altert, dann der Filme wegen, die es zeigt. Oberhausen ist das Plädoyer für eine Erneuerung der Filmkunst und ist es immer gewesen. Das freilich musste manchmal erkämpft werden – auch früher schon, als die Zeiten noch golden zu sein schienen.

Und das ist eine ganze Menge Relevanz, wenn Sie bedenken, dass in Deutschland Fernsehredakteure schon in den Filmschulen mit entscheiden, welche Filme dort entstehen. Wenn Sie bedenken, dass ohne Fernsehen und damit ohne das Maß der Quote fast kein Film mehr in Deutschland entstehen kann. Wenn Sie bedenken, dass selbst der Deutsche Filmpreis mittlerweile Filme per Mehrheitsentscheid prämiert. Wenn Sie also bedenken, dass der Film in Deutschland einer Diktatur des Mehrheitsgeschmacks unterworfen ist, wird deutlich, worin die Bedeutung dieses Festivals abseits des sogenannten Markts, abseits der roten Teppiche liegt.“

Wer wäre nicht inspiriert, wenn er einer solchen Eröffnung beiwohnte, bei der die historische Rolle des Festivals in eine solch explizite Formulierung des heute nötigen Widerstands mündet? Wer wäre nicht inspiriert, wenn ein Festivaldirektor, dessen Institution von der Unterstützung der Politik direkt abhängig ist, sich traut, derart unumwunden das regelmäßige und aktuelle Versagen der Politik anzuprangern? Noch ein Satz aus der Rede: „Oberhausen ist dem Markt voraus, weil hier etwas zweckfrei ausprobiert werden darf und dieses Experiment mehr Folgen hat als das, was wir unter Markt verstehen.“

Kino mit Folgen

Das Folgenlose ist das Schlimmste, was man – politisch gedacht – dem Kino attestieren kann. Und es fasst wunderbar zusammen, was ich da wahrnehme, jenseits von Oberhausen, jenseits der Festivalinseln und einigen wenigen bemerkenswerten Initiativen. Und ich vernehme ein Rumoren. Ein sich im Netz formierendes Bewusstsein für die Limitierungen, denen der deutsche Kinomarkt unterworfen ist. Ich vermute, dass das Internet hier durchaus einen utopischen Raum öffnet, in dem das Bestehende, das scheinbar Unumgängliche des „Marktes“ nur noch eine leidige Option darstellt. Vielleicht ist es der Effekt einer Filterblase – wie man die Tendenz zu übereinstimmenden Meinungen im (sozialen) Internet nennt –, aber ob ich mich in Oberhausen unterhalte oder im Netz, ich bekomme den Eindruck, dass keiner mehr akzeptieren will, was uns hierzulande als Kino-Vielfalt verkauft wird. „Arthouse“ ist in meinen Kreisen zum Schimpfwort geworden, weil unter diesem Label einer Form von beruhigendem Wohlfühlkino immer mehr Platz in den Programmkinos eingeräumt wurde. Dieses Kino mag im Einzelfall erträglich oder gar gelungen sein, seine Dominanz schadet aber dem gesamten Sektor. Weil es das Experimentelle und das Überraschende verdrängt und weil es das Kino zu einer konfliktfreien Zone macht, in der jeder Diskurs verhindert wird.

Ausnahmen bilden nur noch wenige bekannte Autoren, die in früheren Zeiten ein Publikum aufgebaut haben (Almodóvar, Allen, Polanski, Ozon etc.) oder als Provokateure auftreten (Tarantino, von Trier, Haneke). Wer nachkommen soll, ist indes unklar. Jüngere Regisseure finden in Deutschland kaum statt. Selbst etablierte Festivalgrößen wie Hong Sang-soo, Nuri Bilge Ceylan oder Abbas Kiarostami sind im Kinoprogramm selten bis gar nicht vertreten. Wem ist die Schuld dafür zu geben? Den ersten Reaktionen auf das Flugblatt nach zu urteilen, fühlen sich vor allem Kinobetreiber zu Unrecht angegangen. Denn ihre Situation liege an den Vertriebsstrukturen, diese seien anzuprangern, nicht ihre Arbeit. Ein jeder redet sich auf die Pragmatik heraus. Das Denken ist erstarrt. Auch bei jenen, die Jahr um Jahr die Förderpreise in ihr Budget einkalkulieren. Ein letztes Zitat aus Gass’ Rede:

„Wir alle aber wissen, dass das Kino als Auswertungsform von Filmen massiv an Bedeutung verliert. Wer daher wissen will, wie es um das Kino bestellt ist, liest den Wirtschaftsteil der Zeitung. In diesem wurde am 8. April berichtet, das hoch defizitäre Duisburg leiste sich ein „defizitäres kommunales Kino“. Niemandem ist wahrscheinlich aufgefallen, dass es in der Natur eines kommunalen Kinos liegt, defizitär zu sein, niemand fände es der Erwähnung wert, dass rund die Hälfte aller Kulturausgaben in Theater- und Opernhäuser fließt, die allesamt „defizitär“ sind. Wir können dem Kino gerade dabei zuschauen, wie es als Geschäftsmodell verschwindet. Jetzt müssen wir uns entscheiden, was es uns als Kulturtechnik wert ist; denn Kino war immer auch eine bestimmte Wahrnehmungsform, die uns für eine gewisse Dauer zwang, anders zu sehen und zu empfinden, und sich dadurch von allen anderen Künsten unterschied.“

Ich glaube, die Verantwortung der Kritik ist in dieser Hinsicht enorm und sie ist bisher viel zu verhalten. Das Flugblatt, das wir in Oberhausen zu fünft spontan verfasst und verteilt haben, das inzwischen einige andere mitunterzeichnet haben, ist insofern vor allem an uns Kritiker selbst gerichtet. Wir wollen, trotz aller Konsequenzen, die das birgt, nicht mehr so weitermachen. Wir wollen nicht weiter hinnehmen, dass wir das System stützen, das uns als Publikum kaum mehr adressiert. In Oberhausen fühlten wir uns angesprochen, das wollen wir weitertragen.

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