(Ganz) Junge Kritik: Snow


Hoffnungen auf Wiederkehr nach dem Krieg

 

Ein altes bosnisches Dorf, abgeschottet von dem Fortschritt des 20. Jahrhunderts, teilt mit dem Zuschauer seine Trauer und Sorge um seine im Krieg verschollenen Männer.

Die kleine Dorfgemeinschaft setzt sich aus sechs Frauen, fünf kleinen Kindern und dem einzigen Mann, einem alten Imam, zusammen. Sie versuchen, nun ganz auf sich allein gestellt, ihre Existenz durch landwirtschaftliche Produkte zu sichern. Jedoch ist das anfangs nicht das Ziel aller, so reagieren einige Bewohner des Dorfes positiv auf ein Angebot eines Unternehmers, der ihnen ihr Land abkaufen möchte. Doch die Protagonistin Alma (Zana Marjanovi?), hält an der Idee ihres verlorenen Mannes fest und versucht die anderen zu überzeugen.

Den gesamten Film durchzieht eine fast drückende Ruhe, die einerseits durch den Nebel, der den Anschein erweckt das Dorf zu isolieren (wie ein Einweckglas), sowie durch die karge Musik verdeutlicht wird.

Die Eintönigkeit der Handlung wird durch die starke Präsenz der Dorfgemeinschaft verstärkt. So werden oft die spielenden Kinder gezeigt und die arbeitenden Frauen, die zusammen die Tristesse der Szenen ausmachen.

Aida Begi? kommen die aktuellen Geschehnisse um die Teilung Bosniens-Herzigovinas zu Gute, um das in Vergessenheit geratene Thema der Probleme der 90er Jahre in Jugoslawien wieder aufzugreifen. So zeigt sie in einer ganz eigenen Art die Schicksale nach dem Krieg, ohne Bilder der Gewalt zu verwenden. Es gelingt ihr jedoch nicht, jeden Betrachter in den Bann zu ziehen und das Mitgefühl für die Situation der männerlosen Gemeinschaft zu erwecken.

Kritik von Roland Koch und Franziska Jens (Oranienburg)
 



Kriegskinder

„In jedem Witz steckt auch eine halbe Wahrheit.“ Witzig ist es selten im vom Balkankrieg zerstörten, bosnischen Dorf Slavno. Nur wenn die überlebenden Frauen ihre verstorbenen Ehemänner und andere tote Familienmitglieder pantomimisch darstellen, um ihre Kinder aufzuheitern, wird, so makaber dies auch klingen mag, gelacht. Die verbliebenen Dorfbewohner in Aida Begics Snijeg (Schnee) müssen sich zwei Herausforderungen stellen: Zum einen dem täglichen Kampf ums Überleben, zum anderen der verzweifelten Suche nach vermissten und tot geglaubten Angehörigen. Unter der frustrierten Dorfbevölkerung keimt jedoch neue Hoffnung auf, als ein zufällig vorbeikommender Lastwagenfahrer verspricht, sämtliche Erzeugnisse aufzukaufen, und ihnen somit zu bescheidenem Wohlstand zu verhelfen. Zeitgleich versucht jedoch ein großer Baukonzern sich die gesamten Ländereien anzueignen und alle Bewohner aus ihrer Heimat zu vertreiben. Nur Alma (Zana Marjanovic), eine der Anwohnerinnen, deren Ehemann im Krieg fiel, glaubt noch an den finanziellen Aufstieg ihres Dorfes durch den Handel mit eingelegtem Obst.

Begics stark autobiografisch geprägter Film vermittelt ein sehr authentisches Bild der Nachkriegssituation in Bosnien, wirkt allerdings nicht dokumentarisch, da er auch einige fantastische Elemente, wie die binnen weniger Stunden lang wachsenden Haare eines Waisenjungen im Dorf, beinhaltet. Auch die ungewöhnlich lange Produktionszeit von fünf Jahren trug zu Snijegs außergewöhnlich hoher Qualität bei. Die Schauspieler hatten Zeit sich mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen und entwickelten, laut der Regisseurin, aus einer skizzenhaften Drehbuchvorgabe selbst Charaktere mit tiefer Prägung. So ist etwa der Gesang eines der überlebenden Mädchen kein traditionelles bosnisches Kinderlied, sondern eine während der Dreharbeiten entstandene Eigenkomposition der jungen Darstellerin.

Als die Frauen am Ende des Films die bislang verschollenen Körper ihrer toten Angehörigen finden und diese begraben können, fällt der erste Schnee, der sich über die Schmerzen der Vergangenheit legt und ihnen ermöglicht, darin Spuren einer neuen friedvolleren Zeit zu hinterlassen.

Kritik von Moritz Bürger, Sebastian Gratz, Marius Lang und Dominique Epple (Nürtingen)
 



Am Webstuhl

Abgeschieden von der Zivilisation, in einem kleinen Dorf, sitzt eine alte Frau in einem Zimmer und zerschneidet Stoffreste.

Ruinen, notdürftig geflickte Häuser, eine eingestürzte Moschee und zerrissene Beziehungen; Kinder ohne Eltern, Frauen ohne Männer: Nachkriegszeit in Bosnien. Eine Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnerung und Realität: Die Protagonistin Alma (Zana Marjanovic) hat ihren Mann durch den Krieg verloren und lebt bei ihrer Schwiegermutter, eine Kiste mit Gegenständen aus der Vorkriegszeit versteckt sie unter ihrem Bett. Dem Zuschauer werden hart arbeitende Frauen präsentiert, die ihre Existenz durch das Einmachen von Früchten und deren Verkauf sichern wollen. Eindrucksvolle Großaufnahmen der Gesichter zeigen die Spannungen, die auf die Kriegserlebnisse zurückzuführen sind.  

Die alte Frau sitzt in ihrem Zimmer und arbeitet daran, die einzelnen  Stoffstreifen miteinander zu verweben.

Ein Hoffnungsschimmer kommt auf, als den Bewohnern, von einem Geschäftsmann und einem Serben angeboten wird, ihren Besitz zu verkaufen und ein neues Leben zu starten. Fragen beantworten, sich der eigenen Gefühle bewusst werden und Entscheidungen zu treffen; dies wird in diesem Film von den Protagonisten gefordert. Konflikte sind vorprogrammiert, da unterschiedliche Lebenspläne zusammenprallen. Die Zuspitzung tritt ein, als etwas zu melodramatisch inszeniert der Winter einbricht. 

Trotz vieler verschiedener Motive ist Aida Begic ein geschlossenes Ganzes gelungen: Ruinen und Blumen, Minenfelder und reiche Ernte, Heimat und Fremde, Feindschaft und Vergebung werden durch einfühlsam montierte Bilder verdeutlicht. Nur wenn man es schafft die "Fetzen" der Vergangenheit zu bewältigen und neu zu ordnen, ist man bereit für eine bessere Zukunft.

Das Werk der alten Frau ist fertig.

Viele bunte Streifen sind zu einem Ganzen geworden; ein Kelim ist entstanden. Fünf Jahre Arbeit hat die Regisseurin investiert, um ihren Teppich zu weben, ein gelungenes Werk von einer starken Frauenhand, bei dem bei aller Farbenpracht nichts zufällig ist.

Kritik von Julia Hausmann und Janice Thelen (Neuwied)
 



Leise rieselt der Schnee...

Fotos, ein Brille, ein Rasierer. Die einzigen Überbleibsel, die der weiblichen Dorfgemeinde bleiben. In dem kleinen Dorf Slavno haben sich die letzten Überlebenden der Dorfgemeinschaft zusammengeschlossen. Der bosnisch-serbische Krieg hat ihre Familien gespaltet, die Behausungen größtenteils zerstört und ihre Zukunft ungewiss gemacht. Mehr oder weniger gezwungen, müssen sie kooperieren, ihre Differenzen überbrücken und gegenseitig Vertrauen aufbauen. Aus vielen verschiedenen Charakteren bildet sich eine große Familie, die sich gemeinsam durch die Schneestürme tastet.

Aida Begic portraitiert in ihrem Film Snijeg (snow) sechs starke, sehr unterschiedliche Frauen, die vom Schicksal schwer getroffen, versuchen sich eine neue Existenz aufzubauen. Die tägliche Suche nach Geld und einem glücklichen Leben macht dem Zuschauer die Not nach dem Krieg und die Gebundenheit an die Erinnerungen bewusst. Besonders der langsame Rhythmus des Films und das nach und nach sich bildende Crescendo verdeutlichen die langsame Evolution der Charaktere, die am Ende wieder an den Ausgangspunkt gelangen. Die Totalen, hauptsächlich im Freien gedreht, unterstreichen zudem die Einsamkeit und Isolation der Bewohner, die durch ihre lebhaften Erinnerungen im Dorf festgehalten werden. Der Zuschauer nimmt zwar an den Emotionen und dem Geschehen teil, ist aber nicht aktiv involviert.  Diese Passivität wird auch von der mangelnden Bewegung der Kamera verstärkt; umso mehr fixiert sie sich auf die einzelnen Gesichter und bringt so gut Emotionen rüber, wie zum Beispiel in der Szene, in der die strenggläubige, muslimische Alma, von Erinnerungen geplagt, weint. Jedoch erlischt die Hoffnung eines jeden Einzelnen nicht. Alle scheinen ihren eigenen Ausweg wie sie sich am Besten mit der Vergangenheit auseinander setzen gefunden zu haben. So auch im Falle Almas, die beim täglichen Gang zur Gebetsstätte von einem göttlichen Licht und engelsartiger Musik zu begleitet werden scheint.

„Schnee ist nicht nur da, um Landschaften zu bedecken, sondern auch um seine Spuren zu hinterlassen.“

Kritik von Lara Gretscher, Clara Dacharry (Saarbrücken)


Snijeg (Snow); Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich 2008; 99 Minuten; Regie: Aida Begic; Drehbuch: Aida Begic, Elma Tataragic; Produzent: François d'Artemare, Benny Drechsel, Karsten Stöter, Elma Tataragic; Mit Zana Marjanovic, Jasna Ornela Bery, Sadzida Setic, Vesna Masic, Emir Hadzihafizbegovic, Irena Malamuhi, Jelena Kordic, Alma Terzic, Muhamed Hadzovic, Jasmin Geljo, Dejan Spasic

Diese Kritiken sind entstanden im Rahmen von La Toute Jeune Critique
Semaine internationale de la Critique de Cannes 2008.



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