Filmfest München 2008

„Change we can believe in“ ist nicht nur das Motto des US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Auch das Filmfest München scheint an den Wandel zu glauben. Den Abschied von Klaus Eder und Ulla Rapp, zwei langjährigen Programmmachern, nutzte das Filmfest für eine deutliche Verjüngung im Auswahlkomitee. Programmatische Veränderungen sind allerdings bislang kaum bemerkbar. Die gewohnte Sektionsaufteilung blieb unverändert bestehen, und in der Filmauswahl verbirgt sich der bewährte Mix aus Festivalhits, internationalen Independentfilmen, einer Prise Autorenkino sowie einer Unmenge an lokalen und nationalen Produktionen.

Wolke Neun

Womöglich langweilt es die Leser, immer und immer wieder von Andreas Dresen und Christian Petzold als den großen deutschen Regisseuren unserer Zeit zu lesen. Nur bestätigt sich dieser Eindruck ein ums andere Mal. Wo Petzolds letzter Film Yella (2007) den Gesamteindruck der vorvergangenen Berlinale hob, verhalf Dresen dem deutschen Film nun in Cannes mit Wolke 9 zu Ansehen. Auf dem Filmfest München feierte die Geschichte um eine Frau jenseits der 60, die sich noch einmal verliebt, Deutschlandpremiere. Schon in der ersten Sequenz beweist Dresen die Fähigkeit, ohne Worte Zusammenhänge herzustellen: Auf Nähmaschinenrattern folgt eine Tramfahrt und schließlich Inges Besuch bei Karl, der sie unbeholfen in die Wohnung bitten und sich unten herum freimachen wird, um seine Hose zu probieren. Wie bei Petzold und Truffaut liegt in Details die ganze Wucht der Liebe und Tragik.

Die Klasse

Das Herzstück von Die Klasse (Entre les murs) sind die geradezu überwältigenden Dialoge zwischen dem Klassenlehrer François und seinen Schülern in einem unterprivilegierten Pariser Arrondissement. Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfests und Gewinner der Goldenen Palme in Cannes spielt fast ausschließlich in den vier Wänden des Klassenraums und entwickelt dabei eine überraschende Dynamik, die zu großen Teilen von den Laiendarstellern getragen wird. Regisseur Laurent Cantet (In den Süden, Vers le sud, 2005) inszeniert die Adaption des gleichnamigen autobiografischen Romans von François Bégaudeau, der sich zudem selbst spielt, in einem schlichten Digital-Stil, der ganz nah an den Protagonisten bleibt, ohne je gefällig zu wirken.

Waltz with Bashir

Einen vollkommen anderen Weg geht der autobiografische Waltz with Bashir von Ari Folman, der ebenfalls im Wettbewerb von Cannes für Furore sorgte. Der Animationsfilm setzt von Beginn an auf exzessive Stilisierung. Hinter dem widersprüchlichen Etikett des „ersten animierten Dokumentarfilms in Spielfilmlänge“, mit dem er vermarktet wird, verbirgt sich ein durchaus spannendes Konzept von Vergangenheitsbewältigung mittels Animationen. Regisseur Ari Folman macht sich auf die Suche nach seinen verdrängten Erinnerungen an den Libanonkrieg von 1982, in dem er als junger israelischer Soldat kämpfte. Waltz with Bashir verbindet Traumsequenzen, sich verdichtende Erinnerungsfetzen sowie Interviews mit Experten, Augenzeugen und früheren Kameraden. Die Animationen dienen dabei als Ausdrucksmittel für die zentrale These der Unmöglichkeit einer akkuraten Rekonstruktion. Zugleich bieten sie in Kombination mit dem poppigen Soundtrack eine Möglichkeit zur Distanzierung von den Grauen des Krieges.

Extraordinary Rendition

Diese Woche hat die Organisation World Public Opinion das Ergebnis einer aktuellen Umfrage verlautbaren lassen. Demnach seien 57 Prozent der 19.000 weltweit Befragten gegen Folter zur Informationsbeschaffung in Terrorfragen. Jim Threapletons Regiedebüt Extraordinary Rendition (2007) bezieht sich im Titel, wie der parallel entstandene Rendition (2007) des Oscar-Preisträgers Gavin Hood, auf umstrittene Praktiken des amerikanischen Geheimdienstes CIA zur „außergewöhnlichen Auslieferung“. Gemeint ist die Verschleppung Terrorverdächtiger in Länder, deren Gesetze in Sachen Folter dehnbarer sind als in der Heimat.
Seit dem elften September 2001 ist Staatsraison ein großes mediales Thema. Amerikanische TV-Serien, allen voran 24 (seit 2001), haben eine Affinität für Verhöre und Folter entwickelt. Ganz zu schweigen von der Kino-Horror-Erfolgswelle um die Saw- (Saw, 2004; Saw 2, 2005; Saw 3, 2006; Saw 4, 2007) und Hostel-Reihen (Hostel, 2005; Hostel 2, 2007).
Tatsächlich ist Threapleton dem Horror weit näher als sein Kollege Hood. Wo es in der amerikanischen Vision eine dramatische Rettungsaktion samt Wiedervereinigung der Familie gibt, führt das britische Pendant die Irreparabilität des Schadens vor. Threapletons kurzer Low-Budget-Film ist inszenatorisch äußerst schlicht und konventionell, was ihn auszeichnet, ist seine jederzeit spürbare Wut.

Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra

Politischen Themen widmen sich auch die italienischen Filme Il Divo und Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (Gomorra). Paolo Sorrentinos Il Divo ist eine Art Anti-Porträt Giulio Andreottis, siebenmaliger Premierminister mit angeblichen Mafia-Verwicklungen. In einem schier ungebändigten Rede- und Bilderschwall werden Zusammenhänge gebildet und wieder in Frage gestellt, ständige Zooms und Kamerafahrten führen die Dramatisierungen des Plots ad absurdum, flankiert vom köstlich übertriebenen Schauspiel des herausragenden Ensembles um Toni Servillo. Noch viel stärker Ensemblefilm als Il Divo, ist die epische Bestselleradaption Gomorrha ein episodisch angelegtes Tableau der süditalienischen Mafiaorganisation Camorra. Mit detailgetreuer Aufmerksamkeit zeichnet Matteo Garrone die unterschiedlichen Protagonisten und entfaltet ihre Schicksale, die nie bloß im Dienste der Geschichte stehen. Dieses humanistische, aber selten beschönigende Unterfangen leidet lediglich am einengenden Spielfilmformat, das Gomorrha immerhin auf 135 Minuten dehnt.

Le deuxième souffle

Mit großen Erwartungen hatte man auch Alain Corneaus (Wahl der Waffen, Le choix des armes, 1980) stargespicktem Remake von Jean-Pierre Melvilles Le deuxième souffle (1966) entgegengeblickt. Die Enttäuschung hielt sich nicht in Grenzen. Lino Venturas Silhouette ist in diesem Fall zu groß für den neuen Hauptdarsteller Daniel Auteuil, und der Regisseur verliert sich in einem seltsamen Retro-Chic. Corneau belässt José Giovannis Geschichte im Frankreich der sechziger Jahre. Melvilles unvergleichlichem Schwarzweiß setzt er dabei eine Neon-Ampelfarbenwelt entgegen, die ihresgleichen sucht. Verkantete Einstellungen und grafische Gewalt sollen dem Stoff eine moderne Fasson geben, was einzig dazu führt, das zeitlose Thema um Ehre und Verrat zu banalisieren.

Stilles Licht

In der Sektion „Visiones Latinas“, in der in diesem Jahr ein Fokus auf das äußerst produktive Filmland Mexiko gelegt wurde, bot das Filmfest erneut einen breit gefächerten Überblick über das lateinamerikanische Kino. Nachdem Carlos Reygadas’ erste zwei Filme Japón (2002) und Battle in Heaven (Batalla en el cielo, 2005) bereits in München vertreten waren, gab es mit Stilles Licht (Stellet Licht) nun auch sein neuestes Werk zu sehen.
Für einen mexikanischen Film ist Stellet Licht in einem ungewöhnlichen Milieu angesiedelt. Im Mittelpunkt steht eine deutschstämmige Minderheit, die im Norden von Mexiko in der Abgeschiedenheit lebt und mit ihrer Traditionsverbundenheit und tiefen Religiosität ein wenig an die Amish People erinnert. Vor diesem Hintergrund erzählt der Film das universelle Liebesdrama von Johan, der seine Frau Ester mit einer anderen betrügt und sich zwischen den beiden Frauen nicht entscheiden kann. In den sorgfältig komponierten Cinemascope-Bildern spielt die Natur eine entscheidende Rolle, sei es als Ruhepol gegenüber der dramatischen, wenn auch sehr langsam und konzentriert erzählten Handlung oder als Vorahnung einer herannahenden Katastrophe. Mit Stellet Licht ist Reygadas ein auf völlig unaufdringliche Weise spiritueller Film gelungen, der seine Zuschauer mit hypnotischer Sogkraft langsam in seinen Bann zieht.

Los Bastardos

Der ebenfalls mexikanische Regisseur Amat Escalante hat als Assistent von Reygadas angefangen und bereits vor drei Jahren mit Sangre sein Debüt in München vorgestellt. Die ruhige Erzählweise und die wertfreie Beschäftigung mit menschlichen Abgründen rücken ihn in die Nähe seines Mentors. In Los Bastardos erzählt Escalante von zwei mexikanischen Schwarzarbeitern, die in Kalifornien die Frau ihres Auftraggebers töten sollen. Auch wenn die rot gefärbte Leinwand und die schleppenden Metal-Riffs nahe legen, dass es sich hier um einen typischen Arthaus-Schocker handelt, hat Los Bastardos sehr viel mehr zu bieten. Wenn die beiden unbeholfenen Auftragskiller die Frau in ihrer Gewalt haben, entsteht zwischen den ambivalent gehaltenen Figuren ein ungewöhnliches Spannungsverhältnis. Freundschaftliche Annäherungen und gemeinsamer Drogenkonsum wechseln sich mit sexueller Nötigung und einem klar definierten Opfer-Täter-Verhältnis ab. Dass die undurchsichtige Beziehung zwischen den Schwarzarbeitern aus ärmlichen Verhältnissen und der lebensmüden Ehefrau und Mutter so spannend bleibt, liegt vor allem am ungewissen Ausgang dieser Situation.

24 City

Mit der Reihe „Das Jahr des Drachen“ widmete sich das Filmfest gleich mit zwölf Filmen dem jungen chinesischen Kino. Neben Dokumentationen und den Filmen noch unbekannter Regisseure war ein bekannter Vertreter des chinesischen Films gleich mit drei Beiträgen vertreten. Neben Jia Zhang Kes neuen Dokumentationen Nutzlos (Wu yong) und 24 City (Er shi si cheng ji) gab es mit Xiao Ja – Heimwärts (Xiao Ja – Going Home) auch einen Film über den Regisseur selbst zu sehen.
In 24 City erzählt Jia Zhang Ke erneut in betörend schönen melancholischen Bildern von Menschen inmitten der rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Chinas. Der Film vereint fiktionale und reale Interviews mit mehreren Generationen von ehemaligen Arbeitern der Fabrik 420 in Chengdu, in der Ersatzteile für Militärflugzeuge hergestellt wurden. Zwischen den Gesprächen, in denen die Arbeiter von ihren persönlichen Erinnerungen erzählen, zeigt der Film immer wieder Menschen bei der Arbeit, den Abriss der Fabrik und die Planung des an dieser Stelle errichteten Gebäudekomplexes 24 City. In einer beeindruckenden Synthese aus Fiktion und Dokumentation erzählt Jia Zhang Ke anhand mehrerer Einzelschicksale die Geschichte Chinas vom Ende der Kulturrevolution bis heute.

Nachtzug

Ähnlich wie 24 City funktioniert auch Nachtzug (Ye che) von Diao Yi Nan vor allem über seine besondere Ästhetik. In kalten Bildern erzählt der Film vom Doppelleben einer jungen Frau. Während Wu Hongyan tagsüber für die Regierung zum Tode Verurteilte exekutiert, organisiert sie abends Single-Partys in der Vorstadt. Als sie eine Affäre mit dem Mann einer von ihr hingerichteten Frau beginnt, gerät ihr Leben ins Wanken. Diao Yi Nan schickt seine Zuschauer auf eine Reise in das Dunkle der menschlichen Seele. Auf schonungslose Weise zeigt er, wie sich hinter der Gleichgültigkeit der Protagonistin gegenüber den Verurteilten ein unerfülltes Bedürfnis nach Liebe verbirgt.

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