Filmfest München 2007

Neben dem silbernen Jubiläum des Festivals an der Isar, stand das Münchner Filmfest in diesem Jahr auch ganz im Zeichen eines Abschieds und einer bevorstehenden Wende. Ulla Rapp, Leiterin der Reihe American Independents und Klaus Eder, verantwortlich für die Visiones Latinoamericanas, das Neue Asiatische Kino sowie gemeinsam mit Robert Fischer für das Internationale Programm werden im nächsten Jahr nicht mehr das Programm des Filmfests mitgestalten. Unabhängig davon, wie man Eders und Rapps Programmauswahl bewertet, haben sie das Festival maßgeblich mitgeprägt und auch in diesem Jahr vertretene Regisseure wie Gregg Araki und Arturo Ripstein als Stammgäste etabliert.

 

Werkschauen

 

Ein Filmfestival, das William Friedkin ehrt und mit einer Auswahl seiner Filme aufwartet, hat eigentlich schon gewonnen. Vor allem, wenn zu Beginn gleich eine restaurierte stechend klare Kopie von French Connection – Brennpunkt Brooklyn (French Connection, 1971) gezeigt wird, die einzige autorisierte Kopie von Leben und Sterben in L.A. (To Live and Die in L.A., 1985) läuft, Der Exorzist (The Exorcist, 1973) stilgerecht als Midnight Movie präsentiert wird und Cruising (1980), nach wie vor einer der verstörendsten Filme die je auf Zelluloid projiziert wurden, als krönender Abschluss fungiert. Im direkten Anschluss an ein öffentliches Gespräch mit dem sonst so öffentlichkeitsscheuen neurotischen Maestro höchstpersönlich.

Warum also „eigentlich“? Nun, das beginnt ebenfalls bei und mit Friedkin. Denn die in München gezeigte Filmreihe deckt gerade einmal ein Drittel seines Schaffens ab. Vor allem den in Europa so seltenen Sorcerer (1977) vermisst man bitterlich. Genauso wie die gesamten frühen Dokumentarfilme.

Davon gibt es dann bei einer anderen Retrospektive umso mehr zu sehen. Als wolle man alles bei Friedkin verpasste wieder wettmachen, bot das Filmfest München die wohl umfangreichste Werkschau Werner Herzogs, die es jemals gab. In diesem Fall schien es dann auch egal zu sein, in welcher Verfassung sich die Kopien befanden. Herzog stand ebenfalls zum Filmgespräch bereit und stellte sein neuestes Werk vor.

Rescue Dawn (2006) ist eine Art Fiktionalisierung des Dokumentarfilms Flucht aus Laos – Little Dieter needs to fly (1997). Dieter, das ist in diesem Falle Christian Bale. Und Bale, das kann ohne jegliche Übertreibung gesagt werden, ist die Sensation dieses Films, der völlig unbeeindruckt so tut, als habe es noch keine Kriegs/Flüchtlings/oder Gefangenenfilme gegeben. Denn Rescue Dawn macht einen glauben, dass es heute noch Filme geben kann, die hinter das post-histoire zurücktreten, die ohne Zitate auskommen. Vor allem aber kommt Rescue Dawn beinahe vollständig ohne technische und vor allem ohne Computereffekte aus. Er kommt im Grunde genommen auch fast komplett ohne Stuntmen aus, denn Christian Bale, der seines Zeichens immerhin eine Doppelexistenz als Batman führt, und damit einer der höchstbezahlten Stars Hollywoods ist, macht schlichtweg alles selber. Das gibt diesem Film, der sich so sehr gegen dramaturgische Volten wehrt, eine ganz besondere Aura.

 

Schauspieler

 

Christian Bale, so könnte man argumentieren, das ist der aufregendste Schauspieler seiner Generation. Der macht Dinge, die hat es vorher so nicht gegeben. Er treibt Sachen voran. Das verbindet ihn mit Marlon Brando, dem herausragenden Schauspieler der fünfziger Jahre, und, wenn man der nach ihm benannten fast dreistündigen Dokumentation von Turner glauben darf, aller Zeiten. Das sagt jedenfalls John Turturro. Einer von unzähligen Stars und Größen, die in diesem weitestgehend konventionellen Porträt zu Wort kommen. Das Seltsame an diesem Film, trotz aller witzigen und ergreifenden Anekdoten, bleibt das Gefühl, all dies hätte gar nicht mehr gesagt werden müssen. Die vielen Filmausschnitte genügen vollkommen. Und wenn schon so viel gesprochen wird, warum dann nicht mit Francis Ford Coppola? Warum wird das Kurzengagement Kubricks bei Der Besessene (One-Eyed Jacks, 1961) völlig verschwiegen? Oder die Dreharbeiten zu seinem letzten Film The Score (2001)? Sein Co-Star Edward Norton kommt zwar zu Wort, bleibt aber bei Allgemeinplätzen. Wesentlich interessanter wären da schon die Äußerungen Robert De Niros gewesen, der bei diesem Film in den Szenen mit Brando auf dessen Geheiß immerhin die Regie von Frank Oz übernehmen musste. Der außerdem in Der Pate II (The Godfather Part II, 1974) den jungen Vito Corleone verkörperte und somit zum Star wurde. Der darüber hinaus vielleicht auch Einspruch erhoben hätte, was die sechs besten Performances am Stück angeht. Schön wären auch Worte des zweiten Tennessee-Williams-Kino-Heroen, Paul Newman gewesen. Nun, hätte, wenn und aber.

 

Kein Abel

 

Immerhin bot das Festival manchmal ungeplante Double Features. Etwa wenn auf Breach, den besseren Der Gute Hirte (The Good Shepherd), Salty Air (L’Aria Salata) folgte. Beides quasi Vater-Sohn-Geschichten, bei denen Daddy in den Knast muss. Einmal bittet er: „Pray for me“.

Auch als Double Feature, nicht bei den raren Pressevorführungen, sondern im regulären Programm, konnte man Friedkins Leben und Sterben in L.A. und Ferraras Go Go Tales buchen. Beide mit William Dafoe in zentraler Rolle, einmal zu Beginn seiner Karriere, einmal am vorläufigen Ende.

Dass ein Festival Abel Ferrara beziehungsweise dessen neuesten Film einlädt, ist wenig verwunderlich. Schließlich hat er mit Die Frau mit der 45er Magnum (Ms. 45, 1981) und Bad Lieutenant (1992) (Harvey Keitel lässt Brando und Bale grüssen, meldet ebenfalls Anspruch auf die exzessivste Darstellung an) zwei Meilensteine des dreckigen amerikanischen Underground- und Independentkinos gedreht. Andererseits ist ihm seit Das Begräbnis (The Funeral, 1996) kein wirklich guter Film mehr gelungen. Und der ist nun schon über zehn Jahre alt! Wenn es noch irgendeines Beweises für den Niedergang Ferraras bedurft hätte, dann liefert diesen ausdrücklich Go Go Tales.

Filme über Stripperinnen, Geschichten vom Ausziehen, das klingt kamerafreundlich und endet doch häufigst im kinematographischen Desaster. Showgirls (1995), Striptease (1996) und Dancing at the Blue Iguana (2000) sind nur einige Beispiele der jüngeren Vergangenheit. Dass es auch anders geht, hatte Atom Egoyan zuvor mit Exotica (1994) bewiesen. Jener Egoyan, bei dem Bob Hoskins als triebgestörter serienmordender Spitzenkantinenkoch in Felicia’s Journey (Felicia, mein Engel, 1999) eine seiner eindringlichsten Darstellungen lieferte. Seine Figur des Barons in Go Go Tales erinnert an seinen schauspielerischen Meilenstein, den rasenden, langsam entgleisenden Clubbesitzer und Gangster in The Long Good Friday (Rififi am Karfreitag, 1980). Doch Ferrara mag weder ihm, noch Willem Dafoe, Matthew Modine, Asia Argento oder irgendeinem der anderen Darsteller etwas zu entlocken. Von einer Inszenierung der Schauspieler ist nichts zu bemerken. Vermutlich ist dies auf Ferraras Improvisationsstil zurückzuführen, der hier allerdings keinen Freiraum, sondern nur Leere produziert.

 

Französische Debüts

 

Dezidiert als Double Feature angelegt waren auch in der französischen Reihe Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma soeur et mon frère, René Allios Klassiker aus dem Jahre 1976, und Retour en Normandie, der neue Dokumentarfilm von Nicolas Philibert. Damals Allios Regieassistent, kehrt Philibert 30 Jahre später zurück an den Ort der Dreharbeiten, um die Genealogie des Films zu skizzieren. Fast zärtlich ist sein Blick auf die Dorfbewohner, die damals als Laiendarsteller ihren ersten und einzigen Film machten. Philibert gibt ihnen viel Zeit zu reden und lässt die Kamera immer noch einen Moment weiterlaufen. Wenn sie mit ihrer Erzählung fertig sind und verlegen oder fragend zum Regisseur blicken, sind das die authentischsten Momente des Films. Mehrfach versucht er, die traditionellen bäuerlichen Gesten einzufangen, die bereits in Moi, Pierre Rivière zu sehen waren, etwa das Schütteln und Ernten eines Apfelbaums. Aber der Zuschauer muss auch die Schlachtung eines Schweins in voller Länge ertragen, um dann in der nächsten Sequenz mit auf den Friedhof genommen zu werden, wo auf Grabsteinen nach Spuren von Pierre Rivières Opfern gesucht wird...

Um eine andere Form der Unerträglichkeit von Bildern geht es in Gabriel Le Bomins Langfilmdebüt Les Fragments d’Antonin, nämlich um die Erinnerungen der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, deren traumatische Schockerlebnisse damals erst als geistige „Wunden“ von der Medizin entdeckt wurden. Konsequent wäre es gewesen, die fragmentarischen Erinnerungen des Patienten Antonin (Grégori Derangère) in die narrative Struktur des Films zu übersetzen. Le Bomin arbeitet zwar mit Rückblenden in verschiedene Zeitebenen, hält aber im Grunde an einer linear-kausalen Geschichte fest, an der man die Wahrhaftigkeit vermisst.

Überzeugender waren die Regiedebüts von Jacques Fieschi und Jean-Pierre Darroussin. Fieschi, langjähriger Filmkritiker bei den Cahiers du Cinéma und erfahrener Drehbuchautor, reüssiert mit La Californie, einer Georges-Simenon-Adaptation, ein sensibles Psychodrama mit einer umwerfend starken Nathalie Baye.

Der Schauspieler Darroussin stellte in München Le Pressentiment vor, in dem er in Personalunion Regie, Drehbuch und Hauptrolle verantwortete. Daneben war er als einer der Hauptdarsteller in Jean Beckers Dialogue avec mon jardinier und Jérôme Bonnells J’attends quelqu’un zu sehen. In diesem unbeabsichtigten Triple Feature bestätigt sich das ganze Können dieses wunderbaren Schauspielers, sein Talent für innerliche, melancholische Charaktere, die immer auch eine Prise clownesque Komik in ihren Bewegungen haben. In Beckers massentauglichem Melodrama verkörpert er einen redseligen pensionierten Eisenbahner, der einem ehemaligen Volksschulkameraden, einem Pariser Maler und Bohème (Daniel Auteuil), das wahre Leben lehrt. Für Jérôme Bonnells erstaunlich reifen dritten Langfilm spielt er einen in sich gekehrten Bistrobesitzer, der unglücklich in eine Prostituierte verliebt ist. Meisterlich gelingt ihm die Innenschau des Protagonisten in seinem eigenen Film. Ein Mittvierziger verabschiedet sich aus seinem großbürgerlichen Pariser Milieu, um ein bescheidenes Leben als Schriftsteller in einem ärmlichen Stadtviertel zu beginnen. Die Adaptation des gleichnamigen Romans von Emmanuel Bove besticht durch die subtile Figurenzeichnung auch der Nebencharaktere, dem feinen Humor in der Darstellung von Details und der existentiellen Größe des Sujets. Man wünscht diesem Film, dass er einen deutschen Verleih findet.

 

Prämierte Filme

 

Um andere Filme muss man sich hinsichtlich des Verleihs wiederum keine Sorgen machen. Ulrich Seidl stellte in München etwa seinen neuen Film Import Export vor, der die parallel laufenden Geschichten einer Ukrainerin und eines Österreichers erzählt, die aus finanziellen Nöten in das Land des anderen gehen. Erneut zeigt Seidl darin einen genauen Blick für menschliche Abgründe und setzt inmitten menschlicher und buchstäblicher Kälte auch kleine hoffnungsvolle Momente. Die strengen Bildkompositionen von Kameramann Wolfgang Thaler, die mittlerweile zu Seidls Markenzeichen geworden sind, werden diesmal durch die Arbeit seines prominenten Kollegen Ed Lachman bereichert.

Jia Zhang Ke verbindet in seinem bei den Filmfestspielen von Venedig prämierten Still Life, der ebenso wie Import Export schon einen deutschen Verleih hat, ebenfalls zwei scheinbar unzusammenhängende Geschichten von einem Mann und einer Frau auf der Suche. Weniger auf formale Symmetrie bedacht, gelingt es dem Film vor allem atmosphärische Bilder der vernebelten und zur Hälfte überschwemmten Stadt Fengjie einzufangen. Zwischendurch verliert sich Still Life (Sanxia haoren) allerdings immer wieder in durch Wortkargheit und betonten Pessimismus geprägte Klischees des zeitgenössischen chinesischen Kinos.

Neben den neuen Filmen von Seidl und Zhang Ke bewies das Münchner Filmfest auch mit der Deutschlandpremiere des Cannes-Gewinners 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 saptamini si 2 zile), dass es nach wie vor eine gute Gelegenheit bietet, Filme, die auf internationalen Festivals gezeigt und prämiert wurden, zu sehen. Mit ausgefeiltem dramaturgischen Talent erzählt der rumänische Regisseur Christian Mungiu fast in Echtzeit von zwei Studentinnen, die unter dem Ceausescu-Regime eine Abtreibung durchführen wollen. Dabei ist die wahre Stärke des Films, dass die repressive Enge des sozialistischen Regimes für den Zuschauer spürbar ist, obwohl sie nicht in Form plumper Kritik offen thematisiert wird.

 

Neue Perspektive

 

Im Gegensatz zu internationalem Arthouse-Kino wie diesem, das in der Regel auch problemlos seinen Weg auf heimische Leinwände findet, konnte man in einer Subreihe der Visiones Lationoamericanas ein noch völlig ungesehenes Kino entdecken. Mit vier vom Goethe-Institut in Lima extra für das Filmfest deutsch untertitelten Filmen wurde ein Einblick in das unabhängige Kino aus den Anden geboten. Mit Laiendarstellern und auf Video gedreht, bedienen sich die Filme bekannter Rahmenhandlungen eines Fantasy- oder Horrorfilms, beinhalten aber gleichzeitig folkloristische und spirituelle Elemente. El Tunche etwa erzählt von fünf Medizinstudenten, die im Urwald auf der Suche nach einem Heilmittel auf ein Monster treffen. Sicher muss man dem Filmfest anrechnen, dass mit einem Film wie El Tunche eine neue Kinoregion erschlossen wird, durch dessen amateurhafte Machart und mangelndes filmisches Feingefühl werden sich solche Filme im Westen jedoch kaum behaupten können.

 

Obsessive besessene Frauen

 

Nicht nur wegen der beiden Bélas, dem Theoretiker Balasz und dem Regisseur Tarr, gilt Ungarn traditionell als kleines aber wichtiges Filmland. Vor zwei Jahren tourte das überbordende, aberwitzige und düster leuchtende Musical Johanna durch die Festivallandschaft, gastierte in Hamburg und gewann den Spezialpreis der Jury in Sevilla. Opium – Diary of a Madwoman (Opium – Egy Elmebeteg No Naploja) von János Szász spielt ebenfalls in einem düsteren Sanatorium und hat eine jungfräuliche Heiligenfigur im Zentrum der Handlung, verzichtet allerdings auf Musicaleinlagen. Der auf den Tagebüchern des ungarischen Arztes Joszef Brenner basierende Film brennt sich mit einigen drastischen Szenen ins Gedächtnis ein, die vor allem vom pulsierenden expressiven Schauspiel Kirsti Stubos leben. Wie eine Kreuzung von Regeneration (1997), Einer flog über das Kuckucksnest (One flew over the Cuckoo’s Nest, 1975), Der Exorzist und 9 ½ Wochen (9 ½ Weeks, 1985) kommt dieser Film über die Begegnung Brenners mit einer rasenden Patientin daher. Die Frau glaubt sich vom Teufel besessen, den sie vor allem über Sexualität definiert.

Zwei Leidensgenossinnen bevölkern den australischen Romulus my father, ebenfalls nach einer autobiographischen Vorlage entstanden, sowie Black Snake Moan von Craig Brewer (Hustle and Flow, 2005). Alle drei Filme erzählen Liebesgeschichten, in denen Obsession und Destruktion dominieren. Eine noch augenscheinlichere Kohärenz weisen die Werke jedoch in Bezug auf ihr Frauenbild auf – und das ist gelinde gesagt problematisch. Black Snake Moan arbeitet sich eine ganze Weile an der Konstellation junge weiße Frau in Unterwäsche (Christina Ricci) angekettet bei altem schwarzen Mann (Samuel L. Jackson) ab. Exhibitionismus und Nymphomanie der Frau werden profan-tiefenpsychologisch mit inzestuösen Vergehen in der Kindheit gerechtfertigt, die Kamera nimmt dies jedoch genüsslich als Vorlage für einen exploitativen Blick. Ähnlich unheilbar von Schlampentum befallen ist Christina (Franka Potente), Deutsche im Australien der sechziger Jahre in Romulus, my father. Sie betrügt ihre Männer, vernachlässigt die Kinder, ist unfähig einen Haushalt zu führen und verursacht allerlei Unglück, Todesfälle inklusive. Ihr eigenes Leben nimmt sie sich schließlich auch. Ausgevögelt.

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