Festivalnotizen: Crossing Europe 2016

Das Linzer Festival ermöglicht eine filmische Reise über den Kontinent, die das Publikum mit Erfahrungen von Flucht und Migration, Ausgrenzung und Repression, Anpassungsdruck und Hierarchien konfrontiert – aber auch mit Figuren, die sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen und nach Selbstbestimmung streben.

Zur Wiedergutmachung ein Straßenfest

Der Kuafor aus der Keuppstrasse 14

Während der NSU-Prozess in München kein Ende zu nehmen scheint, kreist der Dokumentarfilm Der Kuaför aus der Keupstraße um einen Anschlag in Köln, der sich 2004 ereignet hat. Als dort vor einem türkischen Friseursalon am 9. Juni eine Nagelbombe explodierte, war lange Zeit unklar, wer hinter dem Anschlag steckte. Die Polizei ermittelte jahrelang gegen die Angehörigen der Opfer als Hauptverdächtige.

Der Regisseur Andreas Maus stellt die Geschäftsinhaber rund um den Friseursalon in der Kölner Keupstraße anhand von Tableaus vor, auf denen die Inhaber zunächst bewegungslos und dann bei der Ausführung ihrer Arbeit gezeigt werden. In einer leeren Halle werden die Geschäfte in der Straße mit Kreidezeichnungen à la Dogville (2003) markiert, die polizeilichen Ermittlungen anhand von Verhörprotokollen aus dem NSU-Untersuchungsausschuss, die von Schauspielern gesprochen werden, rekonstruiert. Die echten Opfer und Protagonisten erzählen aus ihrer Erinnerung von den zahlreichen Verhören und den verletzenden und entwürdigenden Verdächtigungen, die ihnen von Seiten der Polizei entgegenschlugen. Dass es sich um ein ausländerfeindliches Motiv handeln könnte, dieser Verdacht der Keupstraßen-Bewohner wurde von der Polizei konsequent ausgeschlossen. Erst als der Anschlag Jahre später dem NSU zugeordnet wurde, gab es den Versuch einer Wiedergutmachung an den Opfern: ein großes Straßenfest und einen Besuch des Bundespräsidenten. Der Film zeigt verschiedene Perspektiven auf den Fall und wirft so ein entlarvendes Licht auf die Polizeiarbeit. Der Kuaför aus der Keupstraße ist ein facettenreicher, auch eindrücklicher und distanzierter Blick auf diese unfassbaren Versäumnisse und Fehler der Polizei, die den Opfern einen Jahre währenden Leidensweg bescherte – und im weiteren Sinne auch auf die strukturelle Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

Innensicht einer Gefangenenanlage

Det Vita Folklet 1

Zu Beginn von Det Vita Folklet / White People wird Alex auf offener Straße verhaftet und in ein unterirdisches Gefängnis gebracht, wo sie auf ihre Ausweisung wartet. In diesem seelenlosen Betonbau ist man entweder Gefangener oder Aufseher, und als Gefangener wird man früher oder später abgeschoben. Lisa Aschans beklemmender Sci-Fi-Thriller verrät uns nicht, woher die Inhaftierten kommen und wohin sie gebracht werden sollen. Dass sich zwischen den klar abgrenzten Hierarchien Lücken auftun, dass entdeckte Geheimnisse hinter den Kulissen in beide Richtungen gegeneinander verwendet werden, ist ein fester Bestandteil des geschlossenen Systems. Aschan entwirft eine von eisigen Blautönen geprägte, klaustrophobische Innensicht einer Gefangenenanlage, in der die Menschen einsam und isoliert sind, in der Kälte und Trostlosigkeit dominieren. Der Film lässt sich als Kommentar auf die schwedische Abschiebepraxis lesen, der sich mühelos auf andere Staaten übertragen lässt. Als Studie von Verhältnissen, in denen Macht und Hierarchie eine verheerend entmenschlichende Wirkung haben.

Freiheit auf allen Ebenen

Peur de Rien 1

Peur de Rien / Parisienne der libanesischstämmigen, in Frankreich lebenden Regisseurin Danielle Arbid erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte aus den 1990er Jahren. Die 18-jährige Lina kommt aus Beirut nach Paris, um dort zu studieren. Sie fühlt und wählt die Freiheit auf allen Ebenen. Amouröse Abenteuer prägen sie genauso wie die Erlebnisse an der Universität und die Begegnung mit politisch aktiven Gleichaltrigen, die in ihrem Auftreten an das Paris des Jahres ’68 erinnern. Mithilfe ihrer Freunde klagt sie gegen die Ablehnung ihrer beantragten Aufenthaltsgenehmigung und gewinnt. Sie wird bleiben und sich zu einer freiheitsliebenden, selbstbewussten jungen Pariserin entwickeln. Auch wenn die Geschichte ein paar Volten zu viel schlägt und die Regisseurin etwas ökonomischer mit Wiederholungen umgehen könnte, überträgt sich die große Empathie, mit der Danielle Arbid ihre Protagonistin inszeniert, mit leichter Hand auf das Publikum.

Dokumentaristin und Wegbegleiterin

Mallory 1

Der großen tschechischen Dokumentarfilmerin Helena Třeštíková widmete Crossing Europe eine Werkschau. Ihr Œuvre umfasst rund 50 dokumentarische Arbeiten unterschiedlicher Längen und Formate, die den Wandel in der tschechischen Gesellschaft reflektieren. Třeštíková hat sich im Laufe ihres filmischen Schaffens immer wieder soziologischen Fragestellungen gewidmet, zum Beispiel „Frauen und Drogen“ oder „Männer im Wandel der Zeit“. Mallory aus dem Jahr 2013 zeigt das Schicksal einer Frau, die der Drogenabhängigkeit entsagt, sich Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit widersetzt und sich und ihrem Sohn eine neue Perspektive aufbaut. Mit über 50 Jahren beginnt sie noch ein Studium der Sozialarbeit, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Třeštíková hat Mallory über 13 Jahre hinweg gefilmt und tritt sowohl als Dokumentaristin wie auch als Wegbegleiterin in Erscheinung. Das beeindruckende Porträt zeigt eine Frau, die sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt und dem Leben mit ihrer Stärke trotzt. Třeštíkovás respektvolle Kamera ist zugleich nah und distanziert, sie schafft Nähe, ohne aufdringlich zu sein. Eine große Menschlichkeit, die aus aufrichtigem Interesse und ernsthafter Reflexion resultiert, geht von dieser Arbeit aus.

Ein glaubwürdiges Bild der Pubertät

Crache Coeur 3

Julia Kowalskis Langfilmdebüt Crache Cœur führt uns in die Welt von Rose, einer Heranwachsenden, die zwischen zwei Männer – Vater und Sohn – gerät. Jozef kommt aus Polen nach Frankreich, um seinen Sohn zu suchen, den er vor 15 Jahren verlassen hat. Er arbeitet als Handwerker bei Roses Vater, und sie findet schnell heraus, dass sein Sohn Roman mit ihr zusammen zur Schule geht. Rose verliebt sich in Roman und will Josef bei der Vermittlung zu seinem Sohn zur Seite stehen. Sie hilft ihm dabei, einen Brief an Roman in französischer Sprache zu verfassen, und versucht diesen zu übergeben. Doch Roman ist weiterhin überzeugt davon, dass sein Vater tot sei.

Der Film zeichnet mit einer ausgefeilten Farb- und Lichtregie ein glaubwürdiges Bild der Pubertät voller peinlicher Momente, ungelenkem erstem Sex und Temperamentsausbrüchen, in deren Mitte die junge Schauspielerin Liv Henneguier mit ihrer differenzierten Darstellung überzeugen kann.

Unerwartete Perspektive auf die Charity-Welt

Das Wetter in geschlossenen Raumen 1

2005 gewann die deutsche Regisseurin Isabelle Stever mit Gisela den Crossing Europe Award für den besten Spielfilm. In diesem Jahr war sie mit ihrem nunmehr vierten Film Das Wetter in geschlossenen Räumen wieder zu Gast. Die deutsche UNHCR-Mitarbeiterin Dorothea (Maria Furtwängler) organisiert Charity-Projekte im arabischen Krisengebiet. Um Spenden zu generieren, wirft sie sich regelmäßig in glamouröse Outfits und inszeniert noble Diners. Dass sie dabei ungeheuer viel Alkohol konsumiert, kann der eleganten und gleichzeitig unverwüstlich erscheinenden Dame nichts anhaben. Erst als sie mit dem wesentlich jüngeren Deutsch-Araber Alec ein ungleiches Verhältnis beginnt, gerät sie außer Kontrolle. Stevers Film spielt sich fast ausschließlich in geschlossenen Räumen ab, namentlich in einem Luxushotel, in dem die UNHCR-Mitarbeiterin auf die Öffnung der Grenzen wartet, um sich endlich ihrem Flüchtlingsprojekt zuwenden zu können. Die gegenseitige Abhängigkeit der Helfer und der Hilfsbedürftigen, eine an sich vielversprechende Thematik, präsentiert die Regisseurin leider in einer sehr im Äußerlichen verharrenden Inszenierung und mit einer Hauptdarstellerin, der man den Kontrollverlust, um den es eigentlich gehen soll, gar nicht abnimmt. Stever konzentriert sich auf die in Wiederholungen stagnierende Beziehung zwischen der älteren Frau und dem jüngeren Mann, die politische Thematik kommt dabei zu kurz. Schade, denn die Konstellation der Ungleichheit bei gleichzeitiger Abhängigkeit spiegelt einen wesentlichen Charakterzug der stets hilfsbereiten Charity-Welt aus einer interessanten und unerwarteten Perspektive.

Eine Auseinandersetzung und ein Bruch

Keeper 1

Er ist fünfzehn, verliebt, angehender Profifußballer und wird plötzlich Vater.

Der belgische Film Keeper, der erste Langspielfilm des Belgiers Guillaume Senez, versetzt seinen Protagonisten Maxime (großartig gespielt von dem jungen Kacey Mottet Klein, über dessen früh begonnene Schauspielkarriere die Schweizerin Ursula Meier einen kurzen, einfühlsamen Porträtfilm gemacht hat: Kacey Mottet Klein, Naissance d’un Acteur) in genau diese einfach zu schwierige Situation. Doch Maxime und seine Freundin Mélanie entscheiden sich für das Baby, und zunächst freuen sie sich über ihre Entscheidung und stehen die diversen emotionalen und praktischen Schwierigkeiten gemeinsam durch. Ihre Mütter repräsentieren unterschiedliche Meinungen zu der Jugendschwangerschaft: die deutlich jüngere Mutter von Mélanie reagiert ablehnend, die ältere Mutter von Maxime hingegen mit Verständnis und Hilfsbereitschaft. Doch kurz vor der Niederkunft beginnt auch Mélanie zu zweifeln, und was folgt, ist eine dramatische Auseinandersetzung und ein Bruch. Die Dialoge und das Zusammenspiel von Guillaume Senez’ jugendlichen Schauspielern wirken beinahe dokumentarisch und ergeben einen überaus lebendigen, unsentimentalen und trotzdem sehr emotionalen Film.

Kommentare zu „Festivalnotizen: Crossing Europe 2016“

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