Ein Wochenende in Hof

Die Hofer Filmtage sind nach wie vor ein besonderes Festival. Vor allem aber sind sie eine Institution.

Plakat Hofer Filmtage

Kommst Du nach Hof, wirst Du von einer beeindruckenden Selbstvermarktung überrollt. Bis ins entfernteste Umland sind die Broschüren verteilt, jeden dritten Laden der Innenstadt schmücken Plakate, es gibt eigene Fanshops und Souvenirläden. Nicht nur die Fensterauslage ist da beeindruckend sondern auch ein als Endlosschleife angelegter Film, der den Festivalleiter Heinz Badewitz und gesammelte Gäste präsentiert. Der Chef wird da freundlich mit H.B. abgekürzt, ihn kennt ohnehin jeder, er ist nicht nur omnipräsent, er ist Hof. Scheinbar jeder Vorführung wohnt er am Anfang und/oder am Ende bei, irgendwann meint man, es müsse sich um Doubles handeln. Wenn er dann vor einer Projektion schnell einen Film mit und über sich selbst (beim obligatorischen Fußballspiel – ebenfalls eine Institution) mit den Worten „eigentlich bin ich ja nicht für Personenkult“ ankündigt, scheint er das nicht einmal ironisch zu meinen.

Engel mit schmutzigen Flügeln

Es dauert eine Weile, bis man vor lauter Hofkult die Filme sehen kann. Bei denen handelt es sich vor allem um Premieren, denn die versprechen die Anwesenheit von großen Teilen der Filmcrews. Keine Besonderheit für Festivals, aber in Anbetracht der Hofer Selbstdarstellung doch bemerkenswert. Ein gegenseitiges Feiern von Filmemachern und Veranstaltern in völliger Selbstgenügsamkeit und ohne Anspruch auf Qualität des Gezeigten ist ziemlich einzigartig. Das führt zu skurrilen Situationen, etwa wenn Roland Reber seinen neuesten Film Engel mit schmutzigen Flügeln vorstellt. Der genießt schon vor dem Screening eine gewisse Popularität, spricht man doch von dem Plakat mit der Intimrasur. Die – da wurde nicht zu viel versprochen – ist dann auch ausgiebig im Film zu bewundern. Darüber hinaus wird Motorrad gefahren. Das Kino ist anfangs prall gefüllt, leert sich jedoch minütlich. Den Verbliebenen möchte der stolze Reber deutlich machen, was er von der Filmindustrie hält (nicht viel) und von sich selbst (sehr viel).

Die zwei Leben des Daniel Shore

Der eigentlich nicht erwähnenswerte Film ist in einem Punkt paradigmatisch: Hof lotet die deutschen Grenzen jenseits des Mainstreams aus – und darin liegt die Qualität des Festivals. Wer den Herbigs, Schweigers, Eichingers und Marias denen es nicht schmeckt überdrüssig ist, der darf Hof als Kur empfinden. So eine Kur funktioniert als Kontrastprogramm zum Alltag, kann fad und langweilig sein, ist aber im Falle von Hof alles andere als eintönig. Im Anschluss an viele sehenswerte Kurzfilme präsentieren sich vor allem aktuelle und ehemalige Filmhochschulabsolventen mit ihren neuesten Werken. Beispielsweise Michael Dreher mit Die zwei Leben des Daniel Shore. Das ist eine für Hofer Verhältnisse recht große, von Kinowelt vertriebene Produktion, deren Eingangssequenz bereits in ihrer Entschlossenheit und Stilsicherheit beeindruckt. Das Wagemutige an Drehers Debüt ist die Aufsplittung seiner Geschichte in zwei völlig unterschiedliche Welten, die sich nicht nur räumlich und zeitlich von einander unterscheiden, sondern vor allem in ihrer Inszenierung und Genrezuordnung. Dreher pendelt a-chronologisch zwischen diesen Polen hin und her, vermischt Tragisches und Komisches, schält schichtenweise Figurationen der Päderastie frei, um seinen Film schließlich eskalieren zu lassen. Er verzichtet auf Anknüpfungspunkte ans jüngere deutsche Kino, orientiert sich vielmehr an Klassikern der 60er und vor allem 70er Jahre, ohne in reine Zitierwut zu verfallen.

Die zwei Leben des Daniel Shore

Andreas Arnstedt, Zuschauern deutscher Fernsehserien durch die Küstenwache bekannt, setzt ebenfalls auf eine nicht-chronologische Erzählweise, bei der sich am Ende die einzelnen Pfade jedoch glatter zusammenfügen. In seinem Regiedebüt Die Entbehrlichen glänzen vor allem die Schauspieler, allen voran André M. Hennicke und Ingeborg Westphal. Arnstedt erzählt ein aus bekannten Versatzstücken arrangiertes klassisches Milieudrama aus der Perspektive des 11-Jährigen Jacob (Oskar Bökelmann), dessen überforderte Eltern an der sozialen Wirklichkeit, den Behörden, sich selbst und in letzter Instanz dem Alkohol scheitern.

Wenn die Welt uns gehört

Auch bei Wenn die Welt uns gehört darf man von einem Debüt sprechen. Das bewährte Dokumentar-Autorinnen-Duo Antje Kruska und Judith Keil, dem die Berlinale 2002 in Form des umjubelten Der Glanz von Berlin eine kleine Sensation zu verdanken hatte, stellt das erste Mal einen Spielfilm vor. Dabei sind Prämissen ihrer dokumentarischen Arbeit auch in Wenn die Welt uns gehört greifbar: Die Regisseurinnen suchen nach filmischen Einzelbildern, ohne dabei ihre Geschichte(n) zu kompromittieren, sie faszinieren mit ihrem Gespür für Figuren (bei diesem fiktionalen Projekt darf man getrost von einer gelungenen Figurenentwicklung sprechen) und betonen das Gezeigte auf der musikalischen Ebene – fast immer entsprechend, verstärkend, so gut wie nie kontrapunktisch. Ob man sich auf Wenn die Welt uns gehört einlassen kann, hängt sehr stark mit der Frage zusammen, wie man sich zu dem Musikeinsatz verhält. Ähnlich wie am Ende von Niels Lauperts Sieben Tage Sonntag (2007) setzt auch Wenn die Welt uns gehört auf die Innenperspektive seiner sich auf der Suche nach einem Selbstbild zunehmend radikalisierenden Protagonisten. Deren Selbststilisierung geht einher mit einer Stilisierung der Bilder, beispielsweise in Form immer wiederkehrender Gruppenauftritte in Slow motion. Gekoppelt ist dies an einen extraordinären Musikeinsatz. Marco (Christian Blümel), Richy (Vincent Krüger) und Tim (Willi Gerk) definieren sich wie die Jugendlichen um sie herum stark über Musik, imaginieren sich selbst in orchestrierten Rocky-Montagesequenzen, die letztlich der Zuschauer sieht und hört.

66/67 – Fairplay war gestern

Hof, das war 2009 leider über weite Strecken das Festival der gut gemeinten Filme. Häufig fielen in den Gesprächen zwischen Publikum und Filmemachern die Begriffe „Botschaft“ und „Message“. Nicht nur in diesem Punkt ist Hof der großen Berlinale recht nah, was nicht verwundert, wenn Badewitz im Programmheft in bester Kosslick-Manier zum Besten gibt, dass die Regisseurinnen und Regisseure „viel realistischer geworden sind und sich mit Themen auseinandersetzen, die, wie schon Sam Fuller sagte, ‚um die nächste Hausecke passieren’.“

66/67 – Fairplay war gestern

Zum Glück kann man einem Film wie 66/67 – Fairplay war gestern  von Ludwig Glaser und Jan-Christoph Carsten mit derlei Plattitüden nicht kommen. Das Team von Neandertal widmet sich in diesem großen Wurf einer Gruppe von jungen Männern, die durch die bedingungslose Treue zur Braunschweiger Eintracht zusammengehalten wird. Das Komische an dieser Clique geriert schleichend zum Tragischen, in manchen Augenblicken darf man sich an Cassavetes erinnert fühlen. Ludwig und Glaser sind ihren Figuren gegenüber jedoch unerbittlicher und auch dem Zuschauer gönnen sie keine Ruhe im Film-Konventions-Sessel. Alles ist möglich.

Für die Hofer Filmtage 2010 wünscht man sich nicht nur betont Anderes, vom Mainstream Abseitiges, sondern mehr Filme, die über die Idee einer Geschichte hinaus eine Idee von Kino haben. Vor allem aber wünscht man sich, dass die Filme hinter der Institution wieder sichtbarer werden.

Kommentare zu „Ein Wochenende in Hof“


Tim

COLLER BERICHT VON EINEM GEILEN FESTIVAL
CU NEXT YEAR BEI DEN HOFER FILMTAGEN






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