Spiel der unbedingten Kultiviertheit – Die Filme von Whit Stillman

Whit Stillman galt schon als großer Unvollendeter des US-Independentkinos. Mit Love & Friendship hat Jane Austens Nachfahre im Geiste nun einen Überraschungshit gelandet. Zum deutschen Kinostart widmen wir einem der eigensinnigsten und faszinierendsten Regisseure der Gegenwart eine Textreihe.

Metropolitan

Mit der Veröffentlichung seines aktuellen Films Love & Friendship (2016) schließt sich ein Kreis in Whit Stillmans Werk. In einer Szene seines Debüts Metropolitan (1990) erklärt der arrogante Außenseiter Tom Townsend (Edward Clements) in einer Szene: „Almost everything Jane Austen wrote, looked at from today’s perspective, is absurd.“ Die schüchterne Einzelgängerin Audrey Rouget (Carolyn Farina) antwortet: „Has it ever occurred to you that today looked at from Jane Austen’s perspective would look even worse?“

Love and Friendship

Austen ist nicht nur Stillmans Lieblingsautorin; längst hat er sich auch als ihr würdiger Nachfahre im Geiste erwiesen. Wie die berühmte Schriftstellerin ist der 1952 in Washington, D.C. geborene Regisseur an den Spielwiesen des Sozialen interessiert, an den Feinheiten dessen, was Gesellschaft, und besonders die sogenannte feine Gesellschaft, ausmacht. Insofern ist es nur folgerichtig, dass Stillman nach Metropolitan und drei weiteren Filmen, die Austens Sensibilität auf jeweils ein wenig unterschiedliche Art in die Gegenwart übersetzten (Barcelona, 1994; The Last Days of Disco, 1998; Damsels in Distress, 2011), nun endlich eine „richtige“ Austen-Adaption vorgelegt hat: Love & Friendship basiert auf Lady Susan, einem eher unbekannten Briefroman der Autorin.

Damsels in Distress 1

Und vielleicht ist es noch folgerichtiger, dass Stillman mit diesem neuen Film, der sich in den USA zu einem regelrechten Sommerhit entwickelte und ein Vielfaches seines (freilich geringen) Budgets einspielte, nun endlich der Erfolg beschieden zu sein scheint, der ihm vorher versagt geblieben war. Manch einer hatte Stillman vor allem während der schier endlosen Pause zwischen The Last Days of Disco und Damsels in Distress bereits zu den Unvollendeten des amerikanischen Independentkinos rechnen wollen. Jetzt darf man hoffen, dass es im Gegenwartskino doch so etwas geben könnte wie eine Stillman-Nische.

Metropolitan 2

Tatsächlich ist sein Kino nicht ganz weit entfernt von dem ungleich bekannterer Kollegen wie Wes Anderson oder Richard Linklater, die wie er ein Herz für Außenseiter und einen Hang zu leicht nerdigen Spezialinteressen besitzen. Aber gleichzeitig bleibt Stillman in seinem entschiedenen Klassizismus und in der unaufdringlichen Konsequenz, mit der er alles in seinen Filmen dem Diktat der unbedingten Kultiviertheit unterstellt, doch ganz sui generis. So oder so ist es höchste Zeit, eines der eigensinnigsten und faszinierendsten Werke des Gegenwartskinos mit einer Textserie zu würdigen. Ganz im Sinne von Tom Townsend: „I don’t read novels. I prefer good literary criticism. That way you get both the novelists’ ideas as well as the critics’ thinking.“

Hier geht es zu den Filmen:

Love & Friendship (2015)

Damsels in Distress (2011)

The Last Days of Disco (1998)

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