Die zwiespältigsten Kinomomente 2016

Der Zwiespalt kennt viele Gesichter. Das Kino kann auch erst nach Ende des Films zwiespältig werden, durch die Q&As im Saal ebenso wie in Diskussionen auf dem Heimweg. Oder mittendrin: wenn man gar nicht so recht glaubt, was man da gerade mag.


Angstlust

The Wailing 3

Zwiespältige Momente – eine schöne Kategorie zum Schummeln! Hier ließen sich natürlich Werke nennen, die grandios beginnen und am Ende enttäuschen: der chinesische Thriller Old Stone etwa, der als wuchtige, fundierte Gesellschaftsanalyse beginnt und als plumper Revenge-Reißer endet. Ich möchte den Begriff „zwiespältig“ hier aber lieber im Sinne von „widersprüchlich“ oder „paradox“ interpretieren, um auf ein paar weitere Highlights des Jahres eingehen zu können. Ein scheinbares Paradox der Filmrezeption ist die „Angstlust“ – die Tatsache, dass wir es genießen, Angst zu empfinden, uns wohlig zu gruseln. Bei keinem Film umfing mich dieses Gefühl während des vergangenen Jahrs stärker als im südkoreanischen The Wailing von Na Hong-jin, der als alberne Trottelcop-Komödie beginnt und als fesselnder, unerbittlich düsterer Exorzismus-Horror endet. Beeindruckend, wie Na die Zügel immer stärker anzieht, souverän mit mehreren Handlungsebenen jongliert, Übernatürliches mühelos in ein zunächst realistisches Erzählkonzept einbettet und sich einem Happy End zur Entlastung des Publikums konsequent verweigert. Um die Silbermedaille in der Disziplin „Angstlust“ konkurrieren Benedek Fliegaufs experimentelles Moodpiece Lily Lane und die ersten 127 von 130 Minuten aus Kiyoshi Kurosawas wahnwitzigem Creepy.

Martin Gobbin


City. Cinema. Hopping.

Tharlo

Filme haben es nicht leicht mit einem Großstadt-Touristen wie mir: vom vielen Gehen müde, nach zwei Dosen Bier schon betrunken (und noch müder), und sowieso immer noch viel zu fasziniert vom Davor, Danach und Drumherum. Ich ziehe es trotzdem zumeist rigoros durch: neue Stadt, ein Kinobesuch – ohnehin in den USA. Auch weil diese Art des aufmerksamkeitsdefizitären Filmeschauens häufig gut bis prächtig aufgeht: Drei Tage vorher in Washington D.C., Tharlo (2015), ein chinesisch-tibetanischer Neorealist mit einem wahnwitzigen Anfangsmonolog. Trance ist hier der adäquate Rezeptionsmodus, die Bilder stehen lange genug für meine trägen Augen, ich kann immer wieder zu ihnen zurückkehren. Die langsam ausbuchstabierte Tragik der Begegnung eines weltfremden Hirten und einer berechnenden Friseurin dehnt sich nicht in den Bergen Tibets, sondern in meinem Minutenschlaf räumlich aus. Zum Schluss ein Knall, der umso effektiver ins Mark fährt und mich bis nach Philadelphia begleitet.

Dort muss ich dann aufgrund eines fantastisch ausgestatteten Kunstmuseums und allzu kurzen Wintertagen die Attraktionen US-amerikanischer Unabhängigkeitsgeschichte im Schnelldurchlauf abhaken. Um kurz vor halb fünf nähere ich mich, völlig ungeplant, dem zubetonierten und von breiten Straßen zerschnittenen Uferbereich Penn’s Landing. Another historic site, blabla, doch da! Auf der anderen Seite des Delaware River leuchtet New Jersey! Die letzten Sonnenstrahlen des Tages setzen sich noch einmal durch und tauchen die weite Industrielandschaft jenseits der Benjamin-Franklin-Brücke in ein tiefes Orange. Dreißig Sekunden monumentale Lichtbewegung. Solch eine, die kein Bild festhalten, das Kino aber durchaus produzieren kann. Hier und heute und für mich jedoch nicht, ganz im Gegenteil: Ich gehe in eine Vorstellung von Tom Fords Nocturnal Animals. Es ist noch früh, ich bin hellwach, es gibt kein Bier, nur Pepsi. Bei so viel uninspirierter Borniertheit hätte wahrscheinlich aber auch kein Rausch und kein Halbschlaf geholfen.

Danny Gronmeier


Fragen ohne Antworten

A Good American 2

„Keine Festivalvorführung ohne Q&A!“, schien das Motto der Diagonale 2016 zu lauten. Zu jeder Vorstellung, die ich besuche, zerren die Veranstalter Regisseure, Darsteller, Statisten, Familienangehörige und Produzenten auf die Bühne. Eine nette Geste, aber eben auch eine schreckliche Basis für ein Gespräch. Entsprechend nehme ich mir nach der ersten Vorstellung vor, meinen ohnehin engen Zeitplan zu entlasten und auf weitere Q&As zu verzichten. Doch schon in der nächsten Vorstellung werde ich es bereuen: Selma Deboracs Those Shocking Shaking Days ist ein Film, der mich in meiner Erwartung so sehr vor den Kopf stößt, dass ich das Kino verlasse, sobald die Regisseurin das Mikrofon in die Hand gedrückt bekommt – wie ein verbitterter Theaterabo-Besitzer, dem der Nachwuchs nicht passt. Erst als ich im Hotel ankomme und meine Gedanken ordne, wird mir bewusst, was für einen tollen Film ich gerade gesehen und welch interessantes Q&A ich wahrscheinlich gerade verpasse.

Den Frust darüber schleppe ich noch mit in die nächste Vorstellung: Friedrich Mosers A Good American. Als ein Festivalsprecher verkündet, dass der Protagonist des Films, William Binney, für ein Q&A bleiben wird, wandelt sich mein Frust augenblicklich in kindliche Vorfreude. Ein Whistleblower, der persönlich gekommen ist, um alle meine Fragen zu beantworten! Leider lässt mich die Vorfreude vergessen, dass ich nicht allein mit Bill Binney im Saal sitze, sondern etwa 500 aufgeregte Verschwörungstheoretiker gekommen sind, um den gemütlichen Pensionär und alle anderen Anwesenden mit ihren Theorien zu bombardieren. Nach zwanzig Minuten reicht es mir, und ich wühle mich von meinem doppelt mittigen Luxusplatz in Richtung Ausgang. Den Ärger über die Q&As habe ich kurz nach dem Festival wieder vergessen, den tiefenentspannten Whistleblower und Selma Deboracs schönen Film habe ich dafür noch ganz gut im Gedächtnis.

Karsten Munt


Plädoyer für Sonia (und gegen Gloria)

Aquarius 4

Es ist jetzt fast vier Jahre her, dass Sebastián Lelios Feelgood-Movie Gloria im Berlinale-Wettbewerb lief. Mein Umfeld hat der Film damals gespalten: Die einen – die in der deutlichen Überzahl waren – sahen in ihm den geglückten Versuch einer warmherzigen Komödie, die sich den Fallstricken eines biederen Arthouse-Mainstreams verwehrt. Die anderen hassten Gloria dafür, dass er sich für etwas Besseres hielt, tatsächlich aber genauso verlogen war wie alles, von dem er sich abgrenzen wollte. Ich gehörte zur letzteren Fraktion, weil ich es nicht ertragen habe, wie Lelio mir seine Protagonistin aufzwängte und dabei offensichtlich der Meinung war, man müsste ihr nur eine blöde altmodische Brille aufsetzen, ihr einen Joint in die Hand drücken und sie italienische Schlager singen lassen, um sie unwiderstehlich zu machen.

In Cannes hatte ich dieses Jahr ein seltsames Déjà-vu. Fast mit denselben Kollegen sah ich fast denselben Film. Wieder ging es dabei grob um eine jung gebliebene ältere Frau, die über die Widrigkeiten des Alltags triumphieren durfte. Aber so sehr ich während Kleber Mendonça Filhos Aquarius immer wieder an mir selbst zweifelte, so wenig konnte ich mich ihm entziehen. Auch er machte keinen Hehl daraus, dass er die crowd pleasen wollte, aber was bei Gloria in dümmlicher Sentimentalität erstickt wurde, erschien hier tatsächlich lebensnah und wahrhaftig. Man muss Hauptdarstellerin Sonia Braga und ihre Art zu spielen nicht mögen. Journalisten fühlen sich von solchen Darbietungen oft dazu verleitet, grässliche Bezeichnungen wie „Grande Dame“ zu verwenden. Tatsächlich verkörpert Braga aber auch eine offene Sexualität, die man bei Frauen in ihrem Alter (ich weiß, auch diese Formulierung stinkt) nicht so oft zu sehen bekommt. Während Glorias Begehren verniedlicht werden muss, weil der Film Angst vor einer alten nackten Frau hat, darf Braga mit entblößter amputierter Brust einen jungen Gigolo auf der Couch ficken.

Mendonça Filho hat zweifellos einen sehr klassischen Film gedreht – aber eben auch einen, der sich immer wieder fast unmerklich von unseren Sehgewohnheiten löst. Nach dem Film kam dann die große Ernüchterung: Meine Kollegen (Gloria-Fans) konnten Aquarius überhaupt nichts abgewinnen. Ich befand mich dagegen plötzlich völlig unvorbereitet in der Rolle, einen Film zu verteidigen, bei dem ich mir so sicher war, dass ihn ohnehin jeder mögen würde.

Michael Kienzl


Gemeinsam im Zwiespalt

Belladonna of Sadness 3

In der Regel ist es ja die ideale Ausgangssituation: über einen Film so gut wie überhaupt nichts zu wissen und trotzdem sicher zu sein, dass er sich lohnen wird. Texte über den in diesem Jahr wieder neu ins Kino gebrachten Belladonna of Sadness von Eiichi Yamamoto habe ich höchstens überflogen, hängen geblieben sind ein paar vage Beschreibungen und euphorische Attribute: animiert, psychedelisch, atemberaubend, vergessener Klassiker, so was halt. Reicht, um enthusiastisch den Kinobesuch zu planen, reicht auch, um das Werbetrömmelchen zu rühren und sich auf die Suche nach passender Begleitung zu machen. Gemeinsam mit einer Freundin lande ich schließlich im Kölner Filmhaus und bin schon bald so fasziniert wie verstört: wenn die Freiheit der Animation für wüste Albtraumfantasien in den Dienst genommen wird, wenn weibliche Körper in minutenlangen Vergewaltigungsszenen nicht nur enteignet, sondern geradewegs zertrennt und zerstört werden, sich auflösen.

In der ersten halben Stunde habe ich gedacht, ich gehe gleich raus, sagt jene Freundin nach dem Film, und ich bin von dieser ersten Reaktion zunächst enttäuscht, weil ich den Film bald nicht nur verstörend fand, sondern tatsächlich auch atemberaubend und eigentlich ziemlich toll. Wir entscheiden uns, nach Hause zu spazieren, und beginnen einen zögerlichen Austausch. Als sich zu den Eindrücken langsam die Begriffe finden und wir schließlich unweigerlich auf die Frage des sexistischen Imaginären respektive proto-feministischen Potenzials von Belladonna of Sadness kommen, gerät das Gespräch erst so richtig ins Rollen: Ich verteidige zunächst vehement, werde ein paar Argumente los, an anderen Stellen weist mir meine Freundin nach, wie einfach ich es mir manchmal mache. Wir sind schon in Ehrenfeld angekommen, kaufen halt noch ein Kioskbier, führen die Sache fort, einigen uns nicht (auch nicht drauf, uns nicht zu einigen), aber lassen es irgendwann gut sein, sind mittlerweile einfach gemeinsam im Zwiespalt angekommen. Das ist manchmal besser als schön.

Till Kadritzke


Furcht vor dem Dissens

American Honey 2

Der Zwiespalt ist das schönere Schön, schrieb mir neulich ein Kollege und wollte damit wohl auf mein Vergnügen am inneren Dissens anspielen. Tja, wenn es nur so einfach wäre. Es gibt ja nicht nur den schönen Zwiespalt, der einem die produktive Frage aufdrängt, was man will im Kino und aushält und gar nicht mehr erträgt. Es gibt schon auch noch den Zwiespalt, der einen nicht landen lässt, der uns wie Schrödingers Katze unablässig kreisen lässt, als gäbe es keinen festen Boden unter uns. Na gut, auch das klingt doch ziemlich toll, wenn aufs Kino gemünzt. Mit Filmen die Orientierung verlieren, sie sich suchen müssen durchs Schreiben oder Reden, so ging es mir 2016 recht oft. Richtig zwiespältig waren aber nicht nur einzelne Filme wie American Honey, sondern ganze Festivals. Für Kinofilme weite Strecken hinter mir zu lassen mag ich schon ganz prinzipiell und aus romantischen Gründen erst recht. Dieses Jahr war dann aber doch durchdrungen von einer sehr bizarren Mischung: Mein liebstes Festival, Locarno, hatte einen seiner schwächeren „Jahrgänge“, wie man so sagt – und war natürlich trotzdem locker die Reise wert. Cannes hat mir viele intensive Gefühle beschert und mich am Ende mit dem Zuviel an klassischem Erzählimperativ auch ganz schön gelangweilt.

Am zwiespältigsten war aber meine Reise nach Duisburg. Keine Stadt, die sofort zum Träumen einlädt, aber das Festival hat mich schon inspiriert, da kannte ich es nur aus Erzählungen, wegen der (subjektiven) Protokolle, die von jedem Gespräch angefertigt und langfristig archiviert werden, der klar eingegrenzten Auswahl an Dokumentarfilmen, ohne lästige Premierenpflicht, und natürlich wegen der Diskussionen selbst, von denen so viel anregendes Potenzial ausgehen sollte. Ich hab’s schon ausführlicher aufgeschrieben, vielleicht dabei aber nicht die ganze Ambivalenz erfasst, die ich dabei verspürte: In Duisburg schien mir ein Raum sich zu bieten, für genau das, was Festivals im besten Fall tun müssten (und was ich mir auch für die von mir mitverantwortete Woche der Kritik wünsche): die Filme öffnen, angreifbar machen, eine Diskussion provozieren, bei der man erst mal frei kreisen darf, hin und her und von oben nach unten, um erst später den Boden unter den Füßen wieder zu suchen. Nun beobachtete ich aber, wie in diesem (meinem ersten) Jahr in Duisburg dieser Raum gerade wieder verschwindet, durch zu viel Furcht vor dem Dissens. Mein zwiespältigster Moment, es war ein Augenblick fehlender Ambivalenz.

Frédéric Jaeger

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