Die Filmförderung vor der Implosion (II)

Die Verselbständigung der Förderung: Im zweiten Teil des Gesprächs diskutieren Gass, Hagemann und Jaeger mögliche kulturelle Kriterien für eine automatische Förderung, fragen sich, ob der Kulturstaatsminister seinen Aufgaben gerecht wurde, sprechen über eine Förderintendantin, die ihre Macht nicht für die Kultur nutzt und landen beim dirty deal zwischen Politik und Fernsehen.

Stichwort: Kulturelle Kriterien für eine automatische Förderung

Frédéric Jaeger: Wenn selbst die wenigen Stellen, die eigentlich mit dem Ziel einer kulturellen Filmförderung eingerichtet wurden, danach dürsten, sich ihrer Verantwortung zu entledigen, indem sie sie Verbänden oder Institutionen überlassen, die wiederum jeweils ihre eigenen Interessen vertreten: Wie kann dann überhaupt noch für eine kulturelle Filmförderung gesorgt werden?

Martin Hagemann: Nun haben die Fernsehsender ihre Kriterien, die Verwerter haben ihre Kriterien, die Kinovertreter haben ihre Kriterien. Wir werden aber, wenn wir die jetzige Struktur aufbrechen wollen, um die Frage der Erfolgskriterien nicht herumkommen. Wenn wir, wie auch immer, wirtschaftliche Förderung und kulturelle Förderung wieder schärfer definieren wollen, um einen größeren Freiraum zu bekommen, werden wir das nicht schaffen, wenn wir nicht in der Lage sind, kulturelle Kriterien zu entwickeln. Wie werden die Stellschrauben entwickelt, die das System dann braucht? Das ist die für mich spannende Frage. Die FFA hat ja einige solcher Kriterien, die auf der wirtschaftlichen Seite recht einfach sind, weil sie mit Quantität zu tun haben. Für den Boxoffice-Erfolg gibt es Referenzförderung. Und es gibt auf der kulturellen Seite die Festivals: Der Erfolg auf Festivals kann ein Kriterium sein, aber bisher sind die Kriterien hier noch unzureichend. Der DFFF ist für mich ein sehr positives Beispiel, obwohl er erstmal eine reine Wirtschaftsförderung ist: Das ist nämlich eine Förderung, die überhaupt keine inhaltlichen Fragen stellt, die ganz bestimmte Kriterien anhand ihres Auftrags definiert hat, und das sind Stellschrauben. Und es gibt einen Beirat, der die Förderung evaluiert und diese Stellschrauben anpasst. Ich habe dieses System aus Produzentensicht als extreme Befreiung empfunden. Weil ich weiß, wenn ich die Ausgaben in Deutschland mit diesem sehr groben Kulturtest erfülle, dann kann ich 20 Prozent meines Budgets auf die Habenseite schreiben und niemand redet mir dafür in meine Entwicklung rein. Niemand sagt mir, du darfst keinen Dokfilm da und da machen. Niemand sagt mir, das ist zu radikal oder nicht radikal. Niemand sagt mir, das ist ein Film, der nicht ins Fernsehen passt. Das sind drei Leute, die einfach diese Bedingungen in den Anträgen überprüfen und dann das Geld freigeben. Mich treibt die Frage um: Kann man etwas Ähnliches auf der Kulturseite schaffen? Ist es möglich, ein System einzurichten, das den Urhebern und Produzenten mit bestimmten Kriterien, die sie erfüllen müssen, die Möglichkeit gibt, frei arbeiten zu können, um dann an anderen Kriterien, die ihren kulturellen Erfolg messen, sagen zu können: Jawohl, das ist ein Erfolg, der nicht am Boxoffice hängt, und wegen diesem Erfolg wirst du weiter in diesem System arbeiten dürfen.

Lars Henrik Gass: Ja, ich glaube das ist möglich. Ich setze mich seit Jahren für eine Doppelstrategie ein. Einerseits die Neubesetzung der Gremien, mit der Maßgabe, wirklich künstlerische Entscheidungen herbeizuführen. Andererseits ein erfolgsbasiertes Modell, ausgehend von den Festivalauswertungen. Das interessiert mich natürlich besonders als jemand, der aus dem Kurzfilmbereich kommt, und das wurde auch ansatzweise durch Rot-Grün Ende der 1990er Jahre eingeführt – dass nämlich Festivalauswertungen Referenzpunkte bringen. Ich bin der Auffassung, dass ein Film, der 20, 30, teilweise 60 und mehr Festivalauswertungen hat, ein auch nach künstlerischen Motiven gesehen sehr erfolgreicher und bedeutender Film ist. Und das muss sich auch in den Referenzpunkten reflektieren, die er da sammelt. Ich glaube, dass dieses System bei weitem noch nicht weit genug entwickelt ist, aber im Kurzfilmbereich durchaus zu bestimmten Erfolgen führt – etwa Matthias Müller und Christoph Girardet, die in einem Jahr eine immense Menge von Punkte mit einem Experimentalfilm gesammelt haben. Und diese Punkte können dann umgewandelt werden in Geld, das für einen nächsten Film eingesetzt werden muss.

Nicht ohne die Politik

MH: Ich glaube, das System ist noch in der Lage, renoviert zu werden. Ich glaube allerdings auch, dass das nicht ohne die Politik geht. Man muss in der Politik ansetzen, man muss bei den Kulturpolitikern ansetzen, und meine Hoffnung fängt momentan da an, wo ich höre, dass im Verwaltungsrat der FFA ab 2014 höchstwahrscheinlich keiner der Politiker und Politikerinnen mehr sitzt, die bisher dort drin gesessen haben. Die Parteien tauschen alle ihre Kulturpolitiker im Moment aus, und ich finde es ziemlich interessant, dass auf einem anderen Gebiet, wo es ja ähnlich arg aussieht wie im Kinofilmbereich, nämlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eine neue Generation von Politikern heranwächst, die nicht mehr „Sklaven“ ihrer eigenen Abhängigkeit vom Fernsehen sind, sondern die das durchaus ambivalent sehen, die außerdem netzaffin sind, die sehen, dass sich da etwas ändern muss. Ich glaube da nach wie vor an die Kraft des Diskurses.

LHG: Ich bin nicht ganz so optimistisch, was die Wandlungsfähigkeit der Politik anbelangt, das ist aber vielleicht auch ein bisschen eine Glaubensfrage. Denn die Politik hat jetzt über mehr als 20 Jahre dieses System aufgebaut, vor dem wir jetzt stehen und das erschreckende Ausmaße angenommen hat. Im Übrigen ist es so, dass ich auch glaube und auch kritisiert habe, dass selbst im Kunstbetrieb systemische Zwänge greifen – „Formatierungen“, wie ich es nenne –, bis hin in die ästhetische Ausformulierung von Arbeiten. Der Einsatz von Loops oder von bestimmten Off-Stimmen wären da Beispiele, mit denen schon in die Werke selbst der flüchtige Wahrnehmungsmodus eingeschrieben wird. Ich behaupte, ebenso wie man es fürs Fernsehen behaupten kann, dass auch der Kunstbetrieb sich sehr stark einschreibt in die Ästhetik von Arbeiten, was nicht unproblematisch ist. Und für Arbeiten, die nicht in die klassischen Auswertungslogiken reinpassen, ist es fast unmöglich, Förderung zu erlangen. Dann läuft man wirklich außerhalb des Systems. Es gibt ganz wenige Fälle – Klaus Lemke beispielsweise, der auch vor dem Hintergrund seines Namens eine noch bestehende kleine Lobby im ZDF hat, die ihm seine Arbeiten dann zu einem immer noch unverschämt niedrigen Preis einfach abkaufen. Aber das ist natürlich der Sonderfall Lemke, der nicht übertragbar ist auf einen No-Name.

MH: Den Optimismus muss man ja auch unterfüttern. Eins erstmal: Wir haben diese Förderung, es ist öffentliches Geld, das über die Fernsehanstalten in den Film fließt. Mir ist völlig klar, dass wir kein ideales Modell erfinden können, da ist diese Doppelbesetzung Wirtschaftlichkeit/Kultur im Film einfach unauflösbar. Mir geht es wirklich darum, dass wir immer noch versuchen, die Nischen wieder zu vergrößern, dass wir in einem anderen Terrain wieder Fuß fassen, dass wir das Kino dabei nicht vergessen. Und wenn wir auch über Innovationsfeindlichkeit reden, ist meine Hoffnung, dass man die Politik zum Beispiel davon überzeugen kann, dass das Kino flächendeckend als häufig einziges kulturelles Angebot, egal wie die Programmierung im Moment aussieht, für die Gesellschaft unbedingt erhaltenswert ist. Innovation fängt für mich im Kino an. Dafür brauche ich aber Geld. Dafür muss ich auch Experimente ermöglichen. Eine Forderung an die Politik, die wir von der AG Dok erheben ist, dass wir sagen: Nehmt bitte vom DFFF, von den 70 Millionen Euro im Jahr, 20 Millionen für drei Jahre wieder raus und gebt sie den zehn oder zwanzig innovativsten Kinomachern in Deutschland. Wenn wir schon sagen, Kritiker müssen Stipendien bekommen oder Gremienmitglieder, die mal ein Jahr nicht arbeiten müssen, dann gebt doch den bisher schon innovativsten Kinomachern eine Million für drei Jahre und guckt einfach, was sie damit machen – mit Internet und Kino, mit Öffentlichkeit, um sich wieder im Kiez zu verankern, mit einer ganz anderen Art von Kuratierung, von Einladungspolitik an Filmemacher. Wir werden das Event stärken müssen im Kino, wir werden eine Art Kuratorenfunktion im Kino stärker haben müssen, wie den Intendanten eines Stadttheaters, der sein Publikum bindet. Das wäre etwas, wo ich nach wie vor glaube, dass die Politik für so etwas ansprechbar ist, und dass es möglich ist, dass man auch quer über die Verbände oder auch quer über die Urheberrechtsgrenzen Allianzen schaffen kann.

FJ: Könnte man so etwas nicht auch für die Produktion machen? Könnte man nicht auch eine Art Theater einrichten für die Produktion, wo man für fünf Jahre ausgestattet ist? Dann hat man den Produzenten als Intendanten, der sich Regisseure und Drehbuchautoren sucht.

MH: So nicht. Aber ich sage es mit einem Satz: Der Umbau in Richtung mehr Automatismus heißt für mich: Ermächtigung der kreativen Teams – sprich: Produktion, Drehbuch, Regie – für eine bestimmte Zeit in eine bestimmte Richtung – sei es kommerziell, sei es kulturell – zu arbeiten. Die automatische Förderung könnte zum Beispiel davon abhängen, welche Festivalerfolge ein Produzent vorweisen kann. Ein deutscher Produzent von „künstlerisch-kulturell wichtigen“ Filmen, der fünf Jahre einen Großteil seiner Budgets über eine automatische kulturelle Förderung in Deutschland generieren darf, und der in fünf Jahren – ich greife jetzt ganz hoch – es nicht schafft, dass mal wieder ein deutscher Film in Cannes im Wettbewerb läuft, der hat offensichtlich sein Ziel verfehlt. Und dann gibt es jemand anderen, der das weiter machen wird und weiter versuchen wird. Ich glaube aber, dass der Druck, der auf diesem Produzenten und diesen Regisseuren lastet, ein anderer ist als der, unter dem ein deutscher Regisseur und eine deutschen Produktionsfirma stehen, die wissen, dass sie in der Berlinale immer auf einen der drei bis vier Plätze für deutsche Filme gesetzt sind. Ich glaube, dass ich bei einer solchen automatischen Förderung anders produzieren, anders schreiben und anders arbeiten würde.

Jeder nimmt den Kulturbegriff für sich in Anspruch

FJ: Was wären denn kulturelle Kriterien jenseits von Festivals?

MH: Ich bin da sehr vorsichtig, weil ich weiß, dass wir damit ganz schnell in einer Logik der Kulturpolizei sind. Aber wir müssen anfangen, darüber zu diskutieren. Es gibt Leute, die sind für White Cubes. Ich will die Black Box verteidigen. Vielleicht könnten bestimmte Kinos identifiziert werden, die für ihr Programm so ausgezeichnet sind, dass wenn ein Film dort läuft und dort eine bestimmte Zuschauerzahl erreicht, dass er dafür Punkte kriegt. Ich bin daran interessiert, darüber nachzudenken, wie man öffentliche Wirkung jenseits von Fragen der Quantität messen könnte. Wie kann man definieren, dass ein Film ein Thema aufgegriffen hat, was bis dahin gesellschaftlich keine Rolle gespielt hat, aber durch den Film plötzlich eine gesellschaftliche Rolle spielt? Da kann man sicherlich keine messbaren, abhakbaren Kriterien entwickeln, aber man kann Kriterien entwickeln, nach denen dann zum Beispiel ein künstlerischer Beirat von komplett unabhängigen Leuten entscheidet. Um einen Film aus meiner ehemaligen Firma zu nennen: Black Box BRD von Andres Veiel hat den Diskurs über die RAF entscheidend vorangebracht. Das hätte man auch schon ein halbes Jahr nach dem Kinostart feststellen können. Und es wird sicher viel Streit geben, aber das liegt nunmal in der Sache. Darauf müssen wir uns einlassen. Wenn wir keine Kriterien anbieten, machen wir uns auch angreifbar. Denn dann kommen andere und sagen: Wicki ist auch Kultur. Wenn da 500.000 oder 600.000 Kinder drin sitzen, dann ist das Kultur. So lange der Begriff des kulturellen Einflusses weich bleibt, nimmt den jeder für sich in Anspruch.

LHG: Das ist, was wir eingangs sagten. Michael Schmid-Ospach verfolgte genau dieses Interesse: Den Kunstbegriff so weit auszudehnen, damit alles gewissermaßen affiziert ist und nichts mehr Kunst ist.

Welche Aufgabe für den Kulturstaatsminister?

MH: Wir haben da eine Weile mitgemacht, muss ich ganz klar sagen. Weil wir dann immer unsere Nische hatten, die wurde ja auch bedient. Der „kulturelle Film“ ist nie öfter zitiert worden als in den EU-Notifizierungen des FFG. Da sind wir nur Kultur, da ist die ganze FFA Kultur. Das haben wir mitgemacht, weil wir auf dieser Fläche ein paar Brosamen abgreifen konnten und im jahrelangen Kampf mal einen Sitz hier oder einen Sitz da erobert haben in der Vergabekommission. Aber wir kommen jetzt auch nicht drumherum, uns über diesen Begriff konkretere Gedanken zu machen und auch etwas anzubieten. Weil dass die Politik das macht, da habe ich keinen Bock drauf. Wir brauchen kein Ministerium für kulturelle Kriterien. Da ist Neumann für mich der ideale Kulturpolitiker gewesen, der nicht meinte in diesen Diskurs eingreifen zu können oder Anregungen geben zu können. Da war Neumann einfach klar: Ich schaffe Möglichkeiten, ich schaffe Geld ran. Der dann gegenüber der Filmindustrie aber immer gesagt hat: Lasst mich in Ruhe mit euren Problemen. Löst eure Probleme selber. Das ist von der Haltung grundsympathisch für mich. Nur ist innerhalb dieses Diskurses nichts passiert, was Kultur angeht.

FJ: Ist das nicht etwas wenig für einen Kulturstaatsminister?

MH: Nein, eben nicht. Ich finde, das ist eine komplett falsche Aufgabenstellung. Ich will keinen Kulturstaatsminister, der mir sagt, was ein kultureller Film ist.

FJ: Aber zumindest die Frage stellen müsste er doch ...

MH: Er hätte eine Enquete-Kommission einberufen können. Er hätte sagen können: Ich lade sieben Leute ein, die sich über diesen Begriff Gedanken machen, weil wir das irgendwann in das FFG inkorporieren müssen. Dann lade ich mir Philosoph A, Filmemacher B, Produzent C ein. Das wäre seine Aufgabe gewesen. Das hat er nicht gemacht, weil die FFA den Prozess gegen die Filmabgabe hatte, der unglaublich Ressourcen und Geld gekostet hat, das ist zumindest meine Vermutung.

Stichwort: Länderförderung

FJ: Wir haben bisher nur wenig über die Länderförderungen gesprochen, und zwar mit dem Hinweis, dass es dort hauptsächlich um Standorteffekte geht. Kann denn die Kulturhoheit der Länder auch etwas Gutes sein für die Filmförderung? Nicht jeder Zentralismus muss ja wünschenswert sein.

MH: Wir haben aktuell ein vollkommen verqueres System: Die Länder machen Wirtschaftsförderung über ihre Standortpolitik, der Bund macht eine zu Teilen Wirtschaftsförderung genannte Kulturförderung, weil er das sonst gar nicht dürfte. Man kann sich diese Situation auch mal komplett neu vorstellen. Sagen wir mal, das Verfassungsgericht sagt: Lieber Bund, ihr müsst stärker eine Wirtschaftsförderung werden, ihr dürft Wirtschaftsförderung machen, müsst die aber stärker konturieren, in euren Auswahlgremien, in euren Richtlinien. Das wäre der Moment, wo man dann den Ball zurückspielen müsste an die Länder: Der Bund macht hier künftig eine Wirtschaftsförderung, diese Wirtschaftsförderung kommt der ganzen Filmwirtschaft zugute, letztendlich auch euren regionalen Filmwirtschaften. Wir müssen jetzt aber ein kulturelles Gegengewicht schaffen und laut Bundesverfassungsgericht seid ihr für die kulturelle Förderung zuständig. Man könnte zum Beispiel über etwas nachdenken, das mal ein Katastrophenszenario einiger Länderförderungen war: Wenn das Bundesverfassungsgericht das FFG kippt, dann müsste man eine Auffangförderung einrichten, denn jeder weiß, wir brauchen das Geld, ohne die FFA brechen ganze Teile der Wirtschaft weg. Eine Idee war, die Länderregierungen dazu zu kriegen, auf der Struktur des Kuratoriums junger deutscher Film aufzusetzen – das Kuratorium ist ja eine gemeinsame Förderung der Länder – und dort eine große bundesweite kulturelle Filmförderung zu schaffen, finanziert von den Ländern, aber ohne Ländereffekte. Daneben könnten die Länder weiter ihre kleinen wirtschaftlichen regionalen Incentive-Förderungen haben.

FJ: Ist das tatsächlich denkbar?

MH: Da gab es Offenheit und die Initiative darüber nachzudenken, kam auch von Länderseite. Ob das dann am Ende umsetzbar ist, wie die dann ausgestattet werden soll, usw., zu diesen Fragen ist es gar nicht gekommen, denn das war vor dem Oberverwaltungsgerichtsurteil, das dann ja positiv ausgegangen ist. Ich glaube schon, dass für den Fall, dass sich die FFA weiter in Richtung Wirtschaftsförderung entwickeln muss, man die Länder dann an ihre Verantwortung für die kulturelle Filmförderung erinnern muss. Dass sie etwas jenseits ihrer Effekte tun müssen.

LHG: Zumal ja mehrfach nachgewiesen wurde, auf welch halblegale Weise diese Effekte überhaupt hergestellt werden. Es gibt zig Briefkastenfirmen, um diese Ländereffekte herzustellen. Das ist auch etwas, was journalistisch kaum aufgearbeitet wird.

Verselbständigung der Förderung

FJ: Diese Initiative, dass sich Länder gegenseitig Effekte gutschreiben, gibt es die noch jenseits von Hessen und Baden-Württemberg?

MH: Die gibt es nur dort. Das wurde immer wieder angeregt, immer wieder versucht, hat aber nicht stattgefunden.

FJ: Das ist politisch nicht durchsetzbar?

MH: Nein. Das gehört zum Thema Verselbständigung der Förderung.

FJ: Zum Thema Länderförderung eine Nachfrage: Kann es nicht als Alternative zu Gremien oder Jurys eine sehr gute Sache sein, einen oder eine Verantwortliche zu haben, der oder die gewissermaßen als Intendant oder Intendantin in der Förderung Entscheidungshoheit hat und auch dafür gerade stehen muss?

LHG: Also Kuratorenprinzip. Das ist ja ungefähr das, was Peter W. Jansen in diesem Text aus dem Film-Dienst vorschlägt. Dass eben ein Teil dieser Mittel auf diese Weise vergeben wird. Das, denke ich, geht in Ordnung, wenn bestimmte Spielregeln dabei beachtet werden, die hier müßig zu formulieren wären. Aber erste Voraussetzung ist natürlich die entsprechende institutionelle Unabhängigkeit dieser Person oder dieser Personen.

FJ: Das ist bei unserer Förderintendantin nicht gegeben.

LHG: Ja, das Problem ist dort, dass zweierlei Prinzipien vermischt werden, und dadurch wird es erst zum Problem. Also grundsätzlich gibt es das ja im Kunstbereich relativ häufig, auch mit sehr positiven Ergebnissen, dass einzelne Kuratoren – Beispiel deutscher Pavillon in Venedig – gezielt Akzente setzen, möglicherweise auch angreifbare, aber sie setzen sie immerhin, insofern geht das auch in Ordnung.

FJ: Entscheidet Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg ganz alleine?

MH: Kirsten Niehuus ist die einzige Person in Deutschland, die alleine 21 bis 22 Millionen Euro verteilen darf. Sie hat Förderreferenten, die das vorbereiten, die ihr das auch pitchen, mit denen sie das auch diskutiert. Aber offiziell trifft sie die Entscheidungen alleine.

LHG: Was belegt, dass mit diesem Prinzip jetzt nicht unbedingt eine Stärkung der kulturellen Aspekte einhergeht. Im Übrigen ist es so – darauf werden Sie anspielen –, dass ich immer kritisiert habe, dass bei diesem Förderintendantenmodell auch ganz stark Interessen reinspielen, sich gegenüber der Politik zu legitimieren, also Repräsentanz-Interessen etc., die natürlich nicht kulturell geleitet sind – wie auch. Das macht die Sache so problematisch.

Stichwort: Fernsehen und Politik

FJ: Eine Diskussion über die Filmförderung ist in Deutschland nicht ohne Verweis auf das Fernsehen denkbar.

LHG: Ich gehöre schon zu der Generation, die eigentlich durchs Fernsehen sozialisiert ist. Das heißt, ich bin als junger Mensch abends lange aufgeblieben, um mir dann um 22:30 Uhr noch den Godard anzugucken vorm Fernseher. Insofern hat ja Fernsehen auch mal gezeigt, dass es anders geht. Und im Übrigen war das von Rohrbach postulierte Prinzip des „amphibischen Films“ ja im Grundsatz nicht falsch. Wenn man sich anschaut, was dabei rausgekommen ist, waren das teilweise auch innovative Formate wie Fassbinders Acht Stunden sind kein Tag im WDR. Wichtige Filme – Stroszek beispielsweise, für mich einer der wichtigsten deutschen überhaupt – sind mit Fernsehgeldern entstanden. Das Problem ist nur, dass die Staatsferne, die der Rundfunkstaatsvertrag dem Fernsehen gewährt, nach dem Nationalsozialismus von den Alliierten aus guten politischen Gründen gewollt, letztlich dafür sorgt, dass sich das System immer weiter gegen Innovation absichert und Besitzstände zu wahren versucht. Ich führe teilweise absurde Diskussionen mit Leuten im WDR, der kaum noch Filme aus dem eigenen Bundesland zeigt und alles dem Quotendruck unterwirft. Ich habe meine schweren Zweifel, ob innovatives Fernsehen über Politik in das System kommen kann. Das System beruht ja gerade darauf, dass Politik nur in einer bestimmten Weise Einfluss über den Rundfunkstaatsvertrag auf das Fernsehen ausüben kann. Das ist ein Geben und Nehmen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen mal gerade noch dazu dient, den Politikern entsprechend eine Plattform zu geben für die Darstellung ihrer politischen Inhalte. Aber der Deal ist, dass sie gleichzeitig nicht reinreden dürfen, was die sogenannten Inhalte anbelangt. Insofern wird dieses System hoffentlich irgendwann implodieren, aber ich wage zu bezweifeln, dass sich über eine politische Meinungsbildung entsprechende Mehrheitsverhältnisse verändern. Da hat die Demokratie ihre Grenzen. Dafür sorgt ein System, in dem Veränderung gar nicht vorgesehen ist.

Eine neue Politikergeneration

MH: Das Bild von einer Implosion würde ich auch unterschreiben, das sehe ich kommen. Die Frage ist einfach, ob vor der Implosion genügend fundierter Druck aufgebaut werden kann, dass sich im Moment der Implosion noch genügend Reste zusammen finden, aus denen dann was anderes gemacht werden kann. Ich glaube, dass wir eine Politikergeneration bekommen werden, die nicht mehr so fernsehabhängig ist, die nicht mehr so in diesem System verankert ist, die durchaus weiß, dass es da einen Handlungsspielraum gibt für die Politik. Es ist völlig klar, dass das schon allein wegen unserer föderalen Struktur sehr schwer ist. Aber diese Gesellschaft wird in ihren politischen Gremien, in ihrer Öffentlichkeit erkennen müssen, dass wir ohne ein funktionierendes Qualitätsfernsehen, ohne qualitätsvolle Kinofilme und einem komplett deregulierten, von amerikanischen Großfirmen bestimmten Netz, nicht mehr in der Lage sein werden, uns gesellschaftlich zu vergewissern, wo wir eigentlich stehen, was wir eigentlich sind.

LHG: Der dirty deal zwischen Politik und Fernsehen ist doch einfach der, dass Fernsehen die Darstellungsmöglichkeit und die Repräsentanz für die Politik in hinreichendem Maße gewährleistet. Wieso sollte denn jemand interessiert sein, das in Frage zu stellen? Das finde ich ja einen wirklich hehren Vorsatz. Aber ich glaube nicht, wenn ich mir die Entwicklung in Großbritannien und in anderen europäischen Ländern angucke, dass wirklich ein Anlass besteht zu glauben, dass das umzukehren ist. Warum sollte die neue Generation von Medienpolitikern – die ich noch nicht sehe, aber vielleicht verpasst habe – interessiert sein, das zu hinterfragen? Kleines Beispiel: Der vormalige Kulturstaatssekretär in NRW hat versucht, politisch auf den WDR daraufhin einzuwirken, dass mehr kulturelle Inhalte transportiert würden und hat sich wirklich eine herbe Abfuhr eingefahren. Also da sah ich den politischen Willen ausgedrückt, aber ohne Ergebnis.

MH: Wir haben doch eine virulente Diskussion – auch wenn sie noch nicht genügt– über Medienpolitik, über Fernsehen, über Kinoförderung, seitdem diese Systeme jetzt unter Druck geraten sind. Da ist die Haushaltsabgabe sicherlich das größte Eigentor, was sie sich schießen konnten, weil durch die Haushaltsabgabe, mit der sie ja meinten, sich auf immer und ewig absichern zu können, erstmal jedem einzelnen Konsumenten klar geworden ist, dass das ein Zwangssystem ist. Bei der GEZ hatte man immer noch die Möglichkeit, sich abzumelden oder nicht zu melden. Diese Möglichkeit hat den regelmäßigen Zahlern eine gewisse Freiwilligkeit vorgegaukelt. Mit der Abgabe ist es eine Zwangsabgabe, und damit wird das auch jedem einzelnen klar. Und wir haben eine Diskussion durchs Internet, die noch völlig unvorhersehbar ist. Wir haben bei den Förderern ein System, das komplett unter Beschuss steht – bis zum Verfassungsgericht. Wir haben eine Situation, in der diese Systeme unter Legitimationsdruck stehen. Und das ist für mich der Ansatzpunkt. Natürlich will Politik das vielleicht erhalten, aber sie müssen diesem Legitimationsdruck in jedem Fall eine Antwort geben. Und da fängt für mich eine Diskussion an. Die wird niemals in einem perfekten System enden, aber inwieweit dieses System unter diesem Legitimationsdruck gezwungen werden könnte, bestimmte Dinge zu machen, das ist für mich noch nicht entschieden. Wenn eine Stadt wie Köln sagt, ich zahle nicht mehr, dann sind das subpolitische Signale, die versteht jeder. Ob jetzt die innovativen Teile innerhalb der Systeme und außerhalb der Systeme in der Lage sind, in der Zeit, in der dieser Legitimationsdruck beantwortet werden muss, neue Modelle vorzuschlagen oder sich nur Teile wieder rauszuholen, darüber würde ich niemals eine Vorhersage wagen. Aber ich sehe zumindest, dass wir an einen bestimmten Punkt kommen, wenn wir hier schon von Implosion reden. Dann ist die Frage doch interessant: Was passiert vor der Implosion? Deshalb habe ich irgendwann mal gesagt, das öffentlich-rechtliche Fernsehen – ich hätte es auch über die Förderung sagen können – kommt mir vor, wie die Sowjetunion vor Gorbatschow. Auch Gorbatschow ist ja schließlich gescheitert, wenn man heute auf Putin schaut, aber nichtsdestotrotz gab es ein Fenster, in dem sie auch innerhalb des Systems jemanden akzeptieren mussten, der zumindest versucht hat, über Reformen das System zu retten. Es ist dann trotzdem implodiert ...

Wohin führt der Legitimationsdruck?

FJ: Ist der Legitimationsdruck nicht einer, der zu noch mehr Konsens, noch mehr Herkömmlichem, zu noch einer stärkeren Absicherung und Abschottung führt?

HG: Ja, aber damit steigt ja nur der nächste Legitimationsdruck. Beim Filmförderungsgesetz steht uns in jedem Fall eine Diskussion bevor. Das FFG ist nunmal das Muttergesetz auch der anderen Filmförderungen in Deutschland – ihre Richtlinien richten sich ja sehr viel nach dem FFG. Wir haben noch nicht das abschließende Urteil und wir werden nach diesem Urteil eine Diskussion bekommen über das FFG. Das FFG ist zehn Jahre nicht novelliert worden – es ist wirklich nur an Kleinststellschrauben was gedreht worden, weil die Politik immer gesagt hat: Erstmal müsst ihr eure Klagen überstehen, erstmal müsst ihr die Legitimation vom Verfassungsgericht kriegen, dann könnt ihr wieder richtig novellieren. Deshalb hat auch die Politik gesagt, der nächste Zyklus der Novelle ist nicht fünf Jahre sondern drei Jahre – weil gesagt wurde, dass die FFA, wenn das Urteil jetzt kommt im Januar, genau zwei Jahre Zeit hat, sich neu aufzustellen, eine Novelle zu schreiben, die wir dann politisch umsetzen werden, die dann wieder adäquat ist. Ich glaube, dass wir, was das Fördersystem angeht, erst gerade anfangen darüber zu diskutieren.

LHG: Mit Blick auf die Mehrheitsverhältnisse in der FFA: Die halte ich doch für relativ reformavers. Da sind doch letztlich auch Mehrheitsverhältnisse festgeschrieben. Die Verbände wie die AG Dok und die AG Kurzfilm – die hat ja mittlerweise auch einen Sitz –, die haben doch relativ geringe Kraftpotenziale.

MH: So gering auch wieder nicht. Wir haben immerhin ein Drittel der Stimmen sicher in den Gremien und wir sind in der Lage – wenn wir sie argumentativ überzeugen, zusammen mit denen, die aus anderen Ecken kommen, auch aus den Nicht-Film-Ecken, Kirchen usw. – in den Abstimmungen sogar 40 bis 45 Prozent zu erreichen. Das führt erst mal dazu, dass die andere Seite nicht einfach alles vom Tisch fegen kann. Es ist jetzt gelungen, dass es in den einzelnen Budgetklassen einen stärkeren Entscheidungsdruck geben wird. Pessimisten würden jetzt sagen, dass am Ende die Kleinen als Erstes komplett vom Tisch fallen. Das wird nicht passieren, weil die nicht so viel kosten. Wenn Sie einen Dokfilm weniger fördern, haben Sie 50.000 Euro mehr im Topf. Damit können Sie eine Constantin oder einen Nico Hoffmann nicht glücklich machen. Das heißt, der Preis, den wir kosten – Innovation, Dokumentarfilm, Debüt, Kinderfilm –, der ist nicht besonders hoch. Meine Beobachtung: Seitdem der Legitimationsdruck gestiegen ist, wird auch verstärkt gesagt: Wenn das schon so billig ist, müssen wir das auf jeden Fall mit bedenken.

LHG: Das wäre schön, wenn das so wäre.

 

Am Dienstag, den 28.01.2014 wird das Bundesverfassungsgericht sein Urteil in Sachen Filmförderung verkünden. Mit weiterem Gesprächsbedarf ist zu rechnen.

Teil I des Gesprächs finden Sie hier.

Kommentare zu „Die Filmförderung vor der Implosion (II)“


Nicole Joens

Hervorragend und vielen Dank für diese ausführliche Einschätzung eines Systems, das gerade im Umbruch ist und deutschlandweit viele Fragezeichen stellt, vor allem im Hinblick auf unsere Filmkultur. Dank aus München!


Mark

Eine umfangreiche, hervorragend geführte Debatte mit tiefen Einblicken und interessanten Erfahrungsberichten. Das Thema wird komplex angegangen und verständlich aufbereitet, zum Teil geradezu entwirrt. Vielen Dank!

Mich hätte noch eine Einschätzung darüber interessiert, inwieweit der deutschen Filmkultur nicht mit einer kompletten oder weiträumigen Abschaffung der Förderung am besten geholfen wäre.


Martin Hagemann

@mark: viel Ansätze, ohne Förderung Filme zu drehen, werden zur Zeit intensiv erforscht. Es gibt aus dem Bereich der Hochschulen, von starken Filmemacherinnen und Filmemachern und in diversen Gruppen mannigfaltige Versuche, Filme für wenig Budget zu drehen. Dass dies einen Einfluss auf die Filme, auf die Stoffe und die Formen hat, versteht sich von selbst. Im Bereich Kurzfilm, Kunstfilm und Filme für Museen sind immer schon Filme ohne Förderung entstanden. Ich glaube aber, dass der "grosse Spielfilm", der sorgfältig recherchierte und gedrehte lange Dokumentarfilm nicht abgeschrieben werden dürfen. Und wenn man sich diesen Genres widmet, braucht es größere Budgets als die Mikrobudgets, die Guerillastrategien oder die letztlich durch die Technikbeistellung und 0-Gagen möglichen Filme der Hochschulen. Film ist eine teure Kulturform mit extrem großer Reichweite, wenn er funktioniert. Diese Kulturform würde in Deutschland verschwinden, und mit ihr auch die Kinos, die von diesen Filmen abhängig sind. wenn die Förderung abgeschafft wird. Es ist auch kulturpolitisch überhaupt nicht einzusehen, warum eine großbürgerliche Kulturform wie die Oper alleine in Berlin mehr Geld von der Öffentlichkeit erhält, als der deutsche Film in seiner Gesamtheit. Ohne hier die kulturellen Subventionsbereiche gegeneinander auszuspielen, bin ich der Meinung, dass die Filmbranche ein vitales Interesse haben muss, die Förderstrukturen auszubauen und inhaltlich neu zu positionieren. Die in unserem Gespräch behandelte Aufteilung, bzw. Neuausrichtung in wirtschaftliche und künstlerische Förderung und die Entwicklung automatischer Strukturen zur Stärkung der wirklichen Entscheidungsträger der Filmherstellung erscheint mir der bessere Weg gegenüber einer tabula rasa.


Lars HenrikGass

Ich halte es fuer falsch, historisch erkaempfte Mittel wie die Filmfoerderung ganz und gar in Frage zu stellen. Wichtiger ist, diese auf ihre kulturelle Funktion zurueckzufuehren und die versteckten Wirtschaftssubventionen einzustellen. Wenn kein Markt existiert, gibt es auch keinen Grund, Wirtschaft zu subventionieren. Diese reklamiert Film als "Kulturgut" allein deswegen, um die Kunst von den Foerdermitteln fern zu halten.


Mark

Vielen Dank für ihre beiden detaillierten Antworten.

Mit meiner Frage ziele ich aber explizit auf den großen Markt und große Spielfilme. Im jetzigen Fördersystem wird ja komplett am Markt vorbeiproduziert, obwohl Deutschland international ein großer Film-Markt ist. Wenn aber Fördergelder fließen, bevor der Film gemacht ist, gibt es keinen Zwang, marktorientiert zu arbeiten (sondern nur "festivalorientiert", um weitere Förderpunkte zu sammeln) und auch nicht, qualitativ hochwertig zu arbeiten.

Wäre ohne Filmförderung dagegen der große Markt in Deutschland nicht frei für Investoren, für Produzenten, die risikobereit sind und gleichzeitig Interesse daran haben, zeitgemäße Publikumsfilme zu produzieren?

Man könnte das ja beispielsweise unterstützen durch Filmförderung, die _nach_ dem Dreh gewährt wird (z.B. prozentual gemessen am ausgegebenen Geld, ohne inhaltliche Regulierungen) oder auch eine Quote für deutsche Filme einführen (persönlich bin ich kein Freund davon, aber andere Länder sind damit ja sehr gut gefahren).

Ich kann mir auch kein System vorstellen, in dem von Entscheidungsträgern bestimmt wird, was "kulturell wertvoll" ist und was nicht. Festivals, Preisverleihungen, Prädikatsbestimmungen, Kommissionen, politische Bestimmungen usw. zeigen immer wieder, dass sie alle unfrei von kulturellen Ideologien oder Prestigegedanken sind. Sie können gern im Nachhinein als Reflektion von filmischer Qualität dienen, weil es zur menschlichen Kultur gehört, Preise zu verleihen, aber kaum Maßgabe sein, den kulturellen Wert eines noch nicht existenten Werks im Vorfeld nach Kriterien zu bestimmen.


Lars Henrik Gass

Dieser Auffassung kann ich mich nicht anschließen. Filmförderung behindert keineswegs die Entstehung von Filmen mit kommerziellen Absichten. Das Problem ist ja nicht, dass an einem "Markt" vorbeiproduziert wird, sondern dass im Wesentlichen das Fernsehen bestimmt, also die Filmförderung, wie die Filme auszusehen haben und dass das Kino als Markt verschwindet. Ich möchte nicht den kommerziellen Erfolg belohnen, sondern die Entstehung von künstlerisch anspruchsvollen Werken ermöglichen. Dass die Leute weniger ins Kino gehen, liegt ja weniger an den schlechten Filmen, sondern an einem veränderten Freizeitverhalten, das aus neuen Auswertungsformen für Filme resultiert (DVD, mobile Endgeräte usw.). Die Festivals haben in einem bestimmten Umfang das Kino beerbt. Das finde ich eher positiv, weil bestimmte Filme dann dort auch ihr Publikum finden. Das Problem ist eher, dass sich diese Filme so nicht refinanzieren können und an einem alternativen Filmfinanzierungssystem gearbeitet werden müsste. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich die Filme, die Ihnen vorschweben, nicht sehen möchte. Und eine Quote für deutsche Filme ist mein persönlicher Alptraum.


Lukas

Für einen Außenstehenden erscheint einem die Filmförderung nicht nur als ein komplexes, bürokratisches Monstrum, sondern auch als ein Biotop, in dem Filz, Seilschaften und Konformismus gedeihen, und das schon deshalb die Bezeichnung "Förderung" nicht verdient, weil es, wie im Gespräch geäußert, vor allem mit dem eigenen Überleben beschäftigt ist.

Die Analogie zur Sowjetunion geht auch mir seit jeher durch den Kopf. Aber die Frage hierbei lautet nicht, wann das System endlich implodiert, sondern um welche Chancen der deutsche Film bis dahin gebracht wird.

Ich persönlich bezweifele auch stark, dass es in der Politik überhaupt ein ausreichend ernsthaftes, nachhaltiges Interesse am diesen Thematiken gibt. Kulturpolitik ist eben kein wahlentscheidendes Profilierungsfeld, das einem die nötigen Wählerstimmen einbringt.

Doch bei aller berechtigten Kritik an diesem kranken Systen, finde ich die strikte Trennung, die die beiden Filmemacher hier zwischen dem "künstlersichen" und dem "kommerziellen" Film auftun, äußerst fragwürdig. Diese Haltung, hier der gesellschaftspolitisch wichtige "Kunstfilm" einserseits und da das massentaugliche "Kommerzkino" andererseits, ist doch total antiqutiert und kontraproduktiv. Das riecht mit zu sehr nach den Kämpfen der Alt '68er, die nicht begeistern, sondern belehren wollen.

Grundsätzlich kommt mir das starke Beharren der beiden Filmemacher auf die Unterstützung von Vater Staat sehr strange vor, auch wenn ich nicht negieren kann, dass gute Filme nicht für lau zu haben sind. Trotzdem hätte ich gerne was zum Thema Crowfunding und kommerzielle Auswertung im Internet gehört.


Frédéric Jaeger

Wo Sie den Gegensatz von "Kunstfilm" und "Kommerzkino" in diesem Gespräch sehen, weiß ich nicht. Ganz zu Beginn des Gesprächs (Teil I) wird darauf eingegangen, dass eine solche strikte Trennung vom Kulturellen und dem Wirtschaftlichen nicht möglich ist. Das heißt aber nicht, dass man sich in der Förderung nicht dafür entscheiden kann, in den Kriterien beim einen oder beim anderen Aspekt anzusetzen. Ein Beispiel: Eine wirtschaftliche Förderung guckt auf "nackte" Zahlen: Auf das Verhältnis von Kosten und Nutzen, zum Beispiel für ein Land. Wenn in Bayern eine Million durch einen Dreh ausgegeben wird für 500.000 Förderung, dann hat Bayern was gewonnen durch die Förderung, noch bevor der Film überhaupt in den Kinos gelaufen ist. Natürlich ist es für Bayern auch wichtig, dass die Fernsehsender bleiben, dass die Produktionsfirmen und Verleiher dort glücklich sind und nicht alle wegziehen. All das ist verständlich und als Wirtschaftspolitik legitim, als Ansatz für eine Kulturförderung allerdings ist es unzureichend. Und überhaupt: Ist dem Film wirklich schon damit gedient, wenn Besitzstände gesichert werden, irgendwie?
Übrigens: Lars Henrik Gass ist kein Filmemacher, sondern Festivalleiter.
Zum Thema Crowdfunding und kommerzielle Auswertung im Internet: Stimmt, das sind durchaus interessante und wichtige Themen, selbst wenn sie aktuell das deutsche Kino noch nicht entscheidend prägen. Deshalb auch der Fokus auf die Filmförderung: Weil das Kino in seiner aktuellen Verfassung, seiner Ästhetik, seiner Struktur, maßgeblich von dieser abhängt.






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