Der Wishman-Touch – Sexploitation und Interieurs

Hier finden die Darstellerinnen immer einen Anlass, sich auszuziehen. Mit einer Reihe an Texten widmen wir uns in den nächsten Tagen den wilden Low-Budget-Filmen von Doris Wishman.

Nackt im Sommerwind Poster

Was macht eigentlich die Filme der großen amerikanischen Sexploitation-Regisseurin Doris Wishman aus? Widmen wir uns doch zunächst dem, was sie nicht ausmacht. Anlässlich einer privaten Retrospektive sah ich mir vor Kurzem Hot Month of August (O Zestos minas Augoustos, 1966) an, der angeblich in Zusammenarbeit mit dem griechischen Filmemacher Sokrates Kapsaskis entstanden ist. Dabei traf ich auf viele Merkmale von Wishmans sich stark ähnelnden „Roughies“ aus dieser Zeit: eine grobschlächtige Nachsynchronisation, ein Vorspann mit Standbildern, die schon mal Appetit auf die spektakulärsten, weil explizitesten Szenen des Films machen, sowie eine flotte, jazzige Musik (von einem Interpreten mit dem herrlich schlichten Namen Sound Track) auf einem offensichtlich höheren Produktionsstandard entstanden ist, als der eigentliche Film. Und doch stimmt etwas nicht mit Hot Month of August. Die Geschichte eines jungen Lebemanns, der in ein gefährliches Liebesdreieck gerät, wirkt zu komplex, das Schauspiel und die Inszenierung sind ambitionierter, als man das von dieser Regisseurin gewohnt ist. Das Entscheidende – der besondere Wishman-Touch – fehlt.

Was ist angesagt? Was gesetzlich noch erlaubt?

Bad Girls Go To Hell - Poster

Tatsächlich finde ich bei einer kurzen Internetrecherche heraus, dass es sich hier um keine wirkliche Co-Regie handelt. Vielmehr sollte Wishman Kapsaskis Film für den amerikanischen Markt umschneiden, nachsynchronisieren und einige neu gedrehte Sexszenen einfügen. Diese publikumsorientierte Arbeitsweise ist auch für Wishmans eigene Regiearbeiten durchaus charakteristisch. Sie wollte dem Zuschauer nichts aufschwatzen, was er nicht haben wollte, oder gar die offensichtliche Intention ihrer Filme mit einem radikalen Subtext unterwandern. Gedreht wurde, was aktuell angesagt und gesetzlich noch erlaubt war. Konsequenterweise veränderten sich Wishmans Filme im Wandel der Zeit. Nach kindlich naiven Nudistenfilmen wie Diary of a Nudist (1960) und Nackt im Sommerwind (The Prince and the Nature Girl, 1965) drehte sie härtere Schwarzweißfilme wie die tolle Abstiegsgeschichte Bad Girls Go to Hell (1965). Die Männer sind hier schon unendlich schmierig und gewalttätig, während die hilflosen Frauen meist unglücklich, vergewaltigt oder tot enden. Bei aller Faszination für das Abgründige und Schmutzige setzt sich am Ende aber häufig die bürgerliche Moral durch.

The Immoral Three - Poster

Bis zum ihrem Tod im Jahr 2002 drehte Wishman auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle mit A Night to Dismember (1983) noch ihren eigenen, zweifellos einfallsreich betitelten Genrebeitrag und, nachdem die „Roughies“ nicht mehr rough genug waren, auch widerwillig zwei Pornos mit der späteren feministischen Performance-Künstlerin Annie Sprinkle. Obwohl der nackte weibliche Körper das Leitmotiv in Wishmans Werk ist, wirken die Filme recht züchtig. Ein Anlass, um sich auszuziehen, ist für die Damen immer schnell gefunden. In Indecent Desires (1968) gibt es etwa eine bemerkenswert alberne Szene, in der sich eine der Darstellerinnen auszieht, um sich ihren ungelenken Ballettübungen hinzugeben. Die Liebesakte wirken dagegen sehr stilisiert, als wüssten die Darsteller nicht so recht, was sie miteinander anfangen sollen. Sexszenen schienen Wishman immer ein wenig unangenehm zu sein. Bei ihren Pornos weigerte sie sich sogar, die Hardcore-Passagen selbst zu inszenieren.

Kein Schulterschluss mit den Frauen

Teuflische Brueste - Poster

Wodurch zeichnet sich der Wishman-Touch nun aber aus? Wenig wohlwollend könnte man sagen, die Filme seien handwerklich dilettantisch. Tatsächlich handelt es sich hier aber um eine radikale Alternative zu filmischen Konventionen. Aus Mangel an theoretischer und praktischer Erfahrung musste Wishman ihre eigene Sprache finden, egal wie ungünstig die Drehbedingungen auch waren und wie niedrig das Budget. Szenen werden etwa ausgesprochen bescheiden, oft auch sehr unorthodox aufgelöst. Damit ein Schuss-Gegenschuss-Dialog nicht zu langweilig gerät, wird zwischendurch unerwartet auf einen Tisch oder ein hässliches Bild mit zwei Kätzchen geschnitten. Überhaupt widmet Wishman sich immer sehr engagiert und völlig losgelöst von der Handlung der Wohnungseinrichtung, die in nicht wenigen Fällen ihre eigene ist. Gerade weil sich hier nicht alles logisch aus der Erzählung entwickelt, wirken die Filme immer ein wenig unberechenbar.

Let Me Die A Woman - Poster

Bemerkenswert ist, dass Wishman zwar als Frau in einer Männerdomäne arbeitete, aber in diesem Bereich auch erst gar nicht versuchte, eine betont weibliche Perspektive einzunehmen. Von einem Schulterschluss mit ihren Heldinnen kann keine Rede sein. Da passt es auch, dass sie viele ihrer Filme unter dem Pseudonym Louis Silverman, dem Namen ihres Mannes, inszenierte. Wenn Wishman etwa in Teuflische Brüste (Deadly Weapons, 1971) die wippende Oberweite ihrer gut bestückten Hauptdarstellerin Chesty Morgan in eine Großaufnahme packt und mit lärmenden Soundeffekten untermalt, wirkt das eher wie die Idee eines pubertierenden Jungen. Doch das Besondere an ihren Filmen ist schließlich auch, dass sie ihre Figuren einerseits vorführen, ihnen andererseits aber auch Mitgefühl entgegenbringen. Sehr anschaulich zeigt das Let Me Die A Woman (1977), ein halbdokumentarischer Film über Transsexuelle, der sich an dem blutigen Spektakel erfreut, dass sich Männer ihre Schwänze abschneiden lassen, und dabei doch auch Verständnis für diese Launen der Natur einfordert.

In den folgenden Tagen werden wir uns Wishmans polarisierendem und filmhistorisch durchaus spannendem Oeuvre mit einem mehrteiligen Special widmen. Neben den critic.de-Autoren Lukas Foerster, Michael Kienzl und Nino Klingler sind dieses Mal auch zwei Gastautoren beteiligt. Thomas Groh und Christian Keßler werden uns dabei unterstützen, einen Blick in die wunderbare Welt der Doris Wishman zu werfen.

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