Der Beschwörer der Zwischenwelten – Das Kino von Jacques Tourneur

In seinen lyrischen Horrorfilmen interessierte sich Jacques Tourneur für den Moment des Blinzelns, den flüchtigen Augenblick zwischen Dunkelheit und Licht. Die ihm gewidmete Werkschau stand im Zentrum des diesjährigen Festivals von Locarno.

The Leopard Man 3

Ein Schäferhund wird verdächtigt, Schafe gerissen zu haben. Der Hirte möchte den Hund gleich erschießen, der Besitzer und dessen junge Tochter beteuern die Unschuld des Tieres. Es kommt zum Gerichtsprozess, der Staatsanwalt erhebt schwere Vorwürfe. Nachts lässt man den Hund laufen und beobachtet sein Verhalten. Sofort macht er sich auf zu den Schafen, doch als der wahre Täter (ein Kojote) erscheint, beschützt er die Tiere – und hat damit seine Unschuld bewiesen. Killer-Dog (1936) – der anders als sein Titel keineswegs reißerisch ist – ist einer der ersten von rund 20 Kurzfilmen, die Jacques Tourneur zwischen 1936 und 1942 für MGM drehte. Gezeigt wurden sie vor den Langfilmen des Studios. Vor welchen Filmen Killer-Dog lief, ist heute unbekannt. Gerne stellt man sich aber vor, dass es eine glamouröse MGM-Produktion mit Greta Garbo war.

The Leopard Man

Diese Kurzfilme gehörten für mich zu den schönsten und überraschendsten Entdeckungen der diesjährigen Retrospektive. Leitmotive von Tourneurs Langfilmen lassen sich hier bereits deutlich erahnen. Romance of Radium (1937) erzählt beispielsweise von der Entdeckung des gleichnamigen Elements. Es geht um die Arbeit der Wissenschaftler und um die unsichtbare Strahlung, die in den Schatten des Labors zu lauern scheint. In dem unheimlichen The Incredible Stranger (1942) erweckt derweil ein verzweifelter Mann seine verstorbene Frau und seine Kinder zum Leben, indem er sie als Puppen nachbaut. In seinem eigenen Haus hat er sich eine gespenstische Zwischenwelt erschaffen, die mit der Realität vor seiner Haustür nicht mehr viel gemeinsam hat.

Andeutungen und Zwischentöne

The Leopard Man 2

Dieses Beschwören einer Zwischenwelt findet einen ersten Höhepunkt in der Trilogie, die Tourneur zusammen mit Val Lewton erschuf und die bis heute seine Rezeption prägt: Katzenmenschen (Cat People, 1942), Ich folgte einem Zombie (I Walked with a Zombie, 1943) und The Leopard Man (1943). Drei Meisterwerke der Andeutungen und der Zwischentöne, deren lyrischer Horror sich nach einem langen Festival-Tag besonders effektiv entfaltet. Zum Beispiel im letztgenannten Film, dessen Geschichte im Dämmerlicht New Mexicos angesiedelt ist. Ein Leopard soll drei Frauen getötet haben, in Wahrheit wurden zwei von einem Psychopathen ermordet. Angst geht um, Aberglaube ebenso. Der Täter wird am Ende gestellt, die Furcht der Frauen hat ihn zu seinen Taten veranlasst. The Leopard Man erzählt von der Anziehungskraft, die die Angst auf Tiere wie auf Menschen – und damit auch auf uns Zuschauer – ausübt.

Stars in My Crown

In The Leopard Man fehlt eine eindeutige Hauptfigur. Der Film folgt den drei Opfern und deren Umfeld. Dieser Verzicht hat bei Tourneur Methode. Extreme sind ihm fremd. Stattdessen verbannt er immer wieder Ereignisse außerhalb der Leinwand. Ihn interessiert der Augenblick des Blinzelns als ein flüchtiger Moment der kurzfristigen Unwissenheit, der zwischen Licht und Dunkelheit existiert. Daraus entsteht ein Kino eines allumfassenden Unbehagens, das die Figuren lähmt und zutiefst einsam macht. Sie stehen Gemeinschaften misstrauisch gegenüber und bevorzugen es, ihren eigenen Weg zu gehen.

Verwandlungen

Stars in My Crown 4

Vielleicht übertreibe ich etwas, doch der Western Stars in My Crown (1951) nähert sich einer Perfektion an, die ich in der Form schon lange nicht mehr im Kino gesehen habe. Tourneur inszeniert diesen Film mit einer solchen Leichtigkeit, dass man ihm quasi wie beim Atmen zuschaut. Jedes Element sitzt, von der liebevollen Ausstattung (unübertroffen etwa ein Gerät, das Fliegen verscheucht) über die zurückhaltende Regie bis hin zu den Schauspielern, angeführt von Joel McCrea. Er spielt den allseits geschätzten Priester einer Kleinstadt, in der Typhus ausbricht. Der junge Arzt beschuldigt den Diener Gottes, unwissentlich die Krankheit verbreitet zu haben. Voller Selbstzweifel zieht der sich zurück. Ein weiterer Handlungsstrang betrifft einen rassistisch motivierten Konflikt um ein Stück Land. Wenn sich die Spannungen am Ende zuspitzen und die Männer ihre Waffen zücken, dann verweigert uns der Film die kathartische Gewalt. Dafür werden wir Zeugen eines doppelten Wunders: das des Glaubens des Priesters und das seiner Worte. Im Zentrum von Stars in My Crown steht, wie in so vielen Tourneur-Filmen, eine profunde Transformation, die hier jedoch nicht das Ergebnis übersinnlicher Kräfte ist, wie etwa in Katzenmenschen oder Der Fluch des Dämonen (Night of the Damon, 1957), sondern einzig durch das gesprochene Wort entsteht.

Müde Helden

Circle of Danger

Zuweilen führen die Filmtitel auf falsche Fährten. 1951 drehte Tourneur Circle of Danger in England (auf Deutsch, etwas schwerfällig, Der dreizehnte Gast betitelt). Die Ausgangslage liest sich wie ein Thriller: Ein Amerikaner versucht zu ergründen, unter welchen Umständen sein Bruder im Zweiten Weltkrieg gestorben ist. Er trifft ehemalige Kameraden und erfährt schließlich, dass der Bruder von seinem britischen Vorgesetzten exekutiert worden ist. Wenn er am Ende den vermeintlichen Mörder mit dieser Tat konfrontiert, dann stehen sich zwei müde Männer gegenüber, die sich schweren Ganges zum Finale schleppen. Und als dann die Wahrheit ans Licht kommt – der Bruder gefährdete die Mission durch unüberlegtes Handeln –, verpufft augenblicklich jegliche Spannung vor unseren Augen. Es gab keine finstere Verschwörung, keinen „circle of danger“. Stattdessen zeigt der Mann sogar Verständnis für die Tat und kehrt in die USA zurück. Circle of Danger fühlt sich an wie die Negation der Filme um den Superagenten Nick Carter (Nick Carter, Master Detective,1939 und Phantom Raiders, 1940), die Tourneur zu Beginn seiner Karriere drehte. Während jede Szene in diesen beiden frühen Werken sofort zum Wesentlichen kommt, jede Geste, jeder Blick potenziell von Bedeutung ist und keine Wendung dramatisch genug sein kann, so wird Circle of Danger jeglicher Dramatik beraubt. Purer Stillstand. Nick Carter jagt Frauen und Bombenlegern hinterher, der Mann in Circle of Danger sitzt auf dem Sofa, raucht eine Zigarette und lauscht einer Schallplatte. Immerhin: In London verliebt er sich in eine hübsche Frau. Dreimal verabredet er sich zum Abendessen mit ihr, dreimal kommt er zu spät.

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