Das sinnliche Kino des Radley Metzger

Retrospektive auf dem 17. Filmfest Oldenburg 2010

Im Rahmen des 17. Filmfestivals in Oldenburg wurde der amerikanische Regisseur Radley Metzger (siehe auch unser Interview) mit einer kleinen Retrospektive geehrt. Durch die eigenwillige Kombination aus B-Movie-Mentalität und künstlerischem Anspruch zählt Metzger zu den markantesten Vertretern des erotischen Films.

Radley Metzger

Zum 17. Mal fand in diesem Jahr das Oldenburger Filmfestival statt, das sich mit einer verhältnismäßig kleinen Filmauswahl dem unabhängigen Kino widmet. Obwohl das Festival laut Eigendefinition über ein internationales Programm verfügt, lassen sich doch zwei deutliche nationale Schwerpunkte ausmachen: zum einen deutsches Kino, zum anderen amerikanische Independentproduktionen. Dabei fällt vor allem auf, dass man in Oldenburg im Gegensatz zu anderen Festivals – einschlägige Veranstaltungen wie das Fantasy Filmfest einmal ausgenommen – auch keine Scheu vor jungem Genrekino zeigt.

Die Katze und der Kanarienvogel

Bei der alljährlichen Retrospektive ehrte man den Amerikaner Radley Metzger, der schon wegen seiner Vergangenheit als Porno-Regisseur kein typischer Festival-Ehrengast ist. Statt einer vollständigen Werkschau beschränkte man sich in Oldenburg auf sieben zwischen 1967 und 1978 entstandene Filme, die lediglich ein Drittel von Metzgers Schaffen ausmachen. Auch wenn er sich im Laufe der Jahre verschiedenen Genres gewidmet hat, ist Metzger doch in erster Linie als Vertreter eines erotischen Kinos bekannt. Der einzige Film der Retrospektive, der in dieser Hinsicht eine Ausnahme darstellte, war die Krimikomödie Die Katze und der Kanarienvogel (The Cat and the Canary, 1978), ein unterhaltsames Remake des gleichnamigen Films mit Bob Hope von 1939.

Camille 2000

Metzgers Filme sind eigenwillige Mischungen aus Sexploitation und europäischem Kunstkino. Schaueffekte bekommen hier für gewöhnlich mehr Aufmerksamkeit als Figurenzeichnung und Dramaturgie. Metzger hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nichts von der Konstruktion einer Story versteht. Häufig griff er auf literarische Vorlagen wie George Bizets Oper Carmen, Alexandre Dumas’ Die Kameliendame oder das Musical My Fair Lady zurück. Dabei wurden die Geschichten zwar in die Gegenwart verlagert, die Handlungsstruktur aber direkt übernommen. Diese direkte Übersetzung einer Romanhandlung in einen Filmstoff macht sich in einigen Filmen durch eine nicht besonders straffe Dramaturgie bemerkbar. So nachlässig Metzger auf diesem Gebiet agierte, bemühte er sich doch gleichzeitig darum, seine Produktionen technisch aufwändig und ästhetisch innovativ zu gestalten. Kameramänner wie Hans Jura veredelten die Filme mit einer bewegten Kamera und unkonventionellen Kadrierungen, während vor allem das verschwenderische Szenenbild von Enrico Sabbatini den Filmen einen unverkennbaren Look verlieh. Besonders seine futuristisch-psychedelischen Dekors aus The Lickerish Quartet (1970) und Camille 2000 (1969) sind Kunstwerke für sich und maßgeblich an der surrealen Stimmung der Filme beteiligt.

Radley Metzger The Lickerish Quartet

An einer Abbildung der Realität war Metzger mit seinem durch und durch eskapistischen Kino nie interessiert. Die Handlungsorte sind überwiegend von der Außenwelt isoliert: Ein im Niemandsland befindliches Mädcheninternat (Therese und Isabell, Therese and Isabelle, 1968), ein Schloss (Die Katze und der Kanarienvogel, The Lickerish Quartet) oder ein Feriendomizil, das sich bezeichnenderweise in einem fiktiven europäischen Küstendorf mit dem Namen Leisure (engl. für Freizeit) befindet (Score, 1972). Das soziale Milieu, aus dem die Figuren stammen, ist der Jetset, wo es abgesehen von zwischenmenschlichen Beziehungen keine weltlichen Probleme gibt. In dieser dekadenten Umgebung gehen die Protagonisten ihrem hedonistischen Lebensstil nach. Metzger interessiert sich vor allem für die schönen Dinge des Lebens. In seinen Filmen wimmelt es nur so vor ausgedehnten Partyszenen, in denen die Figuren ausgelassen tanzen, Drogen nehmen oder sich sexueller Ekstase hingeben.

Die innerfilmische Realität ist dabei in einigen Filmen durchlässig für andere Zeit- und Bewusstseinsebenen. In Therese and Isabell kehrt eine Frau nach zwanzig Jahren in ihr ehemaliges Internat zurück. Während sie durch das leerstehende Gebäude streift, erinnert sie sich an die damalige Liebesbeziehung mit ihrer Mitschülerin. Dass der Haupterzählstrang aus der Vergangenheit immer wieder von der flanierenden Frau in der Gegenwart unterbrochen wird, wäre noch keine Besonderheit. Doch Metzger lässt Bild und Ton der verschiedenen Zeitebenen immer wieder überlappen, bis eine strikte Trennung nicht mehr möglich ist. In Die Katze und der Kanarienvogel gibt es eine Testamentsverkündung per Film, die ebenfalls die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart überschreitet.

The Lickerish Quartet Poster

Am radikalsten bedient sich Metzger solcher fließenden Übergänge aber in The Lickerish Quartet (1970), seinem vielleicht besten Film. Hier ist gar nicht mehr ersichtlich, was Traum und was Realität ist. Eine Adelsfamilie sieht sich darin zur Abendunterhaltung einen Amateur-Porno an und trifft kurz darauf die vermeintliche Darstellerin des Films auf einem Jahrmarkt. Nachdem sie die geheimnisvolle Frau auf ihr Schloss einladen, verdreht die junge Schönheit, ähnlich wie in Pasolinis Teorema – Geometrie der Liebe (Teorema, 1968), den Familienmitgliedern nacheinander den Kopf. Dabei wird immer unklarer, ob diese Frau überhaupt existiert oder lediglich ein Gehirngespinst der Familie ist. Der Amateur-Porno wird mehrmals abgespielt und verändert sich mit jeder Projektion. Am Schluss haben die Darsteller des Films-im-Film und die Familie die Plätze getauscht.

Radley Metzger The Score

Mitte der 1970er Jahre passte sich Metzger dann der aktuellen Mode des porno chic an und drehte fünf Hardcore-Filme. In Oldenburg gab es davon nur einen, und zwar seinen bekanntesten, The Opening of Misty Beethoven (1976), zu sehen. Der Film zählt zu den Klassikern des narrativen Pornos und zeigt eine eigenwillige Deutung von My Fair Lady. Anders als im Musical wird der unbedarften Hauptfigur nicht beigebracht, wie man sich angemessen artikuliert, sondern die Kunst des Sex. Wie Metzgers frühere Filme verfügt auch The Opening of Misty Beethoven über zahlreiche Kamerafahrten, verschwenderische Dekors und orgiastische Sexszenen, qualitativ bleibt er aber hinter ihnen zurück. Letztlich ist er zu klamaukig, platt und frauenfeindlich. Nie geht es um das Begehren seiner Titelheldin, die wie eine Aufziehpuppe nur die Lust der Männer zu befriedigen hat.

Metzgers Filme nehmen zweifellos alle einen männlich-heterosexuellen Blickwinkel ein, der sich der Reize seiner attraktiven Darstellerinnen stets bewusst ist. Selten ist Sex aber so repressiv wie in Misty Beethoven inszeniert. In Carmen Baby (Carmen, Baby, 1967) und Camille 2000 etwa handelt es sich sehr wohl um selbstbestimmte Heldinnen, die den ständigen Wechsel der Sexpartner als persönliche Freiheit verstehen und ihre verliebten Verehrer dabei dumm stehen lassen. In beinah allen Filmen von Radley Metzger ist Sex ein Akt der Befreiung von einschränkenden Moralvorstellungen. Therese und Isabell finden in der gemeinsam erlebten Lust eine Flucht vom disziplinarischen und lustfeindlichen Alltag ihres Internats, und in The Lickerish Quartet ermöglicht der mysteriöse Gast der Familie zum ersten Mal eine Verwirklichung ihrer sexuellen Wünsche.

The Score

Was die sexuelle Befreiung seiner Figuren angeht, ist Score mit Sicherheit der bemerkenswerteste Film. Basierend auf dem gleichnamigen Off-Broadway-Theaterstück von Jerry Douglas, handelt Score von einem älteren Pärchen, das die Kunst der Verführung zum Wettbewerb erhebt. Dafür haben sie sich ein jüngeres konservatives Pärchen ausgewählt. Während sich die Dame des Hauses dem katholischen Mädchen widmet, kümmert sich der Mann um den Jungen. Score ist durch die Konfrontation der lüsternen Alten mit den verklemmten Jungen nicht nur ein sehr lustiger Film, sondern zelebriert in der zweiten Hälfte auch jenseits von narrativen Einschränkungen und voll mit psychedelischen Effekten ein ausschweifendes Fest der Sinne: Die Figuren verkleiden sich, experimentieren mit Drogen, praktizieren Partnerwechsel und erforschen unterdrückte homosexuelle Neigungen.

Lange Zeit waren Metzgers DVDs nur schwer zu bekommen. In den letzten Jahren wurden immer mehr Filme, darunter The Lickerish Quartet, Carmen Baby und Camille 2000 neu veröffentlicht. In nächster Zeit werden weitere Filme wie The Opening of Misty Beethoven folgen. Man sollte diese Möglichkeit nutzen und einen Blick in die ästhetisierte und hedonistische Welt des Radley Metzger werfen.

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