Cannes 2017: Das Große, das Kleine, das Wahre

Manche protzen, andere schillern: Warum aus Cannes just die Filme in Erinnerung bleiben werden, die es nicht darauf anlegen. (Und ein paar Worte zur angeblichen Diktatur der politischen Korrektheit.)

Ich will mich an die schönen, guten, herausragenden Filme erinnern. Und da gab es auch in diesem so schlecht aufgenommenen Jahr viele in Cannes. Doch dem macht am Tag nach der Preisvergabe Pedro Almodóvar mit einer selten dämlichen Palmenbegründung einen Strich durch die Rechnung. Ich entdecke sie erst jetzt. „It’s about the dictatorship of being politically correct. That dictatorship is as terrible, as awful, and horrifying as any other dictatorship“, sagte Jurypräsident Almodóvar vor der versammelten Presse. Und formulierte damit genau das falsche Argument für die Auszeichnung von The Square des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund mit der Goldenen Palme.

Welche Diktatur eigentlich?

The Square  4

Einmal von der Absurdität abgesehen, einen Begriff wie politische Korrektheit auf eine Ebene zu setzen mit Regimen, unter denen Menschen gefoltert, ermordet und drangsaliert werden: Will man diesen Film als einen gegen die Diktatur der politischen Korrektheit verstehen, muss man, klar, diese Diktatur erstmal erfinden. Und es sind vor allem die Rechten, die Reaktionären, die Verschwörungstheoretiker, die das tun, die behaupten, es gäbe eine Verschwörung der linken Medien und Politik, die Meinungsfreiheit zu beschneiden – auch, weil sie sich nicht ausreichend gewürdigt und beschützt sehen, weil sie selbst nicht diskriminiert werden, zum Beispiel weil sie weiß, hetero und männlich sind.

The Square  3

Denn nur, weil eine diskriminierende Sprache heutzutage von vielen Seiten kritisiert wird, heißt das nicht, dass es eine Diktatur gibt (wo denn? wie denn?). Stattdessen gibt es allerorten Diskriminierung, weiterhin. Und Leute, die das kritisieren. Manchmal auf selbstgerechte oder überhebliche Art, und manchmal auch derart unpolitisch, dass der Sprache mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den diskriminierenden Strukturen, die ihr zugrunde liegen. Zwar bin ich selbstverständlich dafür, sich mit der Sprache anzustrengen und immer weiter zu lernen, wie man sprechen und schreiben kann, ohne andere zu diskriminieren – würde aber immer auch für eine Lockerheit plädieren, das mündliche Wort, und auch den Social Media Post, nicht auf eine Ebene mit offiziellen oder behördlichen Schriftstücken zu heben und zu akzeptieren, dass Sprache nichts ist, was sich vollständig Idealen fügen könnte, dass wir alle auch etwas unrein sprechen. Einen Film aber für ein falsches Verständnis von politischer Korrektheit auszuzeichnen, ist das falscheste Signal überhaupt. Und es wird auch The Square nicht gerecht, denn Östlunds Film enthält diese Kritik, aber er lässt sich zum Glück auch nicht auf diesen Aspekt reduzieren.

Die französische Jurorin Agnès Jaoui (Regisseurin von u.a. Unter dem Regenbogen und Schau mich an) betonte zwei andere Fragen, die der Film aufwirft: die Möglichkeit, armen Menschen zu helfen und der Zwang zum Schock, unter dem die Medien stehen, wollen sie Erfolg haben. Eine Frage, die möglicherweise auf den Film selbst zurückfallen könnte. Da uns The Square aber ohnehin noch beim für Herbst/Winter angekündigten Kinostart in Deutschland beschäftigen dürfte, und ich schon gestern über die falsche Palme geschrieben habe, wenden wir uns einmal den schönen Dingen zu, den Filmen, die uns etwas bedeutet haben in Cannes.

Ein Film findet sich selbst

You Were Never Really There 1

Ausgerechnet der letzte Film im Wettbewerb, er war noch gar nicht richtig fertig, jedenfalls fehlte bei der Premiere noch der Abspann, war ein berückendes Erlebnis: Lynne Ramsays You Were Never Really Here, der als einziger Film mit zwei Preisen durch die Jury gewürdigt wurde – für das beste Drehbuch und für den besten Darsteller. Joaquin Phoenix ist im Wortsinn ein phänomenaler Hauptdarsteller als versehrter, strauchelnder, leidender, kämpfender Körper. Der Film wirkt wie nach diesem Körper geformt, brüchig, suchend, gewalttätig und zärtlich zugleich. Die Geschichte selbst passt auf eine Streichholzschachtel: Ein Mann wird beauftragt, ein Mädchen aus einem Kindesmissbrauchsring zu befreien und gerät in einen Strudel der Gewalt. Die Entscheidung, Lynne Ramsay (We Need to Talk About Kevin, 2011) für das beste Drehbuch auszuzeichnen, leuchtet mir nicht sofort ein, so sehr zehrt diese Literaturadaption davon, eine Regie- und Montageleistung zu sein.

Andererseits ist die Erzählung und Erzählweise, die aus dem fertigen Film spricht, tatsächlich sehr faszinierend: Alles trägt zur Stimmung bei, und zu einem tiefen Eintauchen in diese filmische Welt, die gleichzeitig von der unmittelbaren Gegenwart und von einer offensichtlich traumatischen Vergangenheit erzählt. Was schnell wie Plattitüden wirken könnte, gewinnt durch die nahtlose Verschmelzung und den aufgerauten, dynamischen, ja gespenstischen Stil einen starken Sog, zu dem auch der tolle Soundtrack von Jonny Greenwood beiträgt. Pulp- und Popelemente sind auf eine Weise integriert, die gerade nicht exploitativ wirkt, sondern bedeutsam. Dass das funktioniert, gerade angesichts einer nicht besonders originellen Geschichte, zeigt, dass Filme nicht immer nur etwas betont anders machen müssen, sondern dass sie auch beeindrucken können, wenn sie einfach nur zu sich selbst finden.

Frische Brisen gegen große Filme

Good Time der Safdie-Brüder ist da nur auf den ersten Blick ähnlich. Zwar war dieser Heist- und Gangsterfilm ebenfalls eine der schönen Überraschungen des diesjährigen Wettbewerbs – und er funktioniert ähnlich über Sog und Dynamik und einen beeindruckenden Soundtrack –, gleichzeitig misst er vielleicht etwas zu viel Bedeutung dem kohärenten Plot bei (was seinen Spaß am Absurden entkräftet) und setzt auf soziologische Effekte, die zu funktional erscheinen oder denen das Eigenleben fehlt.

Dark Glasses 1

Für ihre soziologische Dimension haben mich vor allem zwei Komödien begeistert: Hong Sang-soos Claire’s Camera und Claire Denis’ Bright Sunshine In. Bezeichnend ist für mich, dass sie beide nicht im Wettbewerb liefen. Kann man das bei Hong noch eher verstehen – denn er war mit zwei Filmen in Cannes vertreten –, drückt sich in dieser Entscheidung doch die Geringschätzung einer Form von Kino aus, die sich nicht beweisen muss. Die die Einfachheit liebt, die weiß, dass nicht für jede Geschichte und jede Perspektive nach viel Geld aussehende Bilder benötigt werden.

Claire s Camera  9

Andersherum wurden Filme in den Wettbewerb eingeladen, die vor allem Größe zu bieten haben (von Jupiter’s Moon über Loveless bis zu Redoubtable und auch The Square). Und natürlich ist es legitim, nach filmischen Entwürfen zu suchen, die die Kraft der Leinwand nutzen wollen, die durch das Zusammenwirken der Elemente im besten Sinne eine transzendente Wirkung entfachen. Ich glaube nur, es ist ein Irrweg, mindestens aber eine unnötig beschränkte Perspektive, diese Wirkung dort zu suchen, wo es nach Aufwand aussieht, nach komplizierten Einstellungen oder Bewegungen der Kamera, wo viele Effekte eingesetzt werden, oder viele Statisten, und ich mich als Zuschauer klein fühlen darf oder soll. Denis und Hong, die man in Cannes nach ihren Premieren gemeinsam durch die Straßen schlendern sehen konnte, strahlen mit ihren Werken eine großartige Neugierde für menschliche Interaktionen aus. Mich beeindrucken ihre Filme durch ihre Feinfühligkeit, durch ihre Aufmerksamkeit und durch die frische Brise, die durch sie weht – weil sie sich immer wieder von Neuem öffnen, experimentell nach Situationen suchen und sich angreifbar machen.

Kino der Details

Western  4

Schon für den Spaß, die Filme in einem Satz zu erwähnen, will ich zuletzt auf Valeska Grisebachs Western und Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories zu schreiben kommen. Ich mochte beide sehr. Ihre Unterschiede zeigen aber auch ganz gut, wie sich Cannes selbst beschränkt in dem, was es für wettbewerbstauglich hält. Western, der ähnlich wie You Were Never Really Here ein aufrichtiges Interesse an männlicher Körperlichkeit hat, baut Szenen der Begegnung zweier Kulturen, die nicht nur ambivalent funktionieren, sondern im Detail interessant sind: in den kleinen Bewegungen, der Nicht-Kommunikation oder Doch-Kommunikation, den Blicken, Gesten und vor allem der sozialen Verortung (wörtlich: in den Settings, in der Natur; übertragen: in Klasse, Herkunft, Sprache, Reichtum und Armut …).

The Meyerowitz Stories  2

The Meyerowitz Stories ist zu jedem Augenblick, auch oder gerade den dramatischen, eine Komödie. Wiederum gilt das Interesse Details, und man kann fast genau die gleiche Auflistung machen wie bei Western. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass Grisebachs Film immer das jeweils Besondere im Verhältnis zu bekannten Archetypen betont, während Baumbach das Stereotype im Verhältnis zur universellen Storyentwicklung herausarbeitet. Es ist nicht das eine besser als das andere. Ersteres ist zwar für mich oft aufregender, Zweiteres lässt dafür mehr Leerstellen, die ich durch mich selbst füllen kann und muss. Je nach Laune und Gelegenheit, braucht es das eine oder das andere mehr. In jedem Fall aber gehört beides auf eine Stufe.

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