Bildrausch Basel – Was ist nochmal Punk?

Das 7. Bildrausch Filmfest Basel entlarvt die Suche des Kritikers nach einem einheitlichen Konzept als kleinkariert. Über Teresa Villaverde, Michael Glawogger, Kogonada und Karmakar: halbwegs geordnete Gedanken zu einem ungeordneten Festival.

Sabu, Kim Ki-duk, Romuald Karmakar, Teresa Villaverde, Terence Davies. Und was, wenn es einfach keinen Zusammenhang gäbe? Es erscheint mir unmöglich, dass deren Filme denselben Menschen gefallen – aber müssen sie das? Wenn man immer mal wieder ein neues Filmfestival besucht, weil die Einladung verlockend klingt, der Anspruch oder das Selbstbild ein bisschen das anklingen lässt, was man sich selbst vom Kino erhofft, dann sucht man die Linien, die Vision, das Temperament eines solchen notgedrungen dann doch bestehenden Zusammenhangs, dass hier Filme an wenigen Tagen nacheinander laufen, man sucht vielleicht zu lang danach. Gerade bei Festivals, die vergleichsweise wenige Filme zeigen, wie das Bildrausch an seinen knapp fünf Tagen, bei höchstens zwei parallelen Vorstellungen, muss sich ein Gedanke, eine Perspektive doch herauskristallisieren lassen. Julian Radlmaier, Nicolas Wackerbarth, Sally Potter, Amat Escalante, immerhin liefen fast alle auf der Berlinale.

Abstecher in die Sundance-Hölle

Columbus

Es brennt mir auf den Nägeln, über den Film zuallererst zu schreiben, der mich am meisten geärgert hat. Vielleicht, weil ich zuvor ein paar Tage auf der Kunstbiennale von Venedig verbracht habe, empfinde ich den mit geringen Mitteln produzierten US-Indie Columbus als Riesenaffront gegen das Medium und gegen Architektur allgemein noch dazu. Kogonada nennt sich der Regisseur, er ist bekannt als Videoessayist, der Filmgeschichte mit Supercuts aufarbeitet und eine besondere Faszination für Ozu entwickelt hat, die ihn auch zu seinem Pseudonym inspiriert hat. Der Film ist interessant wegen seines Settings, Columbus im US-Staat Indiana, eine kleine Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, mitten im Nirgendwo, die, nicht nur angesichts der Größe, überraschend viele architektonisch auffällige Gebäude beherbergt. Große Glasfronten bei einer Bank (die erste in den USA?!), eine Kirche mit asymmetrischer Front, ein Krankenhaus als Brücke über einem kleinen Bach. Kogonada erklärt uns das, was er sieht, in der Regel mehrfach, als Bild, als Dialog und dann als Wiederholung von beidem.

Modernistische Architektur trifft auf die Schwierigkeit, eine Umgebung Heimat zu nennen – und Abschied zu nehmen. Es ist die langweiligste Art Kino, die es gibt: Figuren sind Repräsentanten von Konflikten, deren emotionale und gesellschaftliche Tragweite ausbuchstabiert wird. Schlimmer geht’s immer: Kogonada erzählt auch noch eine Liebesgeschichte, einerseits verhalten (halb prüde und halb an Zurückhaltung interessiert), andererseits in jeder Sekunde erzählerisch explizit. Das Ganze wird mit filmischen Zitaten angereichert, einer überwiegend statischen, bedeutungsschwangeren Bildgestaltung, die aber weder einen Blick für Architektur (nicht mal als Flächen, erst recht nicht als Raumgestaltung) hat noch einen für Menschen: Kogonadas Verständnis von Schauspiel scheint es zu sein, halbwegs bekannte Gesichter (Parker Posey, John Cho) für einen fehlgeleiteten Minimalismus-Fetisch zu nutzen, ohne jemals auch nur eine Sekunde auf emotionale Betroffenheit zu verzichten. Das ist luft- und wasserdicht verpacktes Kino, das mit Ozu rein gar nichts gemeinsam hat. Willkommen in der Sundance-Hölle.

Entscheidung vor dem ersten Schnitt

Tres Imaos

Columbus ist die Ausnahme beim Bildrausch, fast allen anderen Filmen kann ich etwas abgewinnen. Und über Tony Conrad will ich nichts schreiben. Die Entdeckung für mich ist die portugiesische Regisseurin Teresa Villaverde, deren neuester, nicht verkehrter, aber einigermaßen fader Film Colo (Berlinale-Wettbewerb) mich nie auf die Idee gebracht hätte, welch neugieriges, lebendiges, aufregend-aufmüpfiges Werk sich hinter ihrem Namen sonst verbirgt. Ihr hat das Filmfest eine von zwei Retrospektiven gewidmet – neben Terence Davies, zu dem wir auf critic.de letztes Jahr eine Artikelreihe veröffentlicht haben.

Am meisten gefällt mir Two Brothers, My Sister (Três Irmãos, dt. Titel: Geschwister) von 1994. Es ist eine sehr schöne, sehr dunkle Filmkopie, die hier im Stadtkino läuft, der lokalen Kinemathek. Die Titel, dunkelrot auf schwarz, künden weniger von Konzentration, die zum Erfahren des Films nötig wäre, als von einem Bereich des Übergangs zwischen Bewusstsein und Trance, ein Taumel zwischen Wachsein und Traum, den der Film erzählt, herbeisehnt und darstellt. Das erste Bild hat mich schon für den Film eingenommen. Neulich hat mir ein befreundeter Filmemacher erzählt, er wisse ab dem ersten Schnitt, ob ein Film was sein werde. Hier will ich das schon vorher glauben. Wie das Mädchen frontal gezeigt, aber gerade nicht eingefangen wird, sondern voller Widerstand der Linse entgegenragt, wie Villaverde mit Kontrasten und minimalster Bewegung schon eine Präsenz herstellt, das kann nur Zeugnis eines Filmemachens sein, das glaubt, hofft und liebt. Kaum zu glauben, dass die Villaverde gewidmete Retro unter „Fragiler Punk“ läuft. Es ist genau richtig – weil es die romantische Seite von Punk betont und die schroff forschende Seite von Villaverdes Filmen.

Die Regisseurin selbst sucht beim Filmgespräch die Distanz zu diesem Werk, findet es zu emotional, nicht rational genug. Und vermutlich hat sie recht, nicht mit dem „zu“, aber mit der Einordnung. Die analytische Stärke, die Villaverde bei der Komposition von räumlichen und sozialen Beziehungen zeigt, sie wird hier ständig durch Intensitäten aufgesogen. Die Familiengeschichte, die sie schildert, ist tragisch, aber nicht aufgrund von Fremdheit oder Distanz, sondern aufgrund der fast nicht auszuhaltenden Nähe. Die Intimitäten, die der Film unter anderem auch durch die Blindheit des Vaters herstellen kann, außerhalb des Blickfelds des gewalttätigen Patriarchen, sind ordnendes Prinzip. Die Montage, für deren Unterstützung im Abspann Villaverde der Fassbinder-Editorin Juliane Lorenz dankt, vernäht die Erzählstränge um Tochter und Söhne, als gäbe es keine Wahrheit, sondern nur Erfahrung. Was natürlich stimmt und für diesen Film besonders stimmig ist. Ohne den Abspann hätte ich nicht an Fassbinder gedacht, aber auch diese Referenz macht Sinn, genauso wie die von Produzent Joaquim Pinto und Regieassistent João Pedro Rodrigues. Die Welt der Filmliebenden ist klein.

Ein Film ohne Thema

Adriana s Pact

Auch bei den Dokumentarfilmen, die in Basel laufen, könnten die Gegensätze kaum größer sein. Es gibt einen sehr konzeptuellen Film, Everardo González’ Devil’s Freedom (La libertad del diablo), der als Special bei der Berlinale lief, der Täter und Opfer der mehr oder minder institutionell getragenen Drogenkriminalität in Mexiko hinter Masken steckt und dann in ästhetisierten Talking Heads zu Wort kommen lässt. Dann wäre da eine persönlich-biografische Suche nach der Wahrheit über die eigene Tante, Adriana’s Pact (El Pacto de Adriana) der Chilenin Lissette Orozco (Berlinale Panorama), der zumindest anfangs an das Aufklärungspotenzial einer Kamera ziemlich fest glaubt. Zwei weitere auf der Berlinale uraufgeführte Filme stechen da heraus: Das posthum veröffentlichte Werk von Michael Glawogger, das seine Editorin Monika Willi fertigstellte: Untitled. Und Romuald Karmakars neuerliche Erkundung einiger Fragmente einer Technoszene Denk ich an Deutschland in der Nacht.

Untitled ist ziemlich schwer zu fassen zu kriegen, weil in ihm sein Bestreben mehr hervorsticht als das Erleben. Ein Film ohne Thema war die schöne selbstgesetzte Aufgabe, die gerade förder- und fernsehtechnisch mit deutschen Mitteln (u.a. des ZDF) zu realisieren nur einem so etablierten Regisseur wie Glawogger möglich gewesen sein dürfte. Der bei den Dreharbeiten in Liberia an Malaria verstorbene Filmemacher verfolgt dabei Menschen zwischen dem Balkan und Westafrika, bei dem, was sie so tun. Der Blick (Bildgestaltung: Attila Boa) ist einer, der sich besonders für Unrecht, Ausbeutung und Überleben interessiert – darin ist er früheren Dokumentarfilmen wie Workingman’s Death oder Whores’ Glory verwandt. Aber er ästhetisiert weniger, wobei das vielleicht gar nicht so richtig stimmt: Er ästhetisiert anders. Die Bilder sind weniger monumental als die, die Wolfgang Thaler für Glawogger in aller Regel gestaltet hat. Sie sind aber nicht nur rastlos, immer in Bewegung, wie der Off-Kommentar sie gerne sehen möchte, sondern sie suchen den Übergang zwischen Dokument und Film – kippen mal in die eine, mal in die andere Richtung, bewegen sich aber meist genau in der Mitte. Das macht es sehr viel schwerer, eine Position auszumachen, aber natürlich stellt auch das eine dar. Vor allem durch die Entscheidung, nicht etwa chronologisch oder einen Ort nach dem anderen, sondern sowohl hier und da motivisch als auch frei-chaotisch von einer Bewegung an einem Ort zur Bewegung am nächsten zu gehen. Wenn das mal kein Punk ist.

Die Rolle des Apfels

Denk ich an Deutschland in der Nacht

Bei Romuald Karmakar weiß ich, dass ich nicht weiß, was mich erwartet. Nicht etwa, weil seine Filme radikal verschieden wären – das sind sie mitunter auch –, sondern weil das Radikale immer im Kleinen steckt, in der einen Einstellung oder der einen Frage. Ich wähne mich nicht in der Gewissheit, die Haltung zu verstehen, und doch bin ich ein ums andere Mal dann doch überrascht. Wohin ein Film so alles führen kann, der doch eigentlich klare Marker hat, die eine Einordnung erstmal mühelos erlauben: Vor allem zwei Bildtypen gibt es. Zum einen Techno-DJs in ihrem privat-beruflichen Umfeld; die Kamera (Frank Griebe) zeigt immer nur Ausschnitte, aber solche, die Mensch und Umgebung (eine Couch, ein Arbeitstisch, massive Technik-Regale, kleine Pulte und so weiter) in ein Verhältnis setzt. Zum anderen Partys, also Clubs mit tanzenden Menschenmengen, fast immer mit dem oder der DJ im Vordergrund – auch diese Bilder setzen ins Verhältnis, ihre Ausschnitthaftigkeit ist sogar noch betonter, weil die Menschen ins Off ragen. Aber der Film ist nicht nur analytisch und klar, er ist auch offen und lustig. Als wollte er sich vom Moment treiben lassen, die Gespräche mit den Künstlern so ernst nehmen wie sie sich selbst, bis sie herausfallen aus ihren Rollen, oder eher: sie sichtbar machen. Wer den Film noch nicht gesehen hat: Achtet einmal darauf, wenn Karmakar nach der Rolle des Apfels fragt.

Kommentare zu „Bildrausch Basel – Was ist nochmal Punk?“

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