Berlinale-Notizen - Tag 6
Heute unter anderem: Ein US-Indie-Doppelpack zum Davonlaufen, ein iranischer Wettbewerbsbeitrag zum Einschlafen und ein Gangsterfilm, der Melville zur Ehre gereicht hätte.

Wow! Mit Thomas Arslans Im Schatten hat die Berlinale für mich noch einmal neu begonnen. Ein überragend ökonomisch erzählter, perfekter Film. Wann gab es einen deutschen Gangsterfilm, den man bedenkenlos in einem Atemzug mit den Klassikern Melvilles nennen kann? Nur am Rande: Für Henri 4 hätte man 35 Mal Im Schatten drehen können!

Der Aufschwung gestern war bitter nötig, denn der American-Indie-Doppelpack, den ich mir vorher gegeben hatte, besaß das Potenzial, meinen Glauben an und in diese Produktionsschiene endgültig zu erschüttern. Was vor allem an Father of Invention liegt. Der beginnt mit einer wunderbaren Sequenz, in der Kevin Spacey als Infomercial-Star glänzt. Wenig später weiß noch sein Haus als Ausdruck des geschaffenen Imperiums und Lebensgefühls zu überzeugen. Doch von nun an geht’s bergab. Höchstens alle paar Monate gibt es mal einen Film, bei dem einen selbst das Make-up erschüttert. Father of Invention ist so ein Fall. Da wird von Beleuchtern und Kameraleuten jenseits aller Vernunft ständig auf regelrecht mit Schminke beschmierte Protagonisten gehalten.
Darüber hinaus hat der Film leidigste Gender-Witze und eine völlig fehlbesetzte Heather Graham zu bieten. Was alles bedauernswert, aber noch nicht so schlimm wie der Grundton des Films ist. Moralinsauer tritt die schlimmste aller Gattungen zu Tage: der warmherzige Film.

Auch Welcome to the Rileys verfügt über eine gelungene Eingangssequenz, die langsam James Gandolfinis Gesicht aus der Dunkelheit treten lässt. Zwar geht der Rest nicht ganz so daneben wie in Trent Coopers Film, aber die hohen Erwartungen kann Ridley Scotts Sohn Jake nicht erfüllen. Auch hier ist vieles nur behauptet, Kristen Stewart muss mit größter Mühe ein verlottertes Prostituiertchen geben – reichlich sauber alles –, und am Ende gibt es für alle Hoffnung.
Am Nachmittag Neues aus Taiwan. Monga ist nach einem Stadtviertel Taipehs benannt. Hier schließen sich fünf junge Männer zusammen, um sich später an die Spitze der Triade zu setzen. Schauspieler-Regisseur Doze Niu Chen-Zer erzählt ein recht klassisches Gangsterepos ohne Überraschungen, das man nicht unbedingt gesehen haben muss.

Am Tag zuvor im Wettbewerb: Koji Wakamatsus Caterpillar. Leutnant Kurokawa kehrt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück – hochdekoriert zwar, aber nur noch ein Torso: Arme und Beine amputiert, der Schädel zur Hälfte verbrannt, taub und stumm. In einer schockierenden Abfolge von Schnitten stellt Wakamatsu die Stümpfe vor. Die Frau des von nun an in seinem Dorf als „Kriegsgott“ verherrlichten Mannes läuft zunächst schreiend davon, versucht dann aber eine gute Ehefrau und Patriotin zu sein. Was täglichen Sex mit dem sabbernden, nur noch aus Trieb bestehenden Ehemann einschließt. In verschiedenen Stellungen, die zwar aus sicherer Entfernung, aber doch: oft gezeigt werden. Der so genannte Kriegsgott ist übrigens keineswegs die bedauernswerte Kreatur, für die man ihn zunächst hält. Er war im Krieg an Vergewaltigungen beteiligt und hat seine Frau geschlagen, weil sie ihm keinen Sohn gebar. Wakamatsu, der gewiss weiß, was er tut, baut Schwarzweiß-Dokumentarmaterial und heldische Marschmusik in seinen Film ein, was dem Ganzen auch einen Hauch Guido Knopp verleiht, wenn auch mit doppeltem Boden. Die Art, wie der Regisseur hier seinen Landsleuten die eigene Geschichte vor die Füße wirft, ist schon eindrücklich wütend und radikal. Aber auch ermüdend, weil man dann doch recht schnell begreift, worauf er hinauswill.

Erholsam ist dagegen Nicole Holofceners Please Give. Catherine Keener spielt eine Antiquitätenhändlerin, die die Wohnungen gestorbener Menschen nach wertvollen Möbelstücken absucht und ihr schlechtes Gewissen deswegen mit dem Verteilen von Fünf-Dollar-Noten an Obdachlose kompensiert. Diese egoistischen Erwachsenen gab es auch schon in Holofceners Friends with Money. In lockerem Tonfall beschäftigt sich der Film mit dem Alter und dem Tod und mit fehlender Mutterliebe. Letzteres deutet sich schon im Vorspann an, der voller Brüste ist. Die sind hier aber nicht Objekte der Begierde, sondern gesundheitlicher Vorsorge: Sie werden zu den Credits reihenweise auf ein Mammographiegerät gelegt. Unbegreiflicherweise erhält der Film in der Pressevorführung im Berlinale-Palast so gut wie keinen Applaus.

Shekarchi läuft im Wettbewerb, weil Regisseur Rafi Pitts dem Festival schon länger verbunden ist, vor einigen Jahren lief sein Zemestan hier ebenfalls im Bärenrennen, im vergangenen Jahr war er Jurymitglied. Finster dreinschauend hat Pitts auch gleich die Hauptrolle übernommen. Der Kollege neben mir schnarcht nach einer halben Stunde, nun gut, das passiert auf einem Festival. Aber er ist nicht der Einzige. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich von einem iranischen Beitrag gelangweilt. Der Film spielt vor dem Hintergrund der jüngsten Proteste gegen Präsident Ahmadinedschad, aber wie wenig macht er daraus. Er braucht eine Stunde, bis er zur eigentlich zentralen letzten halben Stunde kommt. Am Rande einer Demonstration werden Frau und Tochter des Helden von der Polizei erschossen. Der Mann, ein Jäger, nimmt Rache und erschießt zwei Polizisten. Kurze Zeit später wird er gefasst, mitten im Wald. Die Beamten verlaufen sich aber mit ihrem Gefangenen wie Hänsel und Gretel und geraten in Streit. Erst hier gewinnt der Film Dichte und scheint etwas sagen zu wollen. Der eine Polizist stellt sich seinem korrupten Kollegen entgegen, als der den Gefangenen erschießen will. Der gute Cop heißt mit Nachnamen wie die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Der Name wird nie ausgesprochen, ist aber in einer Szene überdeutlich an seiner Uniform zu lesen. Derselbe Polizist ist dann letztlich aber selbst derjenige, der den Mann erschießt. Was immer das auch heißen soll.

Der Panoramabeitrag Amphetamine des Kantonesen Scud macht seinem Namen alle Ehre; laut der kurzen Einführung des im knallgrünen Sakko gekleideten Regisseurs sogar im doppelten Sinne. Das mit dem Narkotikum sollte ja klar sein, aber die chinesischen Schriftzeichen des Wortes bedeuten wohl außerdem noch so viel wie: „Es ist sein Schicksal.“ Was im Falle dieses überkandidelten, heterogenen Filmbastards wiederum zweierlei meint: Drogen und Liebe.
Beidem ist der knackige Kafka (seinen ansehnlichen Hintern gibt’s in jeder zweiten Szene zu bestaunen) nämlich vollkommen ausgeliefert: Die Drogen haben ihn ohnehin im Griff, doch als dann noch der schneidige Investmentbanker Daniel beschließt, niemals wieder einen anderen zu lieben als den verarmten Schwimmtrainer mit dem Namen aus dem Haruki-Murakami-Roman, strauchelt der in eine ausgewachsene Lebenskrise. Er sah sich nämlich bisher eher als Hetero, und es gibt noch eine dunkle Erinnerung.
Dann wird’s wild. Das Niveau wankt zwischen ähnlichen Extremen wie der Bewusstseinszustand Kafkas: Die Farben explodieren, nackte Körper wälzen sich umher, Zeit wird zerhackt, und einzelne Sequenzen werden über den ganzen Film verteilt.
Ach, für solche Streifen sind Festivals wie geschaffen: im Wust der vielen Filme vermischt sich alles zunehmend, und gerade solch zerrissene Werke können mit ihren starken Momenten punkten, während die schlechten ganz schnell in Vergessenheit geraten.
Sascha Keilholz, Thorsten Funke, Nino Klingler
Veröffentlicht am 16.02.2010
Fotos: Berlinale
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