Berlinale 2009 - Empfehlungen II

12.2.2009

Short Cut to Hollywood

Short Cut to Hollywood
Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg, das Erfolgsteam hinter Muxmäuschenstill (2003), legt nach.
Die Berlin Brothers, vermutlich Deutschlands älteste und erfolgloseste Boygroup, geht in die USA, um sich den großen Traum vom großen Durchbruch doch noch zu realisieren. Sie werden zu den Bagdad Street Boys und ihr Frontmann Johannes wandelt sich zu John F. Salinger. Dass die Komödie sich zu einer äußerst zynischen und weitestgehend treffsicheren Satire entwickelt, wird spätestens bei einer nicht unblutigen Operation an Salingers Finger durch seinen Freund, den Veterinär Chrismon, deutlich.
Short Cut to Hollywood zeichnet sich durch einen ähnlichen Guerrillastyle wie Muxmäuschenstill aus, kann aber nicht an dessen Geschlossenheit anknüpfen. Dennoch durfte man lange nicht mehr so angewidert im deutschen Kino lachen.

10.2.2009

The Messenger

The Messenger
Den stärksten Eindruck der Fraktion amerikanischer Independent-Spielfilme auf diesem Festival hinterließen bislang The Exploding Girl und The Messenger. Regiedebütant Oren Moverman rückt in letzterem eine Randszene vieler Kriegsfilme in den Mittelpunkt: Die Benachrichtigung der Hinterbliebenen. Das Sterben ist omnipräsent, nur nicht „in combat“, sondern danach, im Zivilleben der anderen. Will (Ben Foster), mit einem Augenleiden aus dem Irak zurückgekehrt, und sein Vorgesetzter Tony (Woody Harrelson) sind die Überbringer der furchtbaren Nachrichten. Sie bilden ein ungleiches Duo, vereint nur durch gemeinsame Frustration und dem Druck, den ihr Job auf sie ausübt. Mit der Witwe Olivia (Samantha Morton) bilden sie ein unbalanciertes Dreieck. Will ist dabei ganz Zentrum der Geschichte und seine Aggression treibender Motor. Moverman und Foster finden immer wieder neue Formen, um diesem inneren Druck des Protagonisten Ausdruck zu verleihen. Mit bemerkenswerter Vorsicht und Umsicht setzt Overman zweierlei Annäherungen in Szene: jene von Will und Tony genauso wie jene zwischen Will und Olivia. In diesem Gestus ist er Bradley Rust Grays The Exploding Girl sehr nahe.

Beeswax

Beeswax
Jeannie ist Teilhaberin eines kleinen Ladens für Second-Hand-Klamotten in Austin, Texas, und stellt eine neue Mitarbeiterin ein. Ihre Zwillingsschwester Lauren ist Lehrerin, gibt ihrem Freund den Laufpass und sucht einen Job. Möglicherweise auch einen neuen Freund. Der Ex von Jeannie lernt für die Anwaltsprüfung. Was er und alle anderen Figuren in Andrew Bujalskis Beeswax aber vor allem tun, ist: reden, und zwar wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dabei wird die Sprache stets nicht nur benutzt, sondern selbst zum Thema. „Call her“ wird wegen undeutlicher Aussprache zu „kill her“, und über das akustische Missverständnis wird geredet, und auch gelacht. Es wird nach Worten gesucht, dabei gestottert und das Scheitern eingestanden. Oder über alte, nicht mehr verwendete Phrasen diskutiert, oder darüber, dass manches anders klingt als beabsichtigt. Oder mit Worten gespielt, indem man vor Automarken das Präfix „Anal“ setzt. Dabei kommen Sachen wie der Nissan „Anal Pathfinder“ heraus. Das Spielerische ist dabei niemals auf den einfachen Lacher aus, nichts ist auf die Pointe hin geschrieben. Es entsteht ein vielschichtiges Bild eines sozialen Milieus, das nicht zuletzt von den beiden charismatischen (Laien-)Hauptdarstellerinnen Maggie und Tilly Hatcher getragen wird.

9.2.2009

Alle Anderen

Alle Anderen
Unablässig streut Maren Ade in ihrem Beziehungsdrama Salz in die Wunde. Wie bereits in ihrem Erstling Der Wald vor lauter Bäumen (2003) konzentriert sie sich sehr effektiv auf ein begrenztes Sujet. Hier sind es die „existenziellen“ Probleme eines jungen Paares, das alles hat, was es braucht. Er Architekt, sie in der PR, beide Anfang 30, machen Urlaub auf Sardinien. Ihre intensive Beziehung schert ständig in Extreme aus: zwischen ausgelebter Leidenschaft, infantilem Spaß und großem Ernst. Beide testen sich fortwährend gegenseitig als wären sie Teenager. In der Konfrontation mit einem anderen Paar spitzen sich die Konflikte im Laufe des Films immer weiter zu. In Maren Ades schlichter Inszenierung sticht vor allem das Schauspiel von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger heraus, das selbst statischen Themen Leben einhaucht. Bei der Verhandlung etwa von deutscher Normalität, allgemeinen Lebenseinstellungen und Männlichkeit legt Ade mit großer Genauigkeit den Finger auf die Probleme, gibt den Auseinandersetzungen aber bisweilen auch eine amüsante Note. Der comic relief bleibt allerdings nur von kurzer Dauer.

Das Vaterspiel

Vaterspiel
Michael Glawoggers Vaterspiel weist eine Parallele zum viel diskutierten Der Vorleser (The Reader) von Stephen Daldry auf: der Themenkomplex Nationalsozialismus/Holocaust wird in Form von Opfer-Schuld-Relationen aufgerollt. Auch hier ist das aber nur ein Strang der komplexen Gesamterzählung. Glawogger verwebt mühelos bis ins Zynische gehenden Humor, Vater-Sohn-Konflikte, Erotisches und eine angedeutete Detektivgeschichte zum ungewöhnlichen Filmerlebnis. Der Ideenreichtum korrespondiert mit einer abwechslungsreichen und eleganten visuellen Umsetzung, die unter anderem eine bedrückende Autofahrt im Schnee zu bieten hat.

7.2.2009

In the Electric Mist

In the Electric Mist
Der Franzose Bertrand Tavernier, der mit Mississipi Blues bereits 1982 auf Englisch südliche Gegenden der USA erforschte, beweist in In the Electric Mist ein großes Gespür für amerikanische Befindlichkeit. Sein Thriller erzeugt dabei weniger Spannung, denn einen mythisch und mystisch aufgeladenen Sog, der sich nicht zuletzt über die stimmungsvollen Sumpf-Aufnahmen vermittelt. Tommy Lee Jones setzt Tavernier in einer ganz ähnlichen Rolle wie die Coen-Brüder in No Country for Old Men (2007) ein, als Kriegsveteran gone Cop, für den moralische Gerechtigkeit über allem steht. Bis hinein in die sparsam eingesetzten Off-Kommentare, denen Jones im Südstaaten-Dialekt eine zugleich geerdete und elegische Dimenson verleiht, weiß die Romanadaption zu überzeugen.


Alles über Elly

Alles über Elly (Darbareye Elly)
Am Anfang steht die pure Lebensfreude. Eine schnelle Autofahrt durch einen Tunnel, ausgelassenes Geschrei aus dem offenen Wagenfenster. Wir sind im Iran, aber von den Mullahs ist weit und breit nichts zu sehen. Man verbringt das Wochenende mit Familie und Freunden in einem Haus am Meer, Frauen, Männer, Kinder – und ein alleinstehendes junges Mädchen, die titelgebende Elly. Sie soll verkuppelt werden mit dem Heimkehrer aus Deutschland. In der ersten halben Stunde ist der Wettbewerbsbeitrag Alles über Elly ein Multipersonenstück, in dem alle gleichzeitig reden, sich necken und bei jeder Gelegenheit in Gesang und Tanz ausbrechen. Dann passiert ein Unglück, und Elly verschwindet. Sie mag im Meer ertrunken sein, möglicherweise ist sie aber auch einfach fortgegangen. Weder die Figuren noch der Zuschauer wissen es, und der Film legt genug falsche Fährten, damit das auch so bleibt. Nach und nach wird ein Lügengebäude aufgedeckt, die Stimmung immer aggressiver – so behutsam kalkuliert wie ein extrem langsames Crescendo. Im Mittelpunkt steht die Frage: Ist Elly eine ehrbare Frau? Und da sind sie dann doch wieder, die Mullahs, in den Köpfen dieser sonst so gut gelaunten und modernen Mitglieder der iranischen Mittelschicht. Wie Asghar Farhadi in seinem vierten Film diese Verschiebungen inszeniert, das ist sehenswert und macht ihn zu einem der interessantesten Regisseure seines an interessanten Regisseuren nicht gerade armen Landes.

6.2.2009

Der Vorleser

Der Vorleser (The Reader)
Kate Winslet war in diesem Jahr gleich zweimal für den Golden Globe nominiert: Für Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road) und Der Vorleser (The Reader). Noch erstaunlicher als ihre fast jenseits aller Beschreibung liegende Darstellung ist ihre hervorragende Projektwahl. Kate Winslet hat direkt hintereinander die beiden besten Melodramen des Jahres gedreht. Wen Zeiten des Aufruhrs am Ende bis ins Mark traf, dem wird auch Der Vorleser zusetzen. In der Verfilmung des Bestsellers von Bernhard Schlink spielt Winslet Hannah, die erste und vermutlich einzige große Liebe des Juristen Michael (in jungen Jahren verkörpert von David Kross aus Knallhart, im Alter gespielt von Ralph Fiennes). Die beiden verbindet eine so innige wie verbotene und untypische Liebe, die von Sex und Literatur zehrt. Jahre später sieht David die aus seinem Leben Verschwundene vor Gericht wieder.

5.2.2009

Love Exposure (Ai no mukidashi)

Love Exposure (Ai no mukidashi)
Dafür geht man auf Festivals: Vier Stunden langes aberwitziges japanisches Kino mit einer Geschichte, die ständig Haken schlägt und sich lauter Exzesse leistet. Im Mittelpunkt steht Yu, der gleichzeitig auf die Liebe seines Lebens in Form einer Jungfrau Maria und seine erste Erektion wartet. Als er endlich auf Yoko trifft, ist er längst zum professionellen Sünder geworden – nur, um das Verhältnis zum Vater, einem katholischen Priester, mit extraordinären Beichten zu intensivieren. Ferngesteuert werden die Figuren von der durchgeknallten Regionalleiterin einer religiösen Sekte.
Regisseur Sion Sono (Exte – Hair Extensions, 2006) hüllt schon die kaum enden wollende Eingangssequenz in religiöse Choräle und rhythmisiert auch in der Folge seinen Film weitestgehend über den Einsatz zum Teil spätestens heute abgeschmackter überpräsenter Musikstücke wie Ravels Bolero. Ein Wagnis, dem man sich gerne aussetzt.


The Exploding Girl

The Exploding Girl
Ivy (Zoe Kazan) und Al (Mark Redall), jahrelange Schulfreunde, verbringen die Semesterferien gemeinsam im heimischen New York. Ivys Freund Greg meldet sich nur sporadisch per Handy und scheint sich so langsam aus ihrem Leben herauszukomplementieren. Das ist geprägt von epileptischen Anfällen. Täglich treffen sich Ivy und Al, kommen sich näher, ganz langsam, und versuchen mit den großen Gefühlen des Lebens möglichst behutsam umzugehen.
Dies gelingt auch Regisseur Bradley Rust Gray, der jenseits des Kitsches Bilder für die vorsichtige Annäherung findet und sich dabei sehr auf seine Entdeckung Zoe Kazan konzentriert. Obwohl sie einem schon in Die Geschwister Savage (The Savages), Das perfekte Verbrechen (Fracture), Im Tal von Elah (In the Valley of Elah, alle 2007) und Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road, 2008) hätte auffallen können, kommt ihre volle Präsenz erst in dieser Hauptrolle zum Vorschein. Auf der Berlinale wird sie noch in The Private Lives of Pippa Lee zu sehen sein.

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