Anders aufs Vertraute blicken – Il Cinema Ritrovato 2017

Da sage noch jemand, die Begeisterung für Filmgeschichte sei nicht mehrheitstauglich. Auf dem Bologneser Retrospektiven-Festival sitzen die Zuschauer mittlerweile auf dem Boden, um Helmut-Käutner-Filme zu sehen.

Himmel ohne Sterne

Das Betreten des Cinema Arlecchino hatte in diesem Jahr etwas Irritierendes. Gefühlte zwanzig Meter nach dem Vorhang, der die Lobby vom Kinosaal trennt, stand ein hübscher Kerl im Karohemd, hieß jeden einzelnen Besucher mit „Salve“ willkommen und verbeugte sich. Wie alle anderen war auch ich erstmal überrumpelt, fragte mich kurz, ob wir uns vielleicht kennen, erwiderte dann zögerlich den Gruß und schaute mir das Schauspiel nach einigen Schritten nochmal aus der Ferne an. Wirklich einordnen konnte ich dieses Ritual nicht. War das nun die Bologneser Gastfreundschaft? Eine Performance? Oder war der Gute einfach nicht ganz dicht? In den darauffolgenden Tagen habe ich ihn immer wieder beobachtet, etwa wie er Besuchern freie Plätze zuwies oder während der Projektion Kontrollgänge machte. Ob er aber wirklich zum Kinopersonal gehörte, blieb ein Geheimnis. Während meine Begleiterinnen sich sicher waren, dass der junge Mann einfach ein bisschen verrückt sei, fragte ich mich eher, ob die Schuld vielleicht bei uns zu suchen ist, weil wir solch offensiver Nettigkeit automatisch misstrauen.

Ein Festival wird erwachsen

Dieser Moment passt gut zu dem Retrospektiven-Festival Il Cinema Ritrovato. Auch in seiner 31. Ausgabe wirkt alles noch ein wenig improvisiert, noch nicht so professionell durchorganisiert, wie man das von anderen Veranstaltungen dieser Art kennt. Das hat manchmal zwar seinen Charme, kann sich aber auch unangenehm bemerkbar machen. Etwa wenn der Filmvorführer mal wieder etwas länger braucht, um zu merken, dass das Bild unscharf ist oder die Tonspur aussetzt. Zum Glück kann man in solchen Fällen auf das engagierte, überwiegend aus Fachbesuchern bestehende Publikum vertrauen, das den Projektionisten mit lautstarken „Audio“- oder „Fuoco“-Rufen auf sein Versäumnis aufmerksam macht. Abgesehen von solchen Wermutstropfen wirkt es aber so, als wäre das Il Cinema Ritrovato mittlerweile erwachsen geworden. Was als dreitägiges Event begann, ist zu einem Festival geworden, das mit jedem Jahr noch mehr Filme und Reihen präsentiert; steigende Besucherzahlen inklusive.

Ludwig II.

In Bologna ist die cinephile Welt noch in Ordnung. Während selbst in den Kinematheken deutscher Großstädte oft nur gähnende Leere in den Sälen herrscht, wird hier demonstriert, wie mehrheitstauglich die Begeisterung für Filmgeschichte sein kann – zumindest wenn genügend Leute aus dem Ausland anreisen. Dass die Beliebtheit des Il Cinema Ritrovato mit dem äußerst attraktiven Austragungsort zusammenhängt, versteht sich von selbst. Die Pausen sind hier mindestens genauso aufregend wie das Festival selbst. Wenn der übermäßige Filmkonsum den Körper steif und das Hirn breiig macht, findet man hier wieder eine Distanz zum Kino, von der letztlich auch die Filme profitieren. Bologna ist eines der schönsten Festivals, die ich kenne, weil dort klar wird, wie abhängig Kino und Leben voneinander sind; dass das eine nur richtig wirken kann, wenn man es mit den Erfahrungen des anderen füllt. Und nach einem anstrengenden Kinotag gibt es eben nicht Angenehmeres, als für ein paar Stunden aus dem Festivalghetto auszubrechen; etwa für ein Dosenbier auf den auch spätabends noch warmen Pflastersteinen vor der Basilica di San Francesco, wo man zwischen aufgekratzten Studenten und ravenden Feuerschluckern sitzt.

Ein starres Bild mit Leben füllen

Durch den größeren Publikumsandrang hat das Festival zumindest ein klein wenig von seiner entspannten Atmosphäre eingebüßt. Besonders spürbar wurde das bei einer Reihe, die dem Regisseur Helmut Käutner gewidmet war. Um sich Meilensteine des deutschen Kinos wie Große Freiheit Nr. 7 und Unter den Brücken anzuschauen oder auch Obskureres wie den für Käutner ungewohnt durchgeknallten Verschwörungs-Thriller Epilog – Das Ende der Orplid, musste man teilweise über eine halbe Stunde anstehen, um zumindest auf dem Fußboden noch einen Platz zu kriegen. Gelohnt hat es sich aber jedes Mal. Käutner ist ohne Frage einer der größten deutschen Regisseure. Weil er aber Klassizist ist, seine Handschrift nicht offensiv nach außen trägt und den inhaltlichen und visuellen Reichtum konsequent aus der Erzählung entwickelt, hat er die Phase des deutschen Aufbruchskinos nicht unbeschadet überstanden. Dabei sind Käutners Filme zwar immer Bilder ihrer Zeit, aber im Vergleich zu dem jüngeren, vermeintlich moderneren deutschen Kino der 1960er und -70er Jahre sind sie deutlich besser gealtert. Schade, dass es diese Retrospektive vorerst nur in Italien zu sehen gibt.

The Wonderful Country

Obwohl in Bologna auch speziellere und leider merklich schlechter besuchte Reihen – etwas zum frühen japanischen Tonfilm und zum iranischen Genre-Regisseur Samuel Khachikian – auf dem Programm standen, versucht man sich hier auch dem Publikum zu öffnen. Die Visitenkarte des Festivals war in diesem Jahr Robert Mitchum, dessen charakteristischer Schlafzimmerblick einem, dank der fleißig geklebten Festivalplakate, überall in der Stadt begegnete. Es klingt erstmal nicht besonders spannend, einem Hollywoodstar eine Reihe zu widmen, die dann noch viel zu klein ist, um repräsentativ für ein so großes Werk zu sein. Toll war das Programm aber nicht nur, weil die Filme durch die Bank großartig waren, sondern auch, weil es bewies, dass sich gerade im scheinbar Vertrauten auch das Obskure entdecken lässt. Den Schauspieler Mitchum mit seinem habichtartigen Gesicht und seinem rauen Image glaubt man vielleicht zu kennen, aber erst wenn man den Filmen auf der Leinwand begegnet, füllt sich das starre Bild wieder mit Leben. Etwas wiederzusehen bleibt dabei keine selbstgenügsame nostalgische Geste, sondern bedeutet, anders auf das Bekannte zu blicken und dabei stets etwas Neues zu entdecken.

Hängen geblieben ist bei mir vor allem Robert Parrishs The Wonderful Country (1959); zwar nicht unbedingt der ganze Film, aber ein Aspekt, der mir besonders zu sein schien. Mitchum spielt in dem Technicolor-Western Martin Brady, einen Mann, der einst nach Mexiko geflohen ist, nachdem er den Mörder seines Vaters zur Strecke gebracht hat. Nach langer Zeit kehrt er nun in die USA zurück, wo er in eine interkulturelle Identitätskrise gerät. Während er drüben immer nur der Gringo war, wird er wegen seines angewöhnten Akzents nun auch in der alten Heimat kritisch beäugt. Die Zerrissenheit dieses ewig Getriebenen manifestiert sich interessanterweise vor allem in der Mode. Als Martin in Texas neu eingekleidet wird, setzt er eine dort übliche Kopfbedeckung auf, schiebt unzufrieden die Krempe hin und her, nur um im Anschluss doch wieder seinen spitzen mexikanischen Hut aufzusetzen. Als er nach einem weiteren Todesfall zurück nach Mexiko flieht, pöbelt ihn dort sein früherer Arbeitgeber an, er sei angezogen wie ein Weißer. Ganz löst Parrish dieses Spannungsverhältnis auch am Schluss nicht auf: Martin geht zwar wegen einer Liebe ohne Garantie wieder in die USA und legt dafür auch seinen Hut ab, das restliche Outfit bleibt aber das eines Ausländers.

Ein österreichischer Heimatfilm aus Frankreich

Lac aux dames 1

Mit dem Kanonischen im Kino ist es immer so eine Sache. Dass es Filme gibt, die man angeblich gesehen haben muss, ist nur dann einengend, wenn man sich auch an diese Vorgabe hält. Dass etwas bekannt ist, heißt eben auch immer, dass viele Leute noch nie etwas davon gehört haben. Die Schriftstellerin Colette und der Regisseur Marc Allégret sind zum Beispiel alles andere als No-Names, mir waren sie aber vor Bologna kein Begriff. Colette bekam eine eigene Retrospektive; mit Leinwandadaptionen ihrer Erzählungen, aber auch Produktionen, zu denen sie lediglich die Dialoge beigesteuert hat. Die Vermutung liegt nahe, dass es den Regisseuren dabei vor allem darum ging, Authentizität in die Frauenwelten ihrer Filme zu bekommen. Neben Mädchen in Uniform (1931) und Max Ophüls’ wilder Revuegirl-Collage Divine (1935) stand auch Allegréts Lac aux dames (1934) auf dem Programm – ein ebenso sonder- wie wunderbarer österreichischer Heimatfilm, wie ihn sich vielleicht nur ein Franzose ausdenken kann.

Der Film beginnt als verspielte Sommerkomödie am Wolfgangsee. Der fesche Eric (Jean-Pierre Aumont) ist gerade aus Wien angereist, um hier als Schwimmlehrer zu arbeiten. Die Damenwelt ist darüber in heller Aufregung und findet alberne Vorwände, um den athletischen Neuling anzutatschen. Es ist wie bei Dirty Dancing: In einer von der sozialen Realität weitgehend getrennten Urlaubswelt begehren Mädchen aus gutbürgerlichem Haus einen hübschen Proletarier, der hinter seiner unbeschwerten Fassade mit einem klassenbedingten Minderwertigkeitskomplex ringt. Wobei auch Eric an dem emotionalen Durcheinander nicht ganz unschuldig ist. Er bemerkt scheinbar nicht, wie leichtfertig er mit seinem Charme und dem Begehren der Mädchen umgeht. Als ihm die Schwester seiner Verlobten etwa dabei hilft, ein Missgeschick (natürlich geht es dabei um eine Frau) aus der Welt zu schaffen, streichelt er zum Dank ihre Hand, wie es sonst nur Liebende tun.

Ein Proletarierkörper fault seinem Ende entgegen

Lac aux dames 2

Die teils komischen Verwirrungen spitzen sich in Lac aux dames immer mehr zu einem heftigen Melodram zu, in dem der begehrte Proletarierkörper nach einer Infektion buchstäblich seinem Ende entgegenfault. Aber Allégret wendet sich teilweise auch völlig vom Realismus ab. Immer wieder begibt er sich auf eine Insel, die wie eine Mischung aus verwunschenem Märchenwald und Gothic-Horror-Kulisse wirkt. In dieser mythisch aufgeladenen Welt lebt ein junges Mädchen, das ganz anders ist als die Frauen vom anderen Ufer. Bezeichnenderweise heißt sie wie die Königin der Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum. Eric hat zwar ein anderes, weitaus langweiligeres Love Interest, aber Puck (Simone Simon) verleiht Allégret eine deutlich privilegiertere Stellung. Obwohl sie Eric angeblich zu kindlich, vielleicht aber eher zu jungenhaft und furchtlos ist, teilen die beiden mit Abstand die intimsten, seltsamsten und erotischsten Momente des Films. Ein bisschen erinnert sie mich an den geheimnisvollen Mann aus den Cinema Arlecchino. Weil sie sich nicht so benimmt, wie man es von ihr erwartet, wird sie von den anderen nicht ernst genommen. Weil man davon abgelenkt ist, dass ihr Handeln vielleicht etwas komisch ist, sieht man nicht, wie viel Liebe darin steckt.

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