Immer später und irgendwann gar nicht mehr

Gespräch mit dem Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage Lars Henrik Gass über Kino-Migrationen.

Wo sind Filme eigentlich zu Hause? Wenn es um Kurzfilme geht, noch dazu um experimentelle, dann liegen zwei Antworten nahe: in Kunsträumen oder auf Festivals. Aus dem regulären Kinobetrieb und dem Fernsehen ist Kunst längst verdrängt, meint Lars Henrik Gass und fordert ein Neudenken der Filmlandschaft mit stärkerem Fokus auf das Festival. Seine Thesen zur Zukunft des Kinos hat er in dem dichten und erkenntnisreichen Buch Film und Kunst nach dem Kino artikuliert, das letztes Jahr erschienen ist. critic.de hat den Festivalleiter während der Kurzfilmtage in Oberhausen getroffen.

Oberhausener Kurzfilmtage Interview 02

Frédéric Jaeger: Gestern Nacht gab es eine Sondervorstellung im Oberhausener Hauptbahnhof von Luther Price – eine Filmprojektion in installativem Kontext. Nun ist das nichts Neues, aber es gibt ja immer diese Bewegungen in beide Richtungen: raus aus dem Kino und rein ins Kino. Gerade hat das Festival Kino der Kunst in München für Filme von bildenden Künstlern wieder das Kino gesucht. Gehören für Sie beide Bewegungen, dass man den Rahmen sprengen will und den Rahmen wieder setzt, zum Wesen von „Kino“?

Lars Henrik Gass: Das Kino, wie wir glauben, dass es zu sein hat, diese ganz starke Immobilisierung des Zuschauers, der dunkle Raum, die große Leinwand, das ist eigentlich auch schon ein historischer Aggregatzustand von Kino, der auch historischen Wandlungen unterlag. Vom ganz frühen Kino, wie beispielsweise Heide Schlüpmann in ihren Texten immer wieder aufgezeigt hat, aber auch im außereuropäischen Bereich, gerade in Afrika und Japan haben sich Leute immer mit der Frage beschäftigt, ob das Kino selbst nochmal etwas anderes sein kann als dieser Zustand. Insofern ist das auch historisch immer schon angelegt gewesen, dass es Bewegungen raus aus dem Kino gibt. Gleichwohl, und das hat mich auch in dem Buch beschäftigt, glaube ich, dass diese Kulturtechnik Kino, wie sie sich in diesem Aggregatzustand erhalten hat, eine ziemlich einzigartige Wahrnehmungsform ist, die sich eben sehr stark von den klassischen Künsten unterscheidet und auch einen bestimmten mentalen Zustand darstellt, den ich nicht voreilig verabschiedet sehen möchte.

FJ: In der Umgangssprache meint ja Kino noch vieles andere, wie Filme allgemein oder die Distributionsplattform für aktuelle Filmstarts. Das Dispositiv Kino, sprich der Kinosaal, ist etwas, was Sie verteidigen wollen? Etwas, was zur Wahrnehmung hilfreich ist und vielleicht auch notwendig ist? Wird Kino erst zum Kino durch das Kino?

Oberhausener Kurzfilmtage Interview 03

LHG: Ich würde die Institution Kino nicht verteidigen wollen. Ich glaube, dass die Institution Kino einem sehr regressiven Moment unterliegt und auch sehr stark von einer gewissen Nostalgie gefährdet ist. Aber, ich glaube, dass Kino der Film plus seine Wahrnehmungsform ist. Das ist die Gleichung. Das beschäftigt mich sehr stark: Was wird aus dem Film, wenn er aus dem Kino migriert. Welchen Formatierungen unterliegt er? Was macht das Fernsehen mit ihm, was macht die DVD mit ihm, was die Kunsträume? Das versuche ich zunächst einmal nicht allzu stark zu bewerten, ich glaube, wenn das nicht schon zu weit geht, dass die Kunstwelt auch eine gewisse Aufwertung der künstlerischen Momente in den Werken darstellt, die – Stichwort Cinephilie oder Autorenkino – dem Film droht, abhanden zu kommen. Die Schutzräume für gewisse ästhetische Phänomene im Film, für bestimmte Autoren und Persönlichkeiten werden eigentlich derzeit eher im Kunstbereich hergestellt. Gleichwohl um den Preis, die Formatierungen, die mit dem Kunstbereich einhergehen, dort auch angewendet werden, sichtbar werden.

FJ: Man erwartet vom Dispositiv Kino, dass es unter anderem zu einer bestimmten Konzentration führt. Interessant zu beobachten war daher, dass im Bahnhof die Konzentration bei Luther Price unheimlich stark war, und dass die Konzentration im Kinosaal, das ist ja eine alltägliche Beobachtung, nicht unbedingt auf die gleiche Weise gegeben sein muss. Natürlich ist das einerseits mit den Filmen verbunden, die man sieht, aber auch mit der Kultur, die dahinter steckt. Dafür sind Festivals schließlich auch ein Refugium. Und gleichzeitig gibt es bei Festivals auch das Symptom, dass man eher mal wieder rausgeht und reinkommt, als man das im Alltag tun würde, dass man also auch flaniert im Kinosaal.

LHG: Es sind soziale Verdichtungen, einerseits. Aber die ganze Frage, wie man Film guckt, ist noch eine ganz andere, vor allem auf Festivals. Ich bin da schon sehr bei Benjamin: weniger konzentriert, stärker versunken. Es gibt aus meiner Sicht ein ganz interessantes Nahverhältnis – übrigens auch historisch gesehen, zeitgleich stattfindend – von Benjamins Studien über die Drogenexperimente und das Kino. Das geht miteinander einher. Er sucht im Grunde einen neuen Bewusstseinszustand des Kollektivs, der nichts mit einer Intellektualisierung zu tun hat, sondern in meiner Lesart mit einem Moment, in dem die Gefühle mit dem Verstand ein neues Verhältnis eingehen. Das ist das, was ihn interessiert, und ich glaube, das ist auch genau das, warum ihn das Kino so sehr interessiert hat.

Oberhausener Kurzfilmtage Interview 04

FJ: Um etwas konkreter zum Programm der Kurzfilmtage Oberhausen zu kommen: Das, was Sie beschreiben, habe ich zum Beispiel sehr stark bei den Filmen von Helga Fanderl wahrgenommen, ein taktiles, auch körperliches Verhältnis, das da entsteht, auch durch ein sich in den Film hineinlassen. Und gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Kurzfilmproduktion insgesamt, wenn man einen breiteren Blick drauf wirft, tatsächlich eher einen ermächtigenden Blick statt einen ermutigenden Blick nahelegt – was Sie in Ihrem Buch am Beispiel von den „unmöglichen“ Blicken in Spielbergs Jaws aus der Perspektive des Hais oder in Schindlers Liste mit Bildern aus dem Inneren der Gaskammer beschreiben, wo etwas gezeigt wird jenseits der Erfahrung, was dem Zuschauer eine ungebührliche Macht verleiht. Ist das etwas, was Sie in der Kurzfilmproduktion beobachten?

LHG: Ich glaube, das ist nichts, was man pauschal über den Kurzfilm behaupten könnte. Es gibt ja im Buch auch diesen Teil, der sich sehr kritisch mit der kritischen Sicht auch gerade des Avantgardefilms, auch des Kinos, auseinandersetzt. Ich glaube, dass es da eine Reihe an Verwerfungen gab, historisch gesehen, die so post-brechtianisch waren, die nicht von Vorteil waren, auch für die Lesart des Kinos, die im Grunde den Verfallsprozess des Kinos auch wirklich befördert haben. Diese ganze Bewegung raus aus dem Kino, und das Kino gewissermaßen als der Raum des ideologischen Dispositivs, da gab es in den 1970er Jahren die ganzen Debatten, dass man sich in dem Raum nicht mehr kritisch gegenüber der Wirklichkeit verhalten kann. Das halte ich für sehr fragwürdig. Ich finde es interessant, einen starken Begriff von Kino zu entwickeln und historisch zu verstehen, was das Kino einzigartig macht, und ich glaube, dann kann man auch damit kritischer umgehen, wenn man es nicht pauschal verabschiedet.

FJ: Nochmal anders gefragt: Ich sehe im Kino allgemein, Kurz- und Langfilm, einen verbreiteten Zugang, dem Sie vielleicht auch eine Alternative gegenüberstellen wollen. Mir scheint es die Tendenz bei Filmemachern zu geben, zu versuchen, Waren herauszupräparieren, anstatt zu versuchen, den Blick zu öffnen. Gibt es so etwas, was Sie in Ihrem Programm als Zugang oder als Hoffnung ans Kino entwickeln, und ist das etwas, das Sie auch hier im Programm repräsentieren können?

LHG: Ich gehe mal einen Schritt zurück: Soziale Verdichtung ist etwas, was, glaube ich, Festivals, wenn sie denn funktionieren, wirklich in besonderem Maße können, anders als Kinos und anders als Fernsehen. Da gibt es natürlich diese Momente des Midnight-Screenings wie gestern Abend, die im Grunde Kino als Möglichkeitsform ansehen, das ist mir immer sehr wichtig gewesen. Dass man versucht, Kino anders zu behandeln, anders zu sehen. Zu sagen: Das Kino selbst kann ein Ort des Künstlerischen sein und nicht nur der Film innerhalb des White Cubes. Der Film muss nicht notwendigerweise aus dem Kino befördert werden, um Kunst zu sein. Man kann auch im Kino die Kunst am Film sichtbar und erlebbar machen.

FJ: Was die Rolle von Festivals angeht: Ich verstehe natürlich einerseits, dass Ihnen das Festival sehr wichtig ist, dass Sie es auch verteidigen. Deskriptiv würde ich da sofort mitgehen: Dass man sieht, dass Festivals eine neue Rolle bekommen, wenn sie keine Zwischenstation mehr sind auf dem Weg ins Kino. Andererseits aber frage ich mich, ob das präskriptiv – sprich als Vorschrift oder Rezept – funktioniert: Die Festivals, wie ich sie kenne, sind fast alle unheimlich prekäre Angelegenheiten, können die also dieser neuen Rolle überhaupt gewachsen sein?

LHG: Aber da sind wir gar nicht im Dissens.

FJ: Nun ja, ich frage mich schon, ob man das fordern kann: Wenn Festivals die Macht fehlt, wie sollen sie dann diese neue Rolle annehmen können?

LHG: Diese Forderung stelle ich ja auf. Ich sage nicht: Alles muss Festival werden. Aber ich glaube, wenn man die Zahlen zugrunde legt, mit wie viel ein Platz in einem Opernhaus subventioniert ist und ein Platz bei einem Filmfestival, wird sofort klar, wie die Verhältnisse sind. Mit Sicherheit ist Film eine relativ neue Kunst, und mit Sicherheit gibt es nicht diese ganz starke bürgerliche Öffentlichkeit für den Film und namentlich für die Festivals, das ist klar. Dennoch denke ich, dass gerade jetzt, wo erkennbar wird, dass Film mehr und mehr außerhalb des regulären Kinobetriebs ausgewertet wird, auch finanziell und kommerziell, und weitaus mehr Einnahmen außerhalb des Kinos als im Kino erzielt werden: Jetzt ist der Punkt erreicht, dass man sich Gedanken darüber machen muss, ob man das Kino als Kulturtechnik erlebbar halten möchte und für diese Masse an Filmen, die nicht regulär im Kino und im Fernsehen, und vielleicht nur dereguliert im Internet sichtbar werden, nicht eigentlich Orte schaffen muss, die auch dann nicht nur soziale, sondern auch ästhetische Verdichtungen herstellen können. Orientierung schaffen in einer gewissen Unübersichtlichkeit. Das ist auch das, was ich Fernsehen und Kino vorwerfe, dass sie es in ihrer aktuellen Verfassung nicht mehr leisten, das auch nur annähernd sichtbar zu machen, was an Filmen entsteht.

FJ: Vor allem in der Vielfalt. Es kommt ja darauf an, was man zeigt, nicht wie viel man zeigt.

Oberhausener Kurzfilmtage Interview 05

LHG: Ganz genau. Das wird eigentlich auch immer extremer. Das sieht man auch bei dem Versuch, den Verfallsprozess, diesen Zuschauerschwund gerade beim jungen Publikum aufzuhalten, da geht das Fernsehen einen völlig unproduktiven Weg. Ich hab es nicht zu verantworten, aber eigentlich müsste es darum gehen, auch im Fernsehen Räume zu schaffen, in denen bestimmte Dinge sichtbar werden können. Und im Übrigen könnte man ähnliche Dinge auch über das Musikfernsehen sagen. Das ist für mich nach wie vor unbegreiflich, dass das Musikfernsehen mit dem Musikvideo im Grunde eine eigene Gattung von Filmen hervorgebracht hat und es nicht geschafft hat, das für sich dauerhaft zu reklamieren, sondern letztlich abgegeben hat an das Internet. Das war ja auch auf VIVA2 schon erkennbar, dass die interessanteren Sachen immer später und irgendwann gar nicht mehr gezeigt wurden.

FJ: Ist das zunächst einmal eine gesellschaftliche Aufgabe? Sie sprechen in Ihrem Buch von der Möglichkeit, Filmfestivals in die Filmförderung mit einzubeziehen.

LHG: Das ist im Buch nicht ausgearbeitet und bleibt ein bisschen kursorisch. Das müsste man einmal zu Ende denken. Das ist in kleinen Ansätzen schon dadurch geregelt, dass Festivalteilnahmen Referenzpunkte generieren können.

FJ: Diese Kämpfe werden momentan auch ausgetragen, viele Leute aus der Filmwirtschaft wollen die Bedeutung von Festivals bei der Filmförderung wieder stärker einschränken. Der Wind weht momentan nicht in Richtung Stützung von Festivals.

LHG: Ganz genau. Die deutsche Sprachfassung war schon liberalisiert im Filmfördergesetz, und jetzt wurde sie wieder reaktionär zurückgewickelt: Das heißt, es muss jetzt wieder Deutsch gesprochen werden, um in Deutschland als deutscher Film zu gelten und eine Filmförderung zu erhalten. Da frage ich mich, ob wir im Jahr 2013 leben oder in einer Migrationsgesellschaft, die sich dieser Frage nochmal offensiv stellen will. Also wenn ich hier einen deutschen Wettbewerb abhalte, dann merke ich, dass mindestens zur Hälfte die interessanten Arbeiten von Leuten gemacht werden, die in Deutschland nur leben, aber vielleicht noch nicht einmal Deutsch sprechen. Diese gesellschaftliche und historische Realität wird in diesem Gesetz nicht mehr reflektiert.

FJ: Eigentlich ist das ja etwas sehr Hoffnungsfrohes: Wenn man sieht, dass es eine Revitalisierung des deutschen Kinos auch über Migrationen geben kann.

Zum Bericht von den 59. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen

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