„Diese Gemeinschaft empfindet man einfach“

Interview mit den Direktoren des Bildrausch Filmfest Basel

Was steckt hinter dem Bildrausch Filmfest und was bedeutet Cinephilie in Basel? Ein Interview mit der Direktorin und dem Direktor des noch jungen Festivals, das sich in der deutschsprachigen Schweiz nach und nach etabliert – mit einer eklektischen Filmauswahl, mit Super-8-Vorführungen und einem Filmkaraoke. 

Frédéric Jaeger: Ein so eklektisches Programm wie das hier beim Bildrausch in Basel, das cinephilen Anspruch, Vermittlungsarbeit und internationalem Wettbewerb mit vielen Gästen vereint, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Mich interessiert, in welchem Kontext ihr arbeitet, weil ihr ja auch über das ganze Jahr die Kinemathek in Basel macht. Ist Basel cinephil?

Beat Schneider  Nicole Reinhard 1

Nicole Reinhard: Ich weiß nicht, ob Basel cinephil ist. Wenn man von den normalen Premierenkinos spricht, dann ist Basel nicht die beste Kinostadt der Schweiz, das kann man an der Statistik ablesen. Basel ist ein hartes Pflaster. Gleichzeitig ist Le Bon Film, der Verein, der das Stadtkino, also die Kinemathek, trägt, der älteste Filmclub der Schweiz – den gibt es seit 86 Jahren. Das merkt man. Der ist mit seinen 1000 Mitgliedern etwas ganz Wichtiges in dieser Stadt. Im Gegensatz zu ähnlichen Institutionen in der Schweiz – in der Größe gibt es vielleicht noch drei – sind unsere Zahlen wirklich gut. In den letzten Jahren haben wir Rekorde an Zuschauerzahlen geschrieben. Und erfreulicherweise sind unsere Zuschauer über die Altersgruppen sehr regelmäßig verteilt. Aber es ist anstrengend und wird anstrengender. Als ich angefangen habe, hat es gereicht, Pasolini zu spielen, dann war Heulen und Zähneklappern, weil man nicht mehr in den Saal reinkam. Da muss man heute schon mehr machen. Gäste einladen, eine Lesung organisieren und so weiter, um das Erregungslevel zu erhalten.

Beat Schneider: Wir konnten uns sehr gut entwickeln, es ist aber kein Massenphänomen. Cinephilie beschränkt sich auf eine bestimmte Gruppe, die nicht immens groß ist.

Was macht ihr, um neue Leute zu gewinnen?

NR: Wir arbeiten sehr viel mit Universitäten und Schulen zusammen. Wir glauben, dass unser neues Publikum aus dieser Ecke kommt. Es gibt Education-Programme, bei denen 16-Jährige selbst Filme drehen und dann bei uns zeigen dürfen. Studierende laden wir ein, Vorträge zu halten und das Kino mit ihren Freunden als ihren Ort zu erfahren. Und natürlich versuchen wir, ein lebendiges Kino zu machen, das Spaß macht.

Durch die Programmauswahl? Mein Eindruck des Eklektischen beim Festival, ist das etwas, das ihr verteidigen würdet – dass Kino also vieles unterschiedliches sein kann?

NR: Wir haben Retrospektiven, bei denen es weit zurück geht in der Filmgeschichte, wir haben neue, ganz ausgesuchte Autoren, wir haben auch mal wilde Geschichten, wo es um Horror geht oder so etwas, wir versuchen alle Ecken auszutarieren.

BS: Ich würde nicht mal sagen, dass junge Leute nur von jungen Regisseuren angesprochen werden. Gerade für sie ist es wichtig, die großen alten Autoren erstmals zu entdecken. Das ist eine wichtige Aufgabe, den Leuten zu ermöglichen, Pasolini oder Rohmer zu entdecken.

Was ist denn euer Zugang? Habt ihr Säulenheilige?

NR: Es gibt viele Säulenheilige – etwa unsere Gäste dieses Jahr Teresa Villaverde und Terence Davies, der Beat schon lange im Kopf rumgeht.

BS: Wir hatten Hou Hsiao-Hsien, Béla Tarr … ich versuche jedes Jahr, einen meiner Heiligen ins Programm zu schmuggeln. Ich glaube, dass sich die eigene Begeisterung überträgt.

NR: Und dann wären wir beim Filmfest: Es gibt Filme, die brauchen einen anderen Rahmen, die brauchen ein Fest. Deswegen heißt es Bildrausch Filmfest Basel.

Was ist der Unterschied für euch zwischen einem Filmfest und einem Filmfestival?

BS: Es war eine sehr bewusste Wortwahl damals.

NR: Jedes Filmfestival kann auch ein Filmfest sein, wenn das der Gedanke ist. Ein Fest, das begeht man gemeinsam. Man schaut sich zusammen Filme an und diskutiert gemeinsam. Die Regisseure sind da und nicht irgendwo weit weg, unerreichbar, wo viele Fotografen sind. Sie sitzen auf der Piazza rum und man kann Terence Davies auf die Schulter klopfen, vorne sitzt Kim Ki-duk, hinten läuft Romuald Karmakar durch, das ist schon die Idee, dass die Leute sich treffen. Es sind auch schon Projekte entstanden. Und dass dieser Funke aufs Publikum überspringt und man bereit ist, sich zu öffnen und sich Dinge anzuschauen, die vielleicht einen Moment brauchen, sich darauf einzulassen, und die Belohnung ist dann riesengroß.

Überlegt ihr, welche Filme eher ein Publikum anziehen und welche nicht?

Beat Schneider  Nicole Reinhard

BS: Bei unserem Filmfest achten wir eigentlich nicht darauf. Beim Stadtkino geht es mehr darum, eine Balance zu schaffen, was möglicherweise mehr Leute anzieht, dafür kann man sich etwas Wilderes leisten, obwohl es nicht immer klar ist, dass die Rechnung so stimmt. Beim Festival steht die Cinephilie im Vordergrund und diese Lust, auf Festivals zu gehen und Filme zu entdecken. Und wenn etwas passiert zwischen Filmen und uns, dann bringen wir sie nach Basel.

Die Filme im Wettbewerb müssen aber Schweizer Premieren sein?

NR: In der Regel schon, aber wir drücken auch schon mal ein Auge zu. Filme, die in Locarno oder Solothurn liefen, gehen natürlich nicht. Aber The Net von Kim Ki-duk hatte seine Premiere beim Black Movie. Das ist aber ein Festival, das in der Deutschschweiz nicht rezipiert wird. Da sagen wir: à la bonne heure, das wäre ganz blöd, diesen Film deswegen nicht zu zeigen.

Nicole Reinhard verabschiedet sich, sie muss zum Filmkaraoke und ruft noch hinterher: Das Filmkaraoke ist sicherlich etwas, das wir tun, um uns zu öffnen für anderes Publikum.

BS: Es ging uns von Anfang an darum, auch den Kinosaal zu verlassen. Das Gespräch mit dem Filmemacher nach dem Film ist uns wichtig, aber dass das Gespräch dann auch herausgetragen wird. Alle schauen sich dieselben Filme an und man spricht danach. Beim Filmkaraoke wollten wir ein Mitmachding schaffen und auf diesen öffentlichen Platz, den Theaterplatz, vordringen, um Leute vielleicht auch abzuholen.

Aber es geht nicht um Zahlen?

BS: Es geht darum, einen Funken spüren zu lassen. Damit sie sich auf etwas einlassen. Vorbildfestival war immer die Viennale. Ich habe die Viennale immer als so gutes Festival empfunden, weil sie ein sehr breites Publikum dazu bringt, sich irgendwelche japanischen minimalistischen Filme anzuschauen und sich darauf einzulassen. Ich kann mich an eine Vorstellung erinnern, da stand danach ein Zuschauer auf und meinte, er sei Metzger, und habe den Film zwar gar nicht genau verstanden, aber er habe ihn irgendwie berührt. Das hat mich extrem fasziniert. Ich glaube, das ist die Kraft des Films, die einem das geben kann. Das muss gar nicht intellektuell reflektiert sein. In die Magengrube oder den Bauch.

Bekommt ihr die Filme, die ihr zeigen wollt?

BS: Nicht alles. Einerseits, weil Filme wegbrechen, weil sie in den Verleih gelangen. Andererseits erhoffen sich die Weltvertriebe Verkäufe zu machen, wollen an große Festivals.

Es ist dann die Frage, welche Deals man mit ihnen machen kann?

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BS: Deals? Ich glaube, es ist uns mittlerweile gelungen, Kontakte aufzubauen. Luís Miñarro ist ein Beispiel, Produzent von Filmen von Apichatpong Weerasethakul oder Lisandro Alonso, er war drei Mal bei unserem Festival. Es läuft dann nicht über Deals, sondern Freundschaftskanäle, man wird empfohlen, das ist ein junges Festival, die geben sich Mühe, der Film steht im Zentrum. Über solche Kanäle, die man sich aufgebaut hat, glaube ich, gelingt es uns, gewisse Filme zu bekommen. Zum Beispiel Untitled von Monika Willi und Michael Glawogger, das war überhaupt nicht klar, dass wir als kleines Festival die Schweizer Premiere bekommen würden. Michael Glawogger war aber hier mit Whores' Glory, hat aus seinen unveröffentlichten Texten vorgelesen, wir haben seinen 3D-Film über die Bibliothek in St. Petersburg gezeigt. Und das finde ich schon toll, dass es über den Inhalt geht, denn wir können kein Geld bieten. Es funktioniert über die Gemeinschaft – und da sind wir wieder bei der Cinephilie. Zwei befreundete Kritiker haben heute Lav Diaz interviewt und er meinte, es gäbe gar nicht diesen Unterschied, wer den Film macht und wer den Film rezipiert: beides ist letztendlich die Gemeinschaft, die er als so wichtig erachtet. Und diese Gemeinschaft empfindet man einfach.

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