Der erste Take ist das Wichtigste

Interview mit dem Regisseur Axel Ranisch

 

Ich fuehl mich Disco 04

critic.de: Nach deinem ersten Film, Dicke Mädchen, ist Ich fühl mich Disco professioneller und präziser. Die Dramaturgie ist konsequenter, die Bilder sind gründlicher komponiert.

Axel Ranisch: Die Entstehungsgeschichte des Films ist sehr lang. 2008 hatte ich die Idee und fand eine Redakteurin, Katharina Dufner vom ZDF, die mit mir diesen Film machen wollte, außerdem Alexandra und Meike Kordes als Produzentinnen. Es sollte mein Diplomfilm werden. Mein erstes Drehbuch hatte 100 Seiten mit Dialogen und konnte noch nicht überzeugen. Ich schrieb ein zweites, ein drittes, ein viertes Drehbuch. Das fünfte mochte ich dann ganz gerne, das hätte ich auch gerne verfilmt, aber meine Produzentin und meine Redakteurin hielten auch das noch nicht für fertig. Also habe ich weitergeschrieben, und langsam hatte ich keine Lust mehr, weil es nicht mehr die Geschichte war, die ich am Anfang erzählen wollte. Wir haben den Dreh um ein Jahr verschoben, und bei der elften Drehbuchfassung bin ich dann verzweifelt. Jetzt ist Schluss, ich habe keine Lust mehr zu schreiben. Ich muss jetzt was drehen, und ich habe Dicke Mädchen gedreht. Danach haben wir uns wieder getroffen, wir hatten jetzt einen erfolgreichen Referenzfilm, der Preise bekommen hat. Die Produzentin sagte, wir werden versuchen, Ich fühl mich Disco auch so zu machen, wie du gerne arbeitest: improvisierend und chronologisch drehend. So habe ich diese elf Drehbuchfassungen, die zusammen über 1200 Seiten<s> </s>zählten, weggeworfen und daraus acht Seiten gemacht. Das war wieder die Geschichte, die ich am Anfang erzählen wollte.

Ihr habt also gewusst, wo ihr hinwolltet?

Diese fünf Jahre Drehbuchschreiben waren nicht auf einmal weg. Auch Heiko Pinkowski, der den Papa spielt, kannte alle Fassungen, er hatte sich fünf Jahre mit der Rolle beschäftigt. Bei Dicke Mädchen hatten wir nur drei Seiten, wir haben während der Dreharbeiten noch mehr Einfluss auf die Handlung gehabt. Bei Ich fühl mich Disco war die Handlung fix und komplett. Aber es sind beim Dreh auch viele Sachen passiert, die unvorhersehbar und schön waren. Wir haben also chronologisch gedreht und improvisiert. Im Prinzip war der einzige Unterschied, dass ich nicht mehr das alleinige Teammitglied war, sondern wir ungefähr zehn Leute am Set waren.

Dicke Maedchen 03

Deine Figuren in allen drei Filmen kann man nicht nicht mögen.

Das Wichtigste ist, dass man seine Figuren liebt. Es ist die große Aufgabe, das zu transportieren. Bei Dicke Mädchen waren wir wirklich viel Kaffee trinken bei Omi. Und dadurch gab es nie das Gefühl, dass man sich verstellen muss. Ich drehe gerade einen Fernsehfilm als Schauspieler, und es sind 40 Leute am Set, und man springt von Seite 100 auf Seite 2 und muss auf „Bitte“ den Text sagen. Das hat nicht viel mit Authentizität zu tun. Ich finde das schön, wenn die Figuren plötzlich persönlich vertraut werden. Wenn du das Gefühl hast, du guckst in ihre Leben rein. Ein bisschen dokumentarisch.

Wie inszenierst du die Schauspieler?

Zuerst haben wir eine lange Vorarbeit. Wir treffen uns oft, wir machen Figureninterviews und erfinden die Biografie der Figuren. Wenn Heiko und Christina einfach ein verheiratetes Ehepaar spielen, das seit zwanzig Jahren zusammen ist, dann müssen wir wissen, was in diesen zwanzig Jahren passiert ist, wie sie sich kennengelernt haben, wie sie geheiratet haben, wie die Tagesabläufe sind. Wir haben im Vorfeld von Ich fühl mich Disco ein paar kleinere Kurzfilme gedreht, aber immer mit Szenen, die nicht im Film vorkommen. Wenn wir ganz genau über die Figuren Bescheid wissen und der Drehtag beginnt, dann gehen wir am Anfang immer nochmal durch, was jetzt wichtig ist für die Szene und was wir wollen. Die Schauspieler gehen in jede Szene mit einem Ziel. Wenn das klar ist, kann ich mich zurücklehnen und sie machen lassen, weil ich weiß, dass alles, was sie sagen, stimmt. Und dann kann ich sagen, das muss schneller werden, oder mach das mal liebevoller und nicht so laut. Aber ich ändere nicht, was sie sagen, ich unterbreche nicht, es muss immer in einem ganzen Bogen gespielt werden.

Wie habt ihr die Bildgestaltung von Ich fühl mich Disco ausgearbeitet?

Wir haben keine Auflösung gemacht. Ich wusste, dass mir der erste Take das Wichtigste ist, denn wenn wunderschöne, unvorhersehbare Momente geschehen, möchte ich das nicht wiederholen müssen. Danach, bei den Wiederholungen, konnten wir uns überlegen, dass wir eben eine Einstellung nochmal machen, nur auf eine Person. Der Film wurde von ZDF, Arte und vom Medienboard produziert, er musste natürlich auch besser aussehen als Dicke Mädchen.

Dicke Maedchen 07

Es sind mehr visuelle Elemente im Film als früher. Zum Beispiel die Discokugel, die das Licht spiegelt.

Mit meinem Kameramann habe ich den Szenenablauf in Rezitative und Arien eingeteilt, wie in der Oper. Die Streitszene am Anfang, wenn Hanno nach Hause kommt, ist zum Beispiel ein Rezitativ. Die Handlung wird vorangetrieben, da ist viel Spiel, viel Improvisation, und dann gibt es Arien, in denen nicht so viel passiert. Da ist vorwiegend Emotion, Trauer oder Freude. In diesen Arien durfte der Kameramann die Bilder gestalten. In Rezitativen musste er mit der Handkamera filmen und sich den Schauspielern unterordnen. Und deswegen gibt es sehr wohl komponierte Bilder. Die Kompositionen der Bilder überlasse ich dem Kameramann. Ich bin leider kein so visueller, sondern ein sehr auditiver Mensch. Für mich sind die Musik und der Rhythmus wichtig.

In Dicke Mädchen gibt es eine surreale Szene, in der Daniel in seinem Bett liegt, plötzlich aufsteht und sich in der nächsten Einstellung wieder in Swens Bett legt. Bei Ich fühl mich Disco werden die wichtigsten Erkenntnisse der Figuren durch Bilder ihrer Fantasie gezeigt. Und Reuber ist ein Märchen.

Das ist etwas, was ich sehr liebe und brauche. Das gab es schon in meinen Kurzfilmen. Ich mag es, die ganz alltäglichen Figuren, die uns auf der Straße begegnen könnten, mit ihrer Fantasie zu konfrontieren und das auch zu bebildern. Ich bin selbst ein Tagträumer, das liegt mir so nah, dieser kleine Ausbruch aus dem Alltag. Dicke Mädchen ist vielleicht der Film von mir, in dem es am wenigsten Fantastisches oder Illusionistisches gibt. Die Leute haben immer gesagt, der Film sei so anarchisch, aber das finde ich überhaupt nicht. Eigentlich ist er ein bisschen bieder. Reuber und Disco sind viel verspielter. Beim Theater wissen die Zuschauer immer, sie befinden sich in einer Abstraktion. Beim Film kann man Sachen als Realität verkaufen, die keine sind, alle denken, es wird die Wirklichkeit abgebildet.

In Reuber flieht ein Kind aus einer Familie, die nicht mehr funktioniert, in ein Märchen.

Am Ende des Films ist das Märchen eine Erklärung, warum der Papa die Freiheit dem intakten Familienleben vorzieht. Das ist eine gescheiterte Beziehung, aus der ein Kind hervorgegangen ist. Und die Eltern haben sich wahrscheinlich dieses Märchen ausgedacht, um das transportieren oder erklären zu können.

Wie hat sich der Film entwickelt?

Wir hatten die Figuren. Wir wussten, dass es den Räuber und den Zauberer gibt und den kleinen Jungen, der in den Wald rennt. Mit diesen Figuren sind wir zwei Wochen in den Wald gefahren. Jeden Abend haben wir zusammengesessen und überlegt, wie es am nächsten Tag weitergeht. Der Film ist aus einer Lust heraus entstanden, wir hatten Ferien und wollten gerne einen Film drehen.

Ich fuehl mich Disco 06

Die Musik spielt bei den beiden Filmen eine große Rolle. Aber diesmal wird sie sichtbar. In Ich fühl mich Disco taucht ein Schlagersänger auf, der dem Vater hilft. In Reuber befindet sich das Orchester in der Welt des Films und doch nicht, die Musiker sind zu sehen, aber sie sind kein Teil von der diegetischen Welt.

Ich war mir darüber gar nicht so klar, ich habe es einfach so gemacht. Flori in Ich fühl mich Disco spielt Klavier, und das Klavier spielt eine Rolle. Das war schon klar, dass ich neben dem Sänger Christian Steiffen Klaviermusik von Rachmaninow haben wollte. Als ich in Florians Alter war, war mir Rachmaninow unendlich wichtig. Und die Musik hat immer irgendwas von Krieg. Großer Schmerz, große Emotion, und ich finde, Pubertät ist auch so ein Kriegszustand. Christian Steiffen habe ich 2009 kennengelernt. Der in Wirklichkeit natürlich auch einen normalen Namen hat. Die Figur des Schlagersängers kommt aus Osnabrück, er ist ein totaler Casino-Star. Ich fand ihn so schön selbstironisch, dass ich gedacht habe, das ist der Richtige für meinen Film, so eine Jesus-Figur. Ein bisschen überirdisch.

Meist habe ich die passende Musik schon beim Schreiben im Kopf. Manche Szenen brauchen auch gar keine. Filmmusik muss immer ein Kommentar sein, ein zusätzlicher, hörbarer Kommentar. Ich brauche keinen psychologisierenden Hintergrund, Atmosphäre oder einen Streichelteppich. Ich mag Musik, die direkt ist, die man wahrnimmt und spürt. Und vielleicht mag ich deshalb, wenn sie zu sehen ist. In Reuber hatten wir das Akkordeon von Robby, und ich habe das Räuberlied geschrieben, und es gibt das Jugendorchester, dessen Dirigent mein bester Freund ist. Wir waren im Wald, und ich habe gesagt, jetzt wäre es doch eigentlich schön, wenn wir ein kleines Orchester hätten, dann war das relativ kurzfristig organisiert. Ich kann den Grund gar nicht genau erklären, aber vielleicht deshalb, weil ich Musik nicht verstecken will.

Du hast erzählt, dass du bei Dicke Mädchen jeden Abend nach dem Dreh geschnitten hast. Hast du es diesmal genauso gehandhabt?

Den Schnitt mache ich immer mit Milenka Nawka. Auch bei Disco habe ich jeden Tag das gedrehte Material geschnitten, und am Tag nach dem letzten Drehtag hatten wir ungefähr die erste Rohschnittfassung von 125 Minuten. Das übergebe ich dann meiner Cutterin, und die guckt das zum ersten Mal und sieht, wo die Probleme sind.

Bist du immer dabei?

Nee, da wechseln wir uns ein bisschen ab. Ich muss nur immer überprüfen, dass das, was wir gedreht haben, wirklich funktioniert. Bevor ich das nicht bestätigen kann, dass die Wirkung, die ich erzielen wollte, erzielt wurde, kann ich nicht schlafen.

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