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Whatever Works – Liebe sich, wer kann

„Dies ist kein Wohlfühlfilm“, herrscht die schlechtgelaunte Hauptfigur in Woody Allens neuem Werk die Zuschauer an. Von wegen. Whatever Works ist genau das, und außerdem seine beste Komödie seit langem.

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Woody Allen ist wieder auf vertrautem Terrain. Nach seiner vier Filme langen Expedition nach Europa, nach London (Match Point, 2005, Scoop, 2006, Cassandras Traum, 2007) und Barcelona (Vicky Cristina Barcelona, 2008) hat er Whatever Works in New York gedreht, wo fast alle Woody-Allen-Filme spielen. Wenn er dort seine Kamera aufstellt, dann nicht mit den großen Augen des Touristen (oder des Fördergeld-Empfängers), sondern mit dem gleichgültigen Blick des Einheimischen. In New York muss Allen keine Sehenswürdigkeiten abfilmen wie Gaudis Sagrada Família in Barcelona. Wenn in Whatever Works von Sehenswürdigkeiten die Rede ist, dann als Witz. Als sehr typischer Woody-Allen-Witz, in dem auf die Frage, wo man denn hier Spaß haben könne, das Holocaust-Museum empfohlen wird.

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Der diese Empfehlung ausspricht, ist Boris Yellnikoff, ein älterer, vorgeblich genialer, aber sozial wunderlicher Wissenschaftler. Einer, der Shorts trägt und dazu einen beigen Blouson. Der kleine Kinder beschimpft, denen er Schach beibringen soll. Der bei jedem Händewaschen zweimal „Happy Birthday“ singt, weil nur so die Bakterien verschwinden. Ein Phobiker also und ein Nihilist, der sich offenbar nicht nur in eine überflüssige Existenz geworfen fühlt, sondern regelrecht hingeklatscht, der in glänzend formulierten, pointenreichen und nie endenden Monologen den Nachweis führt, dass Religion, Liebe und Geborgenheit reine Chimäre sind. Er wird nicht von Woody Allen dargestellt, aber der Regisseur hat den grandios aufspielenden Larry David hier deutlich nach seinem Bilde geformt, bis hin zu Details wie den hektischen, rudernden Armbewegungen. Ein älter gewordener, verbitterter Stadtneurotiker in einem Film, der den Stil des früheren Allen aufnimmt, simplifiziert und, ehe man sich versieht, einen Wohlfühlfilm daraus macht. Whatever Works ist möglicherweise das erste Alterswerk des bald 74-Jährigen.

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Yellnikoff jedenfalls, der seine Tiraden übrigens nicht nur an seine Mitmenschen richtet, sondern auch an die Zuschauer, denn die vierte Wand wird in diesem Film schon nach wenigen Minuten durchbrochen und auch nicht mehr eingezogen; dieser Yellnikoff schreit geradezu danach, bekehrt zu werden. Auftritt Melody (Evan Rachel Wood), und „Auftritt“ ist hier wirklich im simpelsten Wortsinne gemeint: Sie ist plötzlich da, fällt geradezu in den Bildrahmen, als Yellnikoff eines Abends nach Hause kommt. Das junge Mädchen mit starkem Südstaaten-Akzent ist von zu Hause weggelaufen und schafft es irgendwie, sich bei dem grantigen alten Mann einzuquartieren, der fortan versucht, aus der ungebildeten, naiven Schönheit eine Eliza Doolittle, Version 2.0, zu machen.

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Melody aber läuft unbekümmert in Unterwäsche durch Yellnikoffs Wohnung, wendet auf entwaffnende Weise die frisch gelernten Fremdwörter falsch an, verliebt sich in ihn und andere und mag partout nicht den Glauben an das Gute in der Welt verlieren. Sie ist eine nahe Verwandte von Mira Sorvinos Linda, der dusseligen Pornodarstellerin aus Geliebte Aphrodite (1995).

Die Komödie, die sich aus dieser Ausgangssituation entspinnt, lässt noch Patricia Clarkson auftreten, die hier erfreulicherweise zum zweiten Mal in einem Woody-Allen-Film dabei ist. Sie spielt Melodys so konservative wie exzentrische Mutter, die genauso unvermittelt – Tür auf, Tür zu – auftaucht wie zuvor die Tochter (und später auch noch der Vater). Mit komplizierten dramaturgischen Herleitungen hält Allen sich nicht auf, er will gleich auf den Punkt kommen. Das war auch in Vicky Cristina Barcelona schon so: Vickys Laissez-faire stand monolithisch der Zielstrebigkeit Cristinas gegenüber. Hier nun ist es das liberale New York vs. die reaktionären Südstaaten: Die in ein absurdes grünes Kostüm mit hässlichen Schleifen am Ärmel gekleidete Patricia Clarkson über Abtreibung und Waffenbesitz reden zu hören, ist schon ein recht skurilles Vergnügen.

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So werden verschiedene Lebensentwürfe aufeinander losgelassen und, das ist das Schöne an Whatever Works, sie dürfen sich gegenseitig durchdringen. Da werden Seiten gewechselt, Begabungen entdeckt und von einem Schnitt zum nächsten Konventionen gebrochen (die der Monogamie, die der Heterosexualität, die der Nicht-Angemessenheit von Beziehungen zwischen Alt und Jung). Bis, wie in einer Boulevardkomödie, jeder seinen Teil über das Leben gelernt hat. Dann feiern alle zusammen bei Yellnikoff Silvester, und während er noch ein letztes Mal zum Erstaunen seiner Gäste mit dem Publikum spricht, dieses Mal milde statt meckernd, entwickelt sich eine der schönsten Schlussszenen, die in den vergangenen Jahren auf einer Kinoleinwand zu sehen waren. Einen so hemmungslos optimistischen Film im Mantel des Allenschen Pessimismus mag klischeehaft finden, wer unbedingt will.

Kritik von Thorsten Funke

Fotos: © Central Film

Veröffentlicht am 26.11.2009



Film-Angaben:

Titel: Whatever Works - Liebe sich, wer kann (Whatever Works)
USA 2009
Laufzeit: 92 Minuten

Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Produktion: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum
Darsteller: Larry David, Evan Rachel Wood, Patricia Clarkson, Ed Begley Jr., Conleth Hill, Michael McKean, Henry Cavill, John Gallagher, Jessica Hecht, Corolyn McCormick, Christopher Evan Welch
Kamera: Harris Savides
Schnitt: Alisa Lepselter

Kinostart: 03.12.2009

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