Rocky Balboa
Box- und Filmgeschichte treffen in der Rocky-Saga aufeinander. Diesmal heißt es Abschied nehmen, was Sylvester Stallone deutlich schwer fällt, so dass er sich kaum für ein Schlussbild entscheiden kann. Am Ende aber haben wir die Botschaft verstanden: in jedem steckt ein bisschen Rocky.

„Der Boxer verkörpert die amerikanische Form des Lebenskampfes“ (Hannes Böhringer)
„Let’s start building some hurting bombs.“ schmettert Coach Duke seinem Schützling entgegen. Dies ist der Moment, wenn Bill Contis epochaler Score „Flying high now” einsetzt. Wenig später prügelt Rocky auf Fleischkadaver ein, verschlingt rohe Eier und robbt sich in seinem grauen Trainingsanzug Marke Gabor Kiraly durch die Straßen Phillies. Es ist wieder soweit!
1975 musste Muhammad Ali gegen den absoluten Underdog Chuck Wepner über die volle Distanz gehen. Sylvester Stallones Drehbuch zu Rocky (1976) basiert auf diesem Kampf, und alle mittlerweile sechs Teile der Boxersaga beziehen sich immer wieder auf „the Greatest“. Stallones Umgang mit seiner Inspirationsquelle ist dabei äußerst gespalten. Auf der einen Seite ist Rockys Gegner Apollo Creed in seinem Spiel mit den Medien, seinem tänzelnden Boxstil, seiner Arroganz und nicht zuletzt seiner Statur und Hautfarbe, an Ali orientiert. Doch andererseits kehrt Stallone mit seinem Italian Stallion eine bereits von Seiten Alis inszenierte Umdeutung ethnischer Zuschreibungen nochmals um. Joe Frazier beleidigte der reimende Ali beim Thrilla in Manila als Gorilla. Sein Duell gegen den ebenfalls dunkelhäutigen Boxer George Forman in Kinshasa stilisierte Ali zum Kampf der Systeme, zum letzten Widerstand der stolzen Afroamerikaner gegen europäisierte Amerikaner. Von einem ganzen Kontinent frenetisch unterstützt und mit den berüchtigten bomayé-Rufen angepeitscht, stürzte Ali den übermächtigen Riesen Foreman.

Im Gegensatz zu seiner ersten Regentschaft als Champion in den Jahren 1964 bis 1967, wo der Ausnahmeathlet Cassius Clay seinen Gegnern in allen Belangen überlegen war, überzeugte Ali im zweiten Abschnitt seiner Karriere vor allem durch Nehmerqualitäten. Seine selbstmörderische Defensivstrategie baute darauf, den Gegner auspowern zu lassen, selbst so viele Schläge zu nehmen, bis sich die gegnerische Deckung zum Konter öffnen würde. Es ist dieser Muhammad Ali, auf den sich die Rocky-Figur bezieht. Jene Nehmerqualitäten definieren Balboa geradezu, einen ansonsten minder talentierten Boxer. Er selbst tritt als große weiße Hoffnung auf, als kleiner italostämmiger Fighter, der dem übermächtigen schwarzen Champion mit Kämpferherz die Stirn bietet.
Im Angesicht von Ivan Drago ist Rocky gar dem ganzen sozialistischen Ostblock entgegengetreten. Der kalte Krieg wurde entschieden und in einer völkerversöhnenden Geste aufgelöst. Mit den Teilen III und IV seines Rocky, sowie den Teilen II und III von Rambo, allesamt entstanden zwischen 1982 und 1988, hat Sylvester Stallone das Kino der Reagan Ära wie kein anderer geprägt. Selten, abgesehen vielleicht von Sean Connerys Bond-Interpretation, ist ein Schauspieler derart mit seiner Figur verschmolzen, wie Sylvester Stallone. Für Rocky war er nicht nur als Drehbuchautor und Hauptdarsteller verantwortlich, in den Teilen zwei bis vier übernahm er auch die Regie. Bei Rocky Balboa fungiert er zusätzlich als ausführender Produzent.

Tatsächlich ist es Stallone gelungen, einige einprägsame Dialoge zu verfassen und seine alte Geschichte in neuem Gewand zu präsentieren. Es ist, als teile das Publikum Stallones Blick auf eine gemeinsam durchlebte Vergangenheit. Diese Rückwärtsgewandtheit, für den Zuschauer nostalgisch, für Rocky und Stallone melancholisch, ist im Drehbuch verankert: Rocky trauert um Adrian. Sie ist das große Auslassungszeichen in diesem Film, das immer wieder gefüllt werden will. Auch in Rocky Balboa ist sie als ständige Triebfeder und moralisches Gewissen der Hauptfigur omniprä½sent. Gleich zu Beginn wirft der Witwer einen Blick auf ihr Foto am Nachttisch, später begeht er mit ihrem Bruder Paulie eine Erinnerungstour, die ihn an all die Orte führt, die der Zuschauer aus den ersten beiden Teilen der Serie kennt. Diese Gefühlslage, wenn auch immer am Rande der Sentimentalität balancierend und dabei manchmal das Gleichgewicht verlierend, gibt dem Stoff etwas Leichtigkeit zurück, die er über die Jahre verloren hatte. Der bewusst verklärte Blick verbunden mit etlichen ironischen Untertönen ermöglicht ein gebrochenes Schauen auf diese doch so simple Fabelgeschichte. An dessen Beginn steht der vom Ringreporter formulierte Wunsch der Massen nach einem „warrior that thrills us with his passion“. Rocky war noch nie eine Geschichte über das Siegen, sondern über Leidenschaft, sowie die Kunst des Einsteckens und wieder Aufstehens: „You gotta be walking to take the hits.”

Der Boxer Muhammad Ali war schon ein großer Sportler, als er 1967 seinen Titel wegen Wehrdienstverweigerung aberkannt bekam. Zum Mythos wurde er jedoch als er ganze sieben Jahre später nach zwei zerschmetternden Niederlagen gegen Joe Frazier und Ken Norton den Titel gegen George Foreman zurückerlangte. Schon in diesem Kampf kassierte Ali wesentlich mehr Treffer, als er verteilte. Zwei Jahre später erlitt er noch schlimmere Prügel, im Thrilla von Manila, den er wohl nur überlebte, weil Joe Frazier nicht mehr zur letzten Runde antrat. Danach hörte er noch lange nicht auf, wurde gar ein drittes Mal Weltmeister. Am Ende seiner Karriere schob er sich gegen den No-Name Trevor Berbick auf den Bahamas durch den Ring, in den USA durfte er zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr kämpfen. Auch Rocky Balboa wollen die Funktionäre nicht mehr in den Ring lassen.
Doch von diesem Augenblick an geht Rocky Balboa in ein Märchen über. Zu Beginn der ersten Runde taumelt der Boxer noch tumb und behäbig durch den Ring, trifft seinen Gegner kaum und muss kräftig einstecken. Eigentlich wartet er auf den einen lucky punch, der noch immer in ihm steckt, Doch spätestens am Ende der ersten Runde hat Rocky den Champion in einen Rumble gezogen und es ist zu erahnen, dass Sylvester Stallone seiner Figur ein ehrenvolleres Ende zugedacht hat, als es Muhammad Ali im wahren Leben vergönnt war.
Kritik von Sascha Keilholz
Fotos: © 20th Century Fox
Veröffentlicht am 22.01.2007
Weiterführende Literatur:
- Böhringer, Hannes: Auf dem Rücken Amerikas. Eine Mythologie der neuen Welt im Western und Gangsterfilm. Merve: Berlin 1998.
- Mailer, Norman: The Fight. Penguin: London 1975
- May, Stephan: Faust trifft Auge. Mythologie und Ästhetik des amerikanischen Boxfilms. Transcript Verlag: Bielefeld 2004.
- Reemtsma, Jan Philipp: Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali. Rowohlt: Reinbek 2002.
Weiterführender Link:
Film-Angaben:
Titel: Rocky Balboa (Rocky Balboa)
USA 2006
Laufzeit: 101 Minuten
Regie: Sylvester Stallone
Drehbuch: Sylvester Stallone
Produktion: Charles Winkler
Darsteller: Sylvester Stallone, Burt Young, Geraldine Hughes, Milo Ventimiglia, Antonio Tarver, Tony Burton
Kinostart: 08.02.2007
DVD-Angaben:
Titel: Rocky 6: Rocky Balboa
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 97 Minuten
Extras: kein Bonusmaterial
Die Angaben beziehen sich auf die Leih-DVD. Die Kauf-DVD enthält folgendes Zusatzmaterial: Kommentar von Sylvester Stallone; Wille kontra Fähigkeit: Making-Of; Realität im Ring: Rockys letzter Kampf; Verpatzte Szenen beim Boxen; 7 nicht verwendete Szenen; Alternatives Ende.
Verleih ab: 13.08.2007
Verkauf ab: 10.09.2007
Kommentare
Stallone 2
Samstag, 24-02-07 23:58
Metin Yildiz
Samstag, 10-02-07 15:42
Ich war auf inner Vorpremiere und eins muss ich sagen: der film ist einfach bombig geil. Ist verdammt gut gelungen ich werde ihn glaube noch mal im kino sehen
Rocky
Freitag, 09-02-07 01:04
als ich entscheidend sagte meinte ich auch entscheidend - nicht entscheident!
Dr. Andreas Jacke
Freitag, 02-02-07 17:32
"Es ist nicht entscheident wie viele Schläge du austeilst - entscheident ist wieviele du einstecken kannst!" (Zitat von Rocky aus Rocky Balboa) Da ist er nun der letzte Film über den größten Boxstar des Kinos. Rocky hatte Muhamet Ali und all den anderen großmäuligen Boxern des realen Lebens immer schon eines voraus gehabt, er hatte immmer schon verloren. Der diskrete Charme eines Verliereres mehr ...
Levent
Dienstag, 30-01-07 04:06
Ein muss für alle die mit den Rocky-Filmen aufwuchsen. Erzählt eine Geschichte die Tränen in den Augen treibt, und auch zeigt, was man alles erreichen kann, wenn dafür richtig gekämpft wird. Jeden Cent wert...
Bernd
Sonntag, 28-01-07 19:32
Ich hatte gestern das Glück, die Vorpremiere von Rocky in Karlsruhe sehen zu dürfen. Der Film ist einfach nur geil! Obwohl ich Rocky-fan bin hatte ich vor dem Film doch schon Bedenken, ob der Film ins lächerliche abdriftet. Aber Falsch! Der Film nimmt einen mit, ist wohl einer der besten (wenn nicht sogar der beste) Film der Rocky-Reihe. Ein MUSS, nicht nur für Rocky-Fans!
Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen Sie unseren Regeln zu.
- Die besten Filme des Jahrzehnts
- Abstimmung: Bester Film des Jahrzehnts
- Top Ten 2009
- Top Ten 2008
- Einführung








Als ich schon klein war,hab ich Rocky 5 angeschaut und ich war traurig über das Ende. Traurig das er sein ganze Rum verloren hat und über die ganze Geschichte.Nichts hat gepasst!!! Und am ende des Films ist er arm geblieben er hat sich den kopf kaputt schlagen lassen für nichts.Seit ich Rocky 5 angeschaut habe wollte ich schon immer das er ein 6 Teil macht. Um die Geschichte von Rocky 5 wieder mehr ...