Yasmin

Yasmin, eine junge Frau pakistanischer Abstammung, erlebt wie durch die Erschütterungen des Anschlags vom 11. September das empfindliche soziale Gleichgewicht zwischen Christen und Muslimen bis in ihre nordenglische Heimat aus den Fugen gerät.

Yasmin

Über die Dächer der heruntergekommenen, immergleichen Backsteinreihenhäuser irgendeiner nordenglischen Kleinstadt schallt laut der Morgengesang des Muezzin. Während seine Stimme wie ein Wecker aus den Lautsprechern an den Häuserecken scheppert, entledigt sich, hinter einer Mauer versteckt, eine junge Frau ihres Kopftuches und bodenlangen Gewandes, um in ein enges Paar Jeans zu schlüpfen. Jeden Tag aufs Neue verwandelt sich die bedeckte Pakistanerin Yasmin (Archie Panjabi) auf dem Weg zur Arbeit in eine modebewusste, flippige Engländerin und braust mit offenen Haaren den Rufen des Muezzin in ihrem Volkswagen GTI davon, der Stelle als Sozialarbeiterin und den Kneipenbesuchen mit ihren Kollegen entgegen.

Die Welt in der zweiten Kinoarbeit des britischen Film- und TV-Regisseurs Kenny Glenaan (Gas Attack, 2001) erscheint bereits nach diesen ersten Bildern nicht in Ordnung, denn die Stoffbahnen, mit denen sich Yasmin Tag für Tag verhüllt und enthüllt, sind, wo sie sich auch aufhält, immer nur Versteckspiel. Mehr einem selbstbestimmten Leben als den altbackenen Vorstellungen ihres verwitweten Vaters zugetan, befolgt sie aus Liebe zur Familie sowie Angst vor Ausgrenzung in den eigenen Reihen dennoch einige seiner Regeln und willigt sogar in eine arrangierte Hochzeit mit ihrem vertrottelten Cousin ein, damit dieser eingebürgert werden kann. Die mühsam errichtete, undurchlässige Trennwand zwischen dem restriktiven Leben im traditionsbewussten Familienkreis einerseits und den vielversprechenden Flirts mit Kollege John außerhalb der pakistanischen Gemeinschaft andererseits bricht jäh in sich zusammen, als in New York am 11. September 2001 das World Trade Center einstürzt. Vom Epizentrum Manhattan ausgehend, breitet sich in den schrecklichen Bildern des Anschlags und der Kriegserklärung der USA gegen den unsichtbaren Gegner Terrorismus eine Angstwelle über der Welt aus, die auch Yasmins Umfeld erfasst.

Yasmin

Wie Pilze, die nach einem Regenschauer aus dem Boden schießen, brechen die Vorurteile unkontrolliert aus den nebeneinander her lebenden Einwanderer- und Einheimischengruppen heraus und treffen auf Yasmin, die sich ungeschützt zwischen den Fronten bewegt. Ihre Arbeitskollegen machen sich einen Scherz daraus, sie mit Osama Bin Laden-Witzen zu attackieren und zu Hause stürmt die ungebremste Polizeigewalt auf ihre Familie ein, weil hinter ihrem Ehemann Faysal ein Terrorist vermutet wird. Statt einfach einzustecken, was ihr von allen Seiten an den Kopf fliegt, versucht Yasmin aus der Bedrängnis heraus ihre eigene Position zu finden und dem Ruck des Misstrauens und der Radikalisierung, der über ihre Heimat gefahren ist, entschlossen zu begegnen. Ihr vormals zweigeteiltes Leben verschmilzt durch die Ereignisse zu einer neuen Identität, die sich zwar für keine der Seiten entscheidet, aber ihre Wurzeln nicht länger verleugnet und auf jede Art von Engstirnigkeit, egal ob seitens ihres Vaters, der Polizei oder John, mit Aufmüpfigkeit antwortet.

Die Darstellung dieser jungen Frau, die durch Verletzungen zur Kämpferin wird, gelingt Archie Panjabi, die mit der Rolle der Yasmin ihre schauspielerische Unschuld verliert, hervorragend. Nachdem sie in ihren beiden vorangehenden großen Kinoauftritten die zickige, zur Karikatur reduzierte Schwester gab (East is East, 2000, von Damien O’Donnell; Kick it like Beckham, 2002, von Gurinder Chadha), entsteigt sie mit diesem Film dem Klamauk und entwickelt eine unbekümmerte Leichtlebigkeit gepaart mit trockenem Humor, die im Zuge der Ereignisse in beschwerliche Gegenwehr und Zynismus umkippen.

Yasmin

Kenny Glenaan schlägt in Yasmin einen ernsten Tonfall an. Er untersucht mit ungeschminktem Dokumentarismus und anklagendem Duktus, wie man es aus den Filmen des unermüdlichen Sozialkritikers Ken Loach kennt, die Wucherungen der Wunde, die der 11. September in der multiethnischen, britischen Gesellschaft, und nicht nur da, geschlagen hat. Er weitet in Yasmin den Blick von einer typischen Identitätsfindungsgeschichte der zweiten Einwanderergeneration auf die Diskurse der Politik aus, die plötzlich sehr konkret spürbar werden können. Die Klammer der Anschläge vom 11. September ermöglicht es Glenaan, viele Themen, fast ein bisschen zu viele, in einem Atemzug eskalieren zu lassen: Die Probleme der Frau in einer oppressiven, islamisch geprägten Umgebung, die Vertiefung des Misstrauens zwischen arabischer und eurozentristischer Welt und eine Beziehung zwischen Vater und Sohn, bei der letzterer zum Leidwesen des Vaters in den religiösen Fanatismus abgleitet, so wie es bereits Hanif Kureishis Drehbuch für Udayan Prasads Film My Son the Fanatic (1997) eindrucksvoll beschrieben hat. Denn während die ganze Welt sich um sie herum verhärtet, entpuppt sich der bisher größte Störenfried in Yasmins Leben, der patriarchalische Vater, als einzige vernünftige Person im Chaos. Alle anderen haben sich von irrationalen Emotionen überrollen lassen. Mit Yasmin schafft es Glenaan, diese seit 9/11 von der Angst vorm Anderen angefachten Erhitzungen und ihre Absurdität glaubwürdig zu demonstrieren, ohne sie abkühlen zu wollen und zu können.

Kommentare


Elefant

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden






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