Western

Wie geht es nach Toni Erdmann weiter für das deutsche Kino in Cannes? Valeska Grisebachs Western stammt nicht nur von derselben Produktionsfirma, sondern er zeigt die erstaunliche Weiterentwicklung der Berliner Schule.

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Eh klar: Es gibt sie nicht mehr und gegeben hat es sie, wenn überhaupt, dann sicher nicht als Schule. Besser schiebt man im selben Atemzug schnell ein „sogenannte“ vor, wenn man überhaupt noch von ihr spricht. Die in Frankreich als Nouvelle Vague Allemande bekannte Strömung ist im heutigen Kino der Regisseurinnen und Regisseure von damals aber selbstverständlich weiter zu besichtigen. Denn die Aufmerksamkeit dafür, was soziale Settings, vor allem Räume und Zeit, mit denen machen, die in ihnen wohnen, durch sie wandern, das ist etwas, was das Kino immer braucht. Das signature move der Berliner Schule, wenn es ein solches gab, war die Tanzszene. Wie sich Menschen zu Rhythmen bewegen, vor allem im Verhältnis dazu, wie sie sich sonst bewegen, wie sie sich geben, wie sie sprechen, welche Statur sie haben, das war und ist eine tolle filmische Möglichkeit, eine Ahnung zu bekommen von Körpern in einem dramatischen Geflecht, ohne sie psychologisch verstehen zu müssen. Auch in Western gibt es eine Tanzszene, doch sie funktioniert völlig anders als etwa die in Grisebachs letztem Film Sehnsucht (2006), dessen Premiere auf der Berlinale mehr als zehn Jahre zurückliegt.

Hahnenkämpfe und Kommunikationsversuche

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Western ist die Geschichte von Meinhard – er trägt den Namen seines Darstellers Meinhard Neumann, und auch wenn das einige der anderen Protagonisten nicht tun, geht es weniger um sie als Figuren denn um ihre Körper. Andererseits ist die Geschichte, in die sie hineingeraten, durchaus Motor für den Film: Meinhard verdingt sich als Bauarbeiter; gemeinsam mit einer zusammengewürfelten Gruppe Männer unterschiedlichen Alters und Temperaments landet er auf einer Baustelle in Bulgarien. Gleich zu Beginn wird eine deutsche Flagge gehisst, ihr „Lager“, wie sie es nennen, hat einen schönen Ausblick und zieht die Blicke der Einwohner des nächstgelegenen Dorfes auf sich. Die im Titel anklingende Front könnte zwischen Bulgaren auf der einen und Deutschen auf der anderen Seite verlaufen, aber Grisebach interessiert sich für etwas anderes. Es beginnen nicht nur Hahnenkämpfe unter den Bauarbeitern, sondern auch liebevolle Kommunikationsversuche zwischen den Nationalitäten. Hier wie da ist Sprache das Problem: Mit ihr wird gelogen, mit ihr wird getrickst, mit ihr wird verletzt, und ihretwegen scheitert das Verstehen.

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Während Vincent (Reinhardt Wetrek), der impulsive Chef mit den schlechten Manieren, sich Feinde macht, steht Meinhard wortkarg seinen Mann. Was nach einem Aufeinanderprallen zweier Männerbilder aussieht, entpuppt sich als das Auseinanderdriften zweier Lebensentwürfe. Der eine hat schon alle Antworten, der andere sucht noch. Der eine muss sich beweisen, der andere beweist sich ohnehin. Der eine macht Druck, bis etwas bricht, der andere lässt sich vom Gegenüber sanft anleiten. Der eine unterstellt Fremden Schlechtes, der andere findet Freunde. Nach und nach entwickelt Western unter der Hand ein Plädoyer gegen Pegida und AfD. Weil, wenn Menschen Raum und Zeit erhalten, das Interesse für sie wachsen muss. Das gelingt Grisebach nicht zuletzt durch eine Reihe an Verschiebungen, die eine ausgeklügelte Dramaturgie offenbaren: Dramaturgie der Zuwendung, der Aufmerksamkeit und des bohrenden Glaubens an die Vielschichtigkeit aller Körper. Das Auseinanderdriften der beiden Protagonisten lassen Bettina Böhlers Montage und Bernhard Kellers Kamera genauso geschmeidig erscheinen wie die unwahrscheinlicheren Entwicklungen.

Sehnsucht nach primärer Verständigung

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Was wie ein Film im zurückhaltenden Beobachtermodus erscheint, bei dem das Leben ins Bild hineinschwappt, ist viel mehr als das: eine lebenslustige Erforschung des Anderen. Grisebach ist nicht nur offen für das Alberne und das Sentimentale, das um die Ecke schaut, wenn sich Leute kaum verstehen, aber unbedingt verstehen wollen. Sie fordert gleichermaßen Konflikte wie Annäherungen heraus: die Geschichte, die unter anderem Wasserknappheit und eine ausbleibende Kiesellieferung als physische Krisenherde zu bieten hat, nimmt sich viel Zeit für die Schilderung der zärtlichen Sehnsucht nach primärer Verständigung, angefangen beim Zähmen eines herumlaufenden Pferdes bis zum gemeinsamen Kochen und Lachen der sich sprachlich noch immer fremd Gebliebenen. Die Wandlungsfähigkeit von Grisebach ist auch eine ihrer künstlerischen Kollaborateure. Wenn am Ende getanzt wird, dann ergibt sich dieser Moment in Lichtsetzung, Bewegung und Schnitt völlig organisch aus Meinhards vorangehendem Einsatz seines Körpers. Er muss nicht erst zu sich finden, er ist schon immer dabei. Und wenn der Tanz noch ein Moment der Freiheit ist, dann einer, der längst im Einklang ist mit der Vision, die Protagonist und Film vom Leben entwickelt haben. Als hätten plötzlich alle Vertrauen gefasst, ineinander und in das Kino.

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