Werewolf

Berlinale 2017 – Forum: Knapp am Miserabilismus vorbei: Ashley McKenzie porträtiert die Unmöglichkeit von Zweisamkeit beim Meth-Entzug.

Werewolf  1

Man wähnt sich schnell in einem jener klassischen US-Indie-Filme, die aus der Not eine Tugend machen, die betont „klein“ sind, ganz intim, behutsame Fiktionen ins dokumentarisch angelegte Setting einweben. Die sehr drauf bedacht sind, nur zu beobachten, nichts zu forcieren, nichts zu manipulieren. Die niemals mit einem Establishing-Shot beginnen, sondern mit einer bedeutsamen Großaufnahme, die später im Film nochmals zitiert wird. Die meist harte Schicksale zeigen und dabei manchmal in eine Art Elendsästhetisierung zweiter Ordnung kippen: Authentizität und ganz leise poetische Momente statt offensiver Stilisierung. Werewolf tendiert zunächst in diese Richtung, entwickelt sich dann aber doch in eine andere.

Werewolf  3

Was Regisseurin Ashley McKenzie da beobachtet: wie sich die Meth-Abhängigen Blaise (Andrew Gillis) und Nessa (Bhreagh MacNeil) durchs Leben mühen. Sie sind Teil eines Methadon-Programms, stehen also unter medizinischer Aufsicht, bekommen regelmäßig ihre Dosis. Geld bringt diese staatliche Hilfe freilich auch nicht ein. Und so wandern die beiden von Haustür zu Haustür in der Provinz einer kanadischen Atlantikinsel und bieten an, den Anwohnern ihre Vorgärten zu mähen.

Werewolf (2)

Der Rasenmäher, ihr wichtigstes Eigenkapital, geht bald kaputt, die Reparatur ist kaum zu bezahlen. Doch spätestens an dieser hoffnungslosen Stelle fällt auf, wie wenig Regisseurin Ashley McKenzie an bloßem Miserabilismus gelegen ist, und das obwohl es ihren Protagonisten miserabler nicht gehen könnte, obwohl diese Gegend, aus der sie dringend fliehen wollen, aber nicht können, trister nicht sein könnte. Intimität ist hier kein bloßes Gimmick, kein bloßes Hauptsache-nah-dran-am-Elend. Vielmehr ist Werewolf ein durch und durch körperlicher Film. Dass wir Blaise und Nessa häufig nur im Anschnitt sehen, immer wieder nur Teile ihrer Gesichter und ihrer Körper, hat eine Vertrautheit zur Folge, die im Laufe des Films durchaus ihre Wirkung entfaltet – wenn wir irgendwann meinen, jeden Pickel zu kennen, jedes Zucken einschätzen zu können. Da entwickelt sich eher Vertrautheit als Mitleid.

Vor allem aber verschiebt McKenzie behutsam ihren thematischen Fokus: Die Droge wird vom Sujet zum Setting, und Werewolf ist irgendwann weniger ein Film über Abhängigkeit als über die Möglichkeiten eines gemeinsamen Lebens mit dieser Abhängigkeit. Blaise und Nessa sind ein Paar, sie können nicht ohne einander, und doch – so sagt es später im Film auch eine Beraterin ganz deutlich – ist man im Entzug eben immer allein, immer woanders als der andere. Gemeinsam sind wir stark, das scheint hier nicht zu gelten. Und so driftet der Film allmählich auseinander, Blaise verschwindet, Nessa bekommt einen Job in einem Softeis-Wagen, lernt langsam, immer hübschere Kreise aus der Eismaschine in die Waffel zu pressen und das fertige Produkt dann noch mit gemahlenen Oreo-Keksen zu bestücken.

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