Das Mädchen Wadjda

Ein kleines Mädchen in Saudi-Arabien wünscht sich ein Fahrrad und wird zur Kritikerin ihrer Kultur.

Das Maedchen Wadjda 07

Eine Mädchenschule im saudi-arabischen Riad. Im Innenhof spielt eine der jüngeren Schülerinnen ein Hüpfspiel, in einer anderen Ecke lackieren sich zwei ältere Mädchen verstohlen die Fußnägel. Plötzlich schwenkt die Kamera zurück in den Hof und fängt auf einer hohen Mauer mehrere Bauarbeiter ein. Der Blick wandert zurück zu den Schulmädchen, dann auf die Direktorin (Ahd), die ihre Schützlinge hastig zurück ins Gebäude treibt. Die Männer dürfen uns nicht sehen, sagt sie. Derlei Szenen prägen den ersten vollständig in Saudi-Arabien realisierten Kinofilm, denn von genau diesem männlichen Blick erzählt die junge Regisseurin Haifaa Al Mansour in Das Mädchen Wadjda (Wadjda), einem Blick, der so sehr auf den starken Frauenfiguren des Films lastet, wie sie sich ihm zu entziehen suchen.

Das Maedchen Wadjda 01

Das Mädchen Wadjda ist der strenge Versuch, anhand von permanenter Rahmung und Einfassung die Abschottung der Frauen Saudi-Arabiens zu bebildern. Dazu nimmt der Film die 11-jährige Wadjda (Waad Mohammed) in den Fokus, die am Scheidepunkt zur Pubertät rebelliert, ohne noch genau zu wissen wofür. Wadjda trägt lieber Chucks als feine Slipper, hört gerne amerikanische Popmusik und bindet ihr Kopftuch so locker, dass es mehr hübsches Accessoire als religiöse Pflicht ist, wenn es beim Spielen auf den staubigen Straßen Riads im Wind weht. Wadjdas größter Wunsch ist es, genau wie der Nachbarsjunge Abdullah ein Fahrrad zu besitzen, doch ist das Fahrrad- und Autofahren Frauen in Saudi-Arabien streng untersagt.

Das Maedchen Wadjda 05

Wenn die Ansätze zu einer Emanzipationsgeschichte auch eher vorsichtig sind, so gelingt es Haifaa Al Mansour doch, dank der naiven Perspektive der kleinen Wadjda die absurden Kurzschlüsse der saudischen Kultur aufscheinen zu lassen. Auf den europäischen Zuschauer – der Film ist eine deutsch-saudische Co-Produktion und wurde bisher wegen der völlig fehlenden Kinokultur in Saudi-Arabien nur im Westen gezeigt – wirkt Wadjda wie ein Trotzkopf aus einem Kinderbuch, der nicht aufhören will zu fragen: Warum? Die Antwort ihrer Mutter (Reem Abdullah), dass man vom Fahrradfahren später keine Kinder mehr bekommen könne, genügt Wadjda nicht. Und so folgt man dem findigen kleinen Mädchen über Botengänge auf dem Schulhof und dem Verkauf von selbstgemachten Freundschaftsbändern in jeden Schlupfwinkel ihrer Kultur, in dem es Geld für das leuchtend grüne Fahrrad mit dem Gänseblümchen-Aufdruck aufzutreiben gäbe.

Überhaupt wird dieses Fahrrad zur Allegorie einer erstarkenden Frauenrolle im Islam, scheinen doch die luftigen bunten Bänder am Lenker, das Blumenmuster und die hoffnungsvolle grüne Hochglanz-Lackierung eine Weiblichkeit zu bebildern, die auf den Straßen von Riad sonst unsichtbar bleibt. Daher hält sich die Kamera auch die meiste Zeit in der mauerhoch abgeschirmten Privatheit der saudischen Frauen auf, wie beispielsweise zu Hause bei Wadjda, wo sich die Parallelgeschichte um ihre Mutter entspinnt, die verzweifelt versucht, ihren Mann und Wadjdas Vater von der Eheschließung mit einer Zweitfrau abzubringen. Fast nie sieht man diese Frau außerhalb ihrer häuslichen Pflichten; wenn sie die Wohnung verlässt, dann nur im Zeichen ihres Mannes, um zum Beispiel ein aufreizend rotes Kleid zu kaufen.

Das Maedchen Wadjda 08

Dazwischen immer wieder Wadjda und der unbedingte Wunsch nach dem Fahrrad. Bei der Beschaffung des noch fehlenden Geldes kommt ihr ein mit 1000 Euro dotierter Koranwettbewerb der Schule zur Hilfe. Im Unterricht lernt Wadjda Suren richtig zu intonieren, die Auslegung des Koran eignet sie sich mit Hilfe eines Computerspiels an. In diesem Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne liegt denn auch die tiefe Einsicht von Das Mädchen Wadjda: Wadjda lebt in Distanz zu und Auflehnung gegen ihre Kultur, nicht weil sie an ihr scheitert, sondern gerade weil sie sich so souverän darin zu bewegen gelernt hat. Wenn sie sich Abdullahs Rad zum Üben leiht und damit auf der Dachterrasse kleine Runden dreht, scheint es, als umkreise sie mehr und mehr die Suren, die sie so mühsam zu rezitieren gelernt hat, um schließlich an deren Kern gelangen zu können.

Das Maedchen Wadjda 06

Doch macht dieser Wille zum Wissen – so die konsequente Entwicklung des Plots – noch lange keine Revolution: Wadjda gewinnt den Wettbewerb, doch als sie vor der ganzen Schule enthüllt, sie wolle sich mit dem Preisgeld ein Fahrrad kaufen, zwingt sie die Direktorin, das Geld an einen palästinensischen Hilfsfonds zu spenden. Gerade dank dieser immensen Fallhöhen gelingt es dem Film, die Risse von Wadjdas Welt freizulegen, an denen sich selbst ihre grenzenlose Neugierde und ihr bedingungsloser Erfindungsgeist geschlagen geben müssen.

Wie auch immer: Die letzte Einstellung macht ein Close-up auf Wadjdas seliges Lächeln beim Radfahren. Direkt in die Kamera und ohne Schleier. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Blick zurück bald auch auf sein eigentliches Publikum in Saudi-Arabien treffen kann.

Trailer zu „Das Mädchen Wadjda“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Reinecke

Ein großartiger und wichtiger Film ,auch besonders für weibliche Jugendliche geeignet.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.