Verdammnis

Die Verfilmung des zweiten Romans aus Stieg Larssons Bestseller-Trilogie Millennium rückt die Hackerin Lisbeth Salander in den Mittelpunkt eines komplexen Thrillers.

Verdammnis

Als Autor Stieg Larsson 2004 im Alter von nur 50 Jahren überraschend starb, ahnte niemand, welchen großen Erfolg seine drei posthum veröffentlichten Kriminalromane haben würden. Den Regeln der Filmbranche folgend, sicherte sich Produzent Søren Stærmose denn auch die Verfilmungsrechte an den Bestsellern, die er nahezu zeitgleich für die Leinwand adaptierte.

Verblendung (Män som hattar kvinnor; zu deutsch: Männer, die Frauen hassen) kam 2009 in die Kinos und war alles in allem ein auf Kinomaße aufgezogener Fernsehkrimi, in dem das Ermittlerpärchen, Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die bizarre Hackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace), in einer vergleichsweise klassischen Detektivgeschichte durchaus überzeugen konnte.

Weshalb Produzent Stærmose für Teil zwei und drei der Millennium-Verfilmungen neue Drehbuchautoren verpflichtete, weshalb für die Regie nicht weiterhin Niels Arden Oplev, sondern der fernseherprobte Daniel Alfredson verantwortlich zeichnet, wieso nahezu der gesamte Kreativstab ein anderer ist, gibt sicher Anlass zu Spekulationen. Indes kann man mit Gewissheit konstatieren: Den Verfilmungen von Roman Nr. 2 (Verdammnis) und Nr. 3 (Vergebung) hat es sehr gut getan.

Verdammnis

Und um es auch hier anzuprangern: Der deutsche Buch- und Filmtitel Verdammnis ist das Ergebnis des Verlagsmarketings, denn das schwedische Original (Flickan som lekte med elden) heißt wörtlich übersetzt Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte. Mit Titeln wie Verblendung, Verdammnis und Vergebung wird ein recht bedeutungsschwangererer Subtext suggeriert, der in den Larsson-Büchern kaum, in den Filmen jedoch überhaupt nicht zu finden ist. Mit viel Fantasie konnte man noch annehmen, dass die Frauenhasser in Teil 1 irgendwie verblendet waren – aber eigentlich waren es nur extrem gefährliche und schwer gestörte Psychopathen. Ob nun jemand oder etwas in Teil 2 der titelgebenden Verdammnis anheimfällt oder fallen soll, bleibt im Dunkeln.

War Verblendung noch eine vorsichtige Adaption, die die 600-Seiten-Vorlage vermeintlich kinotauglich auf wenige Handlungsstränge eindampfte, traut Autor Frykberg dem Publikum durchaus mehr zu. Hier muss man dranbleiben, sonst verliert man leicht den roten Faden, der sich durch Verdammnis spinnt. Lisbeth Salander, die unnahbare junge Frau mit Asperger-Syndrom war bereits in Teil 1 mit ihrer bruchstückhaft exponierten Vergangenheit Opfer von männlicher Gewalt, und ihre Geschichte bildete eine Parallele zum im Vordergrund stehenden Kriminalfall. Das Thema männlicher Gewalt gegen Frauen setzt sich nun als Quintessenz in Verdammnis fort.

Verdammnis

Etwa ein Jahr nach den Geschehnissen aus Teil 1 kehrt Lisbeth nach Schweden zurück und gerät alsbald unter Verdacht, ihren juristischen Vormund, den – ebenfalls schon aus Teil 1 bekannten – Vergewaltiger und Sadisten Bjurman ermordet zu haben. Journalist Blomkvist, der Lisbeth aus den Augen verloren hat, recherchiert währenddessen in Sachen osteuropäischer Frauenhandel. Auch seine Spur führt zu Bjurman. Als weitere Informanten und Journalisten ermordet werden und die Polizei die untergetauchte Lisbeth des Dreifachmordes verdächtigt, will Blomkvist Lisbeths Unschuld – von der er per se überzeugt ist – beweisen. So vollzieht sich die kriminalistische Schnitzeljagd in Verdammnis auf zwei Ebenen, die geschickt parallelmontiert sind: Da ist Lisbeth, die mit dem ihr eigenen Gerechtigkeitsempfinden den Fall aufrollen will, und da ist Blomkvist, der mit der Akribie des Enthüllungsjournalisten das Puzzle Stück für Stück zusammensetzt. Dabei wird nun die Geschichte und die Figur der Lisbeth Salander zum eigentlichen Thema des Films, an dem sich wie in der Romanvorlage sämtliche gesellschaftskritischen Ambitionen aufhängen.

Verdammnis

Verdammnis gewinnt seine Spannung vor allem aus der latenten Bedrohung der Protagonistin, aus einem Komplott, dessen Verursacher und Hintergründe vorerst im Dunkeln bleiben. Der Erkenntnisgewinn stellt sich für die unabhängig voneinander handelnden Ermittler und das Publikum an entscheidenden Punkten des kriminalistischen Mosaiks simultan ein. Dass man dabei – in Film wie Buch – manchmal recht hanebüchene Handlungswendungen hinnehmen muss, vermag Larsson-Fans nicht wirklich zu stören.

Regisseur Daniel Alfredson und Kameramann Peter Mokrosinski verzichten auf überbordende visuelle Effekte zugunsten einer konventionellen Bildsprache. Der Film setzt vor allem den Dialog als Handlungsmotor ein, und wo es auf psychologisierende Elemente ankommt, greift die Kamera häufig zur Nahaufnahme. Verdammnis nutzt dabei die bereits eingeführten Protagonisten und verzichtet auf deren tiefere Charakterisierung zugunsten der verdichteten Handlung und der Einführung einer Vielzahl neuer Figuren. 

Entsprechend diesem Konzept ist der Einsatz von Musik in Verdammnis stark reduziert. Anders als in Verblendung, in dem Komponist Jacob Groth die großorchestrierte Musikpalette des Actionkinos auffuhr, ist sein zweiter Millennium-Soundtrack geradezu minimalistisch. Durch diese Reduktion gelingt eine stimmige Verdichtung von audiovisuell ausbalancierten Spannungsmomenten, die, zusammen mit den Darstellerleistungen – allen voran der vielschichtigen und ambivalenten Figurenzeichnung von Noomi Rapace – den Film recht düster und wesentlich eindringlicher wirken lassen als den Vorgänger.

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Kommentare


KD

Wer die Trilogie gelesen hat, ist mindestens von den ersten beiden Filmen entäuscht. Warum?
Streckenweise ist die Abfolge der Handlungen sowie die Handlungen selbst derart abweichend anders, daß dem belesenen Zuschauer die Frage aufkommt, wie weit künstlerische Freiheit gehen darf.
In der Regel ist es meistens wohl so, daß der Leser vom Film enttäuscht ist. Das ist auch bei uns so.


Tachy

Konnte ich in Teil 1 wenigstens noch ansatzweise Parallelen zum Buch finden, frage ich mich bei Teil 2 ernsthaft welches Buch der Regieseur denn da gelesen haben mag. Vielleicht hat er ja nur über 5 Bekannte etwas erzählt bekommen und dann verfilmt. Abläufe und Fakten werden zeitlich und Inhaltlich verdreht, weggelassen oder einfach umgeschrieben.

Gegen Verdammnis ist Eragon geradezu originalgetreu verfilmt.

Fazit: 0 von wieviel auch immer möglichen Punkten. Lest die Bücher, vergesst die Filme.






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