Valerie
Ohne Geld und Arbeit strandet ein Fotomodell im weihnachtlichen Berlin. Ihren Freunden wie auch sich selbst gaukelt sie jedoch eine nach wie vor erfolgreiche Karriere vor.

Dort wo sich im Februar alljährlich die Berlinale-Prominenz sammelt und die Fans sehnsüchtig auf die Ankunft der Stars warten, mietet sich kurz vor Weihnachten Valerie (Agata Buzek) ein Zimmer. Das Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz, diese anonym-sterile Luxus-Unterkunft, ist der Schauplatz von Valeries öffentlichem Leben. Als äußerst erfolgreiches Fotomodell stand sie auf der ganzen Welt vor Kameras, ihr Wunsch im Hyatt zu übernachten entspringt dabei eher einer Gewohnheit als einem tatsächlichen Bedürfnis. Mit ihrem glamourösen Auftreten fügt sie sich perfekt in ihre luxuriöse Umgebung ein. Dabei ist Valerie eigentlich pleite, auf der Suche nach einem neuen Auftrag, und gehört mit ihren 29 Jahren bereits zum alten Eisen. Als sie aufgefordert wird, ihr Hotelzimmer zu verlassen, besitzt sie nicht einmal mehr genug Geld, um die Parkgebühr für ihr altes Auto zu bezahlen. Ohne einen Ort, an den sie gehen kann, beschließt sie, in der Tiefgarage des Hyatts zu bleiben und in ihrem Auto zu übernachten. Ihren Freunden in Berlin erzählt sie nichts von der prekären Situation.
Birgit Möller lässt in ihrem Kinodebüt Valerie (2006) Schein und Sein brutal aufeinander prallen. Inspiriert von einem Zeitungsartikel über „Schattenfrauen“ in Amerika, die an einem Tag über Laufstege defilieren und kurz darauf pleite und ohne Bleibe Zuflucht in Autos und unter Brücken suchen, liefert das Parkhaus ein treffendes Abbild von Valeries Zustand: die niedrigen Decken, die grauen Betonwände und das monotone Rauschen der Lüftung werden zu ihrem Gefängnis. Einzig der einsame Parkwächter André (Devid Striesow) wird auf die schöne Frau und deren schwierige Situation aufmerksam.

Die mediale Wahrnehmung der Modewelt ist durch Begriffe wie Glamour, Schönheit und Erotik geprägt. Gleichzeitig stören die Medien dieses von ihnen geschaffene Bild und geben einen Blick frei hinter die Glitzer-Fassade in der knallhartes Business vorherrscht und sich Modells beinahe zu Tode hungern. Spielfilme die in diesem Spannungsfeld angesiedelt sind, sehen sich in den meisten Fällen mit der Erwartungshaltung der Zuschauer konfrontiert, ein aufgeklärt kritisches Bild der Modewelt zu zeigen. Robert Altmans wütender Angriff auf die Pariser Modeszene Prêt-à-porter (1994) oder in abgeschwächter Form auch Der Teufel trägt Prada (The Devil Wears Prada, 2006) nähern sich dem Thema mit satirischen Mitteln.
Valerie hält sich dagegen zurück und entfernt sich immer mehr vom eigentlichen Beruf der jungen Frau. Birgit Möller unterstreicht, dass die gezeigte Oberflächlichkeit sich auch in anderen Berufskreisen finden lässt und konzentriert sich stattdessen auf den Absturz des Modells. Leider verläuft dieser jedoch nach vorhersehbarem Muster: Auf die Sperrung ihrer Kreditkarte und den Rauswurf aus dem Hotel folgen erwartungsgemäß die Avancen eines Mannes, der sie für eine Prostituierte hält, und auf dessen Angebot sie aus Verzweiflung auch einzugehen scheint. Den Tiefpunkt hat sie an den weihnachtlichen Festtagen erreicht, als sie sich alleine in einer Bar betrinkt. Diese Absturz-Dramaturgie fügt sich zwar zu einem Ganzen zusammen, Birgit Möller schafft es aber nicht, die allzu konventionelle Konstruktion zu verbergen, in der Valerie wie auf einem Hindernislauf in immer schwierigere Situationen gerät.

Dabei dient die Wahl, die Geschichte einer „Schattenfrau“ als Ausgangspunkt zu nehmen, der Regisseurin lediglich als ein Aufhänger für eine vergleichsweise simple Liebesgeschichte. Schnell wird klar, dass aus der anfänglichen Distanziertheit zwischen dem Nachtwächter André und Valerie mehr werden muss. Die Tatsache, dass die Charakterisierung der beiden Figuren sich vor allem über gängige Stereotypen des Autorenfilms wie Einsamkeit und gesellschaftliches Außenseitertum definiert, trägt zusätzlich zu einer weiteren Vorhersehbarkeit der Geschichte bei. Themen wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und die kühle Modewelt werden dagegen immer mehr in den Hintergrund gedrängt mit dem Resultat, dass Valerie seine Ecken und Kanten verliert. Im Vergleich zu den sozial engagierten Filmen von Mike Leigh oder Ken Loach, die sich an der harten britischen Realität reiben und stets darauf bedacht sind, Missstände anzuprangern, wirkt Valerie letzten Endes sehr zahm.
Filmkritik von Hannes Brühwiler
Veröffentlicht am 24.04.2007
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Film-Angaben
Titel: Valerie
Deutschland 2006
Laufzeit: 84 Minuten
Regie: Birgit Möller
Drehbuch: Ruth Rehmet, Ilja Haller, Milena Baisch, Elke Sudmann, Birgit Möller
Produktion: Susann Schimk, Jörg Trentmann
Darsteller: Agata Buzek, Devid Striesow, Birol Ünel, Anne Sarah Hartung, Guntbert Warns
Kinostart: 26.04.2007
DVD-Angaben
Titel: Valerie
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Englisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 84 Minuten
Extras: Interview mit der Regissseurin, den Hauptdarstellern und dem Drehbuchautor
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 18.01.2008
Copyright Valerie
Fotos: © Zauberland Filmverleih
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