Urville

Auf der Suche nach einer imaginären Stadt: Angela Christlieb sucht und findet den Mythos im Alltag, und mit Urville schafft sie außerdem noch so etwas wie einen poetischen Dokumentarfilm.

Urville

Vor acht Jahren kam Angela Christliebs Dokumentation Cinemania (Regie zusammen mit Stephen Kijak) ins Kino. Das war eine interessiert-befremdete Beobachtung einer Handvoll Filmverrückter in New York, die ihr gesamtes Leben ihrer Leidenschaft unterordnen, die in einer Art Parallelwelt leben, in der soziale Verwurzelung nur im Blick auf die Leinwand existiert. Es ist ein Film, den kein Cinephiler jemals vergessen wird, etwa so, wie ein Raucher niemals diese medizinischen Horror-Streifen über Teerlungen und amputierte Beine vergessen kann, die seit Jahrzehnten der Gesundheitserziehung dienen: Das da ist ziemlich schlimm, denkt man dann, aber so weit ist es bei mir noch lange nicht. Mit dem kleinen, aber wichtigen Unterschied, dass man sich im Fall von Christliebs Film dabei erwischt, die Cinemaniacs hin und wieder durchaus zu beneiden.

Urville ist Angela Christliebs erster Film seitdem, und wieder stellt sie Parallelwelten nebeneinander. Da ist die mythische Stadt Urville, die, ein fiktiver Künstlertraum, ein Utopia der erfüllten Wünsche, auf einer Insel im Mittelmeer liegt. Und da sind drei wirkliche kleine französische Örtchen, die tatsächlich so heißen, Urville.

Urville

Urville, so der Mythos, ist die modernste Stadt der Welt, mit einem Durchschnittseinkommen von 6658 Euro netto und einer Scheidungsrate von 0,7 Prozent. Es gibt keine Gefängnisse und natürlich haben die Menschen dort auch keine Angst vor dem Tod. Der Film listet zwischen seinen einzelnen Akten solche fiktiven Fakten auf und zeigt dazu teilweise ineinander übergeblendete Bilder von Städten wie Peking, Brasilia, Shanghai, Dubai, Astana, vorzugsweise bei Nacht, bis die visuelle Idee einer Phantasiestadt entsteht. Dann folgt jedes Mal ein Schnitt in eine im Vergleich absurd banale Umgebung, die französische Provinz nämlich, wo sich die Dokumentarfilmer Angela Christlieb und Yvonne Mohr im Auto auf die Suche nach „Urville“ machen, dessen erste Manifestation in den Vogesen liegt.

Urville

„Dokumentarfilmer“ ist hier nicht im vollen Wortsinne zu verstehen, denn Urville ist kein reiner Dokumentarfilm. Das merkt man zum einen natürlich an seinem nie ganz geklärten Verhältnis zur Virtualität des mythischen Urville, und andererseits an einer Erzählhaltung, die kleine Veränderungen an der Wirklichkeit vornimmt, und sei es auch nur für schöne Momente leiser Ironie. Zum Beispiel, wenn das Navigationssystem im Auto befiehlt, einem langsam auf der Landstraße vor sich hinschleichenden Traktor 37 Kilometer lang zu folgen.

Echt sind dagegen die Protagonisten der drei realen Urvilles, allen voran die jeweiligen Bürgermeister. Die stellen sich zu Beginn vor das Ortsschild und zählen die Vorteile ihres kleinen Dorfes auf. Christlieb hat dabei ein besonders offenes Auge für leichte Schrägheiten, bei deren Betrachtung sich schon fast wieder die Frage stellt, ob hier nicht auch die Phantasie oder zumindest die Inszenierung im Spiel ist. Oder was ist von einem Ort zu halten, in dem ein Bürgermeisterkandidat sich für einen Indianer hält und mit Federschmuck die Wahlplakate ziert, der in Wahrheit aber Immobilienmakler ist? Der in seinem Büro einem Bill Clinton aus Pappe die Hand gibt? Einmal geht jemand in einem Giraffenkostüm über die Dorfstraße.

Urville

Urville ist, wenn man so will, ein Dokumentarfilm mit einem dritten Auge, der hinter dem Schleier der Wirklichkeit stets noch eine weitere Ebene zulässt, sogar einfordert. So erhält die für eine Dokumentation unerhörte Prämisse, nämlich dass es Urville tatsächlich geben könnte, ihr Gewicht. Er will, das wird schnell klar, ganz grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von Realität und Phantasie stellen und vielleicht auch nach den großen Ideen, die sich im Kleinen finden lassen. Beim Thema Tod zum Beispiel, vor dem die Urville-Bewohner ja bekanntlich wegen vorangegangener umfassender globaler Problemlösung keine Angst haben, wird auf ein mittelaltes Ehepaar geschnitten, das im spießigen Wohnzimmer Champagner trinkt und über den Tod redet, den eigenen, künftigen. Und es tut das lachend.

Trailer zu „Urville“


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