Unter Schnee

Ein Doku-Märchen über die ehemalige japanische Provinz Echigo, ein Ort, an dem die Zeit stillsteht. Wer unter Zivilisationsstress leidet, wird den Film besonders mögen.

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Minutenlang gleitet die Kamera vorbei an einer unberührten Schneelandschaft aus Bäumen, Hügeln, tosenden Wasserfällen. Meterhoch türmt sich der Schnee, es fegt ein eisiger Wind. Aus dem Off erzählt eine sanfte Frauenstimme (Eva Mattes), dass Fürst Kyorokus einst mit seiner Sänfte im Schneeland stecken blieb, woraufhin er seinen berühmten Schneeatlas zu zeichnen begann und zweiundzwanzig Wörter für Schnee notierte. Mit Unter Schnee begibt sich Ulrike Ottinger auf die Spuren von Bokushi Suzuki, der Mitte des 19. Jahrhunderts in dem Buch Schneeland Symphonie den Alltag, die Feste und Rituale der Bewohner Echigos beschrieb, das die Hälfte des Jahres durch Schnee von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Zwei Männer, Takeo und Maki (Takamasa Fujima, Kiyotsugu Fujima), kämpfen sich durch den Schnee und werden von einer Füchsin vom Weg abgebracht. Sie verwandeln sich bald darauf in einen Mann und eine Frau aus der Edo-Zeit, kleiden und verhalten sich wie Kabuki-Darsteller und begegnen bei ihrer Reise durch die Vergangenheit immer wieder der Gegenwart.

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Die Gegenwart allerdings scheint sich kaum von der Vergangenheit zu unterscheiden. Ottinger beobachtet Männer beim Schneeschaufeln und Federballspielen, Kinder, die den heiligen Berg Fuji-san aus Schnee bauen, sie zeigt die Vorbereitungen zum Fest der Wegegötter, das Ritual des Bräutigamwerfens, das kunstvolle Zubereiten des Essens. Weil die Frauen im Winter Zeit haben, weben sie auf hölzernen Webstühlen einen Krepp, den es nur hier gibt.

Autos, Handys, Computer, Fernseher – Fehlanzeige. Fernab vom modernen Japan, wie man es etwa aus Lost in Translation (2003) kennt, porträtiert Ottinger das Leben der Menschen in Echigo, wo die von Suzuki beschriebenen Rituale noch heute zelebriert werden und wo allenfalls Gummistiefel und Anoraks erkennen lassen, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden.

Die poetische Geschichte um Takeo und Maki dient als lose Rahmenhandlung für einen Film, der über weite Strecken einen ethnologischen Blick einnimmt. Dabei erzeugt der Wechsel von dokumentarischer Beobachtung und theatralischen Inszenierungen, wie Tanz und Pantomime der Kabuki-Darsteller, zunächst Brüche und Irritationen. Im Verlauf des Films jedoch beginnen sich die verschiedenen Erzählebenen zu vermischen und zu überlagern, bis den Zuschauer irgendwann der Verdacht beschleicht, dass das, was er für dokumentarisch hält, auch inszeniert sein könnte. Bauen die Kinder den Berg Fuji nur für die Kameras nach und spielen in Wirklichkeit lieber mit der PlayStation?

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Ulrike Ottinger hat weniger Interesse daran, Realität abzubilden, als eine filmische neu zu erschaffen und die Vorstellungswelt des Zuschauers zu erweitern: „Warum orientieren sich die Science-Fiction und Fantasy-Filme immer an Genres wie Kriegs-, Western- und bevorzugt Ritterfilmen? Warum können wir uns nichts anderes vorstellen?“

Ottinger begann als freischaffende Malerin und Fotografin in Paris. Sie ging aus der Bewegung des Neuen Deutschen Films der 1960er und 1970er Jahre hervor und zählte in den 1980er Jahren neben Peter Greenaway zu den wichtigsten bildenden Künstlern, die im Kino Fuß fassten. In ihren visuell opulenten Spielfilmen setzte sie sich mit Identität und Differenz vor allem in Bezug auf sexuelle Orientierung sowie mit der Psychodynamik von Macht auseinander. Mit Beginn der 1990er Jahre konzentrierte sie sich vor allem auf Kinoformat sprengende, experimentelle Dokumentarfilme, darunter Taiga (1991/92, 501 Min.) oder Südostpassage (2002, 363 Min.), mit denen sie an der Dokumenta 11 teilnahm. Das gefilmte Material bleibt in diesen Reisetagebüchern weitgehend ungeschnitten.

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Dagegen wird die Montage in Unter Schnee zu einem der wichtigsten Stilmittel, das die Grenzen zwischen Dokumentation, Fiktion, Kabuki-Theater, Kunst und Alltag, Vergangenheit und Gegenwart auflöst. Mal bleiben die Bilder unkommentiert, mal berichtet die Erzählerin von Bergdämonen oder einer Füchsin, die für den Zuschauer unsichtbar bleiben. Die Geschichte um das Paar aus der Edo-Zeit endet auf der Insel Sado, deren Exilgeschichte Japan die traurigsten und schönsten Gedichte verdankt, so die Erzählerin. In der letzten Einstellung blickt die Kamera ebenso lang auf die sich auftürmenden Wellen wie zu Beginn auf die Schneelandschaft und macht, jenseits aller Romantik, die Schönheit und die der Natur innewohnende Kraft spürbar. Die Schönheit der Bilder und der ruhige Rhythmus der traditionellen Musik machen Unter Schnee zu einer Kino-Meditation. Ähnlich wie in Echigo scheint das Kino zu einem Ort geworden, an dem die Zeit stillsteht und der Zuschauer Raum hat für eigene Erinnerungen, Sehnsüchte, Vorstellungen.

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