Unter Kontrolle

Nach jahrelanger Abstinenz kehrt Jennifer Chambers Lynch zurück auf den Regiestuhl und bewegt sich mit einem Thriller in stilistischer Nähe zu ihrem prominenten Vater.

Unter Kontrolle

Fünfzehn Jahre sind vergangen seit Jennifer Chambers Lynch mit Boxing Helena (1993) ihr Regiedebüt ablieferte. Die Geschichte um einen liebeskranken Chirurgen, der seiner Angebeteten Arme und Beine amputiert, um sie für immer an sich zu binden, rief dabei unweigerlich die morbid verstörenden Filme ihres Vaters David ins Gedächtnis. Doch auch ansonsten scheute Jennifer die künstlerische Nähe zu ihrem Vater nicht. So verfasste sie unter anderem Das Geheime Tagebuch der Laura Palmer als Merchandiseartikel jener Serie, mit der David Lynch für eine kleine Fernsehrevolution sorgte. Mit Unter Kontrolle (Surveillance) meldet sich Jennifer Lynch nun als Regisseurin mit einem Film zurück, dessen erstes Drittel wiederum ganz offensichtlich an Twin Peaks (1990/91) angelehnt ist.

Unter Kontrolle

Wie die Kleinstadt an der kanadischen Grenze wird auch die Pampa des mittleren Westens zum Schauplatz einer mysteriösen Mordserie. Bei einem Massaker auf offener Straße sind die einzigen Überlebenden ein schießwütiger Cop (Kent Harper), eine zugedröhnte Junkie-Braut (Pell James) und ein unscheinbares kleines Mädchen (Ryan Simpkins). Da die leicht vertrottelte Dorfpolizei mit der Lösung des Falls überfordert ist, übernehmen zwei FBI-Agenten (Bill Pullman und Julia Ormond) die Ermittlungen und versuchen mithilfe der Zeugenaussagen der drei Überlebenden den genauen Tathergang zu rekonstruieren. Dabei weichen die jeweiligen Versionen jedoch erheblich voneinander ab.

Unter Kontrolle

Unter Kontrolle wirft nicht gerade einen optimistischen Blick auf die Gesellschaft. In Lynchs postapokalyptischer Provinzwüste wimmelt es nur so von Drogenwracks, egozentrischen Eltern und korrupten Polizisten, die sich die Zeit damit vertreiben, unbescholtenen Autofahrern in die Reifen zu schießen, um sie anschließend zu schikanieren. Vor diesem Szenario einer amoralischen Welt lässt Lynch den Zuschauer eine Weile im Unklaren, worum es ihr eigentlich geht. Nach einem brutalen Einstieg, der die letzte Tat der Mörder zeigt, widmet sich Lynch erst einmal dem komödiantischen Aufeinandertreffen von Dorfpolizei, FBI-Agenten und Zeugen. Bald stellt sich heraus, dass die Verhörsituation im Polizeirevier lediglich die Rahmenhandlung des Films ist. Den eigentlichen Kernpunkt von Unter Kontrolle bilden die Rückblenden aus der Perspektive der einzelnen Zeugen.

Unter Kontrolle

Durch den Einsatz verschiedener Zeit- und Wahrnehmungsebenen suggeriert Lynch zunächst eine komplexe dramaturgische Struktur, hinter der sich jedoch ein sehr banaler Aufbau verbirgt. Anders als in Akira Kurosawas Rashomon (1950), auf den sich Lynch nach eigenen Aussagen bezieht, stiften die Rückblenden in Unter Kontrolle keine Verwirrung, indem sie die Lügen der Figuren illustrieren, sondern zeigen immer die Wahrheit. Das Gefälle zwischen den beschönigenden Aussagen der Zeugen und den Rückblenden dient dabei lediglich als Auslöser für ein paar erheiternde Momente.

Unter Kontrolle

Im zeitgenössischen Thriller werden Rückblenden häufig als Teile eines Puzzles verwendet, die sich erst im Kopf des Zuschauers zusammensetzen. Lynch bedient sich dagegen einer rein chronologischen Anordnung, die wie ein Film im Film funktioniert und einzig und allein auf das Massaker auf dem Highway als dramaturgischen Höhepunkt ausgerichtet ist. Dabei fragt man sich, warum Lynch sich so lange mit den Demütigungen der Polizisten und den Spannungen auf dem Polizeirevier aufhält, wenn beide Handlungselemente eigentlich ins Leere führen. Nach der Hälfte des Films steht ohnehin nur noch ein Whodunnit im Vordergrund, dessen Auflösung so lange hinaus gezögert wird, dass auch der Effekt einer überraschenden Schlusswendung zum Scheitern verurteilt ist.

Unter Kontrolle

Es scheint so, als wollte Jennifer Lynch mit allerlei verfremdenden Mitteln von der Gewöhnlichkeit ihres Films ablenken. Auf geradezu formelhafte Weise imitiert sie dabei typische Merkmale der Filme ihres Vaters, von den verkorksten Figuren und der übertriebenen Spielweise bis zu den mitunter ziemlich absurden Dialogen. Die Eröffnungsszene, die einen Überfall der Täter zeigt, wirkt mit der unruhigen Kamera, die sich einem schreienden Frauengesicht nähert und dem bedrohlichen Brummen auf der Tonspur sogar wie ein direktes Plagiat. Diese Szene sowie die unsinnige Unterhaltung über eine Zigarette oder ein völlig unvermittelt, spastisch vor sich hin zuckender Deputy entwickeln sich bei Jennifer jedoch nicht glaubhaft aus der Welt des Films, sondern wirken wie bloße Zitate mit rein dekorativer Funktion. Dass sich hinter der Fassade aus ästhetischen Spielereien nur ein konventioneller Thriller verbirgt, mag allerdings weniger enttäuschen, als dass Unter Kontrolle auch als solcher nicht wirklich zu überzeugen vermag.

Trailer zu „Unter Kontrolle“


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