Universal Soldier: Day of Reckoning

Zu neuen Ufern: Willkommen in einem Kino aus einer anderen Welt.

Universal Soldier Day of Reckoning 03

Es ist, als würde man mitten in der Nacht von einem tiefen, dunklen Vibrieren geweckt. Ein Vibrieren, das man selbst Monate später noch in jedem der immer wieder neu aufgebrochenen Knochen dumpf nachhallen spürt. Dieser Film ist wie Drohnen-Brummen. Ein Tinnitus-Film.

Der einen Krieg als eine alles vereinnahmende, tief drin im Körper wütende Erfahrung spüren lässt. Einem diese förmlich in den Körper drischt. Mit unlauteren Mitteln. Mit dem Baseball-Schläger. Mit einer das taube Fleisch aufreißenden Machete.

Wer das Glück hatte, Universal Soldier: Day of Reckoning groß, in wundervoll die Architektur der Räume aufbrechendem 3D als Höhepunkt der diesjährigen Sommerfestspiele des Fantasy Filmfests im Kino zu sehen, der wird ihn nie mehr los. Die eine, vielleicht nur ein oder zwei Mal im Leben/im Kino/auf den Knien alles durcheinanderwirbelnde und dann wieder neu zusammensetzende Seherfahrung.

Universal Soldier Day of Reckoning 09

Ein gewaltiger Kraftakt. Ein die Grenzen des Bewegtbildes mit hypnotischen Mitteln neu auslotendes Meisterwerk. Die Wucht von zehn Irréversible (2002) entwickelnd, dabei mindestens einundzwanzigmal so intensiv wie die sakrale Beglückung der letzten Minuten von 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Ein Film, in dem sich der Schmerz von vier Teilen Rambo (1982-2008) und einem Teil Marina Abramovic: The Artist Is Present (2012) bündelt. Der einem dabei dann auch noch direkt ins Gesicht sieht. Ein Film, wie es ihn so noch nicht gegeben hat. Auch wenn er, je nach Lesart, bereits Teil 4 (oder auch 6, rechnet man die beiden Kabelfernsehfilme dazu) einer Serie über amerikanische Zombie-Krieger/Kampfmaschinen/Befehlsempfänger ist, die einst unter der Regie von Roland Emmerich Anfang der 90er im Kino ihren scheinbar überschaubaren Anfang nahm, um dann vor zwei Jahren durch John Hyams dahin aufzusteigen, wo die Luft dünn wird.

Eine Film-Serie, die von Kriegern erzählt, die als lebende Tote zurück in den Krieg geschickt werden. Aufgerüstet, schmerzbetäubt, kalt. Da ist Luc Devereaux (Jean-Claude Van Damme), der im ersten Film über aus dem Unterbewusstsein aufleuchtende Träume, einer Ahnung von schmerzhafter Realität, wieder Schritt für Schritt in diese zurücktaumelte. Und da ist Andrew Scott (Dolph Lundgren), ein zorniger Riese, der diese Wut dann mit zunächst brennender Begeisterung nach außen trägt. Diese beiden Männer sind im Zuge dessen immer wieder aneinandergeraten. Haben sich immer wieder zerfetzt. Letztlich ausweglos. Nun, am Day of Reckoning, brechen sie konsequent zu neuen Ufern auf.

Universal Soldier Day of Reckoning 06

Noch halb betäubt, geweckt vom Weinen der Kinder, lässt dieser Film einen schlaftrunken gleich mit den ersten Bildern in die grell halogen ausgeleuchtete Küche/die Hölle/den Schmerz taumeln. Wobei es Schlimmeres gibt als den Schmerz. Viel schlimmer ist es, diesen irgendwann nicht mehr spüren zu können und dennoch endlos in ihm festzukleben.

Die Traurigkeit, die einen John Hyams mit seinem direkten Vorläufer Universal Soldier: Regeneration bereits spüren ließ, diesem lange Zeit größten und traurigsten Film über Männer, denen die Nerven gekappt wurden und die so nun taub und tief zerfurcht in einer Welt steter Gewalt festhängen, diese Traurigkeit, dieser Albtraum erfährt nun am Day of Reckoning tatsächlich noch einmal eine Steigerung. Mit den Ausmaßen einer griechischen Tragödie fragt er sich, was für ein Gefühl es wohl wäre, einerseits von steter Gewalt und Schmerzen umhüllt zu sein, diese aber körperlich nicht einmal mehr spüren zu dürfen. Und dann wird einem auch noch der Tod selbst/das Ende/die Erlösung genommen.

Körper, Menschenkörper sind das, denen somit nichts mehr bleibt. Die sich immer wieder neu auftauen, neu zusammennähen, eben immer wieder regenerieren lassen. Und jetzt, weil das eben längst nicht genug ist, wird auch noch nach der Seele gegriffen. Diese auch noch manipuliert.

Universal Soldier Day of Reckoning 07

Einen das nicht nur verstehen, sondern viel mehr noch fühlen zu lassen, dafür bedient sich Universal Soldier: Day of Reckoning tatsächlich selbst auch unlauterer, cineastisch hypnotischer Mittel. Taucht er minutenlang den Kinosaal in hartes, mittels 3D noch brutal verstärktes Strobo-Licht, aus dessen Zentrum sich einem dann glatzköpfig und fahl Jean-Claude Van Damme entgegenstreckt. Bis sein Gesicht, seine großen, traurigen Augen den ganzen Saal ausfüllen. Einen dabei dumpf murmelnd zur Revolution auffordernd.

Als Colonel Kurtz dieser Apocalypse Now kommt ihm in diesem Film die Rolle eines Sehnsuchtsortes zu. Ein Ort, der nicht mehr wie im Film zuvor noch im strahlenverseuchten Tschernobyl, sondern jetzt, sehr viel schlimmer noch, in der tiefen amerikanische Provinz lokalisiert scheint. Die sich hier nur noch aus Un-Orten zusammensetzt. Ein Diner, hinter dessen Mülltonne bestimmt immer noch der Teufel aus Mulholland Drive (2001) sitzt. Ein Sportgeschäft. Leere, halb verlassene Kleinstädte, irgendwann einmal vom Highway links liegen gelassen. Der Dschungel. Das Herz der Finsternis: ein kleiner Abwasserzufluss, der sich schlickig, grün, durch sichtlich gelichtete Hinterwäldler zieht, um irgendwo im Nichts an einer simplen Klapptür zu enden, die einen hinunter in den schmucklos ausgehöhlten Untergrund führt.

Universal Soldier Day of Reckoning 13

Den Weg dorthin erzählt der Film als seltsam entrücktes Neon Noir. Am ehesten vielleicht tatsächlich noch mit David Lynchs Lost Highway (1997) oder auch Inland Empire (2006) vergleichbar. Scott Adkins, der bisher stets nur Körper sein durfte (am eindrucksvollsten wohl als Yuri Boyka, einen gegen sein gebrochenes Schienbein ankämpfenden Gladiatoren in Isaac Florentines spannenden Undisputed 2: Last Man Standing und Undisputed 3: Redemption), wird hier gleich zu Beginn beinahe völlig zerstört, bekommt alles entrissen, nur um sich dann mühsam Schritt für Schritt durch ein Geheimnis zu schleppen, durch die Hölle, um schließlich doch wie einst Martin Sheen den Fluss hinauffahrend zu enden.

Wer nichts mehr hat, kann sich nur noch auf die Suche machen. Muss zu dieser einen großen, letzten Reise aufbrechen. Aber das Gesicht des Fährmanns zum Day of Reckoning wurde von Schäferhunden zerfleischt. Geht hier die Sonne auf, dann knallt sie einem Kopfweh-Weiß vom Himmel entgegen.

In einem grell neon-pink ausgeleuchteten Bordell sitzt Dolph Lundgren mit funkelnden Augen auf dem Bett, während sich im Raum nebenan ein gelangweilter Soldat mit einem Hammer Nägel durch den Handrücken klopft.

Universal Soldier Day of Reckoning 16

Andrei „The Pitbull“ Arlovski, in John Hyams’ Universal Soldier: Regeneration noch der unaufhaltsame, durch nichts zu beeindruckende Tod, trägt nun einen Handwerker-Blaumann. Mit der gleichen Ruhe, mit der er eben noch am Abfluss schraubte, immer noch jederzeit dazu imstande, die Axt zu schwingen.

Willkommen in der Hölle. Willkommen zum Day of Reckoning. Willkommen in einem Kino wie aus einer anderen Welt. Es ist natürlich ein trauriger Ort. Aber kein zynischer, kalter, sondern einer, der uns das alles mitfühlen lässt. Der uns, weiter noch, zu neuen Ufern aufbrechen lässt. Der selbst mit gutem Beispiel vorangeht. Sich nicht zurücknimmt. Schön.

Trailer zu „Universal Soldier: Day of Reckoning“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Fabian

Ich bim verwirrt eine Kritik über den meiner Meinung nach schlechtesten Film aller Zeiten zu lesen in der quasi keine negativen Aspekte vorkommen. Jahr sogar Filme wie Lost Highway und Apocalypse Now tauchen auf. Also entweder mit entgehen die Informationen zwischen dem Zeilen oder ich muss wohl einen anderen Film gesehen haben.


Jochen Werner

Verwirrung ist die Grundlage jeglichen Erkenntnisgewinns. :)

Ich denke, ich kann mich dafür verbürgen, dass der Autor hier keinerlei ironische Distanzierungsgesten zwischen den Zeilen versteckt hat, und stimme ihm im übrigen in seiner Euphorie vollkommen zu. APOCALYPSE NOW ist ja zudem als herbeizitierte Folie der Filmerzählung so deutlich präsent, dass der DAY OF RECKONING kaum rezensierbar erscheint, ohne diesen Vergleich zu ziehen.


Carsten

Hmm... ich muss zugeben, ich fühl mich nach dem ersten Lesen ein bisschen erschlagen von diesem Text, der nicht mit Superlativen, Ellipsen und Körper-Metaphern geizt und der, wie es scheint, um jeden Preis versucht Eindringlichkeit und Bedeutung herzustellen (z.B. auch indem er den Film in die Nähe griechischer Tragödien und Feuilleton-tauglicher Filme rückt). Die geäußerten Einzigartigkeitsansprüche werden für mich nicht nachvollziehbar und bleiben bloße Behauptung. Wo genau z.B. besteht die Verbindung zu "Martina Abramovic: The Artist is Present"? So sehr ich die Leidenschaftlichkeit des Rezensenten auch schätze, ab und zu kam er mir vor wie ein hyperventilierender Fanboy (der es nicht geschafft hat mich in seine Welt mitzureißen!) und der Text wurde unfreiwillig komisch (10x "Irreversible" und 21x "2001"???)...


Sebastian

Das beide wie Bruder und Schwester sind, lässt sich bereits erkennen, wenn man das Kinoplakat von MARINA (nicht "Martina") ABRAMOVIC: THE ARTIST IS PRESENT (http://www.critic.de/images/marina-abramovic-the-artist-is-present-plakat-Marin.jpg) dem von UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING (http://www.redcarpetcrash.com/wp-content/uploads/2012/10/van-damme.jpg) gegenüberstellt. Beiden geht es ganz unmittelbar um Konfrontation, um den unmittelbaren Blick auf den Betrachter. Wobei Hyams Meisterwerk darin sogar noch einen Schritt weiter geht, noch weniger Distanz zulässt. Noch enger nach seinem Publikum greift, noch unmittelbarer und brutaler seine gezeichnete Stirn gegen die seines Gegenübers drückt. Insbesondere dort, wo der Film seine ganze Wucht entfaltet: im Kino, auf der ganz großen Leinwand, in 3D. Man hat UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING nicht mal halb gesehen, sah man ihn nicht dort.


carsten

Vielen Dank für die Ergänzung! Das mit den Filmplakaten ist eine Parallele, die meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient. Auch um zu prüfen, worin das Geschwisterdasein von "Universal Soldier: Day of Reckoning" und dem Abramović-Film genau besteht. Da klingt eine Menge Spannendes an in deinem Text, wo ich persönlich mir wünschen würde, dass da noch mehr in die Tiefe gegangen würde. So kam es mir ein bisschen vor, als würdest du einen wuchtigen Film ästhetisch durch rhetorische Mittel wie Ellipsen und Superlative mit deinem dichten, epischen Text nachahmen . Die Möglichkeit mich zu distanzieren oder deinem Einzigartigkeitsurteil zu widersprechen, sehe ich für mich da kaum, was einer Diskussion eher hinderlich ist.


Sebastian

Distanz zu einem Film zu wahren, erscheint mir ebenso wenig erstrebenswert, wie es mir sowieso auch überhaupt nicht gelingen könnte. Ich kann nur versuchen, möglichst ehrlich das wiederzugeben, was ein Film beim Betrachten, wie auch im pochenden Nachhallen, bei mir auszulösen vermochte. Für alles andere müsste ich mich ja von ihm entfernen, müsste mich also in eine Position der Masturbation begeben, wo mir doch der Sinn vielmehr nach körperlicher Vereinigung steht.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.