Twixt

Die schönsten, verschrobensten Traumsequenzen, die 2012 nicht im Kino zu sehen waren: ein wunderbar seltsames Spätwerk von Francis Ford Coppola.

Twixt 07

Das Kinojahr 2012 wird auch ein Jahr des Val Kilmer gewesen sein, und das war so wirklich nicht vorauszusehen. Der Schauspieler, der nach seinem ersten Durchbruch in Top Gun (1986), der schamfrei oberflächenpolierten 80er-Jahre-Stilbibel des jüngst verstorbenen Blockbuster-Avantgardisten Tony Scott, ein gutes Jahrzehnt lang den Sprung zum Hollywood-Superstardom stets knapp verpasste (dabei aber 1995 immerhin einmal Batman sein durfte – wenn auch, dem Titel zum Trotz, eben nicht Forever), zählt nun schon seit einigen Jahren zu den produktiveren Protagonisten des DTV-Kinos – und sieht auch konsequenterweise, mit Zöpfchen, weiten Mänteln und stetig zunehmender Körpermasse, der maßgeblichen DTV-Ikone Steven Seagal immer ähnlicher.

Twixt 02

Neben erneut einer ganzen Reihe generischer Arbeiten im DTV-Segment – Thriller, Western, Horrorfilme – brachte das Jahr 2012 für Kilmer jedoch auch zwei überaus ungewöhnliche Arbeiten, die zum Originellsten zählen, was das Gegenwartskino zu bieten hat, obgleich strenggenommen keine von ihnen je offiziell das Licht der Kinoleinwand erblickt hat. The Lotus Community Workshop – Harmony Korines brillanter Beitrag zum ansonsten eher gescheiterten Anthologiefilm The Fourth Dimension – wurde nach der Festivalpremiere offiziell und legal auf YouTube veröffentlicht, während der ebenfalls begnadet verschrobene Twixt nun als DVD-Premiere direkt in die Videotheken kommt. Beziehungsweise: als BluRay-Premiere, denn bei Twixt handelt es sich, jedenfalls teilweise, um einen 3D-Film, was den Rückgriff auf die 3D-BluRay selbstredend verpflichtend macht.

Twixt 03

Macht man sich daran, den Einsatz der 3D-Technik in Twixt zu beschreiben, deutet sich bereits eine Ahnung von dessen tatsächlicher Seltsamkeit an. Für zwei (vergleichsweise beliebig selektierte) Sequenzen im Schlussdrittel des Filmes wechselt der ansonsten „flache“ visuelle Stil in den 3D-Modus, was durch eine ins Bild fliegende, stilisierte 3D-Brille signalisiert wird – eine Technik, die in den allerfrühesten Tagen der digitalen 3D-Ästhetik gelegentlich eingesetzt wurde, die aber inzwischen noch stärker aus der Zeit gefallen wirkt als damals ohnehin schon. Damit freilich passt sie wiederum ganz wunderbar in den scheinbar grenzenlos merkwürdigen Kosmos von Twixt, der das Außerhalb-der-Zeit-Sein schon im Prolog zu seinem Leitmotiv erwählt.

Von der Erzählerstimme Tom Waits’ und einer Reihe ungeheuerlicher, gleitender, schwebender Kamerafahrten in den Schauplatz der Filmerzählung eingeführt – ein amerikanisches Bergkaff namens, ausgerechnet, Swann Valley –, bestimmt sich Twixt durch das Bild des die Stadt überragenden Kirchturms sogleich als der Zeit enthobener Ort. Dieser Kirchturm hat nicht nur die Form eines Siebenecks, sondern auf seinen sieben Seiten auch sieben Uhren, die sieben verschiedene Zeiten anzeigen – wir befinden uns hier jenseits jeglichen Realismus, an einem Ort, wo es, wie es einmal heißt, vergeblich ist, die spezifische Tageszeit feststellen zu wollen. Alle Figuren von Twixt sind konstant, der Ortsname legt es nahe, auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, und, dies sei vorweggenommen, es ist durchaus nicht sicher, ob irgendeiner von ihnen sie am Ende des Filmes wiedergefunden haben wird.

Twixt 08

Dabei hätte es sich Regisseur Francis Ford Coppola so leicht machen können: An der Oberfläche ist Twixt ein Geisterfilm, und sein zentrales Mysterium ist recht schlicht und überdies auch bald recht durchsichtig. Aber ist das vermeintliche Geheimnis um das Geistermädchen, das dem Pulp-Schriftsteller Hall Baltimore – einer Art „bargain basement Stephen King“ – in den eigenartigsten und schönsten Traumsequenzen erscheint, die seit Jahren keine Kinoleinwand erblickt haben, wirklich das Zentrum der Filmerzählung? Was hat dann der Geist von Edgar Allan Poe mit dem Ganzen zu schaffen, mit dem Baltimore auf langen, ebenfalls erträumten Spaziergängen Diskurse über ihre jeweiligen Traumatisierungen und deren Transformation in Poesie führt? Und was die vermeintlich vampirische und von allerlei Schmerz gepeinigte adoleszente Jugendbande, die beinahe – aber eben dann doch nur: beinahe – aus Coppolas eigenem Rumble Fish (1983) herübergebeamt sein könnte? Lauter kleine Seltsamkeiten, die Twixt weit über seinen Plot hinausführen – auf Territorium, das noch am ehesten John Carpenter in seinem bis heute letzten großen Meisterwerk Die Mächte des Wahnsinns (In the Mouth of Madness, 1994) kartografierte, und darüber hinaus.

Twixt 09

Die schönste Sequenz von Twixt zeigt Hall Baltimore beim Versuch, das erträumte, halluzinierte Geschehen in einen Roman mit dem Titel The Vampire Executions zu transformieren, immer wieder aufs Neue scheiternd am allerersten Satz, und beim Versuch, diesen zu schreiben, immer betrunkener werdend. Allerlei generischen Quatsch durchprobierend, Worte hin und her schiebend, schließlich unter immer stärkerem Alkoholeinfluss herumblödelnd, spielt Val Kilmer diese Sequenz ganz großartig – und irgendwann steht da dann dieser eine Satz, der den Fokus der Sequenz signifikant verschiebt und vom Verfertigen von (Trivial-)Kunst in das persönliche Trauma des Verlusts der eigenen, bei einem Unfall verstorbenen Tochter Baltimores kippen lässt: „There was no fog on the lake. Only mist – misty mist, miss Misty mist, miss Vicky where are you sweetie?“ Ein Satz, der in gewisser Hinsicht auch diesen grandios vernebelten Film wunderbar auf den Punkt bringt: Besonders viel Sinn macht er nicht. Aber er ist sehr aufrichtig. Und ziemlich schön.

Trailer zu „Twixt“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


C.S,

Immerhin hat es die UCI-Kette geschafft, den Film (versehentlich?) im Rahmen ihrer Horror-BluRays-im-Kino-Reihe "Midnight Movies" doch (zumindest für einen Abend) bundesweit ins Kino zu bringen. Hat Spaß gemacht.


Jochen Werner

Stimmt, über die Ankündigung war ich kürzlich sogar gestolpert. Aber da fielen dann sicherlich die beiden 3D-Sequenzen (im Wortsinne) "flach", oder?






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.